Von Kurt Stenger
25.05.2013

Fußball in einer neuen Dimension

FC Bayern München AG gegen Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA

Im Profifußball bedingen sich wirtschaftlicher und sportlicher Erfolg gegenseitig. Die Besetzung des Champions-League-Finales am Samstag ist keine ganz große Überraschung.

Es ist angerichtet: Die Zuschauer im Stadion warten gespannt, dass es losgeht. Und da sind auch schon die Akteure: die neueste Waschmaschinengeneration von Bosch und Siemens. Unter dem Motto »Waschen in einer neuen Dimension« präsentierte sich der Haushaltsgerätehersteller BSH vor einiger Zeit auf einer sechstägigen Messe rund 10 000 Handelspartnern aus Europa. Dafür angemietet wurde die Allianz Arena.

Das Münchner Stadion ist nicht nur für Fußballfans Objekt der Begierde. Ob Vorstandssitzung der Telekom, Präsentation eines neuen Audi-Geländewagens oder Pflege von Geschäftskontakten in einer der 106 VIP-Logen - die Arena soll auf vielfältige Weise Einnahmen generieren. Der Fußball liefert die Strahlkraft, ist aber oft nur Staffage.

Die Finanzierung des Stadionbaus war einer der Gründe für die Umstrukturierung des Vereins Bayern München. Die Gründung einer Aktiengesellschaft im Februar 2002 hatte außerdem zum Ziel, den Fußballbetrieb zu professionalisieren und einen konkurrenzfähigen Spielerkader zu finanzieren. Wer fußballerisch erfolgreich sein will, braucht auf Wirtschaftlichkeit ausgerichtete Strukturen und sehr viel Kapital. Dadurch hat sich die Kluft zwischen den unzähligen grauen Mäusen und den wenigen Spitzenklubs massiv vergrößert. Gleichzeitig winken beim erkauften Erfolg sehr hohe Einnahmen: durch Fernsehrechte, Lizenzeinnahmen und das Merchandising.

Bayern München ist finanziell längst auf Augenhöhe mit den europäischen Topklubs Real Madrid, FC Barcelona und Manchester United. Diese müssen beim heutigen Champions-League-Finale zuschauen, was ihre ohnehin prekäre Schuldenlage verschärfen dürfte. Bayern München dagegen schwimmt im Geld - gut 127 Millionen Euro soll man flüssig auf dem Konto haben. In diesem Geschäftsjahr will die AG samt Allianz Arena erstmals einen Umsatz von über 400 Millionen Euro erzielen. Borussia Dortmund ist dagegen europäisch eher zweite Liga, holt aber auf. Bei den Umsatzerlösen liegt man schon vor den meisten italienischen Topklubs. Für dieses Jahr wird ein Umsatzsprung auf über 250 Millionen Euro erwartet.

Nicht nur von den trockenen Bilanzzahlen her liegen Welten zwischen den Finalpartnern. Ba-yern München hat mit dem Selbstbewusstsein des Abomeisters langsam, aber stetig auf den Erfolg hingearbeitet. Man gründete die AG, ohne je einen Börsengang zu planen. Statt sich in die Hände anonymer Aktionäre zu begeben, hielt man sich an das bestens zu vermarktende Motto »Mia san mia«. Das Eigenkapital steuerten ausgewählte strategische Investoren bei: der Sportausrüster Adidas und die Ingolstädter VW-Tochter Audi, die allein 90 Millionen Euro mitbrachte. Beide halten je 9,1 Prozent - der große Rest der Anteile liegt beim Verein Bayern München. Dies hat mehrere Vorteile: Es gibt finanzstarke Partner, die aber nicht das Sagen haben. Die enge Verbindung zum auf ehrenamtlicher Arbeit aufbauenden Verein mit langer Historie und 90 000 Mitgliedern bleibt bestehen, doch die Vereinsdemokratie mit ihren oft turbulenten Sitzungen stört nicht mehr bei Weichenstellungen wie der Bestellung des Vorstands. Darüber entscheidet der Aufsichtsrat der AG, in dem sich die Nähe der Bayern zu den Sponsoren, zur Presse und zur CSU widerspiegelt. Den Schein der Vereinsmacht muss vor allem der große Integrator und Stratege wahren: Uli Hoeneß - der Präsident des Vereins ist gleichzeitig Aufsichtsratschef der AG. Trotz Steueraffäre ist er für die meisten Beteiligten unverzichtbar.

