Von Ralf Streck, San Sebastián
27.07.2013

»Ich habe es vergeigt, ich will sterben«

Lokführer des Unglückszuges in Santiago de Compostela festgenommen

In der Debatte um das fatale Zugunglück in Spanien konzentriert sich die Ursachensuche auf den Lokführer. Sicherheitsmängel werden weitgehend ausgeblendet.

Der Lokführer Francisco José Garzón Amo stand bei den ersten Versuchen der Aufklärung des Zugunglücks in der spanischen Pilgerstadt Santiago de Compostela im Rampenlicht. Er wird für die Katastrophe von Mittwoch verantwortlich gemacht, bei der 78 Menschen ihr Leben verloren. 130 Passagiere wurden verletzt, als er offenbar mit 190 Kilometern pro Stunde in eine enge Kurve vier Kilometer vor dem Hauptbahnhof raste und der Zug entgleiste.

28 Erwachsene und drei Kinder befinden sich noch auf Intensivstationen verschiedener Krankenhäuser. Bis auf sechs waren am Freitagnachmittag alle Leichen identifiziert. Da einige Leichenteile anderen Personen zugeordnet werden konnten, reduzierte sich die Zahl der Toten um zwei auf 78. Während der Zugverkehr auf der Strecke im spanischen Nordwesten wieder aufgenommen wurde, wird sich die Identifizierung der übrigen Toten noch hinziehen, da dafür DNA-Untersuchungen notwendig sind.

Bekannt ist, dass sich nicht nur Spanier unter den Opfern befinden. Ein US-Amerikaner hat genauso sein Leben verloren wie eine hochrangige Beamtin aus der Dominikanischen Republik und zwei Kolumbianer. Sie alle befanden sich auf dem Weg nach Santiago, um am Donnerstag die Feierlichkeiten zu Ehren des Heiligen Jakobus zu begehen. Alle Feiern in Galicien wurden wegen der Tragödie abgesagt und sieben Trauertage angeordnet.

Der 52-jährige Lokführer wurde festgenommen, allerdings noch nicht vernommen. Von seinen Aussagen erhoffen sich die Ermittler genauso Aufschlüsse über den Unfallhergang wie durch die Auswertung der inzwischen geborgenen Blackbox. Jaime Iglesias, Polizeichef in Galicien, sagte, Garzón werden »kriminelles Vorgehen« und »Fahrlässigkeit« vorgeworfen. Wann es zur Vernehmung kommt, sagte er nicht.

In Gesprächen mit der Zentrale, die der nur leicht am Kopf verletzte Lokführer nach dem Unfall führte, soll er eingeräumt haben, viel zu schnell in die Kurve gerast zu sein. Auf dem Streckenabschnitt waren maximal 80 Stundenkilometer erlaubt. »Ich habe es vergeigt, ich will sterben«, habe Garzón gesagt, berichten Zeitungen.

Wie die Lokführergewerkschaft Semaf weisen immer mehr Experten auf Sicherheitsmängel hin. »Das wäre ideal gewesen«, wenn die Strecke bis ins Zentrum führen würde, sagte Generalsekretär Juan Jesús García Fraile. Aus Kostengründen wurde die Hochgeschwindigkeitsstrecke nicht bis zum Bahnhof Santiago gebaut. Damit fehlte auch das ERTMS (Management- und Kontrollsystem des europäischen Eisenbahnverkehrs). Eigentlich fordert die EU-Kommission seine Nutzung auf allen Hochgeschwindigkeitsstrecken. Mit ERTMS wäre angesichts der hohen Geschwindigkeit automatisch ein Bremsvorgang eingeleitet worden. Das Unglück wäre vermieden worden. Bis auf die letzten 4,3 Kilometer ist die Strecke damit ausgerüstet, aber ausgerechnet vor der gefährlichen Kurve nach einem Tunnel im Stadtteil Angrois nicht mehr.

Die Sicherheitsdebatte rückt nun stärker auf die Tagesordnung, da es wegen des Flickenteppichs im Hochgeschwindigkeitsnetz viele Übergänge ins konventionelle Schienennetz gibt, wo offenbar Sicherheitslücken bestehen. Die EU-Kommission will zunächst abwarten, was die Ermittlungen in Spanien ergeben. »Danach wissen wir, ob es notwendig ist, auf europäischer Ebene Maßnahmen zu ergreifen«, sagte der zuständige Verkehrskommissar Siim Kallas.

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