Das Temperament des Übersetzers kennt zwei Extreme und alle Schattierungen. Das eine Extrem ist durch folgende Situation bestimmt: Der literarische Übersetzer (eigentlich müsste ich die Übersetzerin sagen, denn Frauen stellen in diesem Beruf die Mehrheit) bekommt von einem Verlag ein Manuskript angeboten, nimmt den Auftrag an und führt ihn ohne Absprache mit dem Verfasser zu Ende. Probleme, die be... Mehr ...
Wer zu Zeiten, als man in Moskau und dem großen Russenland noch Bücher las, gelegentlich dort mit einer Dolmetscherin namens Tanja oder Nadja oder wie sie auch immer geheißen hat, ins Gespräch kam, jeder dritte oder vierte Satz begann: »Ja, also da muss ich Puschkin zitieren, seinen Eugen Onegin ...« Puschkin kannten alle, lasen alle, ob das heute noch so ist, man kann es bezweifeln. Freilich, auc... Mehr ...
Vorwort: Die Literaturkritikerin Verena Auffermann wird im Kultur-Fernsehen zitiert. Als Vorsitzende der Jury der Buchpreisverleihung zur Leipziger Buchmesse verteidigt sie die Nominierung von Helene Hegemanns »Axolotl Roadkill«. Sie meint, der Vorwurf, Frau Hegemann habe, was sie geschrieben hat, nicht selbst erlebt, sei erstens kein Maßstab und zweitens, sei sie, Frau Auffermann, froh, dass Hele... Mehr ...
Hermann Kant hat einen neuen Roman geschrieben: »Kennung«. Er beginnt damit, dass bei dem »aufstrebenden Kritiker« Linus Cord ein Genosse mit Klappkarte erscheint, um sich nach der Nummer von Cords Wehrmachts-Erkennungsmarke zu erkundigen. »Ein zur Groteske getriebenes Spiel um Einfluss, Beschränktheit und Arroganz eines Machtapparats«, nennt der Aufbau-Verlag das Buch, das noch im Februar ausgeliefert werden soll. Der ganze Roman Kennung, dem dieser gemütliche Ausschnitt entnommen wurde, handelt von drei Tagen im noch mauerlosen Berlin und von einer bösen Möglichkeit. Zwar liebt der Autor es lieblicher, doch zwang sich ihm die arge Erfindung auf. Wenn die Zeiten danach wären und Zeit dazu bliebe – beides sei wohl nicht zu viel verlangt – wolle er gern erbaulich sein. Sagt er und grüßt vom festen Standpunkt her, wen immer es betrifft. Mehr ...
Er, Kurt Tucholsky, hatte viele Frauen. Für Mary Gerold, die nach 1945 ganz allein und mit beeindruckender Energie das Tucholsky-Archiv aufbaute, gab es nur einen Mann: ihn. Sie lernten sich 1917 kennen, heirateten 1924 und trennten sich vier Jahre danach. 1933 wurde die Ehe geschieden. Ihre Beziehung ist reich an Verstörungen und Krisen, ein Auf und Ab aus Glück und Entfremdung. Klaus Bellin erzählt in seinem Buch »Es war wie Glas zwischen uns. Die Geschichte von Mary und Kurt Tucholsky«, das im März im Verlag für Berlin-Brandenburg erscheinen wird, von einer Liebe, die nicht gelebt werden konnte und trotzdem nicht starb. Mehr ...
Der schwedische Dichter Per Atterbom (1790-1855) besuchte auf einer Deutschlandreise, die er 1817 begann, den Dichterkollegen Ludwig Tieck (1773-1853). In Ziebingen – jetzt Cybinka, 25 Kilometer südöstlich von Frankfurt (Oder) im Polnischen. »Es machte einen wunderlichen Eindruck auf mich, in einer Sandwüste – wie es die Mark Brandenburg an dieser Seite ist ... den von allen lebenden D... Mehr ...
Die Ballade, weniger dem gefährdeten Transvaal-Löwen (Panthera leo krugeri), vielmehr dessen Abbild gewidmet, ist laut am Berliner Neptunbrunnen oder verhalten am Brehm-Haus zu singen – ein Hohelied auf beispielhafte Zählebigkeit. Das sind die Löwen mit Schnee im Haar, und der Regen wäscht ihr Gesicht. Und es lässt sie kalt, was gestern war. Doch sie blinzeln bei Licht. Aber noch fiel Schnee... Mehr ...
