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Übersicht: Berlinale

  • 19.02.2012

    Was für eine revolutionäre Berlinale!

    Charlotte Noblet
    Mit dem Goldenen Bären wurde „Cesare deve morire“ von Paolo und Vittorio Taviani ausgezeichnet. Die Berlinale begann dieses Jahr mit einer Kostümrevolution mit dem Film „Königlich kulinarisch!“ von Benoît Jacquot über das Verhalten der Königin Marie-Antoinette und des Hofs im Schloss Versailles bei den Unruhen im Juli 1789. Jedoch hatte die 62. Berlinale eher zeitgenössischen Revolten einen besonderen Platz bei der Programmation reserviert: Viele Produktionen waren dem arabischen Frühling, den Empörten oder der Euro-Krise gewidmet.
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    "Können wir eine Demokratie haben, wenn wir uns nicht einmal gegenseitig mit unseren unterschiedlichen Meinungen zuhören können?" Kurz nach dem Rücktritt Mubaraks befragt die 22-jährige Journalistin Heba Afify den Protestierenden auf dem Tahrir Platz: Sie will ihre Meinungsvielfalt für die Online-Redaktion der unabhängigen ägyptischen Tageszeitung "Al-Masry Al-Youm" in Worte verfassen. Die Dokumentarfilmemacherin Mai Iskander begleitete sie bis zu den Parlamentwahlen im November 2011. Twitter und Facebook gehören zum Alltag der jungen Journalistin. Einige Videos, die Heba Afify mit ihrem Smartphone aufgenommen hat, sind im Dokumentarfilm zu sehen. Damit gewinnt „Words of Witness" an Authentizität.

    "Share": Die social media und das Image des arabischen Frühlings

    „Soziale Netzwerke und die Filmaufnahmen dieser großen Protestbewegungen und die Gewalt, der sie ausgesetzt waren und sind, haben maßgeblich zur Wahrnehmung der Umbrüche in der arabischen Region beigetragen" war in einer Pressemitteilung der Berlinale zu lesen. „Die Bilder vom Tahrir Platz in Kairo sind bereits Teil des visuellen Gedächtnisses."

    Die Amateur-Videos im Internet sind allerdings bei den Filmeschaffenden umstritten. Die einen beschweren sich, dass sie die Autoren zu Helden machen, dass die Informationsquellen dabei oft verschwinden. Die Anderen lobben die Möglichkeit, die Aktualität sehr schnell dokumentieren zu können.

    „Mit YouTube ist eine neue Generation von Filmemachern entstanden, die die Bilder aus ihren Handys als Waffen im Freiheitskampf einsetzen", sagte die syrische Regisseurin Hala Al Alabdallah bei einer Podiumsdiskussion über Syrien. „Das sind radikale Autorenfilme, die unter Lebensgefahr entstehen."

    "Do it yourself": der Wunsch, seine Revolution selber zu dokumentieren

    Unabhängige Medien sind ebenfalls sehr präsent in dem Dokumentarfilm von ägyptischen Regisseur Bassam Mortada. Sechs junge Journalisten erzählen, warum sie es während der Revolution im Ägypten nicht geschaffen haben, der Gewalt und Ungerechtigkeiten gegenüber neutral zu bleiben. „Althawra... Khabar" (Reportage... eine Revolution) zeigt den Kampf um die Würde des ägyptischen Volkes. Wie bei vielen Produktionen um den "arabische Frühling" wird hier der Wille gezeigt, das Bild seines Landes mitzugestalten.

    "Ich weiß nicht, in welche Richtung sich die arabische Welt verändert. Der Wandel geschieht nicht über Nacht, sondern ist ein langer Prozess", erklärte Hania Mroué, libanesische Produzentin und Festivaldirektorin. „Klar ist aber: Was der Arabische Frühling bewirkt, ist ein neues Bedürfnis, zu dokumentieren, was vor sich geht. Aus der Sicht der Betroffenen, nicht der Medien. Es waren vor allem junge Leute, die die Revolutionen gestartet haben. Und sie wollen ihre Geschichte aus ihrem persönlichen Blickwinkel erzählen." Hania Mroué saß in der Berlinale-Jury für den besten Erstlingsfilm.

    "Crise": Den Sozialbewegungen einem Echo geben

    "Ich wollte unbedingt einen Film über das Buch von Stéphane Hessel drehen", sagte der französische Regisseur Tony Gatlif der Presse nach der Vorführung seines Films "Indignados". "Die Dreharbeiten hatten schon im Januar 2011 begonnen, also vor den "Occupy"- und "Indignados"-Bewegungen. Es war sozusagen mein Glück, dass junge Leute mit den Worten von "Empört Euch" im Frühling auf die Straßen gegangen sind."

    Das Engagement des Regisseurs gibt das Team weiter: "Tony hat sich mit einem Kinofilm der Realität zur Verfügung gestellt, weil die klassischen Medien nicht mehr im Dienst der Realität sind", sagt die spanische Protagonistin Isabel Vendrell Cortès. "Es ist sehr schade, besonders wenn so viele Menschen die Realität nur durch ihr Bildschirm beobachten!"

    Ein weiterer Aufruf zur Reaktion trotzt alle Formen von Inszenierung: Der Filmemacher Romuald Karmakar stellt einen 102 Minuten langen Dokumentarfilm vor, welcher zehn Reden von deutschen Intellektuellen über die Eurokrise nacheinander zeigt. Die Performance „Angriff auf die Demokratie. Eine Intervention" ähnelt einer alten frontalen Vorlesung, dafür zieht ihr interessanter Inhalt durch die Kinosaale: Die EU-Bürger sollten über die Eurokrise nachdenken und die Ich-verstehe-den Finanzmarkt-ohnehin-nicht-Haltung schnell aufgeben, sonst wird Innen die Demokratie weggenommen!

    Die 62. Berlinale spiegelt also die Revolten unserer heutigen Welt. Auf die Situation der Saharauis im Westsahara wird ebe4nfalls verwiesen, unter anderen Dank dem bemerkenswerten Dokumentarfilm „Hijos de las nubes, La última colonia" (Söhne der Wolken, die letzte Kolonie) von Javier Bardem.

    Selbst die letzte Tage des Filmfestivals wurden von der zeitgeistlichen Atmosphäre „Ende einer Epoche" gefärbt: Ein weiterer Präsident kündigte seinen Rücktritt: Christian Wulff. Das auch, war großes Kino!
  • 18.02.2012

    Westsahara: Ein Aufruf zu Menschenrechten in der politischen Wüste?

    Charlotte Noblet
    Der spanische Schauspieler Javier Bardem schafft internationale Aufmerksamkeit auf die Lage der Saharauis dank seinem bemerkenswerten Dokumentarfilm „Hijos de las nubes, La última colonia“ (Söhne der Wolken, die letzte Kolonie).
    Bardem Westsahara
    Der Situation der Saharauis kam der Oscar-Preisträger Javier Bardem bei dem Internationalen Sahara-Filmfestival Fisahara 2008 näher. Seit 30 Jahren, nach dem Abzug von Francos Truppen aus der Westsahara und dem Einzug marokkanischer Truppen, leben 160 000 Saharauische Flüchtlingen in einem provisorischen Flüchtlingslager.

    „Trotz der Situation zeigen die Saharauis null Ressentiment. Als Spanier war ich schockiert." Erst organiseert Bardem eine Petition „Todos con el Sahara" mit anderen Festivalbesuchern, dann entscheidet er sich für einen Dokumentarfilm, um den Saharauis Öffentlichkeit zu geben.

