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Übersicht: Flattersatz

  • 22.05.2012

    Der Befreiungsschlag

    Flattersatz von Matthias Wedel

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    Heute Morgen im Zug saß ich mit der Zeitung in der Hand. Eine Frau, die immer in Bernau aussteigt, weil sie in der Shopping Mall eine Toilette betreibt, fragte mich: »Hat Norbert Rödel schon zum Gegenschlag ausgeholt?« Ich blätterte im Politikteil. »Nö«, sagte ich. »Schade«, sagte die Frau, »nun verbringt man doch den ganzen Tag in Ungewissheit«.

    »Sie dürfen auch nicht nach ›Gegenschlag‹ suchen, sondern müssen ›Befreiungsschlag‹ eingeben«, sagte die Frau, die immer Gesundbrunnen aussteigt und auf ihrem rechten Unterarm die Tätowierung einer komplette Notenzeile mit acht Noten hat (wahrscheinlich »Winds of Change« von den Scorpions). Aber das »nd« hat noch keine Google-Suchfunktion.

    Tatsächlich hat Röttgen uns für diese Woche einen »Befreiungsschlag« versprochen. Man macht sich Sorgen: Wie unfrei ist der Mann wirklich? Hat ihn die Kanzlerin im Reichstag in den Gemüsekeller gesperrt, damit er nicht redet? Nein - das Empfinden der Unfreiheit, sagen Psychologen, geht einher mit einer blutigen Verletzung des Selbstwertgefühls, vulgo »Beleidigung«. Man darf das durchaus physisch verstehen: Einer der Wenigen, die Röttgen in den letzten Tagen gesehen haben, sein alter Freund Wolfgang Bosbach, selbst mit zahlreichen talkshowfähigen Krankheiten gesegnet, berichtet: »Er ist nicht mehr er selbst. ›Norbert‹, rief ich ihn auf dem Korridor an, denn so heißt er doch. Aber er blickte sich gehetzt um, als sei ein Norbert hinter ihm her.« An dem Tag, als die Kanzlerin Norbert am Rande der Kabinettsitzung beiseite nahm und »Du bist gefeuert« zu ihm sagte, nicht ohne ihm »Alles Gute auf deinem weiteren Lebensweg« zu wünschen, soll der R. so »durch den Wind« (Bosbach) gewesen sein, dass er die Unterhose über der Anzughose trug. Er wollte, noch ganz der Vorzeige-Öko der CDU, mit dem Fahrrad nach Hause fahren. Aber Bosbach hat schnell am Tor angerufen, damit sie ihn nicht durchlassen und in eine Karosse der Fahrbereitschaft setzen. Sonst wäre Schlimmes passiert - vielleicht hätte die Kanzlerin ihn überfahren lassen. Bosbach ging dann am Abend in eine Talkshow und sagte über seinen Freund Norbert: »Ich würde ihn nicht mit der Kneifzange anfassen.« Das hielt er wahrscheinlich für eine warmherzige Sympathie- und Solidaritätserklärung - und wahrscheinlich ist es das im politischen Berlin sogar. Leider ist sie semantisch uneindeutig: Würde der Wolfgang den Norbert nun gar nicht mehr, nicht einmal mehr mit der Kneifzange anfassen? Oder würde er, entgegen seiner bisherigen Gewohnheit, von jetzt an keine Kneifzange mehr benutzen, um ihn anzufassen? Man weiß es nicht.

    Was man wohl ahnt: Röttgens »Befreiungsschlag« soll eine Entlarvung von Frau Merkel werden, soll offenbaren, welches zweifelhafte moralische Korsett die Kanzlerin unter ihren harmlosen Hosenanzügen trägt, kurz, soll uns sagen: Die Frau ist eine Sau!

    Es geht um jenen denkwürdigen Dreier, den Merkel, Seehofer und Röttgen in einem verschwiegenen Reichstags-Kabinett hatten. Seehofer hat über die Begegnung schon im ZDF geplaudert: Die beiden wollten Röttgen bewegen, so zu tun, als würde er nach verlorener NRW-Wahl in Düsseldorf bleiben. »Da hat er uns abtropfen lassen«, erinnerte sich Seehofer. Daraufhin soll die Merkel zu Röttgen gesagt haben …

    Wir werden es wohl nie erfahren. Denn Röttgen hat seine Ankündigung des »Befreiungsschlages« inzwischen zurückgezogen. Dabei kann man sich den Satz der Kanzlerin doch an allen fünf Händen ausmalen: »In der Kantine gibt es heute Mittag Gurkensalat.«

  • 15.05.2012
    Flattersatz

    Das Hansa-Rettungspaket

    Von Ernst Röhl
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    Ich bin Mecklenburger, und mehr als Mecklenburger, sagt der Mecklenburger, kann der Mensch gar nicht werden. Das Herz des Mecklenburgers schlägt pflichtgemäß und alternativlos für die Kogge, für den FC Hansa Rostock, den einstigen Vorzeigefußballklub der neuen Länder. Schon Mitte der 50er Jahre drückte ich im Ostseestadion den Rostockern kraftvoll die Daumen. Damals hieß der Verein noch BSG Empor, und die angegebene Richtung stimmte so einigermaßen. Inzwischen geht's unwiderruflich bergab, und der Verein fächelt sich Mut zu mit dem Slogan: Unsinkbar seit 1965! Doch die Verhältnisse, die sind nicht so - wie 1965. In 20 Jahren Hakle feucht und Henkell trocken sind die Werften von der Bildfläche verschwunden, und statt ihrer ist nun ausgerechnet ein Fußballverein die bekannteste Marke im Bundesland M-V.

    Bei Hansa geht der Klabautermann ein und aus, doch leider nicht ein so spendabler Milliardär wie der, der die TSG 1899 Hoffenheim mit Millionen Euro aus der Kreisliga in die Bundesliga katapultierte. Bisher lautete die Definition des Fußballspiels: ein Schiedsrichter, 22 Spieler, ein Ball, und das Runde muss ins Eckige. Von Geld war seltener die Rede; denn »Geld schießt keine Tore«. Dies aber ist bloß eine Expertenlüge, das Gegenteil ist richtig. Vereine, die finanziell auf dem Schlauch stehen, werden auch weiterhin ohnmächtig zukucken, wie besser betuchte Vereine ihnen reihenweise die Torjäger wegschnappen, die sie gern für sich selbst eingekauft hätten. Der FC Hansa jedenfalls, vor Jahresfrist Aufsteiger in die 2. Bundesliga, beendete die Saison als unangefochtener Absteiger.

    Existenziell bedrohlich aber wurde nicht das Abstiegsgespenst, sondern die Pleite. Auf 8,5 Millionen Euro schwollen die Schulden des Vereins an, dann konnte Hansa nur noch auf die Spendierhosen der Heimatstadt hoffen. Dabei stand die Hansestadt R. mit 350 Millionen Euro noch viel tiefer in der Kreide. Doch dem FC Hansa gelang das Wunder, dem nackten Mann in die Tasche zu fassen. Der Verein startete eine PR-Kampagne von brasilianischer Ausgelassenheit und sammelte in kurzer Zeit 25 000 Unterschriften, um die Bürgerschaft, das Rostocker Stadtparlament, gefügig zu stimmen. Überall in der Stadt flatterten Hansa-Banner und Hansa-Schals. Hunde trugen Hansa-Trikots. Die Fans rotteten sich zu Demos und Manifestationen zusammen. Helgas Stadtpalast veranstaltete ein Benefizkonzert. Sag JA zum FCH! So lautete die Parole. Wenn Griechenland gerettet wird, dann der FCH erst recht! Gefühlte Hunderttausende sagten JA zum FCH, sogar Uli Hoeneß, der Präsident des FC Bayern München. Und den Stadioneingang verschönte ein nostalgisches Transparent: Selbst Erich Honecker hätte JA gesagt!

    Machtvoll erhob das zornige Rostocker Volk seine Stimme und wurde mit einem Rettungspaket belohnt, wie es sonst nur Banken zuteil wird. Außer einer Finanzspritze in sechsstelliger Höhe enthielt es einen Verzicht der Hauptgläubiger auf 38 Prozent der Steuerschulden. Was sagt der Steuerzahler dazu? Ich nehme an, er schreibt auf seine nächste Steuererklärung: Bin zahlungsunfähig, machen wir's wie beim FCH!

    Natürlich ist jedermann klar: Fußball gilt bloß als Nebensache, wenn auch als die wichtigste der Welt. Was aber, wenn's um die Wurscht geht? Was, wenn die heißblütigen Rostocker Rebellen den revolutionären Schwung des Fußballaufruhrs für machtvolle Protestaktionen gegen Leiharbeit, Hartz IV, Niedriglöhne und Steuer-Großhinterziehung missbrauchen… Wehret den Anfängern!

  • 08.05.2012
    Flattersatz

    Das große Boykottspiel

    Von Brigitte Zimmermann
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    Was war eigentlich los? Das Gesellschaftsspiel der letzten Woche lief darauf hinaus, dass Politiker verschiedener Herren und Damen Länder ihren Besuch bei der Fußball-EM in der Ukraine absagten. Und keiner fragte, warum sie dort unbedingt sein müssen. Beim Fußball, denkt man, sind die Spieler wichtig, die Schiedsrichter sowie die Milliarden Fans im Stadion und an den Bildschirmen. Nur auf dieser Symbiose beruht das gewaltige Geschäft um das auch leicht lächerliche Spiel, in dem 22 erwachsene Männer oder Frauen um einen einzigen Ball kämpfen. Die Massenbasis des Fußballs lässt Großsponsoren in Viererketten herbeieilen und den Mindestlohn im hochprofessionellen Bereich irrelevante Höhen erreichen. Trotzdem: Die wechselnden politischen Figuren auf den Ehrenplätzen gehören zum Beiwerk, die auf das Spiel und seine Umstände nur indirekten Einfluss haben.