Die Kunst ist der letzte Hort gegen das Unheil. Da hört die Malerei auf, Mittel zu sein. Da werden Bilder zu Schreien, die man mit letzter Kraft melodisch machen möchte. (Julius Meier-Graefe) Mehr ...
Vom 25. September bis zum 26. Oktober 1813 schrieb Friedrich Rochlitz Tagebuch. Daran wäre nichts Ungewöhnliches, wenn sich der Musikschriftsteller zu jener Zeit nicht in Leipzig aufgehalten hätte. Hautnah wurde er so zum Zeugen jenes Gemetzels, das als »Völkerschlacht« in die Geschichte einging. Friedrich Rochlitz wusste, dass er Augenzeuge historischer Ereignisse wurde, und er schrieb auf, was e... Mehr ...
Hans-Dieter Schütt hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Gesprächsbücher mit Künstlerinnen und Künstlern aus der DDR veröffentlicht, in denen es seine klugen, behutsamen und ungemein gut vorbereiteten Fragen den Partnern ermöglichten, sich dem eigenen Werden und Sein zu stellen. Wunderbare, anregende, aufschlussreiche Bücher sind so entstanden. Nun, »glücklich beschädigt«, befragt der ehemalige... Mehr ...
Entfernung schafft schmale Grate. Wer von etwas weggeht, setzt sich dem Glück wie den Gefahren der Distanz aus. Schnell werden wir ungerecht, wenn wir von weit oben, von weit her auf die Dinge blicken – weil der eigenen Überhöhung und Abgewandtheit nun eine Macht gegeben ist, welche die zurückliegenden Zeiten zusammenschnurren und Räume abstrakt werden lässt, Menschen klein macht und Schicks... Mehr ...
Als Paul Fleming am 9. November 1633 in Travemünde im Range eines Truchseß und Hofjunkers als Mitglied der holsteinischen Gesandtschaft des Herzogs Friedrich von Gottorp an Bord eines seetüchtigen Seglers nach Riga ging, ahnte er nicht annähernd, was ihm in den nächsten sechs Jahren bevorstand. Dank der Fürsprache seines Leipziger Professors und Förderers Adam Olearius in dieses Abenteuer der Erku... Mehr ...
Sie steht vor ihrem Kleiderschrank und überlegt nun schon eine halbe Stunde, was sie anziehen könnte. Sie hat auch so ein Gefühl, dass sie sich zum ersten Mal in ihrem Leben darüber Gedanken machen sollte, was sie drunter trägt. Schließlich wird im Hotelzimmer irgendwann der Moment kommen, da sie sich ausziehen muss. Oder will. Ich könnte das natürlich im Bad machen, denkt Klara. Aber ob Aaron sic... Mehr ...
Du bist unterwegs in ein Land aus Licht und Weite. Ein etwas ödes Land, Kiefern und Fichten und Birken und Fichten und nur selten eine Siedlung, verstaubte Kulisse an einer vergessenen Kreuzung. Pippi Langstrumpf grüßt von fern. Dies ist die friedlichste Gegend der Welt: Der »Global Peace Index« (www.visionof-humanity.org) listet die skandinavischen Länder unter den Top Ten. Bücher begleiten dich,... Mehr ...
Glatzköpfe, warum, nein, nicht warum, sie glänzten einfach, die Kindheit lang, strahlten, glatt gerieben, womit auch immer, das fragte ich nicht, konnte ich gar nicht fragen, das jemandem, auch dem engsten Freund, mitzuteilen, anklingen zu lassen, kam mir nicht, so unmöglich war es, dass sie mich so anzogen, reizten, drüber zu streichen. Den alten Männern mit ihren quadrigen Köpfen, ringsherum Hau... Mehr ...
In meiner norddeutschen Heimatstadt gab es einen interessanten Garten. Er lag integriert zwischen alten Leinweberhäusern und dem Lagerhaus einer Obst- und Gemüsehandlung. Das Ganze befand sich an der Straße, in der auch die Familie meiner Mutter wohnte. Ich entsinne mich noch genau an die Aufschrift über dem Tor der Lagerhalle auf weißem Grund. Nachts wurde sie von einer darüber angebrachten Lampe... Mehr ...
Schon ein Blick in die Auslagen der Buchhandlungen und das Angebot der größeren Verlage zeigt, dass eine literarische Gattung einen scheinbar unaufhaltsamen Vormarsch angetreten hat. Diese Gattung ist eine gar nicht mehr so junge Spielart der phantastischen Literatur und nennt sich Fantasy. Dies liegt aber nicht an der ebenso unaufhaltsamen Unsitte, alles Neue englisch zu benamsen, sondern an ihre... Mehr ...