    Leben in einer Sackgasse mitten in der Wüste

    Der Zugang zu den Flüchtlingslagern sei von Marokko quasi gesperrt, erfährt der Zuschauer später im Film. Zwar herrschen im Lager Organisation, Respekt und Würde herrschen, aber die Verzweiflung nimmt zu. Es sei schwer, die junge Generation von gewaltfreiem Widerstand zu überzeugen. So hat sich jahrenlang nichts verbessert, viele Jugendliche erklären sich bereit, ihr Leben für die Befreiung ihrer Heimat zu geben, da sie sowieso auf die Art nicht weiterleben wollen.

    Wenn die Mächtige über Sand spekulieren

    Immer wieder tauchen Comic-Figuren auf der Leinwand auf. Es gibt die Saharauis, die Spanier, die Marokkaner, die Algerier, aber auch die Amerikaner, die Franzosen, die Russen. Sie zeichen Grenzen auf die Karte, bauen Mauern durch die Wüste, flüchten vor den Bomben. Die Geschichte erzählt eine weibliche Off-Stimme, vergleichbar mit der Roboterstimme einer virtuellen Flugbegleiterin. Sie informiert den Zuschauer neutral und pädagogisch über die Situation.

    Die Westsahara war bis 1975 spanische Kolonie. Als Francos Truppen abzogen, rückten marokkanische Truppen ein. 160 000 Saharauis flohen ins Exil nach Algerien. Die Befreiungsfront Polisario führte einen Guerillakrieg gegen die neuen Besetzer. Seitdem arbeitet die Regierung der Demokratischen Arabischen Republik Sahara im Exil. Mit einer langen Mauer durch die Wüste und Minenfeldern versuchte Marokko, die Unabhängigkeit zu verhindern. Die UN vermittelten 1988 eine Waffenruhe und schickten Friedenstruppe für die Einhaltung der Menschenrechte in der Westsahara. Ursprünglich sollte 1991 ein Unabhängigkeits-Referendum bei den Saharauis stattfinden. Bis heute leistet aber Marokko Widerstand dagegen.

    Javier Bardem übre Westsahara 62. Berlinale
    von l. nach r. Vincenzo Bugno im Gespräch mit Álvaro Longoria und Javier Bardem
    Der Zuschauer folgt Javier Bardem bei seinen Recherchen und Begegnungen. Archivmaterial ergänzt die Interviews und bebildert die Wörter. Beeindruckend wirkt zum Beispiel der „Grünen Marsch", als der König Hassa II sein Volk aufruft, Westsahara als Teils Marokko friedlich zu bevölkern.

    Eine Menge Protagonisten wurden über die Situation und die Zukunft der Saharauis befragt. Lobbenwert ist es, dass allen Fronten das Wort gegeben wurde, dass die Personen, die ein Interview verweigert haben, genannt wurden.

    Die Politiker sollen zum Schluß kommen

    „Die Lage der Saharauis hängt nicht von einer Anti-Marokko-Haltung, sondern von einer pro-Menschenrechte-Haltung", sagte zu der politischen Situation Gare A.Smith, der als „deputy assistant secretary" für die Behörde für Demokratie, Menschenrechte und Arbeit im US-Außenministerium tätig war. Diese Meinung entspricht der Sichtweise von Javier Bardem eher als der Standpunkt von Roland Dumas, ehemaliger Außenminister Frankreichs: „In der Realpolitik würden wir sagen, die Lösung ist zurzeit keine Lösung."

    Der Film läuft bei der berlinale in der Sektion Berlinale Special:
    http://www.berlinale.de/external/de/filmarchiv/doku_pdf/20126522.pdf
  • 17.02.2012

    Geht das Internet ins Kino? Oder andersrum?

    Charlotte Noblet
    Während der Berlinale werden diverse Podiumsdiskusionen angeboten. Eine davon fand am Donnerstag in der Deutschen Kinomathek statt: Es ging um die Bedeutung des Internets aus der Perspektive des Kinos.
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    (v.r.n.l.): Romuald Karmakar, Florian Thalhofer, Julien Marsa, Andreas Wildfang, Mathilde Henrot und der Moderator Frédéric Jaeger
    „Der Vertrieb von Filmen sollte nicht den bürgerlichen Medien überlassen werden", sagt der Filmemacher und Produzent Romuald Karmakar. „Und da kann sicherlich das Internet eine Rolle spielen. Aber wir sollten nicht vergessen, was die Herstellung eines Filmes kostet. Da fehlt in Deutschland oft das Bewusstsein für die Arbeitskosten!" Der Produzent gibt als Beispiel seinen letzten Dokumentarfilm „Angriffe auf die Demokratie": Gerne würde er ihn im Internet zum Ansehen freigeben, aber wer bitte schön bezahlt denn die Untertitel?

    „Die End-User sind längst bereit, für einen qualitativen Inhalt zu zahlen", beruhigt Andreas Wildfang, Filmverleiher und Betreiber der VOD-Plattform realeyz.tv, die Independent-Filme, Dokumentationen und Medienkunst für 2,90 Euro im Monat anbietet.

    Optimistisch wirkt auch die Mitgründerin von Festival Scope, eine Plattform für Independent-Filme: „Festival Scope richtet sich exklusiv an Kinoprofis", erzählt Mathilde Henrot. „Das Internet ermöglicht es uns, die Aufmerksamkeit von Kinobetreibern und Verleihern auf kleinere Produktionen zu ziehen. Wir helfen Filme, wofür es oft während Festivals keine Zeit gibt, sich bekannt zu machen.„

    Ein andere Kinokritiker aus Frankreich meint: „Das Internet gibt uns viel Platz, um uns über die Filme auszudrücken..." sagt Julien Marsa, stellvertretender Chefredakteur von critikat.com. „Meiner Meinung nach liegt Frankreich mit dem Hadopi-Gesetz und dem Sanktionieren vom urheberrechtlich geschützten Material auch ganz falsch. Statt das Internet zu kontrollieren bzw. sperren, sollte der Staat lieber die Kinoerfahrung aufwerten, ganz besonders weil die Leute gemeinsam ein Werk schauen."


    Der Regisseur Florian Thalhofer schmunzelt: „Interessant, wie alle immer das Kino retten wollen ! 17 Uhr, 20 Uhr, 23 Uhr: Das Kino ist doch Ancien-Régime, das kann man keinem Fünfzehnjährigen mehr verkaufen! Kino wird langsam wie Oper: Schön essen und dann Filme schauen gehen." Die kreative Zukunft sei längst das Internet: „Webdocs entwickeln sich zügig", erzählt der Erfinder von "Korsakow". „Mit unserem Opensource Programm Korsakow können die Zuschauer das Erzählen mitbestimmen. Korsakow und das Internet ermöglichen interaktive Narration."

    Mehr zu interaktiver Narration mittels Korsakow in diesem Interview mit Florian Thalhofer:

  • 17.02.2012

    „The last Friday": Es war einmal ein lakonischer Mann

    Charlotte Noblet
    Yousef arbeitet als Taxifahrer in der jordanischen Großstadt Amman. Sein Leben besteht aus Tee, Zigaretten und Backgammon, ab und zu auch Pokerabende mit Wasserpfeife. Und viel Resignation.
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    Yousef (Ali Suliman) fährt schweigend in seinem Leben weiter

    Das Geschäft läuft nicht gut, der Boss bescheißt. In Sachen Gesundheit steht es auch nciht zum Besten, der Doktor will operieren. Dazu sagt Yousef aber kein Wort, zeigt kein Gefühl. Er nimmt alles im Kauf. Seine Frau ist ihm auch weggelaufen und sein Sohn schwänzt die Schule anstatt lesen lernen. Auch das wird mit Schweigen bedacht - und geraucht.