    Ungeachtet dessen: Die Politik besetzte das ganze Feld. Wer hat's erfunden? Gauck. Großgestiker, der er sein kann, sagte er die Teilnahme an einer Konferenz in Jalta ab. Da konnte Frau Merkel nicht ruhen. Sie ließ erklären, keine Reisepläne zu hegen und legte ihren Ministern nahe, auch keine zu haben. Dabei gibt es nur einen Minister, der für Sport zuständig ist: den Innenminister. Noch größere Effekthascherei in Österreich. Kein Mitglied der Regierung werde in der Ukraine gesichtet werden. Warum auch? Die Mannschaft Österreichs hat sich überhaupt nicht qualifiziert. Zudem folgten die 27 Mitglieder der EU-Kommission ihrem portugiesischen Chef Barroso - das Team dieses Landes ist immerhin qualifiziert - und erklärten, nicht in der Ukraine zu erscheinen. Zum größten Hieb setzte Erika Steinbach (CDU) an, Schild und Schwert der organisierten Vertriebenen. Wenn sich eine Gelegenheit ergab, überfiel Frau Steinbach schon immer gerne Polen. Also schlug sie vor, die Spiele in der Ukraine eben Polen aufzudrücken oder gleich nach Deutschland oder Österreich zu verlegen.

    Es fragt sich zudem, wer den staatslenkerischen Massentourismus eigentlich bezahlen würde. Der Steuerzahler? Wollen wir nicht hoffen. Die Großsponsoren? Möchte man sich auch nicht vorstellen. Denn es wird wohl immer so sein, dass den Mercedes & Co. regierungsseitig Abgaben erlassen oder unliebsame Auflagen in Brüssel wegverhandelt werden. Eine offene Beziehung per Ehrenkarte wäre da suboptimal. Zahlen die Veranstalter? Schön, wenn sie dafür Geld haben, aber man könnte nützlichere Verwendungen finden. Vermutlich hätte es Mischfinanzierungen gegeben, unterhalb justiziabler Grenzen natürlich.

    Und die ganze Erregung wegen Julia Timoschenko. Diese Frau ist nicht erst gestern aus einem Nebenfluss des Dnepr in die Politik getragen worden, sondern schon lange mit allen Wassern dieses Gewerbes gewaschen, was in der Ukraine etwas heißen will. Dort sind politische Nachfolger und Abgewählte seit Jahr und Tag dabei, sich mit kriminellen Vorwürfen zu überziehen, Mord eingeschlossen. Timoschenko immer mittendrin. Sehr unübersichtlich das Ganze. Umso erstaunlicher, dass die europäische Spitzenpolitik Frau Timoschenko als einzig Edle in diesem traurigen Bild, nun ja, ausgemacht hat. Oder sich von der mit schwacher Gesundheit, aber starkem dramatischem Talent und entsprechender PR versehenen Inhaftierten dazu drängen ließ. Timoschenko wird jetzt hoffentlich auf leiseren Wegen geholfen, und die Politik sollte vor ihrer nächsten profilierungssüchtigen Scheinerregung vielleicht auch einen Arzt konsultieren.

  • 17.04.2012

    Flattersatz

    Voll in der Tinte

    Von Brigitte Zimmermann
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    Es ist schwer zu erklären, warum manche nützlichen Dinge kein durchgängig gutes Ansehen haben. Nehmen wir als Beispiel die Tinte, die zuletzt im Zuge einer aufgeplusterten politischen Debatte zum Kollateralschaden gekommen ist. Dabei verdanken wir das halbwegs Beständige, das wir in dieser verdrehten Welt zu wissen glauben, nicht zuletzt dieser Flüssigkeit. Mit dem gefärbten Wasser wurden über Jahrhunderte Geistesblitze und Forschungsergebnisse festgehalten, Alltagserfahrungen gesichert und künstlerische Meisterwerke für die Unsterblichkeit bewahrt. Aber die Tinte als bitte schön buchstäblicher Leistungsträger hat wenig Ruhm davon zurückbehalten. Manche Verträge, heißt es abwertend, wären nicht mal die Tinte wert, mit der sie geschrieben sind. »Vor Tinte fürchtet sich der Teufel«, dichtete Schiller. Und »in der Tinte sitzen« gehört laut Volksmund zum Übelsten, das vorkommen kann.

    Eines Tages, Goethe war wohl schlecht drauf, er werkelte gerade an »Faust«, tauchte er seine Feder gereizt ins Tintenfass und brachte ein paar Zeilen zu Papier, die auch als kritische Selbstbefragung gelesen werden können: »Und sehet nur, für wen Ihr schreibt! Wenn diesen Langeweile treibt, kommt jener satt vom übertischten Mahle, und was das Allerschlimmste bleibt: gar mancher kommt vom Lesen der Journale.« Der Tinte als frühem Transmitter sei Dank, denn so wissen wir: Die meisten Medien waren schon immer schlimm und stehen nicht erst heute der Aufnahme wesentlicher Dinge im Wege.

    Beim Durchsehen aktueller Journale ist nicht zu überlesen, dass die Tinte erneut und auf leicht mystische Weise herabgesetzt wurde. Ein in Form und Inhalt stellenweise etwas verrutschtes Gedicht sei »gealtert und mit letzter Tinte« geschrieben, heißt es darin. Letzte Tinte! Was wollte uns der Dichter damit sagen?

    Da das Anzeigen materieller Not ausgeschlossen werden kann - meine Tinte ist alle, wäre literarisch wirklich nicht tragfähig -, zielt das Ganze wohl in Richtung letzte Patrone, Tintenpatrone selbstverständlich. Will heißen, es folgt jetzt ein Kracher, und es könnte eventuell bereits der vorletzte sein. Ein sachlich bedenkenswertes Anliegen dramaturgisch gleich noch mit dem Endzeit-Modus aufzuladen, kommt vom häufigen Lesen der Journale. Der Dichter kennt die, für die er schreibt. Es sind vorzugsweise die gedankenfixen und teils volksfernen Feuilletonisten und die immer sprungbereiten Wadenbeißer in allen Parteiungen des In- und Auslandes. Er weiß genau, dass diese, bei Mangel an Steilvorlagen, gelegentlich Langeweile treibt. In solchen Kreisen hält man nämlich Agendasetting - Lostreten von öffentlichen Debatten - für ein hohes Qualitätsmerkmal, ob sie nun der Wahrheitsfindung dienen oder nicht.

    Wer unter diesen Umständen nicht nur altert, sondern fuchsschlau wird, bedient die Erwartungen dieser Meute gelegentlich, indem er eben die Tinte mal ganz dick aufträgt, im Zweifel auch die letzte. Und er stellt die ganze Kamarilla damit gleichzeitig bloß. Weil das ernste Thema des Gedichts ja kein neues ist und schon längst kontrovers hätte diskutiert werden können. Doch stattdessen wurde beispielsweise monatelang das »Wulffen« tag- und abendfüllend durchgehechelt.

    Von der Tinte lässt sich sagen, dass sie nützlich bleibt und trotzdem weiter wird herhalten müssen. Wenn sich manche Menschen bei steigender Sonne freimachen, legen ihre oft unolympischen Körper dank Tintenhilfe eine journalmäßige Zurichtung offen. Gedichte liest man aber selten. Zu kompliziert.

  • 10.04.2012

    Ziemlich beste Freundinnen

    Flattersatz

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    Nun geht sie erst richtig los, die »Causa Wulff«. Noch ermittelt der Staatsanwalt gegen Christian W., den juvenilen Altpräsidenten, doch längst steht fest, dass ihm der Ehrensold von jährlich 200 000 Euro sicher ist, und zwar bis ans Ende seiner Tage. Außerdem kriegt er einen gepanzerten Dienstwagen mit Chauffeur, zwei weitere Mitarbeiter und drei Büroräume in einem Bundestagsgebäude. Diese Amtsausstattung, erklärt das Präsidialamt, sei zur »geordneten Abwicklung von Korrespondenzen und zur Wahrnehmung nachwirkender Verpflichtungen« dringend notwendig.

    Der Bundes-Expräsident, der sich seit dem Rücktritt zum Zwecke der geistigen Genesung in ein Kloster zurückgezogen hatte, nährt hochfliegende Ambitionen. Derzeit schreibt er eigenhändig eine politische Selbstbiografie, denn er möchte auch so reich werden wie seine reichen Freunde; siebenstellige Honorarangebote von Verlagen liegen vor. Frau Bettina ihrerseits wird ein kurzweiliges Buch über ihre 598 ersten Tage als First Lady nachschieben, mit Klatsch und Tratsch über Dates mit Royals, VIPs und Celebrities.

    An Material ist kein Mangel. Nirgendwo in Deutschland passiert mehr als in Berlin: Herdprämie, FDP und Frauenquote, Intrigen, Kabale und Liebe. Nirgendwo auf der Weltbühne ist die Dramatik grandioser und Nerven zerfetzender als im absurden Theater der Prinzipalin Angela Merkel. Mit starker Hand zieht sie die Fäden, damit nicht plötzlich und unerwartet die Vernunft an Boden gewinnt. Wehe dem, der am »Betreuungsgeld« zu rütteln wagt!

    Die Bundesregierung hat nicht die Absicht, für den Ausbau eines sinnvollen Systems von Kindertagesstätten aufzukommen. Stattdessen ist sie fest entschlossen, Milliarden Euro für Eltern auszugeben, die ihre Kinder standhaft von diesen bolschewistischen Kitas fernhalten. Müssen denn Mütter unbedingt arbeiten gehen? Und was spricht eigentlich dagegen, dass die kleinen Bayern direkt am heimischen Herd verblöden?! Wohin so was führt, zeigen die Auftritte des erbarmungswürdigen Guttenberg-Nachfolgers im Amt des CSU-Generalsekretärs Alexander Dobrindt.

