Von Ulrike Henning
08.06.2013

Früh zurückgelassen

Kinderärzte kämpfen mit den Folgen sozialpolitischer Versäumnisse

Anlässlich des an diesem Wochenende in Berlin stattfindenden Kinder- und Jugendärztetages kritisieren Mediziner die mangelhafte Präventionspolitik der Bundesregierung.

Das »gelbe Heft« reicht schon lange nicht mehr - dies meinen Kinder- und Jugendärzte zu dem Dokument, in dem seit 1971 die gesetzlich vorgeschriebenen Vorsorgeuntersuchungen an den Kleinen aufgezeichnet werden. Weil den Medizinern auch die punktuellen Erweiterungen der letzten Jahre nicht genügen, haben sie jetzt ein neues Vorsorgeprogramm entwickelt. Zugänglich ist es ab 1. Juli aber nur Versicherten der Krankenkasse Barmer GEK.

Damit schert erstmals eine gesetzliche Kasse aus der Regelversorgung aus, lobt Wolfram Hartmann, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). Das Programm umfasst, festgehalten im erweiterten Vorsorgeheft »Paed.Plus«, zusätzlich umfangreiche Fragebögen für mehrere Altersstufen. Damit sollen Probleme bei Ernährung, Bewegung, Medienkonsum oder in der Eltern-Kind-Beziehung früh erfasst werden - lange bevor Krankheiten entstehen. Die Barmer GEK honoriert die Untersuchungen mit je 50 Euro; bei den vorgeschriebenen U- und J-Untersuchungen sind es etwa 30 Euro. Die Kinderärzte begründen dieses Angebot mit den »neuen Morbiditäten« - immer häufiger diagnostizierten Erkrankungen wie Aufmerksamkeits- und Sprachentwicklungsstörungen - und wiederholen ihre Kritik aus den Vorjahren: »Gestiegene Heilmittelverordnungen sind immer auch ein Hilferuf der Medizin.«

Aus Sicht der Ärzte fehlen vielerorts ausreichend gute Kitas, auch die Kinder- und Jugendhilfe der Kommunen verfügt über immer weniger Möglichkeiten. Keine Hoffnung hat Hartmann auf Änderungen durch das künftige Präventionsgesetz. Außerdem sei der 13. Kinder- und Jugendbericht der Bundesregierung von 2009 in der Versenkung verschwunden, vermutlich werde es mit dem in diesem Jahr erschienenen Nachfolger genauso geschehen.

Die Fachärzte weisen darauf hin, dass Entwicklungsverzögerungen und frühe chronische Erkrankungen häufiger Kinder aus ökonomisch schwachen Familien treffen, unter diesen besonders oft Einwanderer aus der Türkei, arabischen Staaten und Osteuropa. So sind türkische Kinder doppelt so häufig übergewichtig wie deutsche. Auch Daten zur Lebensqualität setzen Alarmsignale: So geben türkische Mädchen, gefolgt von arabischen und türkischen Jungen das niedrigste schulische Wohlbefinden an. Die Befunde stammen aus einer Untersuchung des Robert-Koch-Instituts mit 17 000 Kindern und Jugendlichen von 2003 bis 2006. Seitdem hat sich nicht viel gebessert, und die Versorgungssituation wurde schlechter. Hartmann verweist auf die wachsende Zahl von Kinderkliniken, die vor der Insolvenz stehen. 70 Prozent der teils hoch spezialisierten Einrichtungen könnten ihre Kosten nicht mehr decken. Mit dem System der Fallpauschalen wurden auch hier die Liegezeiten extrem verkürzt, Kinder blieben oft nur einen Tag in der Klinik. »Geld wird vor allem mit unreifen Neugeborenen und der Versorgung von Frühgeborenen verdient«, stellt der BVKJ-Präsident fest.

Unterversorgt sind immer häufiger Wohngegenden mit vielen ökonomisch Schwachen. Kinderärzte, die hier in Pension gehen, können ihre Praxis in der Regel nicht an einen Nachfolger vom Fach verkaufen - die Sitze gehen eher in künftige Medizinische Versorgungszentren ein, in der Regel nicht als pädiatrische Angebote.

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