    Dank sehr schön komponierten Bildern beobachtet der Zuschauer die Hauptfigur in ihrem Alltag. Yousef (Ali Suliman) trägt das Unausgesprochene immer weiter, egal ob es um die Beziehungen zwischen Männer und Frauen, um das Verhältnis Vater und Sohn oder um das Nebeneinanderleben von Armen und Reichen geht. Yousef selbst wirkt langsam als einfacher Betrachter seines Lebens. Seine Umgebung nimmt er auch nicht mehr wahr: Radio und Fernsehen informieren über die Ereignisse des „arabischen Frühlings", Yousef schaltet beides einfach ab. Irgendwann stellt man sich die Frage: Lebt der Yousef noch?

    Mit seinem Spielfilm „Al Juma Al Akheira" (The Last Friday) hinterfragt der Regisseur Yahya Alabdallah die jordanische Gesellschaft: Ist ein Mann, der sein wirtschaftliches Kapital verspielt hat, kein Mann mehr? Auch kein Vater mehr?

    Der Film vermittelt kein Mitleid für Yousef, sondern zeigt auf seine Situation. Yousefs Resignation nervt auch nicht, der Zuschauer wird eher dazueingeladen, den Mann zu verstehen. Eine Frage bleibt allerdings offen und zwar: Inwieweit ist Yousefs Nachlässigkeit für seine Einsamkeit verantwortlich?

  • 16.02.2012
    Berlinale 2012

    „Angriff auf die Demokratie.Eine Intervention" von Romuald Karmakar

    Charlotte Noblet
    Worin besteht eigentlich die Eurokrise? „Troika“, „Sparpläne“, „Rettungsschrim“, „Zeitdruck der Märkte“, „alternativlos“: Die politischen Entscheidungen in der EU sind mehr und mehr marktnah und demokratiefern. Darum entschieden sich am 18. Dezember letztes Jahr zehn Köpfe aus Journalismus, Kunst und Wissenschaft im Berlin zu intervenieren. Der Filmemacher Romuald Karmakar hat daraus einen Dokumentarfilm gemacht.
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    102 Minuten lang wird am Mikrophon im "Haus der Kulturen der Welt" vorgetragen. Zehn Statements á zehn Minuten werden nacheinander in voller Länge übertragen. Es geht um die Eurokrise, die Politik, die Wirtschaft und die Demokratie. Das Format ist frontal und langweilig wie eine Vorlesung, dafür ist der Inhalt der so genannte Vorlesung aber hoch interessant.

    Mit diesem Film zeigt Romuald Karmakar sein Engagement für die Demokratie als Filmemacher. Ihm sei wichtig, dass eine Diskussion entsteht. Mit Hilfe des Materials von Nils Neugendank (kulturzeit, ZDF/3sat) und dem "Haus der Kulturen der Welt" regt Karmakar Diskussionen an und "zwingt" den Zuschauer zum Zuhören und Mitmachen.

    „Welches Europa wollen wir überhaupt retten? Für welches Europa sollen wir überhaupt sparen?" fragt am Mikrophon die Wirtschaft-Journalistin und Publizistin Carolin Emcke.
    Für Franziska Augstein, Feuilletonistin der "Süddeutschen Zeitung", hat sich die Politik den Mechanismen der Wirtschaft unterworfen, sie nimmt sich keine Zeit mehr für parlamentarischen Entscheidungsprozess. Augstein bedauert vor allem den Bedeutungsverlust des EU-Parlaments : "Das Parlament und seine Kompetenzen sind ausgehebelt!"

    Harald Welzer, Soziologe des Kulturwissenschaftlichen Instituts Essen, klagt seinerseits, dass "wir einen Totalausfall an Zeitdiagnose haben. Wir hören nichts aus den Universitäten dazu." Und sagt noch „Es ist nicht mehr akzeptabel für einen selbst, zumindest dann, wenn man Demokratie gut findet, das alles hinzunehmen und in einer Haltung der Unzuständigkeit zu verbleiben."

    Die zehn deutschen Intellektuellen intervenieren in Berlin nicht nur gegen den aktuellen politischen Diskurs, sondern blicken auch kritisch auf sich selbst. „Denken Sie dran, es ist nie so, wie man es uns erzählt." sagt etwas geheimnisvoll Nils Marino, der Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeine Zeitung.

    „Schluss mit dem Warten, mit der ich-verstehe-den Finanzmarkt-ohnehin-nicht-Haltung", sagt der Schriftsteller Roger Willemsen. So ein Phänomen hält die Bürger davon ab, ihre eigenen Ansprüche zu formulieren und somit steckt die Demokratie in der Krise.

    Das Format des Films ist frech und dient bestens den Zielen des Filmemachers. Ein schöne Einladung von Romuald Karmakar, über die Demokratie gemeinsam zu reden!
    Das "Haus der Kulturen der Welt" plant, den Film auf Reise zu schicken, Reaktionen der Zuschauern aus unterschiedlichen Ländern zu sammeln und alles in Berlin wieder zu zeigen.

    Hier geht's weiter: Demokratie.Intervention auf Facebook


  • 16.02.2012

    Smera: Zeltlager außerhalb der Welt, mitten in der Wüste

    Charlotte Noblet
    Soll sie lieber im Flüchtlingslager mitten in der Wüste bei ihrer gehbehinderten Schwester bleiben oder wieder nach Spanien zu ihren Freunden fahren? Die Frage beschäftigt Fatimetu, als sie nach 16 Jahren, kurz nach dem Tod ihrer Mutter, in das Camp zurückkehrt, in dem sie zur Welt gekommen ist.
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    Fatimetu (Nadhira Mohamed, r.) bei ihrer Schwester Hayat (Memona Mohamed, l.) im Camp Smera.
    Fatimetu (Nadhira Mohamed) gehört zu den Kindern, die in einem sahrauischen Camp in Westalgerien aufwachsen und nach Spanien zur Gastfamilien geschickt werden. Durch ihre Augen entdeckt der Zuschauer den Alltag im Zeltlager Smera. In der „Hauptstadt" der sahrauischen Flüchtlingslager warten Familien seit mehr als 30 Jahren auf die Rückkehr in ihre Heimat und leben seit Generationen im Provisorium.

    Ein Kühlschrank als Perspektiv

    Fatimetu erinnert sich schnell an das Zusammenleben im Lager: „Wie geht's der Gesundheit? Und der Familie?" als Begrüßung, beten und Tee trinken. Die Kinder gehen zur Schule, die Frauen sorgen für den Haushalt und sonst, wer ein Auto hat, kann arbeiten bzw. bei der Versorgung helfen. Das macht auch Fatimetu nach einer Zeit: Sie transportiert „wie ein Mann" Waren und Menschen von einem Zeltlager zu einem anderen, mit Hilfe ihrer Schwester Hayat, der die Pisten in der Wüste bekannt sind.

    Die Lager sind gut organisiert: Die Kinder gehen zur Schule, es gibt eine Klinik und sogar Telefonempfang. Aber die Perspektiven sind auf Null reduziert: Der Tag endet mit der Verteilung humanitärer Hilfe. Wer richtig was schafft, organisiert einen Kühlschrank für seine Frau, für die Hochzeit oder Geburt, je nach Versorgungsmöglichkeit. So ein Leben lehnt der junge Said (Ainina Sidameg) komplett ab: Er träumt von Spanien, ist aber im Lager gefangen.

    Starke Frauen am Steuer

    Im Gegensatz zu ihm strahlt Hayat (Memona Mohamed), die Schwester von Fatimetu. Mutig kämpft sie sich immer wieder durch den Tag mit ihren Krücken, ohne irdendein Zeichen von Leiden zu zeigen. Doch einmal sagt sie zu ihrer Schwester in dem Jeep: „Ich möchte gern, dass Du mir das Fahren beibringst. Hier im Camp wird von einer Frau nur erwartet, dass Sie Kinder bekommt. Was wird aus mir? Was werde ich tun, wenn Du wieder weg bist?"