    Das beschämende Betreuungsgeldpalaver ist der sozialpolitische GAU, der größte anzunehmende Unsinn. Die Kanzlerin hat ein Machtwort gesprochen, und darum soll sie nun auch unbedingt kommen, ihre Herdprämie. Nicht, weil sie »Ziel führend« wäre, sondern weil sie schwarz auf weiß im schwarz-gelben Koalitionsvertrag steht. Kristina Schröder (CDU), die Familienministerin, schweigt dazu. Das sei ihr gegönnt. Sie ist erschöpft vom nicht enden wollenden Zoff mit Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU), die eine Menge Haar auf den Zähnen hat. Wieder mal geht es um die Gleichberechtigung. Die Drohung der besseren Hälfte des deutschen Volkes lautet: Wir hätten gern die Hälfte der bezahlten Arbeit, die Hälfte der Macht und überlassen den Herren der Schöpfung dafür gern die Hälfte der unbezahlten Hausarbeit.

    Ich weiß genau, was Frauen wollen. Keine potjomkinschen Quoten, sondern gleichen Lohn für gleiche Arbeit. Dieser Gedanke ist beiden Ministerinnen anscheinend fremd. Stattdessen kämpfen sie für Frauenquoten in Chefetagen, Frau von der Leyen für 30 Prozent, die beleidigte Frau Schröder für ihre romantische »Flexi-Quote«, mit der sie sich flexibel den Wünschen der Bosse unterwirft … Rummelboxen im Kanzleramt. Ring frei zur Freude aller Sportfreunde. Die Kampfhennen kämpfen mit harten Bandagen - wie die Kesselflickerinnen. Sagt, holde Frauen, die ihr sie kennt, sagt, ist es Liebe, was hier so brennt?

  • 03.04.2012
    Flattersatz

    Scheneräschen fittest

    Von Mathias Wedel
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    Die demografische Katastrophe ist da! Bisher hat nur die NPD den Mut, das auszusprechen. Sie sieht unser Vaterland (seit Gauck sollen wir ja wieder »unser« sagen, und »Vaterland« sowieso) in einem »bevölkerungspolitischen Notstand«. Meine Großtante in Prenzlau kann sich nicht auf die Nazis berufen. Denn für die NPD besteht die Katastrophe im Einsickern fremdrassigen Blutes in »unser« Volk - und seit Sarrazin wissen wir, dass dieses Gene enthält, gegen die der Deutsche an sich wehrlos ist. Meine Großtante ist deshalb Teil der demografischen Katastrophe, weil sie am Volkstrauertag 82 wurde, was ihr Schwiegersohn, der mit ihr unter einem Dach lebt, offenbar nicht tolerieren kann. Der hat der Tante beim Umgraben des Vorgartens einen Spaten »ins Kreuz gehauen«, wie sie behauptet, »in Mordabsicht«. Aber nein, sagt er, der Spaten sei ihm im Zuge der Frühjahrsbestellung »aus der Hand gefallen«: Die Katastrophe ist da, ein Notarzt, zwei Polizisten und ein Bestatter (er hatte das Signal des Rettungswagens gehört) können das bezeugen.

    So schlimm muss es nicht kommen. In meinem Landkreis hat sich die Verwaltung sehr gut auf die Katastrophe eingestellt, die hier »demografischer Wandel« heißt. Es herrscht ein flächendeckendes Verbot, Alte »Alte« zu nennen. Das gilt für die Verwaltung und alle Einrichtungen, die Fördergelder erhalten - Zoo, Schwimmhalle, Museum, Kindergarten. Die Alten heißen jedoch nicht nur Seniorinnen und Senioren, denn die Katastrophe bringt auch Kitsch hervor. Als ein Ortsteilbürgermeister die Alten beim Kaffeetrinken besuchte, habe er sie - laut Anzeigenblatt - »unsere Silberlocken« genannt. Außerdem sind sie die »Bestager« oder »die generation (gesprochen: scheneräschen) fittest«. Leute im Stadium meiner Großtante heißen »Hochbetagte«. Nur das schöne Wort »Abendrötler«, das ein Junggenosse von der Linkspartei vorschlug, setzt sich nicht durch. Aber immer sagt man »unsere« Alten - was man bei Hartz-IV-Empfängern, Arbeitslosen oder jugendlichen Kriminellen nie tut.

    Das gesamte Kulturleben des Kreises ist auf die Alten abgestellt. Seniorenchöre dürfen überall dort »Die Gedanken sind frei« singen, wo man früher, als es noch Kinder gab, Kindern das Lärmen verbot. Dauernd reisen Frank Schöbel, Dagmar Frederic und ein Hans-Albers-Imitator an. Wo immer die Alten zusammenkommen, werden sie mit Kuchen gefüttert. Kuchen gilt als ihr Grundnahrungsmittel.

    Für den Arbeitsmarkt ist die demografische Katastrophe ein Segen. Wurden noch vor fünf Jahren ganze Arbeitslosenkollektive zu Floristen umgeschult, rufen jetzt die Pflegeberufe. Neulich ging wieder ein Stahlwerk in die Insolvenz und warf hunderte künftige Altenpfleger auf den Markt. Auf eindringliches Nachfragen der arge-Mitarbeiterinnen entdeckten die Proletarier ihre Sensibilität für den hinfälligen Mitmenschen. Mein Nachbar kam vom Termin beim Arbeitsamt nach Hause und sagte zu seiner Frau: »Die nehmen mich wahrscheinlich nicht, wegen meiner Krankheit.« - »Um Gottes Willen, was hast du denn?«, fragte die Frau. »Ganz schlimm«, antwortete ihr Mann. »Empathie!«

    Inzwischen hat sich die gesamte Volksgemeinschaft auf die demografische Katastrophe eingestellt. Am Gymnasium gewann kürzlich einer Schülergruppe mit Migrationshintergrund einen Toleranzpreis, weil die Schüler regelmäßig im Pflegeheim vorlesen. Daraufhin hat der ehrenamtliche Heimbeirat erklärt, die Toleranz liege eigentlich bei den Heimbewohnern. Sie würden die Jugendlichen aber weiter dulden, solange sie sich ordentlich betragen.

  • 27.03.2012
    Flattersatz

    Die Wahrheit verspätet sich

    Von Brigitte Zimmermann
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    Unlängst wurde gemeldet, dass eine Postkarte, vor 37 Jahren in Toronto nach Eisenhüttenstadt adressiert, in diesen Tagen dort angekommen ist. Eine beachtliche Verweildauer auf dem Postwege, aber verständlich. Denn bei der Postleitzahl fehlte eine Ziffer, die Straße war nicht angegeben und die Empfänger, ein Ehepaar, unterdessen umgezogen.

    Solche schlüssigen Erklärungen fehlen, wenn man der Frage nachgeht, warum politische Wahrheiten, vor allem unangenehme, mitunter lange brauchen, um vom Licht der Öffentlichkeit wenigstens gestreift zu werden. Man sieht es wieder bei Gauck. Erst wenn der am Freitag unfallfrei vereidigte neue Bundespräsident in die ersten Fettnäpfe getreten sein wird, die in diesem Job und bei der Eitelkeit des neuen Präsidenten immer bereitstehen, wird man die diffusen Umstände seiner Inthronisierung deutlich benennen. Statt der derzeit amtierenden Heiligsprechung, die sich teilweise nordkoreanischem Format nähert. Denn die kaum angesprochene Wahrheit ist doch, dass es sich um einen Bundespräsidenten nicht einmal der zweiten Wahl handelt, sondern der dritten oder vierten. Wenn die Herren Norbert Lammert und Andreas Voßkuhle, Präsidenten des Bundestags bzw. des Bundesverfassungsgericht, es nicht abgelehnt hätten, Bundespräsident zu werden, würde über Gauck heute keiner reden. Und offenbar sind vor Gauck auch noch der Ex-Bischof Martin Huber und der ehemalige Bundesminister Klaus Töpfer als Kandidaten zumindest kontaktiert worden.

    Man kennt durchaus Leute von Ehre, die unter diesen Umständen an Gaucks Stelle gesagt hätten: Frau Merkel, nein danke. Ich bin nicht ihr Lückenbüßer. Und schon gar nicht will ich ihre plötzliche Gunst einer ruinösen Kleinstpartei namens FDP verdanken, von der ich nicht weiß, wen sie morgen unterstützt oder was sie in ihrem Überlebenskampf noch alles anstellt. An diesem Punkt hätte Joachim Gauck dann wirklich allergrößten Respekt verdient gehabt. Aber er war nur glücklich, dass Angela Merkel keine Ziffer an seiner Telefonnummer fehlte. So ist die Sache von Anfang an nicht frei von Peinlichkeit, was sich in aller Regel rächt. Auch wenn es in der Politik ein wenig länger dauert.

    Gerade erfährt man z. B. so nebenbei, dass die schwarz-gelbe Regierung nach ihrer Vereidigung Ende 2009 ein halbes Jahr in Untätigkeit verharrte, weil seinerzeit alle wie gebannt auf den Ausgang der Wahl in Nordrhein-Westfalen im Mai 2010 starrten. Die dann die Minderheitsregierung unter Hannelore Kraft (SPD) hervorbrachte. Die damalige Lähmung, sagt CDU-Fraktionschef Volker Kauder jetzt, soll nicht wieder vorkommen, obwohl in Nordrhein-Westfalen im Mai erneut gewählt wird. Das muss er auch dringend wünschen, denn in einer unterbeschäftigten Regierung neigen manche Minister zu verbalen Eskapaden. Während des Starrens I auf Nordrhein-Westfalen leitete Guido Westerwelle im Februar 2010 den eigenen Abstieg und den der FDP mit seinem berüchtigten Dekadenz-Alarm ein. Weil das Bundesverfassungsgericht Nachbesserungen bei Hartz IV verlangt hatte, sagte er: »Wer dem Volk anstrengungslosen Wohlstand verspricht, lädt zu spätrömischer Dekadenz ein.«

    Da wollen wir bis Mai die Ohren offen halten, was sich sonst meist nicht lohnt. Denn selbstverständlich starren sie auch diesmal alle nach Düsseldorf. Sollte bis dahin in Berlin überhaupt etwas entschieden werden, sind es Vorläufigkeiten. Und Anwärter für schräge Äußerungen gibt es reichlich. An ihrer Spitze marschiert FDP-Generalsekretär Patrick Döring, der immer den rosigen Eindruck eines Büttenredners vermittelt. »Ich bin«, ließ er wissen, »rhetorisch so geschult, nicht Girlanden zu winden, sondern durchzumarschieren.« Beim ersten Durchmarsch traf er seinen Parteivorsitzenden: »Philipp Rösler ist kein Kämpfer.« Alle Schwarz-Gelben sollten beim Starren II vorsorglich eine sichere Deckung wählen.

