Ein Dokumentarfilm-Essay über Lenin. Nicht: Fakt für Fakt. Der Fakt als Verführung zur Interpretation. Erinnerung ist Erfindung. Film: nicht über das, was man sieht, sondern darüber, wie man es auch sehen könnte. Wie beginnen? Vielleicht Moskau. Gegenwart. Vor dem Auferstehungstor zum Roten Platz: Leute aus aller Welt stehen hier um Lenin herum, das heißt: um einen Lenin-Darsteller - der Einlad... Mehr ...
Traumschiffe haben uns alles genommen. Die Liegestühle auf den Decks stehen in langen Reihen, für Leute, die pauschal dafür bezahlt haben, den fernen Horizont mit ihrem Dösen zu entwürdigen. Hinter geschlossenen Augen unterm Sonnenlicht findet statt, was auch in U-Bahnen, auf dem Heimweg vom Arbeitstag, stattfinden könnte: ein langsames Entdämmern, dem jede Bewegungsrichtung recht ist, wenn sie nu... Mehr ...
Ich und die Leser Zu spät erinnerte ich mich an den Ratschlag des Verlegers Rudolf Marx. Wir saßen in seinem Arbeitszimmer, in der Leipziger Innenstadt. Einst die deutsche Mitte verlegerischer und buchhändlerischer Unternehmungen. Umschlagplatz einer Weltkultur, die Geschäft und Geist zu vermählen trachtete. Im Austausch lebten hier Autoren und Übersetzer. Tauchnitz und Albatross druckten im Or... Mehr ...
Wo Trauer ist, ist Hoffnung Mehr ...
Ihr Büro, ein winziges Zimmer in einem Schuppen, hat Frau Zhou wohnlich eingerichtet. Neben einem goldgerahmten Porträt von Mao hängt die Schwarz-Weiß-Fotografie eines alten Ehepaares, das sehr ernst in gerader Haltung vor einer kleinen Kiefer steht. »Meine Eltern waren groß und kräftig, nur ich blieb klein und zierlich. Vielleicht weil sie mir den Namen Hua gegeben haben.« Hua könnte man mit ... Mehr ...
Ein katholischer Theologe begründet in einer Flugschrift, warum das Christentum sich neu erfinden muss. Die Kirchen befänden sich in einer fundamentalen Glaubenskrise, sagt Hubertus Halbfas, überall würde die Substanz der Tradition dahinschmelzen. Dem Verdunsten des christlichen Glaubens ist nicht mehr durch Kirchenreform beizukommen. Mut zu einem substanziellen, einem ehrlichen Nachdenken dar... Mehr ...
Das letzte Mal in seinem Leben betritt Hermann Hesse 1936 deutschen Boden und auch das nur zu einem Kurzbesuch bei einem Augenarzt in Bad Eilsen, bei dem er sich - vergeblich - Linderung seiner unerträglichen Augenschmerzen verspricht. Dort trifft er das erste Mal seinen Verleger Peter Suhrkamp, der den »arisierten« Fischer Verlag - auf Bitten der emigrierten Familie Fischer - übernommen hatte, da... Mehr ...
Da gibt es doch tatsächlich schon den »Duft zum Weltuntergang«: »Axe 2012 Final Edition« als Geschäftsidee aus dem Konzern Unilever. In einem der zahlreichen YouTube-Videos dazu sprüht sich ein junger Mann mit dem Deo ein, nachdem er beim Bau einer Arche Noah schwitzte. Da strömen ihm schöne Frauen in Scharen zu ... Eternity, Evidence, Miracle, Revelation, Forever: Schon längst spielen die Krea... Mehr ...
nd: Christian Lehnert, es gibt ein Gedicht von Günter Kunert, darin beschreibt er das Schicksal des Dichters: Er suche nach dem ersten, dem gültigen Wort - finde aber stets nur das zweite, schwächere.Lehnert: Aller Anfang - das ist jetzt nicht nur dichtungsbezogen, sondern theologisch gedacht - entzieht sich uns ins Mythische, ins Metaphorische. Den Anfang haben wir nicht. Wenn wir über ihn nachde... Mehr ...