    Der spanische Regisseur Pedro Pérez Rosado zeigt mehr als atemraubende Bilder von der Wüste. In seinem Film werden sahrauische Familien in ihrem alltäglichen Kampf um das Überleben mit Würde gezeigt. Die Frauen spielen dort eine große Rolle.

    „Die Berlinale ist sehr emotional für mich, weil ich den Eindruck habe, die sahrauische Familien zu vertreten" sagte Nadhira Mohamed bei der Premiere mit Tremolo in der Stimme. „Der Film „Wilaya" bietet einen Blick über die Situation der Menschen dort, vor allem über die Frauen. Und dies liegt mir am Herzen". Sie hat feuchte Augen. „Ich bin selbst als sahrauisches Mädchen mit 12 Jahren nach Spanien geschickt worden. Dies machen die Eltern, um ihren Kindern überhaupt eine Zukunft zu ermöglichen", erzählt die Schauspielerin. „Die Gefühle von Fatimetu, als sie in das Camp zurückkommt, sind mir also nicht ganz fremd. Es gibt schon eine Generation von Sahrauis auf der Suche nach ihrer Heimat, nach ihrer Identität."

    30 Jahre ohne anerkannten völkerrechtlichen Status

    Seit 1975 müßten viele Sahrauis in der westalgerischen Provinz Tindouf fliehen, als sich Spanien aus der Westsahara zurückzog und die Nachbarländer Marokko und Mauretanien das Land besetzt haben. Schätzungsweise leben mehr als 160 000 Menschen in vier Zeltlager („Wilayas"), die vollständig abhängig von humanitärer Hilfe sind.

    Die im Jahre 1976 proklamierte Demokratische Arabische Republik Sahara beansprucht die Souveränität über das Gebiet der Westsahara, welches aber auch von Marokko zu 80 Prozent kontrolliert wird. Die Sahrauis warten also noch immer auf ein Referendum, das ihren völkerrechtlichen Status definiert.

    Der Film läuft in der Sektion „Panorama" bei der Berlinale:
    http://www.berlinale.de/external/de/filmarchiv/doku_pdf/20121507.pdf
  • 15.02.2012
    Berlinale 2012

    "Man for a day"

    Auf dem Weg zum richtigen Mann

    Charlotte Noblet
    Die Regisseurin Katarina Peters thematisiert in ihrem Dokumentarfilm "Man for a day" die Gender-Aktivistin Diane Torr, die in ihren Workshops für Frauen zehn Gebote für das perfekte Mannsein vermittelt.
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    Diane Torr in "Man for a day" von der Regisseurin Katarina Peters
    „Kleider machen Männer": Der Workshop geht sehr pragmatisch voran. So sollen sich die Teilnehmerinnen erst einmal wie ein Mann anziehen. Soweit der Beginn des einwöchigen Workshops, der regelmäßig in Berlin stattfindet.

    Dann werden „richtige Männer" auf der Straße unter die Lupe genommen: „Geh raus, sucht Euch einen Mann aus und schaut, wie er läuft, raucht, Kaffee trinkt, usw.", rät Diane Torr. „Lasst Euch Zeit, Beobachten ist sehr wichtig, nur so können wir gut nachmachen". Sie läuft im Studio wie ein Mann, ruhig und selbstsicher. „Den Typ, den ich spiele, den kann ich wirklich nicht leiden. Man muss ihn auch nicht unbedingt mögen", sagt sie noch. Leicht und lustig wirkt der Dokumentarfilm. Viele Zuschauer schmunzeln im Kinosaal, als die Teilnehmerinnen sich ein mit Watte gefülltes Präservativ als Penis in die Hose stecken. Aber es wirkt: Mit Haaren aus Wollflusen wachsen langsam echte Männerprofile.

    Leicht, aber nicht leichtsinnig

    Das Workshop zeigt, wie stark formiert die geschlechtlichen Identitäten in der Gesellschaft sind, wie rigide die Vorstellungen von Zweigeschlechtlichkeit und wie damit großartig gespielt werden kann! Schließlich macht die Künstlerin Diane Torr genau das seit über dreißig Jahren. „Männer lächeln nicht dauernd", coacht sie die Gruppe. „Sie bewegen die Augen nicht, ohne ihren Kopf mitzubewegen", sagt sie noch dazu. „Sie schauen nach links, dann drehen den Kopf nach links, ganz easy." Mit einer Kopfbewegung zeigt sie, worüber sie spricht. „Und Männer können nicht zwei Sachen gleichzeitig machen, sondern alles nacheinander."

    Das Lerntempo ist verblüffend. Die Frauen sind aus verschiedenen Gründen gekommen - „wissen wie die Männer ticken", „sich in einer männerdominierten Arbeit durchsetzen", „als alleinerziehende Mutter den Kindern ein Vatervorbild anbieten" - und sie mutieren langsam zu echten Männern. Abschließender Test: Mannsein in der Öffentlichkeit.

    „Wir machen sowieso dauernd eine Performance aus unserem alltäglichen Leben", ermutigt Diane Torr die Workshop-Teilnehmerinnen. Für die scheint die Körpersprache und Wahrnehmung der Männer nun kein Geheimnis mehr zu sein. Verführerisch!
  • 14.02.2012

    Pariser Nächte ohne Amüsement

    Zwei Jugendlichen aus der Banlieue suchen nach Liebe in Pariser Clubs - erfolglos

    Charlotte Noblet
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    Rainer (Dominik Wojcik) und Victor (Eliott Paquet) in "L'âge atomique
    Rainer und Victor gehen gemeinsam durch die Nacht wie Mond und Sonne, für das Beste und das Schlimmste – vor allem für das Schlimmste. Rainer (Dominik Wojcik) dichtet durch die Gegend, einsam und depressiv und Victor (Eliott Paquet) wird von einem Typ auf Ketamin-Trip statt von einer schönen Frau angemacht. „Die Welt ist schön, je mehr wir wachsen, desto schöner wird sie. Dies ist sicher", sagt ihm Rainer nach einer schrägen Begegnung. Offen bleibt die Frage, ob die zwei Freunden wirklich daran glauben.

    Dépression, oppression, hallucination

    „L'âge atomique" verfügt über die Eigenschaften eines so genannten typischen französischen Films: Es passiert kaum was, es wird viel gesprochen, vor allem viel über Gefühle. Zu viel gesprochen und zu wenig Aktion? Die junge Regisseurin Héléna Klotz - mit Hilfe ihrer Mutter und Filmmacherin Elisabeth Perceval - schafft zwar eine Atmosphäre der Unterdrückung der Jugendlichen, die nach ihrem Platz in der Gesellschaft suchen und die Unterdrückung vergänglichen Bewohner der Stadt. Mit „Sex, Drugs and Rock'n Roll" hat diese Atmosphäre nichts zu tun.

    Der Film läuft in der Kategorie Panorama

  • 14.02.2012

    Sei dabei! Die Revolution in Kairo

    "Können wir eine Demokratie haben, wenn wir nicht mal uns gegenseitig mit unseren unterschiedlichen Meinungen zuhören können?"

    Charlotte Noblet
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    Szene aus "Words of Witness" von Mai Iskander

    Kurz nach dem Rücktritt Mubaraks fragt die 22-jährige Journalistin Heba Afify den Protestierenden auf dem Tahrir Platz, was für eine Zukunft sie sich für Ägypten jetzt wünschen: Sie will diese Meinungsvielfalt mit Worten verfassen. Heba schreibt auf Englisch für die Online-Redaktion der unabhängigen ägyptischen Tageszeitung "Al-Masry Al-Youm" in Kairo. Ihren Alltag bis kurz nach den Parlamentwahlen im November 2011 hat die ägyptisch-amerikanische Dokumentarfilmemacherin Mai Iskander begleitet.