  • 20.03.2012
    Flattersatz

    Aber bitte mit Sahne!

    Von Ernst Röhl
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    Die US-Zeitschrift »Forbes« führt unsere Kanzlerin auf Platz eins ihrer Rangliste als mächtigste Frau der Welt, unter ferner liefen Lady Gaga und die Königin von England. Und ihre Beliebtheit wächst weiter. Inzwischen hat ein französisches Umfrageinstitut herausgefunden, dass sie außerdem die höchstgeschätzte Spitzenpolitikerin Europas ist. Wirtschaftsminister Rösler dagegen gilt als Unglücksrabe und Weichei. Ein Lebensmittelterrorist bewarf ihn neulich auf der Computermesse CeBIT in Hannover mit einem Stück Torte. Der FDP-Chef, um ihn spaßeshalber mal so zu nennen, blieb zum Glück unverletzt und war sogar im abendlichen Berlin beim Großen Zapfenstreich für den geexten Ex-Präsidenten Wulff frisch gereinigt dabei. Da fragt sich der Wähler natürlich: Was hat sie, was er nicht hat?! Sie könnte es uns sagen, sagt es aber nicht.

    Tortenwürfe sind so stark in Mode gekommen, dass die Geheimdienste in Konditoreien nach dem Rechten sehen sollten. Jürgen Trittin (Grüne) musste, gleichfalls in Hannover, einen Volltreffer hinnehmen. Karl-Theodor von und zu Guttenberg, der Plagiator der Herzen und »Internetberater« der EU-Kommission, wurde im Hinterhalt eines Ostberliner Cafés zur Zielscheibe einer Tortenattacke, Tatwaffe: Schwarzwälder Kirsch. Gutti lachte herzlich über den Streich, und damit hatte sich’s. Wirtschaftsminister Rösler dagegen zeigte seinen Attentäter gnadenlos an. Die Polizei ermittelt wegen versuchter Körperverletzung, Sachbeschädigung und Tortenmissbrauchs.

    Fassungslos beobachtet die unterernährte Dritte Welt den Nahrungsmittelterrorismus eines reichen Landes. Immer öfter fliegen hier die Überraschungseier, der Luftraum über Deutschland ist cholesteringesättigt. In Rostock kuckte Westerwelle ganz verdottert, als ein C-Ei an seiner Denkerstirn zerschellte. In München schlug CSU-Generalsekretär Dobrindt die Stunde. In Mannheim und Wittenberge erwischte es vor Jahren den Basta-Kanzler Schröder - kleine Aufmerksamkeit für die Hartz-IV-»Reformen«. Auch Münte und Stoiber wurden einschlägige Opfer. In Halle warf der örtliche Juso-Vorsitzende Matthias Schipke zielzentriert Eier auf den wehrhaften Helmut Kohl, der wutschnaubend zum Gegenangriff überging. Direkt vorm Landtag in Wiesbaden empfing der inzwischen gescheiterte Bundespräsident Wulff seinen bürgernahen Treffer. Nicht einmal Alt-Präsident Richard von Weizsäcker entging seinem Schicksal. Wäre ich Joachim Gauck, ich verließe künftig nicht mehr ohne Hut und Mantel mein Schloss…

    Was ist bloß mit den Deutschen los? Warum sind sie so aggressiv? So intolerant? Warum dieser Neid auf den Ehrensold für Christian Wulff? Warum das Misstrauen gegen Wowereit, der sich - wie Wulff - mit seiner Männerfreundschaft zum »Eventmanager« Schmidt Vorteile erwulffte! Warum die Stichelei gegen den Ex-Bundespräsidenten Köhler, der, wie man liest, auf seinen Ehrensold verzichtet, weil er als Direktor des Internationalen Währungsfonds (IWF) und Präsident des Sparkassenverbands noch saftigere Pensionsansprüche erworben hat und nach der Causa Wulff Dreifachbezüge vermeiden will, um keine Causa Köhler heraufzubeschwören? Warum die Missgunst gegen Finanzminister Schäuble, den eine Kamera im Bundestag während der Debatte übers nächste Rettungspaket beim Sudoku-Raten ertappte?

    Und was, bitte, hat das gnatzige deutsche Volk dagegen einzuwenden, dass die Staatsanwaltschaft gegen den Bundestag ermittelt, weil dessen Verwaltung 40 Honorarkräfte konspirativ als Scheinselbstständige beschäftigt und für sie keine Sozialversicherungsbeiträge zahlt? Der Trick nennt sich Steuerhinterziehung. Der Gesetzgeber ist demnach so frei, gegen eigene Gesetze zu verstoßen. Frage: Ist der Bundestag etwa ein Scheinparlament? Zusatzfrage: Steckt hinter der Abkürzung BRD vielleicht die Bananenrepublik Deutschland?

  • 13.03.2012
    Flattersatz

    Es hätte so schön sein können!

    Von Mathias Wedel
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    Vorige Woche begegnete mir der Untermensch! Es war in Bayern, wo ich hinlänglich lustige Texte vor aufgeräumtem Publikum verlas. Hernach scherzten wir einander noch ein wenig an, während ich beiläufig Bücher losschlug.

    Ein gebeugtes Paar trat heran und berichtete stolz, »noch vor dem Russenabitur aus der Zone geflüchtet« zu sein. Eine Dame schloss sich überschwänglich an - sie habe im August 1989 »unter größten Gefahren diesem Regime dem Rücken gekehrt«. Schließlich wanzte sich ein fideler Alter in die kleine Runde: Dieser Putin, sagte er lachend, das sei es doch - »die Fratze des Untermenschen«.

    Wir lachten herzlich. Ich tat so, als hätte er einen Witz versucht, und verpflichtete mich innerhalb von Sekundenbruchteilen zu glauben, der Alte sei ein wacher Demokrat und habe mit seiner Bemerkung die hetzerische Berichterstattung der Leitmedien über die Russland-Wahlen persifliert. Denn man schlägt keinen Leser. Doch dann wandte sich die Dame, die '89 geflohen war, bewundernd an den Alten: »Das traut sich nicht jeder, das zu sagen!«

    Nein, das sagt nicht jeder. Aber jetzt vielleicht immer mehr. Zwar ist die Februarrevolution in Russland trotz aller Anfeuerungen aus den USA und Deutschland und der leidenschaftlichen Anteilnahme ihrer Geheimdienste mit zuletzt gerade mal 2000 Demonstranten in Moskau krepiert. Aber Tage zuvor hatte es nach Sieg ausgehen. Denn da hatte die gesamte freie Welt in Wladimir Putin - der sich von den Russen zärtlich Wolodja nennen lässt, der Kosename des finsteren Lenin - als abgefeimten Widerling und zynischen Verächter seines Volkes erkannt. Das Wort »Diktator« wurde zwar vermieden - es ist für den Weißrussen Lukaschenko reserviert, in dessen Herrschaftsgebiet beinahe jährlich eine Revolution versucht wird -, aber ein »Autokrat« ist Putin wenigstens. Wenn ich nicht irre, hat er Stalins Gulag-System wiedererrichtet. Das zumindest legen zahlreiche Fernsehreportagen aus russischen Gefängnissen nahe. Er erschießt eigenhändig Journalisten, Sender und Zeitungen und bringt Milliardäre ohne ersichtlichen Grund mit Hilfe Roland Freislers & Hilde Benjamins lebenslang hinter Gitter. Er ist ein Stasimann reinsten Wassers, der noch vor gut 20 Jahren Dresden samt angeschlossenen Dörfern in Angst und Schrecken hielt. Er trainiert seinen Körper, um weiter Böses tun zu können und, wie einst Hitler, Frauen zu verwirren. Im Prinzip ist alles klar - und es hätte so schön sein können!

    Es klappt zwar nicht immer, aber Farb-, Blumen- und Jahreszeitenrevolutionen (Rosen in Georgien, Orange in der Ukraine, Zedern im Libanon, Tulpen in Kirgistan, Frühling im arabischen Raum) sind der erfolgreichste Exportartikel der USA. Der Prototyp war im Jahr 2000 der Sturz Milosevics - noch ohne Blumennamen, aber ein voller Erfolg. Seitdem reisen die Fachingenieure zur Revolutionsauslösung um die Welt.

    Vor Wahlen werden Wahlfälschungen vorausgesagt. Wie fein das die Leute auf die Palme bringt, haben die Geheimdienste wohl erstmals an den gefälschten Kommunalwahlen 1989 in der DDR studiert. Dann werden Kameras aufgestellt und ein Mädchentrio protestiert »oben ohne«. Eine »junge, moderne, gebildete, ehrgeizige Mittelschicht« wird erfunden, die vor allem twittern und E-Mails verschicken kann. Ihre Helden sprechen Englisch, haben im Westen studiert und sind fit in Marketing. Nach dem Sieg werden sie Präsidenten, Bürgermeister oder Intendanten.

