Von Christina Matte
08.06.2013

Kaum Konsens

Ost-West-Dialog

Er liegt vor: Teil zwei der sich über fünfzehn Jahre erstreckenden Korrespondenz des ehemaligen Staatsanwalts Ost und des Politiklehrers West. Hans Christange aus Cottbus in Brandenburg und Klaus Stenzel aus Speyer in Rheinland-Pfalz haben nun auch ihre streitbaren Briefe aus den Jahren 2007 bis 2010 publiziert. Neues von den Mühen des Zusammenwachsens?

Nein. Denn diese Briefe sagen uns: Das Zusammenwachsen wird mühsam bleiben. Schon deshalb, weil die beiden deutschen Staaten seit 1990 eben nicht zusammen-, also aneinander gewachsen sind, sondern der eine dem anderen schlicht hinzugefügt wurde. Dafür können weder Christange noch Stenzel etwas, aber es teilt ihnen die Plätze in diesem ihrem deutsch-deutschen Dialog zu.

Wie bereits im ersten Band debattieren sie über Gott und die Welt: darüber, wer am Kalten Krieg Schuld trug und welcher der beiden deutschen Staaten der bessere (gewesen) ist, über die Stasi und Hubertus Knabe, die Nationale Volksarmee und die Einsätze der Bundeswehr im ehemaligen Jugoslawien und in Afghanistan, über die LINKE und die EU, über Neonazis. Konsens gibt es kaum.

Wobei Christange einräumt, die Fehler der DDR inzwischen etwas besser erkennen zu können, und Stenzel das gesellschaftliche System der Bundesrepublik offenbar für das glückliche Ende der Geschichte hält. Erschien in den Briefen von 1996 bis 2007 Christange als der Hartschädelige, der die DDR polternd verteidigte, mutet nun eher Stenzel wie einer an, der im Eifer, seinem Briefpartner die Überlegenheit des gegenwärtigen Systems nahezubringen, seine Überzeugungen für unangreifbar hält. Als sei die Bundesrepublik von 1990 noch die Bundesrepublik von 2010, als habe sich die soziale Marktwirtschaft ihres Attributs inzwischen nicht weitgehend entledigt. Zwar schreibt er mehrmals von »sozialer Schieflage«, die es zu überwinden gilt, aber diese Schieflage scheint ihm nicht bedrohlich zu sein. Und so kommt es, dass diesmal oft Christange zumindest die richtigen Fragen stellt.

Nichts Neues? Der Ton ist moderater geworden. Der alte Knurrhahn Christange droht nun nicht mehr gleich damit, den Schriftgang zu beenden, wenn ihm eine Meinung Stenzels nicht passt. Auch hat man sich darauf geeinigt, sich nicht als »Feinde« zu betrachten - schlimmstenfalls als »Gegner«, besser noch - als »Partner«. Und man versichert einander Respekt. Aber irgendwie ist das auch ein wenig langweilig. Das im ersten Band noch ungebändigte Christange-Temperament hatte etwas: Unterhaltungswert.

Hans Christange, Klaus Stenzel: Ost-West Denkstrukturen. Von den Mühen des Zusammenwachsens. Nora-Verlag, 288 S., geb., 22,50 €.

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