    Über die Armee und die Staatssicherheit wird vieles gesagt, aber was ist die Wahrheit? Heba bemüht sich, die Ereignisse in ihrem Land zu verstehen. Dafür geht sie auf dem Tahrir Platz, schau ausländische Fernsehnachrichten im Elternhaus und folgt Facebook-und Twitter-Accounts von ihrem Blackberry aus. Sie möchte eine Reportage über alle dieser "vermissten Verwandten" bei der Revolution schreiben. Durch ihre Recherchen ist Heba langsam gut vernetzt. Sie begleitet einmal Protestierende bei dem Hauptquartier der Staatssicherheit in Cairo und filmt: Dort sollten Menschen eingesperrt sein. Ihre Smartphone-Videos zeigen aber die Entdeckung von Ordnern und Zetteln, voller Abhörung und Verfolgung von Bürgern. Das Dokumentarfilm "Words of Witness" ist so authentisch, dass der Zuschauer Hebas Herz quasi rasen hören könnte.

    Die Spaltung der jungen Journalistin zwischen dem "Aufruf der Revolution" und der "Vorsicht" ihrer Mutter ist ebenfalls spürbar. Es ist nicht immer einfach für Heba, die von ihrer Mutter beschriebene "weibliche Journalistin aus guter Familie" zu sein. Einen kalten Kopf zu behalten und bestimmte Distanz zu den Ereignissen zu schaffen, fordert der jungen Reporterin viel Kraft ab. Schließlich trägt sie doch ein "Wir wollen frieden"-Kopftuch und lädt Videos auf ihrem Facebok-Profil hoch, mit emotionalen Aussagen von Zeugen, die nach ihren verschwundenen Verwandten suchen. "Alle sollten doch wissen, was passiert, um den Umbruch unserer Gesellschaft besser verstehen zu können."

    Twitter und Facebook sind omnipräsent

    Ein Muss für jeden Revolutionär? "In Ägypten haben wir uns via Facebook über die letzten Entwicklungen informiert und oft spontan verabredet", erklärt Heba. Für die Journalistin ist Social Media ebenfalls ein wichtiges Werkzeug... mit dem sie zwischen zwei Reportagen ihre Mutter bekannt macht: "Hier ist Deine "Wall" und wenn Du auf "Share" drückst, dann teilst Du Deine Nachrichten mit der ganzen Welt." Dass sie sich damit in gefährliche Situationen bringen könnte, scheint die Ägypterin nicht wirklich zu merken.

    "Was wäre für Dich das schlimmste Szenario?" fragt die Dokumentarfilmemacherin Heba, als sie die Ägypterin zu den Parlamentwahlen begleitet: "Wenn die Revolution nur halbfertig bleibt." Später im Film sagt die junge Journalistin noch: "Die Ägypter wollen Demokratie, haben aber keine Erfahrung damit. Wir sollten üben, üben, üben. Und es wird!"

    Nach dem Film war der Applaus für die anwesenden Dokumentarfilmemacherin Mai Iskander, für die Journalistin Heba Afify und ihre Mutter riesig. Anscheinend sind wir alle einer Meinung: Gerne würden wir auch an der Seite der jungen Journalistin die kommenden Präsidentwahlen verfolgen, am 25. Juni 2012, genau ein Jahr nach der Revolution. Leider hat die Zeit bei dem Gespräch nicht gereicht, um Hebas Mutter fragen zu können, ob sie ihre tapferen Tochter dazu ermutigen wird.
  • 12.02.2012

    "Kuma": Zweitfrau hinter einer Fassade

    Von Charlotte Noblet
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    Nihal Koldaş (l.) und Begüm Akkaya (r.) spielen die zwei Frauen von Mustafa.
    Ihr türkisches Dorf feiert fröhlich ihre Hochzeit mit dem schönen Hasan. Die junge Ayşe wird aber Zweitfrau dessen Vaters Mustafa, kommt daraufhin in Wien bei ihrer Schwiergerfamilie unter.

    Peu à peu entkennt Ayşe, in welcher Situation sie steckt. Sie fühlt sich von den Geheimnissen ihrer Schwiegerfamilie immer mehr gefangen, ihre einfache Erziehung hilft ihr aber leider nicht, sich von den archaischen muslimischen Traditionen der Familie zu befreien.

    Der ganze Film spielt quasi in der Wohnung der Familie und im türkischen Supermarkt statt, wo Ayşe arbeiten muss. Dadurch wirkt ihr Mikrokosmos noch enger.

    Faszinierend ist das Spiel der ersten Frau Mustafas, Mutter von Hasan und seiner Geschwister. Sie wünscht sich Harmonie in der Familie, ist die treibende Kraft der Traditionen und führt damit die Familienmitglieder ins Unglück.

    "Natürlich ist ein solches Verhältnis der ersten Frau nicht die Norm", sagte der Regisseur Umut Dağ nach der Premiere. "Auch die Tradition mit der Zweitfrau gibt es nicht in jeder türkischen Familie. Vor allem nicht in Wien." Das Publikum lacht. Eine Dame fragt, wie es aber in der Türkei damit aussieht. Laut Regisseur spricht das Parlament in der Türkei von 160 000 Zweitfrauen. Es seien seiner Meinung nach aber deutlich mehr.
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    Von l. nach r.: Umut Dağ, Begüm Akkaya, Nihal Koldaş, Alev Irmak.

    "Es gibt viele Frauen aus dem Land in der Situation von Ayşe", sagt die Schauspielerin Begüm Akkaya, die die Rolle der Zweitfrau spielte. "Sie sehen Europa wie ein schönes Schloß und denken nicht nach. Dann werden sie von der Situation überfordert." Alev Irmak, ihre ältere Schwägerin im Film, ergänzt auf Deutsch: "Ich kenne viele Frauen, die zwischen Traditionen und eigener Freiheit ihren Weg finden müssen. Mehrere bauen sich zwei Identitäten, eine zu Hause und eine in der Schule. Meistens nehmen sie vieles hin und suchen kleine Auswege hier und da."

    Schön ist es, so eine Dramaturgie von einem deutschtürkischen bzw. kurdischen Team geliefert zu bekommen. Clichés bekommen damit einen anderen Klang, die große Emotionalität im Film wird leichter aufgenommen. Interessanter wird noch, wenn der österreichische Film in die Türkei gezeigt wird. Das hofft der Regisseur Umut Dağ sehr.

    Der Film ist Panorama-Eröffnungsfilm bei der Berlinale:
    https://www.berlinale.de/external/de/filmarchiv/doku_pdf/20121802.pdf

    Interview mit dem Regisseur Umut Dağ auf RadioEins:
    http://www.youtube.com/watch?v=uBwfOmcovfo
  • 12.02.2012

    Tsunami bei den Untertiteln!

    Von Charlotte Noblet
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    Der Regisseur Iwai Shunji.
    Das Filmresümee von »Friends after 3.11« klang echt interessant: Der Regisseur Iwai Shunji befragt unterschiedliche Personen über den Tsunami vom 11. März 2011: Ein Umdenken für Japan? Entwicklung einer kritischen Meinung über die Atomenergie?

    Der Vorspann gab dennoch den Ton an: Die Protagonisten wurden viel zu schnell präsentiert ... und leider ging es mit dem gleichen Tempo bei den Untertiteln weiter. Unmöglich ist auf Englisch zu lesen, was auf Japanisch vor der Kamera gesagt wird. Ist die japanische Sprache so dicht? Sprechen alle Gesprächspartner besonders schnell?

    Interessant war dafür die Art der Fragestellung. Meistens wurden keine direkten Fragen gestellt, eher Vermutungen oder Halbsätze leise geworfen. Viel Aufmerksamkeit und unterschützende »Hu-Hum« wurden den Gesprächpartnern geschenkt. Damit drücken sie kaum Emotionen aus, aber reden, reden, reden... leider viel zu schnell für die englischen Untertitel.