    In Russland standen gefälschte Wahlen mit anschließender Flucht Putins nach Nordkorea bevor. Kurz nach Schließung der Wahllokale waren es noch »tausende massive Manipulationen«. Später sprach man von »Mauscheleien« (das Jiddische setzt nicht nur Juden, auch andere Untermenschen herab). Zum Schluss gab es hier und da »Unregelmäßigkeiten«.

    Der Untermensch Wolodja wird meinem lustigen bayerischen Leser eine Weile erhalten bleiben.

  • 06.03.2012

    Viel Schein, wenig Sein

    Die Teilnahme an der Herstellung des Bruttosozialprodukts in diesem Lande verlangt leider Eigenschaften, die charakterschädigend sind. Fortwährend geht es darum, etwas darzustellen, sich selbst oder ein Produkt, also Schwächen zu verbergen und Stärken zu betonen. Und vor allem nichts preiszugeben, was nachteilig ausgelegt werden könnte. Viel Schein, erst recht bei wenig Sein. Den lieben langen Tag wird man mit Höflichkeitsfloskeln und Empfehlungen zugeschüttet, von denen die einen gar nicht mehr wissen, dass sie sie von sich geben. Und die Zielpersonen, so sagt man heute, wissen genau, dass sie es alles andere als persönlich nehmen dürfen. Denn es liegen antrainierte Reflexe vor. Der Tag wird für keinen besser, auch wenn ihm fünfmal zugerufen wurde, er möge schön und gut werden.

    Die ganze Verstellerei erkennt man am deutlichsten an der Sprache. Man sagt heute nicht einfach etwas oder diskutiert mit jemandem. Nein, es möchte schon ein wenig gehoben klingen, also stellt man etwas in den Raum. Früher stellte man zuvorderst Möbel in den Raum, heute stößt man dort auch auf Satzbauten, manchmal sogar auf eine Drohung. »Ich würde hier erst mal eine Drohung in den Raum stellen«, heißt es in einem der zahllosen Blogs. Übrigens ist der virtuelle Raum extrem vermüllt mit gedrechseltem Sprachgut, in teils sagenhafter Orthografie. »Ich möchte hier einfach mal in den Raum stellen, dass geschlossene Verträge zu erfüllen sind.« Jawohl, pacta sunt servanda, sagte der alte Römer schlicht. Aber der damals bekannte Weltenraum war auch noch etwas kleiner. Manche stellen Sätze in den Raum, die als Erheiterungselemente wirken können. Wegen der lange milden Temperaturen dieses Winters verlautbarte der Hessische Rundfunk: »Viele Pflanzen stehen schon in den Startlöchern.« Das ist doch schön. Ein Fußballreporter meldete: »Der Spieler liegt mit einer Grippe platt.« Angela Merkel sprach von »der Wirkung in der tatsächlichen Realität«. Ex-Bundespräsident Wulff gab zu Protokoll: »Es war ein sehr emotionales Gefühl.«

    Die Ursache für derlei Unglücksfälle im überfüllten Sprachraum ist leicht zu finden und lautet neumodisch: Die Verfasser konnten gerade ihre Leistung nicht abrufen. Denn man macht heute nicht einfach sein Zeug, sondern man ruft seine Leistung ab. Dieses scheinbar harmlose Sprachbild ist sehr funktional. Es grenzt ganz nebenher erst einmal alle aus, die gar keine Gelegenheit bekommen, ihre Leistung abzurufen. Und es verdeutlicht wie selbstverständlich den einzigen Zusammenhang, dem wir alle immer ausgesetzt sind: den Verwertungszusammenhang. Beim Bundespräsidenten in spe müsste das ein sehr emotionales Gefühl auslösen. Denn er ist, ausweislich dessen, was er jüngst in den Raum stellte, ein Anhänger der Dreieinigkeit Freiheit-Leistung-Verantwortung. Zum Präsidenten aller Deutschen ist es da noch ein Stück Weg. Modern ausgedrückt: Er müsste ein paar andere Zeichen setzen.

    Schließlich sagt man heute auch nicht einfach schließlich, sondern »Am Ende des Tages«. Ein nahezu lyrisch überhöhter Anflug, der meist nicht zum Inhalt passt, der gerade sprachlich ausgeklinkt werden soll. Macht nichts, auf den hohen Ton kommt es an. »Am Ende des Tages«, sprach der Politikerdarsteller zu Guttenberg, »wird die Bundeswehr kleiner sein.« Es werden mehrere Enden des Jahres vergehen, stellte sein Nachfolger nüchtern fest, bevor die Bundeswehr verkleinert sein wird. Aber der Satz vom Ende des Tages stand erst mal wie gemeißelt. Voll daneben auch der Fußballreporter Laaser beim Spiel Stuttgart-Benfica Lissabon nach leichter Abwehraktion: »Am Ende des Tages kein großes Problem für Roberto.« Das Spiel ging noch eine ganze Weile weiter.

    Die wirkliche Realität verträgt keine präzise Ausdrucksweise. Man muss sie sprachlich in ein besseres Marktsegment heben. Das stellen wir jetzt mal in den Raum.

  • 28.02.2012

    Der Super-Gauck

    Von Ernst Röhl

    Goethe war ja auch nicht von Pappe. Doch wenn er zu einer Dichterlesung erschien, passierte nur herzlich wenig. Er langte lässig in seine Aktentasche, zog den »Faust« raus, setzte die Lesebrille auf, las zwei Stunden lang was vor und ritt wieder nach Hause. Wenn dagegen Joachim Gauck aus seinem Hauptwerk liest, ist Gefahr im Verzug, dann ist Winter im Sommer, Frühling im Herbst und höchste Alarmstufe. In Fürth reiste er am vergangenen Freitag mit Bodygards an, einer Art Prätorianergarde, der ich nicht im Dunkeln begegnen möchte. Die Einlasskontrolle aber war noch verbesserungsfähig; nicht einmal Nacktscanner kamen zum Einsatz. Warum eigentlich nicht?

    Das eine muss man Gauck lassen: Er macht aus seinem Herzen keine Mördergrube. Die Kanzlerin persönlich würdigte 2010 seinen 70. Geburtstag mit einer Laudatio. Sie sei stolz auf die gemeinsame Ostbiografie, sagte sie, und auf den Mut zur friedlichen Revolution … Maliziös lächelnd, doch hart in der Sache erwähnte der Jubilar Merkels Karriere in der FDJ: »Aber man musste, liebe Frau Bundeskanzlerin, nicht unbedingt Sekretärin für Agitation und Propaganda werden.« Ein frecher Hund!

    Zum Glück ist unsere Kanzlerin nicht nachtragend … Doch sie vergisst auch nichts! Neulich bei der Kandidatenkrönung hat sie ihn zunächst nicht gewollt. Den? Niemals! Nur über meine Leiche! Unversöhnlich gab sie für ihre CDU den Schlachtruf aus: »Eins ist klar, Gauck wird's nicht!« Doch seit dem Atomausstieg meint sie, sie schulde der Geschichte wenigstens alle fünf Minuten eine ihrer jähen Wendungen, darum wurde Gauck es dann doch.

    Und schon ging lang und breit in Wort und Schrift das endlose Gesülze los: über den neuen Präsidenten der Herzen, den reisenden Demokratielehrer, seine Liebe zur Freiheit, seine geistige Nähe zu Sarrazin und die Nähe Sarrazins zu Gauck, Zitat: »Ich schätze Gauck sehr.« Es fehlte nicht mal das tolle Fotomotiv aus den Tagen der »Causa Wulff«, die Szene mit den fantastischen Drei: Carsten Maschmeyer, Veronica Ferres, in der Mitte aber zur Abwechslung nicht Wulff, sondern der sieghaft in die Kamera feixende Super-Gauck. Wie so viele andere Betrachter hatte auch ich das Bild zunächst für eine Fälschung gehalten, für eine satirische Fotomontage, aber nein, es war echt, echter geht's gar nicht. Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft, große noch viel lieber - so deutet Transparency International die Botschaft des Schnappschusses.

    Niedriglöhner aber, Aufstocker und Hartzis müssen jetzt sehr stark sein. Außer der Arschkarte haben sie vom künftigen Herrn auf Schloss Bellevue nichts zu erwarten. Nach eigenem Bekenntnis ist er politisch nicht nur links, sondern auch liberal und vor allem konservativ und fand es schon vor Jahren »töricht«, dass »der Protest gegen Sozialreformen unter dem Namen Montagsdemonstrationen stattfand«. Dass viele Menschen mit Hartz IV auf die Rutsche in die Armut geraten, hat ihn bislang nicht öffentlich hörbar empört. Und es ist ihm piepegal, dass sogar Peter Hartz, der Namenspatron, das »Vierte Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt« am liebsten verleugnen möchte. Noch heute fangen, wenn der Name Hartz fällt, Mütter an zu weinen, und die Kinder verstecken ihre Sparschweinchen. »Hieße ich Leutheusser-Schnarrenberger«, argumentiert Peter Hartz, »wäre mir dieses Schicksal erspart geblieben.«

    Die deutsche Presse aber warnt besorgt vor der Machtübernahme durch den Osten. Die »ZEIT« schreibt, Merkel und Gauck, »lange eingemauert in einer Diktatur«, hätten diese »erfolgreich gestürzt«. Die beiden »stehen letztlich für eine Eroberung des Westens durch den Osten«. So isses: Merkel hat den Schröder abgelöst und Gauck den Wulff. Nun ist es nur noch eine Frage der Zeit, dass Achim Menzel den Thomas Gottschalk ersetzt, Michael Ballack den FC Bayern übernimmt und Egon Krenz die Not leidende FDP.

  • 21.02.2012
    Flattersatz

    Sonnige Tage

    Von Mathias Wedel
    1

    Vor einigen Jahren habe ich damit begonnen, meine Urteil über die Westdeutschen zu relativie-, verifizie- und differenzieren. Bis dahin hatte ich sie für geldgierige Idioten gehalten, die Bücher aus der »Spiegel«-Bestsellerliste lesen. Bei Lesungen passierte es mir jedoch zunehmend, dass im Publikum vorrätige Westdeutsche höflich, sprachlich präzise und nicht ohne Selbstironie darum baten, von dieser Wertung ausgenommen zu werden. Der Zweifel nagte an mir.

