Thomas Blum 12.01.2016 / Kultur

Der Mann, der aus der Zukunft kam

Das Werk des Sängers, Musikers und Performancekünstlers David Bowie plädiert für Individualität und Autonomie

David Bowie konnte alles: Ob Glitter, Anzug oder Kneipenrock. Vor wenigen Tagen erschien David Bowies neues und letztes Album »Blackstar«. Am Sonntag verstarb der Künstler infolge eines Krebsleidens.

Als der Londoner Jüngling noch David Jones hieß und ein Mod war, in den Sechzigern, war noch alles klar geregelt: Männer machten Rockmusik, Frauen hörten ihnen dabei zu. Einige Jahre später, als Jones sich Bowie nannte, zu einer Zeit, als sich noch nicht ein einziger Mann in die feministische Bewegung verirrt hatte, stellte Bowie, mit dem Androgynen hantierend und es zur Schau stellend, bereits das starre System der Zweigeschlechtlichkeit in Frage, trug Frauenkleider auf der Bühne und sang Geschichten von melancholischen Astronauten. Als der Hardrock später jene hohen Stiefel, Lederwestchen und langen Mähnen kultivierte und ins Maskuline umzucodieren suchte, die Bowie zehn Jahre zuvor mit orangefarbenem Haarschopf als hybride Kunstfigur eingeführt hatte, trug der Musiker das Haar schon wieder kurzgeschnitten und hatte den Glitter, die Schminke und die Federboa gegen den streng sitzenden anthrazitgrauen Anzug getauscht. Als die anderen noch Rock spielten, hatte er schon lange Disco entdeckt. Als der Punk das Musikgeschäft in kurzzeitige Verwirrung stürzte, bereitete er, ohne es selbst schon zu wissen, mit Synthesizern die Musik vor, die danach kommen sollte. Und als Ende der 80er Jahre der stromlinienförmige, glatte Konfektionspop à la Kylie Minogue und Madonna gerade seinen größten kommerziellen Erfolg verbuchen konnte, verwirrte Bowie wiederum alle, indem er kurzzeitig ein vierköpfiges Hardrockkollektiv namens Tin Machine (Blechmaschine) gründete und plötzlich einen krachend-scheppernden Kneipenrock präsentierte.

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