Sommer war's, ein Ost-Berliner Sommer in den Achtzigern, als die Zeitschrift »Sinn und Form« Verwirrendes brachte: Nachrichten aus dem Universum des Arno Schmidt. Kunde von einem Eremiten in Heide und Moor, einem Geistesriesen, frech und kühn. Wenig später fand ich Texte, in einem Reclamheft von der Farbe hellen Milchkaffees, eine Handvoll Kurzromane, mehr hielten die Oberen wohl nicht für bekömml... Mehr ...
Der Schriftsteller Joachim Seyppel, der in diesem Jahr neunzig wird, ist in seinem Leben selbst viel unterwegs gewesen. Erst Studium in Berlin, Lausanne, Rostock, wo er 1943 promovierte, danach gleich Einberufung als Soldat im Sanitätsdienst. 1944 wurde er von einem Kriegsgericht wegen Wehrkraftzersetzung zu neun Monaten Haft mit »Frontbewährung« verurteilt, im Mai 1944 geriet er in sowjetische Kr... Mehr ...
Unerkannt streift der alte Mann umher, mit leeren Händen, einen Beutel über der Schulter mit Brot, Zwiebeln und Wein. Der alte Mann wandert, mit dem Himmel auf gebeugtem Rücken, über die Krümmung der Erde. Der Mensch des Wissens? So spät noch?, sagen die Leute. Ein alter Mann, sagen die Leute an der Ecke. Nein, erklärt ein Neunmalkluger, ein junger, der an seinem Auto herumbastelt, ein Mensch der ... Mehr ...
Nach einem Tag im Herbst, der Arbeit in der Stadt überdrüssig, kehrte ich nun im ruhigen Gasthof »Zur Post« ein. In meinem Zimmer im ersten Stock fehlten Handtücher, fließend warmes Wasser, und die Lampe auf dem Nachttisch war defekt. Nach dem Spaziergang dann entlang des verschmutzten Baches setzte ich mich, abends, an den Kamin und trank einen Federweißen. Der Gastwirt trat ein, zündete Kerzen a... Mehr ...
Trotz guter Erfahrungen mit Reisebüros entschloss sich Struk, nach dem er sich von seiner Frau getrennt hatte, endlich einmal wirklich auf Reisen zu gehen. Nach strapaziöser Fahrt, über den Großen Strom erreichte er sein Ziel, das Alte Hochgebirge. An Pauschalreisen gewöhnt, hatte er versäumt, genug Bargeld mitzunehmen, und da er zu wissen glaubte, was Touristen gern hören, erzählte er Landsleuten... Mehr ...
Lesen unsre Kinder überhaupt noch Märchen, wer aber hat sie geschrieben?, musste ich denken, als ich am Ufer des für Märchenerzählerinnen bekannten Hafenstädtchens meinen Nachmittagsspaziergang unternahm. Hinter zerfallender Mauer das Meer, das Hinterland wirkte überwuchert. Möwen, heisere Schreie vom Busbahnhof. Einige Schritte die Gasse vom Ufer hinauf zum Tor »Sterblicher Friede«. Gleich dahint... Mehr ...
Es habe eben keine »freie Kunst« gegeben, wird zur Begründung für die Ausgrenzung der Bilder ostdeutscher Maler bis 1989 in einer Kunst-Ausstellung im Berliner Gropius-Bau über 60 Jahre Bundesrepublik angeführt. Frei kann ein Kunstmarkt sein, aber für die Kunst selbst ist das kein Kriterium. Die eigentliche Frage dieses Mauerfall-Jubiläumsjahres wird in den Medien des Landes auffallend viel beschw... Mehr ...
Dass dieses Buch geschrieben und 2009 nun auch gedruckt wurde, ist außerordentlich zu nennen. Es erzählt Geschichte und Geschichten aus einer Epoche, die vergangen ist, Zeit der Aufbrüche und der Verheerungen im letzten Jahrhundert. Indes stellt der Verfasser diese Geschichten vor uns hin als unerledigt in den emanzipativen Bestrebungen und revolutionären Versuchen, als unabgegolten in den Niederl... Mehr ...
Re: Man kann wohl nur einseitige Berichterstattung erwarten,
10:00 Uhr, Berlin
Preis: 12,90 €
Preis: 19,95 €