    Inzwischen habe ich für manche oder manchen aus dem Staatsvolk der Westdeutschen freundliche Worte gefunden, wie »nicht unübel« oder »bei Dunkelheit erträglich«. Kaffeehausbekanntschaften habe ich sogar mit Komplimenten bedacht, wie »dir sieht man Bielefeld nicht an«.

    Vielleicht war das voreilig: Die vergangene eisige Februarwoche verbrachte ich auf einer Liege am Hotelpool in Maspalomas auf Gran Canaria, direkt unterm Leuchtturm. Dazu zwang mich die Tatsache, dass sich die Person, mit der ich reiste, beim Herabschreiten der Gangway den linken kleinen Zeh verstauchte, dieser bedrohlich anschwoll und sie, also die Person, zum vollständigen Erliegen brachte. Es war ein Akt sprichwörtlicher ostdeutscher Solidarität, dass ich ihr beilag, ihren Zeh kühlte und generös vorgab, auf Strandläufe und Wanderungen in die Berge verzichten zu können.

    Die Hessen, Westfalen und Niedersachsen um uns herum politisierten lauthals. Es waren gemeinsam dick und reich gewordene Ehepaare mit schweren goldenen Ketten und Ringen und furchtbar verwachsenen Körpern, wie sie in Gebieten vorkommen, die von der SDAG Wismut verstrahlt wurden. Sie hatten all inclusive gebucht und fiepten nach den Eingeborenen, den Canaris, die ihnen Fraß und Trunk nachfüllen mussten. Sie hatten ihr Zentralblatt entfaltet, soweit es die Armfreiheit zuließ. Zuvor entbrannte stets ein neckischer Streit, wer die »Bild« zuerst lesen und das Privileg genießen durfte, aufregende »Stellen« in die Luft (21 Grad Celsius) rufen zu dürfen. Sie sagten: »Aber er ist doch immerhin noch unser Präsident.« - »Die Griechen sind wie die Ossis, die kleben uns ewig am Hacken.« - »Die Merkel, alle Achtung, wusstest du, das sie aus Hamburg stammt?« - »Nun sag mal bloß, warum sie den Gaddafi erschossen haben, die Benzinpreise steigen und steigen.« - »Die Bettina Wulff ist doch kein Deut besser als die Wagenknecht. Wenn der Wulff zurücktritt, krallt die sich den Lafontaine!«

    Nach der Lektüre erhoben sich die Paare von den Liegen, richteten die ihnen angewachsenen sackartigen Gebilde und besuchten andere Paare, die liegenblieben. Bei diesen Besuchen erzählten sie einander im Schnelldurchlauf, wie sie ihre Vermögen gemacht haben: »Meine Großmutter hat reich ins Rheinland eingeheiratet.« - »Mein Mann war fast 20 Jahr lang im Vorstand von Miele, die Küchen, Sie wissen schon - sag doch auch mal was, Gerhard.« - »Ich war Studienrat in Bonn, bis ich mir sagte, das kannst du nicht mehr verantworten, was die mit den Kindern machen.« Zwischendurch erwiesen sie sich als historisch bewandert: »Wer den Zweiten Weltkrieg angefangen hat, ist ja immer noch umstritten.« - »Als die Mauer fiel, habe ich zu Angelika gesagt - stimmt’s Angelika? -, das erlebste nur einmal, hab ich gesagt. Wie eine Kreuzfahrt, die machste ja auch nur einmal.« - »Russen sind hier gottseidank nicht, denen fehlt hier der Yachthafen. Aber den Polen haben wir viel zu verdanken. Besonders dem Papst, der schon tot ist.«

    Frau Wegner aus Detmold (Kurz- und Lederwaren) war gegen elf nur mal kurz »auf Zimmer« und kam wieder runter: »Jetzt ist es passiert. Der Wulff ist zurückgetreten.« Für einen Moment war Stille. Dann sagte Dr. Zeisler, der sein weinrotes Einstecktuch auch im Bademantel trägt: »Da müsse mer jetzt sähr aufpasse. So was nutzen gerne de Kommuniste. Isch sage nur: Hindenburg!« Und ging unter die Dusche.

  • 14.02.2012
    Flattersatz

    Superstar Deutschland

    Von Brigitte Zimmermann
    1

    Für Menschen ohne Furcht vor Selbstblamage existiert offenbar in Ewigkeit die Sendung »Deutschland sucht den Superstar«. Dieser Titel ist allerdings irritierend und läuft Gefahr, am Wesentlichen vorbeizuzielen. Denn Deutschland ist der Superstar, falls das noch nicht alle gemerkt haben. Es leuchtet in seiner Vorbildlichkeit. Sagt jedenfalls der französische Präsident Sarkozy, dem freilich die Abwahl droht. Auch die Kanzlerin betont ausdauernd, wie gut »wir« aus der Krise gekommen sind. Was der Nachfrage schon deshalb wert ist, weil die Schuldenkrise andauert. Und wer ist »wir«?

    Wenn Merkel »wir« sagt, meint sie niemals alle. Sie misst das am Erfolg der in vieler Hinsicht abgabenbegünstigten deutschen Unternehmen und Unternehmer, die im Jahre 2011 für 1,06 Billionen Euro Exporte realisiert haben. Rekord. Nicht zuletzt mit Hilfe des durchgehartzten Arbeitsmarkts, der über viele prekäre Anstellungsverhältnisse die Lohnkosten verbilligt. Gesetzlicher Mindestlohn ist ja nicht, da sei Frau Merkel persönlich vor. In ihrem »wir« steckt zudem gepflegtes Selbstlob für sich und ihre Regierung. Was nicht ganz falsch ist, weil es bei dem eingeschlagenen Zickzack-Kurs in der Krise durchaus hätte schlimmer kommen können - und noch kommen kann.

    Genau hinschauen darf man nämlich nicht. Beim geistig-moralischen Zuschnitt des Großteils der uns Regierenden wirkt jede mittlere Talkshow wie ein Professorenkollegium. Es agieren Großschaumschläger (Guttenberg, Koch-Mehrin, tendenziell von der Leyen), Abgreifer ohne jede Scheu vor Selbstblamage (Wulff), Amokläufer (Dobrindt) und Versorgungssucher für eigene Parteifreunde (Niebel). Dazwischen andere Mitleid erregende Stümper aus jener Regierungspartei, die in Umfragen auf eine Zwei vorm Koma herabblickt.

    Das gehört zum Fundament, auf dem sich die Kanzlerin anschickt - wenigstens verzichtet sie hier auf das »wir« -, die Franzosen wissen zu lassen, wen sie im Mai zum Präsidenten wählen sollen. Sie wünscht Sarkozy. Da entbehrt sie der Vorstellungskraft, was ihre Leute anstellen werden, wenn trotzdem der Sozialist Hollande gewählt wird, wonach es aussieht. Der untersteht sich vielleicht, seinerseits hier aufzuschlagen und im Bundestagswahlkampf 2013 genauso schamlos den SPD-Kandidaten zu unterstützen. Amokläufer Dobrindt wird dann nicht nur das Verbot der Linkspartei, sondern auch der SPD verlangen und eine Neuauflage des deutsch-französischen Krieges von 1870/71 fordern. Da ging es auch um Thronfolgefragen.

    Es gibt weitere innere Gründe, die nahe legen, den Franzosen ihre Entscheidung selbst zu überlassen. Wir, in diesem Falle ist der Ausdruck angebracht, stehen vor der Welt mit einer Neonazi-Mordserie da, von 13 nicht aufgeklärten Banküberfällen zu schweigen, die über ein Jahrzehnt schlampig verfolgt und unverschämt gar den Opfern angelastet wurde. Auch jetzt wird mehr Tamtam gemacht, als tatsächlich geschieht. Es gibt Untersuchungsausschüsse und Kommissionen, aber auch hochgradig Interessierte, die ihre Blindheit nach rechts kaschieren wollen und werden. Ermittlungserfolge sind kläglich. In Haft sitzt einer, der »um 2000« den späteren Mördern eine Waffe besorgt haben soll. Auch wenn man selbst unter seinen entferntesten Bekannten keinen haben will, der anderen Pistolen besorgt: Als Haftgrund wird angegeben, er habe billigend in Kauf genommen, dass damit Verbrechen begangen werden könnten. Vielleicht ist das juristisch haltbar, nur war damals noch kein einziger Mord geschehen. Was aber haben Hunderte hoch bezahlte Ermittler folgenreich in Kauf genommen, als die Mordserie sich fortsetzte und ihnen die einschlägig bekannten Verdächtigen immer wieder aus dem verengten Blickfeld gerieten? Da müsste ein ganzes Untersuchungsgefängnis voll sein.

    Vor unserer eigenen Tür gäbe es viel zu tun.