Er war ein schriller Typ, ein Bohemien, oft seltsam verkleidet, als Sherlock Holmes, als Riesenbaby mit Schnuller um den Hals, bisweilen saß er auf einem Schrank, einem Baum und deklamierte Nonsensverse: Daniil Iwanowitsch Juwatschow, geboren 1905 in der Zarenstadt St. Petersburg. Er liebte Geräte ohne Funktion, ein Dackel hieß »Brandenburger Konzert«; er liebte Masken, Kostüme, Pseudonyme - Sc... Mehr ...
KürzelVon allen Meeren, die ich kenne, von allen Wassern, die ich liebe, steht mir der Teupitzsee am nächsten. Krabben an Biloxi schmecken immer ein wenig wie Krebse bei Tornows Idyll. Die bunten Wipfel der Ägäis wehten so schwermütig wie die an der Liebesinsel. Den Scharmützelsee roch ich trotz des Fischtrans von Monterey. Badete ich in Meknes oder am Fort de l‘eau, schienen Araberjungen selten b... Mehr ...
Plötzlich war er allein, die Freunde verschwunden, der Krieg nicht mehr aufzuhalten. Das Volk, getragen von vaterländischer Begeisterung, stand auf, Napoleon zu verjagen, nur er, Adelbert von Chamisso, Spross eines lothringischen Adelshauses, 1781 geboren in der Champagne, in den Revolutionswirren 1792 mit der Familie erst nach Lüttich, dann nach Preußen geflüchtet und seit kurzem Student der Zool... Mehr ...
● Wie würden Sie die neue isländische Literatur im Kontext der europäischen Literatur bewerten?Die lange Prosatradition sowie die auch heute noch ungeheuer starke Stellung von Sprache und Literatur im kulturellen Bewusstsein der Isländer tragen dazu bei, dass dieses kleine Volk von nur etwa 320 000 Menschen eine außerordentlich interessante Literatur hervorbringt. Natürlich ist d... Mehr ...
Es war außerhalb der Saison. Kein Pilgerzug, keine Pilger, keine Fahnen, keine Chöre – nur der alltägliche Nahschnellverkehr mit Pendlern aus Freising und Umgebung und im Nebenabteil ein Transistorgerät: das Naabtal-Duo mit – Zufall oder sinnreiche Fügung – »Patrona Bavariae«. Der Gnadenort in der frühen Dunkelheit eines verregneten Samstags im Oktober.Vor dem Bahnhof fegte böige... Mehr ...
Hochhäuser gibt es nicht. Hier gibt es keine geschäftstüchtigen Manager, keine dunkelhäutigen Sekretärinnen, kein touristisches Sprachengewirr. Kein nervös aufheulendes und rasch wieder abschwellendes Geheul von Polizeisirenen in Schluchten aus Glas und Stahl. Nichts an dem Flecken Welt, wo Alexander am 11. September 2001 von der Katastrophe erfuhr, gleicht Lower Manhattan. Gar nichts. Hellers... Mehr ...
Er ist eine der Schlüsselfiguren der Weltliteratur des zwanzigsten Jahrhunderts. In anderthalb Jahrzehnten hat Federico García Lorca ein Werk geschaffen, das ihn – neben Cervantes – zum berühmtesten spanischen Schriftsteller hat werden lassen. Zusammen mit seinem Weggefährten Rafael Alberti bildete er ein strahlendes Doppelgestirn der zelebren 27er Generation. Der Gruppenname bezog sich auf den gr... Mehr ...
Eine schmale Landstraße, von Einheimischen »Landstraße des Todes« genannt, führt zu den Hängen der Sierra de Alfacar im Nordosten der Provinzhauptstadt Granada. Unweit der Straße liegen die Reste der Colonia, in den Jahren der Republik ein Ferienlager für Schulkinder. Nachdem die Faschisten am 20. Juli 1936 in Granada die Macht übernommen hatten, wurde das Gebäude in ein Behelfsgefängnis umfunktio... Mehr ...