    Der Film bei der Berlinale läuft in der Sektion »Forum«:
    https://www.berlinale.de/external/de/filmarchiv/doku_pdf/20126737.pdf
  • 12.02.2012

    Station Jaurès, wo mehrere Welten aufeinander stoßen

    Von Charlotte Noblet
    »Jaurès war sein kleines Theater: Oben ist die U-Bahn, darunter fahren die Autos und noch weiter unten leben die kleinen Afghanen. Es ist wie die Welt von der Seite gesehen, mit allen ihrer Schichten.«
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    Die Station Jaurès in Paris.
    Der französische Regisseur Vincent Dieutre sitzt in einem Auditorium mit der Filmmacherin Eva Truffaut, einer Freundin von ihm. Sie schauen gemeinsam sein Filmmaterial, lauter Aufnahmen aus einem Wohnzimmer mit Blick auf die Station Jaurès in Paris. Sie stellt ihm die Fragen und wird damit zur leitenden Hand blinder Zuschauer. Der antwortet und macht auf seine Art die Motive auf der Leinwand vertraulich. Deren Performance erinnert an einen Dialog im Theater. Sie wird zum Film integriert.

    Die Insider

    Alle anderen Bilder werden aus dem Wohnzimmer des Freundes vom Regisseur aufgenommen. Ihn und die Inneneinrichtung kann sich der Zuschauer vorstellen, kann sie aber nicht sehen. Durch die Antworten auf die Fragen wird aber mehr und mehr über »Simon« erzählt. Dieser katholischen Aktivist ist für humanitäre Organisationen sein Leben lang quer durch durch die Welt gereist. Inzwischen pensioniert, lebt er jetzt in Paris von seiner Frau getrennt und hat Vincent Dieutre in einem Darkroom kennen gelernt. Danach haben sie eine Zeit lang ein Stück Alltag geteilt: gemeinsam Abendessen, Sex und schlafen. Durch die Erzählungen von seinem Lover wirkt Simon einerseits familiär, bleibt anderseits aber mysteriös. Vincent Dieutre durfte nie einen Wohnungsschlüssel bekommen, sondern jedes Mal früh morgen bis zum Abend verschwinden.

    Die Outsider

    Als er bei Simon war, hat Vincent Dieutre oft die Bewohner des Gewölbes am Kanal gegenüber durch das Wohnzimerfenster seines Freunds gefilmt. Seine Aufnahmen erinnern an die einer Überwachungskamera. Sie zeigen den Alltag dieser Flüchlingen aus Afghanistan, wie sie ihr Lager sorgfältig aufräumen, wie sie Besuch von Emmaüs, Polizei und Krankenwagen bekommen, wie sie bitten, usw.. Dauernd wird gefilmt und trotzdem entsteht kein Eindruck vom Voyeurismus. Auch keine Ungeduld, weil man nur zuschauen ud nicht agieren kann.

    No frontier

    Diese Atmosphäre ist bestimmt durch die zahlreichen Parallelismen zwischen diesen zwei Welten, mal Drinnen mal Draussen. Es sind konkrete Ähnlichkeiten, wie die Abwesenheit von Frauen am Ufer wie in der Wohnung, aber auch geteilte Gefühle zu merken. Die Afghanen bewohnen die Stadt heimlich, während Vincent Dieutre Simons heimlichen Lover bleibt. Die einen verlassen ihr Lager tagsüber, der andere die Wohnung seines Freunds. Alle respektieren sorgfältig bestimmte Grenze. Diese Eigenschaften sagen viel über die intimen Persönlichkeiten.

    Intimité

    »Der Spielfilm inszeniert intime Welte und ist kein richtiger Dokumentarfilm, dies obwohl ich eine Menge Archivmaterial habe«, erzählte der Regisseur Vincent Dieutre nach der Premiere. »Simon wird zum Beispiel nicht gezeigt, dafür ist er aber physisch da. Auch die Animationen von Guillaume Dimanche, mit der Umwandlung bestimmter Sachen im Comic-Stil, stellen die Frage, was ist wahr und was nicht. Was nehmen wir wahr und wie? Der Film lädt ein, unsere Beziehungen zur Realität zu hinterfragen.«
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    Bei der Premiere, von l. nach r.: Vincent Dieutre, Eva Truffaut, Guillaume Dimanche

    Auf einer schönen vorurteilfreien Art zeigt auch der Film ein Stück Realität und zwar: Die Räumung am 20.07.2010 des Zeltlagers von etwa 200 afghanischen Flüchtlingen an der Station Jaurès auf Befehl von Eric Besson, Frankreichs Einwanderungsminister.

    Der Film bei der Berlinale:
    http://www.berlinale.de/external/de/filmarchiv/doku_pdf/20123637.pdf
  • 11.02.2012

    "Indignados": Bunte Bilder einer Revolution – und dann?

    Von Charlotte Noblet
    1
    Ständig unterwegs, das Schicksal einer illegalen Einwanderin (Mamebetty Honore Diallo)
    Steife Straßen, starker Regen und grauer Himmel: Niemand ist zu sehen. Doch auf einmal bricht die Stille: Orangen fallen die Straßen runter. Es sind mehr und mehr bunte Orangen. Sie werden immer lauter. Wir sind im Tunisien, Januar 2011: Der Regisseur Tony Gatlif erinnert an den Gemüsehändler Mohamed Bouazizi, der sich vor einem Monat angezündet hatte.

    Die Musik wird lauter: Wir sind jetzt auf den Pariser Straßen, leere Bettstellen ziehen nacheinander an die Kamera vorbei. Wegschauen ist nicht möglich, aber schon geht die Kamera weiter, bei den Protestbewegungen "real democracy" am Opéra Bastille. Die Zuschauer blicken auf Frankreich mit den Augen einer jungen Straßenfrau: Die französischen Medien schreiben nur noch über die Krise, die Stimmung ist mies, Diktatur der Finanzmärkte statt Frieden und Demokratie.

    Zwischendurch werden Zitate aus dem Büchlein "Empört Euch!" von Stéphane Hessel auf die Leinwand gesprayt: Schließlich sollte der Film eine Verlängerung des Bestsellers sein.

    Geschnappt: Die junge illegale Einwanderin wird nach Griechenland geschickt, da sind ihre Fingerabdrücke gefunden worden. Wir sind in Patras, einer Stadt im Kriegszustand: Tausende Flüchlinge, Aufenhaltsgenehmigung, Abschiebung, Gewalt. In dieser Zeit gehen in Athen die Bürger auf die Straßen. Die Musik wirkt betäubend. Die junge Betty zieht nach Spanien weiter: Puerta del Sol in Madrid. Da demonstriert eine Menge junger Leute. Die Sonne scheint, alles ist bunt, Musik inklusiv. Betty wirft ihre Tasche weg und läuft mit. Aber wohin?

    Der Film zeigt viele Bilder aus der Bewegung "Indignados". Die Menschen sind wahr und fröhlich, die Trommel laut. Die Kamera springt von einem Thema zum anderen, von einem Ort zum anderen. Vieles wird zwischendurch inszeniert. Eine Dose rollt und rollt zum Beispiel auf die Straßen, ganz allein: Symbol der Konsumgesellschaft auf der Suche nach dem Lebenssinn oder Irrfahrt und Einsamkeit der illegalen Einwanderern Europas?

    Die Botschaft des Filmes ist nicht klar. Geht es um eine Würdigung, vielleicht sogar um einen Aufruf zur gewaltfreie Revolution? Es ist aber keine Doku. Ist es dann eine Widerspiegelung unserer Zeit, welche wir den nächsten Generationen gerne zeigen werden? Es ist aber keine Doku.
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    Von l. nach r.: Stéphane Hessel, Delphine Mantoulet, Mamebetty Honore Diallo, Isabel Vendrell Cortès, Tony Gatlif.