  • 07.02.2012

    Viel Feind', viel Ehr'

    Von Ernst Röhl

    Als es den Euro noch gar nicht gab, stand das deutsche Wesen schon hoch im Kurs, sogar in Kreisen des organisierten Verbrechens. Kleiner Scherz von damals: Ein Deutscher, ein Grieche und ein Italiener planen einen Bankraub. Chef des Unternehmens ist unser Landsmann, darum klappt der Bruch auch wie am Schnürchen. Die Drei erbeuten einen großen Haufen großer Scheine, und dann wird brüderlich geteilt: Der Deutsche schnappt sich einen Tausendmark-Schein, schiebt dem Griechen einen Tausenddrachmen-Schein rüber, dem Italiener einen Tausendlire-Schein usw. Begeistert sagt der Grieche zum Italiener: »Du kannst über den Deutschen ja erzählen, was du willst - aber korrekt isser!«

    Dieses Expertenurteil bestätigte sich neulich auf dem Euro-Gipfel in Brüssel. Unsere Kanzlerin verkaufte Schuldenbremsen en gros und empfahl wärmstens ihren handgestrickten Fiskalpakt. »Der Fiskalpakt«, sprach sie,« ist eine Meisterleistung!« Doch nicht all ihre Blütenträume sind gereift. Noch macht sie sich Sorgen um das überschuldete Griechenland; denn die Griechen sind extrem beratungsresistent. Schon ihre Babys tanzen aus der Reihe. Wenn die mal müssen, rufen sie nicht »A -A!« sondern »Alpha-Alpha!«

    Kein Wunder, dass Angela Merkel mit dem Gedanken spielt, ihnen die Hoheit über ihren Staatshaushalt zu entziehen. Vergangenen Herbst fragte ein besorgter Hellene, wann sie denn aufhören werde, ständig neue Opfer zu verlangen. Historische Antwort der Kanzlerin: »Erst wenn Papandreous Augenringe kleiner sind als meine!« Auch Philipp Rösler, Zuchtmeister einer Zwei-Prozent-Partei, redet Tacheles: »Unsere Geduld mit Griechenland neigt sich deutlich dem Ende zu!«

    So ähnlich empfinden wir wohl alle, gell? Warum, fragen wir, will der Grieche nicht so sein wie wir Deutschen? Was hat er gegen deutsche Tugenden wie Bescheidenheit, Pünktlichkeit, Unbestechlichkeit sowie Treu’ und Redlichkeit? Was hat er gegen sinkende Niedriglöhne? Warum sperrt er sich gegen den Spargedanken? Wir meinen es doch nur gut mit ihm, aber natürlich fragen wir auch: Grieche, können wir dir trauen? Er muss doch nicht erschrecken, weil demnächst in Athen ein Sparkommissar die Geschäfte übernimmt, ein Euro-Sheriff für die Wiege der Demokratie, ein Budget-Kommissar, den griechische Spaßvögel feixend als »Gauleiter« bezeichnen. Überhaupt sind gewagte Scherze in Kerneuropa Mode geworden. In Rom nennen sexistische Tenöre unsere Kanzlerin ungestraft »die Fettärschige«, und ein Berlusconi-Blatt zündet Knallschoten um den Kapitän der COSTA CONCORDIA: »Wir haben Schettino, ihr habt Auschwitz!«

    Das ist er, der italienische Humor. Ist er das? »Il Giornale« reagierte damit auf den »Spiegel«. Dessen Autor Jan Fleischhauer, stolz, ein Deutscher zu sein, fragte mit rassistischem Ton: »Hat es irgendjemanden überrascht, dass der Unglückskapitän Italiener ist? Kann man sich vorstellen, dass ein solches Manöver inklusive sich anschließender Fahrerflucht auch einem deutschen Schiffsführer unterlaufen wäre?« Es konnte einfach nicht gut gehen, schreibt der Durchblickologe, »verschiedene Kulturen in die Zwangsjacke einer gemeinsamen Währung zu sperren«. Um das zu erkennen, hätte »ein Besuch in Neapel oder auf dem Peloponnes gereicht«.

    Solche Besuche lassen sich schon bald nachholen. Dafür ist der Sparkommissar ja da. Und an den Humor der Griechen und Römer wird er sich gewöhnen. In Europa blüht nun mal der Flachs, und was sich neckt, das liebt sich…

    Übrigens, kennen Sie den? Deutsche Patrioten sollten bei der Einnahme von Viagra mögliche Risiken und Nebenwirkungen beachten und stets zwei Tabletten auf einmal schlucken. Wer sich mit einer einzigen Pille begnügt, läuft Gefahr, dass bloß der rechte Arm hochschnellt.

    So übermütig, lieber Volker Kauder (CDU), spricht man Deutsch in Südeuropa.

  • 31.01.2012

    Wie aus Ossis Nazis wurden

    Flattersatz von Matthias Wedel

    Das folkloristische Treiben des »Zwickauer Trios«, das am Wegesrande seiner Wanderungen durch westdeutsche Felder und Auen knapp geschätzt zehn Tote zurückgelassen hat, löste in der Stasiunterlagenbehörde Freude aus. Und zwar Arbeitsfreude! Und Vorfreude: auf Pressekonferenzen, auf Forschungsprojekte mit entsprechender finanzieller Ausstattung, auf feingesponnene Publikationen im Links-Verlag und frische Wortmeldungen von Freya Klier und Vera Wollenberger. Sonst sitzt man dort herum und muss zum -zigsten Mal dieselben Leute entlarven oder das »ungeheure«, »nicht erlahmende« und sogar »überraschende« Interesse an den Stasiakten in Zahlen ausdrücken. Manchmal organisiert man sich Publicity. Wenn beispielsweise Mielkes personengebundene Toilette endlich mit einer westlichem Standard entsprechenden Wasserspülung ausgerüstet wurde, dann eilen die Journalisten herbei und schildern diesen »Ort des Grauens«, dieses »Gruselkabinett« und schleichen Schulkindern mit der Kamera nach, die vor Mielkes Schreibtisch weisungsgemäß den kalten Atem des Kommunismus spüren, von Gänsehaut, Schluckauf oder Durchfall befallen werden.

    So soll das weitergehen, denn mit den Stasiakten wird nach dem Willen fast aller im Bundestag vertretenen Parteien weiter Politik gemacht - mindestens so lange, wie es die DDR gegeben hat.

    Zuletzt war die Behörde wohlig enthusiasmiert, als westdeutsche Wissenschaftler (der weltbekannten Zeppelin-Universität in Friedrichshafen) ein Patentrezept dafür entwickelt hatten, wie man alles, was irgendwie doof oder eklig oder auch nur unangenehm ist, mit der Stasi begründen kann. So ist die Anzahl von Teenagerschwangerschaften in jenen ostdeutschen Landstrichen besonders hoch, in denen es die meisten IM gegeben hat (die natürlich als Bürgermeister, Übungsleiter im Frauenfußball oder Friedhofsgärtner immer noch die Gesellschaft vergiften bzw. 14-Jährige schwängern). Genauso verhält es sich mit der Zahl der Schulabgänger, die nicht schwimmen können, der Erwachsenen mit schmerzhaftem Fersensporn und der Senioren, die beim Ladendiebstahl ertappt werden. Außerdem sterben in stasikontaminierten Gegenden die Menschen ein halbes Jahr früher als woanders, sind häufiger kleinwüchsig, rachitisch oder alkoholabhängig.

    Sie sind auch viel öfter Nazis! Die Stasiakten müssten neu gelesen werden, verkündete neulich der Behördenleiter Jahn (wenn auch sprachlich nicht so flüssig, wie es hier geschrieben steht). Insofern war das Wirken des »Zwickauer Trios« segensreich - denn jetzt wird klar: Es handelte sozusagen auf Anweisung von Stasi und Politbüro. Noch ist die Befehlskette nicht lückenlos aufgedeckt. Aber waren der Vater und ein Onkel von dem einen Mörder nicht IM? Wurde nicht in vielen Familien hoher Stasi-Offiziere Führers Geburtstag feuchtfröhlich gefeiert? Fühlte sich Beate Z. nicht zeitweise - so ähnlich wie Angela Merkel - zur FDJ hingezogen? War das Handeln der Bande nicht »hochkonspirativ«, ihre Tarnung »perfekt«, wie man es nur im MfS-Ferienlager gelernt hat?

    Wie gelang es der Stasi, den Neofaschismus zu einer beliebten Freizeitbeschäftigung ostdeutscher Jugendlicher zu machen? Das zu erklären ist nicht leicht. Das kann nur einer: Markus Meckel. Der erklärte es im Radio so: Der staatlich verordnete Antifaschismus der SED war eine solche Qual, dass er viele Jugendliche in den Neofaschismus trieb, als Widerstandshandlung. Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt sind also Widerstandskämpfer gegen das DDR-Regime - allerdings Spätzünder. Ob sie nun auch in die Heldenreihe Arnold Vaatz - Vera Wollenberger - Markus Meckel - Bärbel Bohley aufgenommen werden? Diese Frage kann man wohl erst nach gründlichster Neubewertung der Stasiakten durch Roland Jahn und seine fleißigen Mitstreiter beantworten.

  • 24.01.2012
    Flattersatz

    Auf dem Weg zum Emir

    Von Brigitte Zimmermann
    1

    Als ich mich jüngst auf den Weg zum Emir dachte, noch in Berlin und nicht sicher, ob Exzellenz mich überhaupt sehen will, sortierte ich meine denkbaren Sünden, damit mir die orientalische Nummer in Katar nicht zur Hölle geraten kann. Die Strenggläubigen lauern einen ja überall auf.

    Meine erste Prüfung galt der Frage, ob ich irgendwann auf die mir mögliche Weise ein Amt beschädigt habe. Ich bin da, ehrlich gesagt, nicht unambitioniert, aber es reichte bisher nicht zum Schadensfall. Dass ich beispielsweise die Dame im Kanzleramt für stark überschätzt halte, tut nichts zur Sache. Wenn dieses Licht eines Tages auch anderen aufgeht, haben es sowieso alle vorher gewusst. Um aber das Finanzamt zu beschädigen, fehlen mir erstens die großen Einnahmen, um ordentlich etwas vorzuenthalten. Und es fehlen mir zweitens, viel wichtiger, die Winkeladvokaten, die in diesem Falle dann nachweisen, dass mir das Finanzamt etwas schuldet und nicht ich ihm.

