Von Knut Henkel
08.06.2013

Zurück zur Schule

Ein Ausbildungszentrum lehrt Arbeiter in Kolumbien, sich in Gewerkschaften zu organisieren

Kolumbien ist international als gefährlichstes Land für Gewerkschafter bekannt. Doch neue Strategien und internationaler Druck haben für einige Achtungserfolge der lädierten Gewerkschaftsbewegung gesorgt. Eine Schlüsselfunktion hat dabei die nationale Gewerkschaftsschule in Medellín. Die lehrt Genossen, sich zu organisieren.

»ENS« prangt in dicken Buchstaben an den Glasscheiben im ersten Stock eines Bürogebäudes in der 51. Straße von Medellín im Nordwesten Kolumbiens. Dahinter steht in kleinerer Schrift »Escuela Nacional Sindical«, Gewerkschaftsschule. Die befindet sich im Zentrum von Medellín, nur ein paar hundert Meter vom berühmten Parque de Berrío entfernt, in einem von Handwerk und kleinen Geschäften geprägten Stadtviertel.

An der mit Kameras überwachten Panzertür wartet Jorge Alberto Zapata heute morgen auf Einlass. Der 37-Jährige will an einem Seminar in der Gewerkschaftsschule teilnehmen. Er arbeitet an der Rotationspresse in einer Kartonagenfabrik. Nicht zum ersten Mal geht er die Treppen zum Seminarraum im dritten Stock hinauf, nachdem der Summer die Tür freigegeben hat.

Der erste Kurs hatte die Geschichte der Arbeiterbewegung in Kolumbien zum Thema, so der drahtige Mann in dem hellen karierten Sommerhemd. Aber auch Grundwissen wie die Tatsache, dass für die Gründung einer Betriebsgewerkschaft mindestens 25 Arbeitnehmer zugegen sein müssen, wurde vermittelt. »In der Praxis eine echte Hürde für die Gründung von Gewerkschaften in kleineren Betrieben«, erklärt der aus Medellín stammende Arbeiter und sucht im Seminarraum nach einem freien Platz.

Dort warten bereits rund zwei Dutzend Mitschüler auf die Dozenten, die heute über ihre eigenen Organisationserfahrungen sprechen werden. Igor Díaz, Vorsitzender der Gewerkschaft der Arbeiter der Kohlemine Cerrejón, ist einer von ihnen, Luz Marina Díaz von der erst vor einem Jahr gegründeten Gewerkschaft bei der Supermarktkette Carrefour eine andere.

»In unseren Kursen lernen die Teilnehmer anhand praktischer Erfahrungen, wie sie sich besser organisieren können, wie sie junge Mitarbeiter besser ansprechen und für die Organisation gewinnen können«, erklärt Edwin Villamil. Er ist Dozent an der Gewerkschaftsschule und für Organisation verantwortlich, das heißt, er koordiniert Seminare, aber hilft Belegschaften auch dabei sich zu organisieren. Das ist in der Praxis immer wieder ausgesprochen schwierig, weil nicht nur nationale, sondern auch internationale Unternehmen Organisationsprozesse unterminieren.

»Ein typischer Reflex vieler Unternehmen ist die Entlassung der Mitarbeiter, die sich als Gewerkschafter geoutet haben«, erklärt Villamil und reibt sich über das von einem schwarzen Drei-Tage-Bart bedeckte Kinn. Arbeiter, die sich organisieren wollen, werden in vielen Betrieben geschnitten und Disziplinarmaßnahmen unterworfen. Internationale Unternehmen bilden da keine Ausnahme. »Wir haben versucht, mit Arbeitern bei DHL, die auch in Kolumbien präsent sind, ins Gespräch zu kommen. Uns wurde entgegnet: Ich kann nicht reden, das ist verboten, ich muss um Erlaubnis fragen«, erklärt Villamil. Immer wieder trifft er sich nach Feierabend und am Wochenende mit Kollegen, die ihre Rechte wahrnehmen wollen.

Das ist nicht immer einfach, wie das Beispiel von Carrefour zeigt. »Wir brauchten mehrere Anläufe, bis wir uns im November 2011 endlich gründen konnten. Die Grundlage dafür war ein internationales Abkommen zwischen dem Konzern und der UNI Global Union (der Internationalen Dienstleistungsgewerkschaft)«, Luz Marina Díaz. Die 34-jährige Gewerkschafterin stammt aus der Nähe von Cali im Süden Kolumbiens und war es leid, die Willkür von oben zu ertragen.