    Viel interessanter als der Film selbst: Das anschliessende Gespräch

    "Ich wollte unbedingt einen Film über das Buch von Stéphane Hessel drehen", erzählt Tony Gatlif. "Die Dreharbeiten hatten schon im Januar 2011 begonnen, also vor der "Occupy"- und "Indignados"-Bewegungen. Es war sozusagen mein Glück, dass junge Leute mit den Worten von "Empört Euch" im Frühling auf die Straßen gegangen sind." Das Engagement des Regisseurs läßt sich spüren: "Alles ging schnell, wir wollten dabei sein."

    Das gleiche Gefühl äußerten die Protagonistinnen. Mamebetty Honoré-Diallo, genauso wie ihre Figur Betty im Film, empört sich über die Situation im griechischen Hafen Patras: "Integre Personen kommen nach Europa für ein besseres Leben. Sie haben Familie und Heimat mutig verlassen und was bekommen sie hier? Prekarität und Gewalt. In Patras wurden nämlich die Menschen richtig geschlagen", erzählt sie. "Illegale Einwanderer werden eingesperrt, sie können nicht nach vorn, aber auch nicht zurück. Hoffentlich wird diese alarmierende Situation den Zuschauern bewußt."

    Interaktion mit anwesenden Journalisten wird gesucht

    "Tony hat sich der Realität zur Verfügung gestellt und tut damit dem Kinofilm gut, weil die andere Medien nicht mehr im Dienst der Realität sind", sagt die spanische Protagonistin Isabel Vendrell Cortès und schaut zu den Kameramännern: "Es ist sehr schade, besonders wenn so viele Menschen die Realität nur durch ihr Bildschirm beobachten!"

    Hessel, revolutionärer Priester

    Stéphane Hessel ist auch da, spielt wunderbar seine Rolle des beliebten alten Weisen und predigt in Englisch, Deutsch und Französisch: "Die Werte des Widerstandes und der Menschenrechte sollten nicht vergewaltätigt sondern respektiert werden." Wir sind aber nicht in der Kirche, eher in der Schule, wo der Lehrer sein Publikum auch anspricht: "Darum sollten wir beginnen, die Welt gemeinsam zu ändern." Mit lächelnden Augen gibt Stéphane Hessel jedem Kraft und tut er es anscheinend sehr gerne: "Empört Euch und Engagiert Euch!" … "and buy my little book!"

    Der Film bei der Berlinale:
    http://www.berlinale.de/external/de/filmarchiv/doku_pdf/20126540.pdf

    Trailer:
  • 10.02.2012

    Kostümiert für den Umstieg auf erneuerbare Energien tanzen

    Von Charlotte Noblet
    Sind die Protestbewegungen aus Tony Gatlifs Fim »Indignados« auf der Potsdamer Straße? Nicht ganz, aber trotzdem fragen Pinguin, Bär, Windrad und andere Komparsen nach einem Wechseln und zwar im Energiebereich.
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    Heute vor dem Cinemaxx in der Voxstraße
    Es sind keine Aktivisten sondern bezahlte Künstler/innen . Dahinter steckt das Berlinale-Sponsor ENTEGA, welches dem Festival hilft, seinen CO2-Bilanz zu verbessern.

    Die selbst getaufte Gruppe »Cirque de Sonnenallee« sind regelmässig vor den Berlinale-Kinos zu sehen. Nach ein paar Tanzschritten gehen sie mit Notizblock und Stift zu dem Publikum. Es sieht so aus, als ob sie Unterschriften für eine Petition sammeln. Aber Nein: Sie fragen die Festival-Besucher/innen nach ihren eigenen Grund für den Umstieg auf erneuerbare Energien... und erwähnen dabei irgendwelche »10 Euro«. Die Akustik war schlecht und schon verteilt sich das Publikum...

    Schade: Eigentlich konnte jede Person spenden, ohne einen Cent aus der Tasche zu nehmen! Nämlich: Für jeden gegebenen Grund für den Umstieg auf erneuerbare Energien, spendet ENTEGA zehn Euro für die Errichtung einer Solaranlage in Christoph Schlingensiefs »Operndorf Afrika« in Burkina Faso.

    Mitmachen können alle bis zum 14. Februar. Einfach einen persönlichen Grund auf facebook.de/entega oder per SMS an 73030 (Kosten für eine normale SMS) abgeben.

    Mehr Infos über das Operndorf-Projekt: www.operndorf-afrika.com
  • 10.02.2012

    Königlich kulinarisch!

    Charlotte Noblet
    »Das Volk will nicht nur Brot sondern auch die Macht«, staunt der französischen König Ludwig der XVI. Der Kostümfilm »Leb wohl, meine Königin!« von Benoît Jacquot über das Verhalten der Königin Marie-Antoinette und des Hofs im Schloss Versailles bei den Unruhen im Juli 1789 entspricht dem Zeitgeist: Ende einer Epoche.
    Als Fan von solchen Momenten erklärte sich gestern bei der Pressekonferenz der französische Regisseur: »Alle Enden einer Epoche sehen ähnlich aus: Die Mächtigen klammern sich an der Macht fest, als ob es Ihnen nötig wäre.« Auch die deutsche Schauspielerin Diane Kruger (Marie-Antoinette) sagte: »Die Geschichte zeigt, dass die Personen an der Macht nach wie vor die gleichen Fehler machen«.

    Von daher scheint die Ambition des Regisseurs legitim: »Mit einem Epochenfilm kann man was aus der Vergangenheit lernen und damit die heutige Welt besser verstehen.« Der Zuschauer sollte nur noch glauben können, dass alles im Versailles des 18. Jahrhunderts stattfindet. Dies fällt im Film sehr schwer... obwohl der Drebuchautor sich große Mühe damit gegeben hat: »Internetrecherchen haben mir sehr geholfen«, erzählte Gilles Taurand. »So konnte ich zum Beispiel über Internet erfahren, was die Hofleute gegen Mückenstiche verwendt haben: Rosenholzöl.«

    Hat der Drebuchautor sich über das Essen in Versailles auch schlau gemacht?


    Im Film bekommt der alte Moreau, Frankreichs Historiograf und Bibliothekar von Marie-Antoinette, zum Abendessen Königinpasteten - »bouchée à la reine« auf französisch. Sie sehen genau so modern ... welch ein Anachronismus! Zu den runden mit Ragout gefüllten Pasteten aus Blätterteig sagt aber das Internet, sie sollten eine Erfindung eines der bedeutendsten Köche Frankreichs sein und zwar Marie-Antoine Carême. Allerdings soll der erst im Jahr 1784 geboren worden sein... Also, rein kulinarisches Kino?!

    Mehr über den Eröffnungsfilm in der Rubrik »Feuilleton«: Hintertreppe der Revolution
  • 10.02.2012

    Prostitution: Ein Studentjob wie jeder anderer?

    Von Charlotte Noblet
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    Frauengespräch zwischen Anne (Juliette Binoche) und Charlotte (Anaïs Demoustier)
    »Ich hatte großes Glück: Nach einem Monat in Paris, hatte ich eine schöne Wohnung.« Die junge Alicja (Joanna Kulig) öffnet sich ohne Scheu der Journalistin gegenüber, die einen Artikel über die Prostitution von Studentinnen in Paris schreibt. »Es ist wie mit Zigaretten, schwer zu stoppen«, gesteht ihrerseits Charlotte (Anaïs Demoustier) und sagt noch dazu, dass nichts, auch nicht Bumsen, so sehr wie die Acryl-Pullis und Sperrholzmöbel ihrer Eltern stinkt.
    Die Begegnungen mit den zwei Studentinnen bringen Anne (Juliette Binoche), Journalistin in ihren besten Jahren für das Frauenmagazin »Elle«, zum nachdenken. Als verheiratete Mutter mit zwei Kindern, Fan von »Radio Classique« und Bio-Ernährung, hätte sie bisher eine ganze Seite der Gesellschaft hinweggesehen? Anne vertieft sich in der Bearbeitung ihrer Reportage und stellt ihre eigene Sexualität sowie die von ihrem Mann in Frage, vom Balkon ihrer bürgerlichen Pariser Wohnung aus.