Gerade Hoeneß hat früh darauf gesetzt, Bayern München zur globalen Marke auszubauen. Das Internet-TV des Klubs wird in 90 Länder exportiert, in diesem Jahr wird weit mehr als eine halbe Million Trikots in alle Welt verkauft. Die Münchner profitieren von einem Trend, der mit der riesigen sportlich-finanziellen Kluft Einzug gehalten hat: Viele Fans halten neben ihrem unter ferner liefen kickenden Heimatverein zusätzlich einem Eliteklub im Ausland die Treue. Gerade auf dem asiatischen Markt expandiert der FC Bayern.

Finalpartner BVB ist davon weit entfernt. Er hat sich gerade erst von der Beinahe-Insolvenz 2005 erholt. Die Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA war gut vier Jahre zuvor als erster und bis heute einziger deutscher Fußballklub an die Börse gegangen. Man wählte eine ungewöhnliche Rechtsform, um die »enge personelle Verzahnung zwischen Verein und Gesellschaft« zu gewährleisten, wie es hieß. Einerseits ist man Kapitalgesellschaft, andererseits stellt der beschränkt haftende Gesellschafter, der Verein BVB, die Geschäftsführung.

Diese freilich wollte damals zu schnell ganz hoch hinaus und verzockte die Summe aus dem Börsengang in einem überteuerten Spielerkader, im Stadionausbau sowie einem Beteiligungsdickicht u.a. mit einer eigenen Sportartikelmarke sowie einem Rehazentrenbetreiber. Als der sportliche Erfolg und damit die notwendigen Einnahmen ausblieben, stiegen die Schulden rasant an - bis auf 180 Millionen Euro. Zu allem Übel stürzten kurz nach der Aktienemission die Börsen wegen der geplatzten New-Economy-Blase weltweit ab. Eine Kapitalaufstockung auf diesem Wege war für den BVB unmöglich.

Die neue Führung setzte ab 2005 auf Sanierung. Das Motto lautete: kleinere Brötchen backen und Rückbesinnung auf die regionale Verankerung. Mit Evonik (ehemals Ruhrkohle-AG) und der Versicherung Signal Iduna gewann man zwei Unternehmen aus dem Pott als Hauptsponsoren. Zwei Kapitalerhöhungen, Umschuldungen, ein Großkredit und auch ein Minidarlehen vom Konkurrenten aus München leiteten die Wende ein. Der überraschende sportliche Erfolg der vergangenen zwei Spielzeiten hat dazu beigetragen, die Finanzmisere schneller als erwartet zu beenden. Die Schulden sind weitgehend abgebaut, 2011/12 erwirtschaftete das Unternehmen einen satten Gewinn von 34,3 Millionen Euro, von dem selbst Bayern München nur träumen kann. Borussia geht es so gut, dass die Kommanditgesellschaft ihren Aktionären - zumeist einfachen Fans - erstmals eine Dividende zahlte.

Dennoch: Sprechchöre für die BVB-Aktie waren im Signal Iduna Park bisher nicht zu vernehmen. Sie hat sich von ihrem Tiefstand Anfang 2009 (unter 1 Euro) deutlich auf aktuell 3,17 Euro erholt. Doch der Ausgabepreis von 11 Euro ist weit weg. Nachdem sich Hedgefonds und die US-Investmentbank Morgan Stanley zurückgezogen haben, gibt es noch zwei Großaktionäre: den Verein mit gut sieben Prozent und den Unternehmer Bernd Geske (11,7 Prozent), der sein Geld u.a. mit der Vermittlung von Werbezeiten bei Fußballübertragungen verdient.

Die Entwicklung im Fußball gleicht der in den Heimatregionen. Oberbayern wurde über Jahrzehnte gezielt von einer landwirtschaftlich geprägten Region zum wirtschaftlich mächtigen Indus-trie- und Hightechland umgebaut. Im Ruhrpott dagegen vollzog sich der Strukturwandel weg von Kohle und Stahl ruckartig. Bis heute ist unklar, ob sich dort tatsächlich ein wettbewerbsfähiges Dienstleistungs- und Technologiezentrum etablieren lässt.