Kafkas knappe Botschaft ist schlicht unverfroren. Sie solle doch bitte, so schrieb der Schriftsteller im September 1909 vom Gardasee aus an seine Schwester Ottilie, »fleißig im Geschäft« der Eltern mithelfen. Er selbst wollte es sich derweil hier, so fügte er an, »gut gehen lassen«. Nicht selten enthalten Kafkas Postkarten solcherlei Anweisungen oder Belehrungen. So riet er ihr, als er vier Jahre ... Mehr ...
Eine tägliche Medienkritik von Erich Fromm – Lichtblicke wären das. Was wird vermeldet, wie wird es gewichtet, kommentiert und warum gerade so. Unsere Wahrnehmung politischer Wirklichkeit hat doch auch mit uns selber zu tun. Mit den Verhältnissen, in denen wir leben, und mit persönlicher Befindlichkeit. Wahrheit, Lüge und die Grauzone der Interpretation dazwischen: ein Spiegel von Interessen, Bedü... Mehr ...
Um der Stimmung zu entgehen, in die mich ein Doppel aus technischem und menschlichem Versagen zu drängen drohte – ich war mit dem Drucker nicht zurechtgekommen und las es als Demenzsignal –, wollte ich die Arbeit vorerst meiden. Wollte im Freien ein Buch lesen, das ich erworben hatte, weil es auf seiner ersten Seite über jemanden hieß, er sei »greener than Greenpeace«. Mehr ...
Leser sind wunderliche Wesen. Ich hörte von einem, der eines toten Dichters wegen ins Tessin fuhr, von Locarno hinauf ins Valle Onsernone, fünfzehn Kilometer verwegener Kurven, unten der Lago und über ihm die Ödnis der Kastanienwälder, in ein Dorf mit grau geduckten Häusern; ein Dorf am Hang, verwinkelt, verwaist, das er einmal hinauf und hinab ging, ohne jenes eine Haus zu finden (im Ortskern ent... Mehr ...
Von Werner Krauss lernten wir im Romanischen Seminar der Leipziger Universität, dass in jedem die Zeiten überlebenden Werk der Literatur eine sich fortschreibende Idee stecke. Ein verborgener Rest, der die Absichten des Autors erst nach und nach preisgibt. Ein Aufruf, wie Krauss vermutlich ironisch formuliert haben würde, der immer neue Generationen von Literarhistorikern, Philologen, Kritikern und nicht zuletzt Übersetzern antreten lässt, das geniale Werk zu deuten. Mehr ...
Im März 1811 steht Heinrich von Kleist am Abgrund, wieder einmal. Der Kampf um seine Zeitung, die »Berliner Abendblätter«, ist da endgültig verloren. Die Appelle verpufft, die Bitten ungehört, die Freunde und Mitarbeiter unsichtbar. Er kann nichts mehr tun. Er schreibt – die letzte Pflicht, die noch zu erfüllen ist – eine Anzeige, die die Ausgabe vom 30. März beschließt und den Lesern mitteilt, dass keine weitere folgen wird. Karge Worte. Über die Gründe, die zu diesem Schritt führten, will er ... Mehr ...
Das Leben wird um 1900 auf explosionsartige Weise unübersichtlich. Ein Moloch aus Schmutz, Maschinenlärm, künstlichem Licht und Geschwindigkeit. Wie kann man inmitten dieser technisch hochgerüsteten labyrinthischen Wirklichkeit ein unmittelbares Gefühl für die Natur bewahren, die innere und die äußere? Eine ernste Frage, auf die es viele – konjunkturbedingt – unernste Antworten gibt. I... Mehr ...
Theodor Weißenborn, geboren 1933 in Düsseldorf, studierte zunächst Kunstpädagogik (sein Vater war der Maler Karl Weißenborn), dann Philosophie, Germanistik und Romanistik. Später folgten Studien der medizinischen Psychologie und Psychiatrie. Als Schriftsteller hat er sich seit Anfang der 60er Jahre vor allem durch zahlreiche Prosawerke und Hörspiele einen Namen gmacht. »Empörung angesichts der unw... Mehr ...
Aktuelle Ausgabe: 26.05.2012
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