    Die Kamera konzentriert sich auf die Emotionen der drei Frauen


    Zahlreiche Close-ups stellen intime Welten den Zuschauern gegenüber. Die Montage ergibt sich schnickschnacklos. Das Tempo des Films passt sich dem Geist der Figuren an: Langsamkeit widerspiegelt die inneren Fragen der Journalistin, leichtere Szenen betonen die Frivolität der Studentinnen, die sich eher keinen Fragen stellen oder sich keine Fragen mehr stellen wollen.

    Die Schauspielerinnen sind bemerkenswert: Joanna Kulig verblüfft, Anais Demoustier kokettiert und Juliette Binoche strahlt wunderbar mit ihren 47 Jahren. Sie treibt mit ihrer Körpersprache die Intimität der Journalistin in die Enge: Ein echtes Kunststück! Allerdings sollten diejenigen, die Juliette Binoche nicht mögen, lieber auf den Film verzichten: Die französische Schauspielerin besetzt eine sehr dominierende Rolle in dem Film von Malgorzata Szumowska.

    Für ihren zweiten Spielfilm „Das bessere Leben" serviert die polnische Regisseurin rüde Realitäten und Sex-Szenen zwischen kleinen kulinarischen Köstlichkeiten wie Hahn in Riesling und Jakobsmuscheln. Von Paris, Stadt der Liebe, sehen die Zuschauer/innen vor allem Innenräume - für Personen unter 12 Jahren verboten.

    Die Produzentin Marianne Slot und die Drehbuchautorin Tine Byrckel wollten einen Film ohne Vorurteile über die Prostitution von Studentinnen in Paris. Für Malgoska Szumowska haben sie sich entschieden, als sie ihren Spielfilm »33 Szenen aus dem Leben« (2008) gesehen haben. Malgorzata Szumowska stammt aus dem Dokumentarfilm und dies merkt man ihren Filmen an.

    Für das Drehbuch wurden Umfragen in Frankreich und Polen durchgeführt. Dabei sind sie oft auf junge Frauen gestoßen, die Lust auf Sex für Geld hatten. Darum wird im Film über die Prostitution mit den Worten der zwei Studentinnen gesprochen und nicht in den den üblichen Vorstellungswelte voller Drogen- und Zuhälter. Ist dafür die Prostitution ein Studentjob wie ein anderer geworden?

    Die französisch-polnische Produktion wird auf der Berlinale in der Sektion »Panorama Special« gezeigt, die mehr und mehr Genderproduktionen anbietet. Macht das „Das bessere Leben" zu einem feministischen Film? Emanzipieren sich die Studentinnen auf diese Art von den Immobilienpreisen? Sind die Männer von ihrem Bild in der Führungsposition ihren Frauen gegenüber befangen? Die Fragen bleiben offen, und damit wird der Film ohne Zurückhaltung und ein paar bürgerlichen Fragen etwas verführerisch.

    Juliette Binoche auf dem Toronto Film Festival 2011 (auf Englisch):
    http://youtu.be/6zELh2eR5Rc

    Der Film bei der Berlinale:
    https://www.berlinale.de/external/de/filmarchiv/doku_pdf/20120989.pdf

    Trailer:
  • 08.02.2012

    Blog "Berlinale 2012"

    Charlotte Noblet berichtet täglich von der 62. Berlinale

    "Das Festival ist ein bisschen französisch dieses Jahr. Aber es ist nicht schlimm", erklärt lächelnd der Berlinale-Direktor Dieter Kosslick bei der Vorstellung des Programms 2012. Französische Jurymitglieder, französische Produktionen in den Kinos. Viele Filme bei der Berlinale beleuchten den „Arabischen Frühling". Und außerhalb der Kinosäle? Da geht es um die Veränderungen der Kinolandschaft durch Zensur, Wirtschaft und das Internet. Unsere Bloggerin Charlotte Noblet berichtet für Sie täglich von der 62. Berlinale.
  • 15.02.2012

    Filmquiz - Rätseln Sie mit!

    Berlinale 2012

    goodmovies

    Vom 09. - 19. Februar veröffentlichten wir täglich ein Foto aus einem Film. Schicken Sie uns die Antwort auf unsere Fragen an webredaktion@nd-online.de, Betreff: Filmquiz.

    Der Teilnehmer mit den meisten richtigen Antworten hat ein goodmovies DVD-Paket bestehend aus folgenden Filmen gewonnen (siehe unten). Der Gewinner ist inzwischen ausgelost, wir gratulieren zur DVD-Sammlung.


    Hier geht es zum Quiz mit den Lösungen:
    www.neues-deutschland.de/filmquiz

    „Bal – Honig"

    (Sieger der Berlinale 2010, "Goldener Bär")

    Der Film von dem türkischen Regisseur Semih Kaplanoglu erzählt die Geschichte eines sechsjährigen Jungen aus der anatolischen Provinz, der sich auf die Suche nach seinem Vater macht, nachdem dieser in einem Bergwald verschwunden ist.

    „Grbavica - Esmas Geheimnis"

    (Sieger der Berlinale 2006, "Goldener Bär")

    Das Drama von Jasmila Zbanic beschreibt die Geschichte von Esma und deren Tochter Sara, die im Nachkriegs-Sarajevo das Leben bewältigen. Esmas verdrängte Probleme aus der Vergangenheit werden durch eine Klassenfahrt ihrer Tochter aufgewühlt: Sara erfährt, dass sie die Folge einer Vergewaltigung ist und beginnt die Mauer aus Lügen um ihre Mutter behutsam abzubauen.

    „Eine Perle Ewigkeit"

    (Sieger der Berlinale 2009, "Goldener Bär")

    Die Regisseurin Claudia Llosa erzählt in ihrem Film von dem alten peruanischen Mythos, nachdem jene Mütter, die einst Leid und Schmerz erfahren haben, die Krankheit der Angst an ihre Töchter übertragen. Dieses Erbe ihrer Mutter lässt auch Fausta nicht vergessen, was ihr niemals zugestoßen ist. Sie lebt in ihrer eigenen Welt und sucht Trost in indianischen Volksliedern. Als ihre Mutter plötzlich stirbt, ist Fausta gezwungen, ihr Leben allein in den Griff zu bekommen.

    Das DVD-Paket wird freundlicherweise von goodmovies zur Verfügung gestellt.

    Wenn mehrere Teilnehmer die gleiche Anzahl richtiger Antworten haben, entscheidet das Los. Der Einsendeschluss ist der 20. Februar 2012. Die Gewinner werden per Mail benachrichtigt. Die Teilnahme und der Gewinn ist unabhängig von Erwerb der Zeitung. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Bitte beachten Sie unsere Datenschutzbedingungen.

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    Eine Zukunft ohne NATO

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    Marcus Meier ist Journalist und arbeitet zu den Themen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Für das nd schreibt er seit Oktober 2009 regelmäßig – und meist zu NRW-Themen. Meier betreibt Das SPRUSKO-Prinzip, ein Weblog »zur Kritik des Ramsch-Kapitalismus«. Er lebt und arbeitet in Bochum. Seine Webseite: www.marcusmeier.de.

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    Max Böhnel lebt seit dreizehn Jahren in der Nähe von New York und berichtet als freier Journalist für deutschsprachige Radiosender, Print- und Internetmedien, unter anderem auch für nd.

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