»Man hat uns erzählt, dass grün rot sei, und am nächsten Tag hieß es genau das Gegenteil. Ich kann solche Spielchen nicht ausstehen«, ärgert sich die Vorsitzende der Carrefour-Gewerkschaft. Der sind 3700 der in Kolumbien insgesamt 10 500 Mitarbeiter beigetreten. Ein Erfolgsfall, der auch der guten Beratung durch Villamil und andere Experten der Gewerkschaftsschule zuzuschreiben ist. Die machten die Angestellten der weltweit zweitgrößten Supermarktkette auf das internationale Abkommen aufmerksam, vermittelten zwischen Unternehmensleitung und Gewerkschaft und berieten die Arbeiter um Luz Marina Díaz.

Auch sie hat von den Kursen an der Schule profitiert. »Sie haben uns geholfen eine gewerkschaftliche Struktur aufzubauen, uns zu koordinieren«, erklärt die Tochter eines Zuckerrohrschnitters. Die ist gut vernetzt, holt sich Tipps an der Schule, beim Dachverband CUT oder von externen Experten. Große Probleme gibt es derzeit nicht, denn bei Carrefour begegnet man den organisierten Arbeitern heute mit Respekt. Regelmäßige Treffen mit der Unternehmensleitung tragen dazu bei.

Ein Modell, das auch für andere Gewerkschafter interessant werden könnte - so auch für Jorge Alberto Zapata. Der hat sich Notizen gemacht, um die eine oder andere Erfahrung der Kollegin für die Arbeit bei »Cartón de Colombia« zu nutzen. Interessant sind allerdings auch die herben Erfahrungen von Igor Díaz bei den Tarifverhandlungen mit Cerrejón. Das ist der Name der größten Kohlemine Kolumbiens. Im Februar 2011 sind die Kumpel beinahe in den Ausstand getreten, um endlich einen neuen Tarifvertrag durchzusetzen.

Konflikte, die bei Cartón de Colombia so kaum denkbar sind. »Bei uns sind nur rund 200 der 1300 Festangestellten gewerkschaftlich organisiert«, so Zapata. Gemeinsam mit Villamil und einigen Kollegen bastelt er nun an Konzepten, um diesen Anteil zu erhöhen. »Wir wollen für junge Mitarbeiter attraktiver werden und versuchen auch Leiharbeiter zu erreichen.« Den Gewerkschaftern kommt entgegen, dass die Regierung von Juan Manuel Santos das Ziel ausgegeben hatte, mehr Arbeitsverhältnisse zu formalisieren. »Das ist ein positives Signal«, kommentiert Villamil.

Ohnehin ist das Klima in Kolumbien nicht mehr ganz so gewerkschaftsfeindlich wie noch vor wenigen Jahren. Neue Gewerkschaftsgründungen wie die der Zuckerrohrarbeiter oder beim spanischen Modekonzern Zara belegen das. Das hat für einen kleinen Zuwachs der Mitglieder gesorgt: Mittlerweile sind fast fünf Prozent in Gewerkschaften organisiert. Ausgesprochen wenig im Vergleich mit Nachbar Brasilien, aber der zarte Aufwind ist dennoch ein positives Signal.

Villamil gehört zu einem Team, das wissenschaftliche Analyse mit praktischer Erfahrung kombiniert, denn an der Schule arbeiten neben Wissenschaftlern auch Analytiker und Medienprofis. Die haben derzeit eine ganze Reihe weiterer großer nationaler wie internationaler Unternehmen im Visier. Zum Beispiel den Mobilfunkanbierter Claro. Beim Branchenprimus wird die Ausdehnung der winzigen Betriebsgewerkschaft systematisch behindert. Zwei der organisierten Arbeiter, an ihren Westen mit dem roten Claro-Logo zu erkennen, sind im Seminar heute mit von der Partie. Gerade unterhalten sie sich mit Igor Díaz über dessen Erfahrungen in der Auseinandersetzung mit einer rigiden Unternehmensleitung. Für Edwin Villamil ein erwünschter Effekt des Seminars. »Der Austausch zwischen vollkommen unterschiedlichen Branchen, unterschiedlichen Traditionen und Ansätzen bringt neue Ideen hervor. Das ist ausgesprochen wichtig für die Reaktivierung der Gewerkschaften in Kolumbien.«

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