    Gern würde ich auch eine halbamtliche Institution wie die Deutsche Bahn beschädigen. Doch ich komme nicht dazu. Weil ich alle Hände und Füße voll zu tun habe, die Schädigungen abzuwehren, die mir dieses zu oft im Stand verweilende Mobilitätsunternehmen zumutet. Dazu Hochofentemperaturen oder Kühlschrankkälte, Türen, die sich nicht schließen lassen und zu wenig Platz für Gepäck. Welches dann nicht griffbereit ist, um dem Fahrscheinkontrolleur zur Strafe eine kleine, schnell vernarbende Schädigung zuzufügen.

    Im Hinblick auf das Kreditgeschehen sieht es ebenfalls nicht so aus, als könnte mich in Katar ein Schlag treffen. Weil ich als unheilbar Ostsozialisierte erstens nicht auf die Idee komme, mir für eine halbe Million Euro, die ich nicht besitze, ein Haus zu kaufen. Man kann sich auch in einer Hochhauswohnung über jeden neuen Tag freuen. Kein Scherz. Zweitens, sehr entscheidend, würde mich jeder Bankvertreter bei einem Kreditwunsch in dieser Höhe mit rollierenden Augen anschauen, aber keinen rollierenden Geldmarktkredit zu lachhaften Zinsen herausrücken. Seine Sehwerkzeuge würden anzeigen: Die Ostdeutschen kriegen wir nicht mehr groß. In Bezug auf Kreditsummen stimmt das auch meistens.

    Auf dem Felde des Journalismus und seines entgrenzten Jagdtriebs auf dem Boulevard müsste ich aus dem Schneider kommen: Ich bin nicht wichtig genug und habe zudem die falschen Freunde. Auch Träger größerer Namen unter ihnen laden mich nicht zu Mitnahmeeffekten irgendeiner Art ein. Mitgenommen bin ich zuweilen nur von den heftigen Debatten, die wir untereinander führen. Aber das ist auch bei strengster Auslegung des Gesetzes wohl kein geldwerter Vorteil. Und wenn man selbst gelegentlich schreibt, stellen sich die Fragen ohnehin etwas anders. Ich muss erstens die Offenlegung meiner von mir selbst verfassten Schandtaten, Herr zu Guttenberg grüßt nochmals kurz, nicht per Anruf beim Chefredakteur verhindern oder einen Tag aussetzen lassen. Eine schwache Performance ist heute schlecht und morgen leider auch noch. Zweitens sind die kleinen Mitnahmeeffekte, die man selbst gewähren könnte, leicht abzuwehren. Manche Autoren/Autorinnen schicken mir Bücher, weil sie meinen, ich müsse sie für diese oder eine andere Zeitung rezensieren. Das läuft ins Leere. Ein Pressesprecher hätte bei mir gar nichts zu schaffen.

    Summa summarum: Ich gehöre, wie viele Millionen, zu den wahren Privilegierten in diesem Lande. Die Gelegenheiten, Günstling der oft nur vermeintlich Schönen und wirklich Reichen zu werden, bewegen sich gegen null und werden im geringfügigen Fall streng bestraft. Das muss immer bedacht werden. Dagegen die ewigen Versuchungen auf höchster Ebene, wo man Straffreiheit erlangen kann, notfalls über einen ewigen Untersuchungsausschuss! Da liegen die potenziellen Opfer wirklich auf der Straße.

  • 17.01.2012

    Die verarschte Republik

    Flattersatz von Ernst Röhl

    Der Bundespräsident, eine moralische Instanz, ist in Stahlgewitter geraten. Sagt er. Sein Krisenmanagement, hören wir, sei miserabel. Er flunkert am laufenden Band, vielleicht lügt er sogar, und steckt bis Oberkante Unterlippe in seiner Glaubwürdigkeitslücke. Auch gegen die Pressefreiheit, die ein hohes Gut ist, hat er sich versündigt. Das Interview aber, das er ARD & ZDF gewährte, überzeugte seine Zuschauer. Davon, dass er noch im Amt ist, wenn auch nicht in Würden.

    Manch einer wird dies bedauern, die Kölner Jecken aber sind häppi über die »Causa Wulff«, die ihnen jede Menge Lacher liefert. Die Büttenredner verklären Wulff zum Schlossgespenst von Bellevue, zum Schaf im Wulffspelz oder, weil er fest am Sessel klebt, zum Pattex-Präsidenten. Immer größer wird die Zahl der Feinde, die seinen Rücktritt fordern. Mit so was aber mag er sich nicht anfreunden, denn er genießt ja das »vollste« Vertrauen der Kanzlerin. Außerdem schreibt das Grundgesetz zwingend vor, dass ein Bundespräsident gar nicht zurückgetreten werden darf. Eine so volkstümliche Entscheidung könnte nur er allein treffen.

    Aber weiß man, ob mit seinem Rücktritt viel gebessert wäre? Können wir denn sicher sein, dass der Glückliche, der nach ihm ans Ruder käme, es mit Wahrheit und Transparenz genauso genau nimmt wie unser Problem-Wulff und gleichfalls nicht hält, was er verspricht? Als vor Jahr und Tag Barack Obama mit der Parole »Yes we can!« das Weiße Haus bezog, schwor er über alle Sender, er werde das Folterparadies Guantanamo binnen Jahresfrist dichtmachen. Und was ist passiert? Vor wenigen Tagen unterzeichnete er ein Gesetz, das den Fortbestand des Kontemplationslagers auf lange Sicht festschreibt. Seine Unterschrift leistete er im Geiste des lupenreinen Demokraten George Dabbeljuh Bush, der Bagdad in Schutt und Asche bomben ließ, weil der Irak damals bekanntlich über grauenhaften Massenvernichtungswaffen verfügte.

    Gottlob sind Bombardements dieses Kalibers in der deutschen Politik verpönt, und kesse Flunkereien der politischen Klasse nimmt der deutsche Wähler ungerührt als unterhaltsame Tradition hin. Konrad Adenauer beherrschte drei Arten von Lügen: gemeine Lüge, Notlüge und Statistik. Unvergessen Norbert Blüms Pointe, die Rente sei sicher; über die Höhe der Rente machte er keine Angaben. Der Bastakanzler Schröder sagte 2001, er verdiene keine Wiederwahl, wenn es ihm nicht gelinge, die Arbeitslosenzahl unter drei Millionen zu drücken. Baron von und zu Guttenberg, der Doktor der Herzen, pfeift auf die Schamfrist und wird demnächst für den Bundestag kandidieren - sofern die Kanzlerin braucht ihn nicht als Bundespräsidenten braucht.

    Angela Merkel überreicht ihren Niedriglöhnern und Aufstockern die Arschkarte mit der faustdicken Info »Deutschland ist es nie besser gegangen als heute«, und der Sprechchor der Statistiker untermalt das Solo der Kanzlerin mit Sirenenklängen: »Die Deutschen sind so reich wie nie zuvor …« Deshalb verabschiedete sich die schwarz-gelbe Koalition leichten Herzens vom Mindestlohngedanken. »Teilhabe am Arbeitsleben und ein geregelter Tagesablauf«, heißt es nun, zählten mehr als jeder Mindestlohn. Leider will es mit der Teilhabe am Arbeitsleben nicht so recht klappen. Darum nimmt die Regierung Zuflucht zu Lug und Trug, ernennt Hunderttausende Erwerbslose zu »Unterbeschäftigten« und trickst sie auf diese Weise achtkantig raus aus der Arbeitslosenstatistik.

    Und schon kommt uns Emmely in den Sinn, die Berliner Kaiser’s-Kassiererin, die - vielleicht - zwei Pfandbons im Wert von anderthalb Euro unterschlagen haben soll. Was einem Leistungsträger wie Wulff erlaubt ist, dürfen die Emmelys noch lange nicht! Das ist die Botschaft aus dem Kanzleramt. Die Demokratie, sagt Shaw, ist ein Verfahren, das uns garantiert, dass wir nicht besser regiert werden, als wir’s verdienen.

  • 10.01.2012
    Flattersatz

    Zwanglos mit zwei Bürgern

    Von Mathias Wedel
    1

    Beim Neujahrsempfang hielt der Landrat die übliche Rede. Für seine seelische Gesundheit wäre es besser, solche Empfänge zu scheuen. Denn nach so einer Rede steht er immer einsam mit seinem Sektglas auf dem Parkett: Die einen meiden ihn, weil er längst abgesetzt, wenn nicht gar verurteilt gehört; die anderen, die von ihm protegiert werden, meiden ihn, um nicht in den Ruch zu geraten, von ihm protegiert zu werden.

    Für jenen schrecklichen Augenblick hat der Landrat einen Trick: Er wendet sich abrupt an den Menschen, den er zuerst erreichen kann, ohne durch den Saal hasten zu müssen (einmal war es sogar eine Servierkraft) und flüstert: »Haben Sie schon gehört?« Dann teilt er höchst vertraulich eine Neuigkeit aus dem Berliner Politikbetrieb mit. Den Misstrauensantrag Schröders und die Vaterschaft Seehofers hat er so schon gestreut.

    Diesmal wollte er eigentlich den Rücktritt Wulffs flüstern. Aber Größeres, Schöneres quoll ihm aus dem Munde: Die Kanzlerin wolle sich, nachdem sie die wichtigsten Dinge erledigt hat - Atomkraft verboten, Bundeswehr zerstört, Mindestlohn herbeigewünscht, Euro gerettet, Griechen versklavt, Berlusconi gestürzt, Gott aus der CDU verbannt - erstmals »zwanglos« mit Bürgern treffen. Denn sie hat jetzt viel Zeit - etwa bis Herbst 2017 - und will diese mit guten Gesprächen bei Kartoffelsuppe und Apfelkuchen auf Schloss Meeseberg füllen. Ein Thema für das erste Bürgergespräch steht schon fest: Wie wollen wir leben? Aber das Schönste ist: Zwei von uns dürfen dabei sein!

    Das schlug ein wie einer dieser Silvesterböller, die neuerdings geschmackvoller Weise »Stalinorgel« genannt werden. Danach war es totenstill, und man sah, wie die ersten Ehrgeizlinge sich an den Landrat ranwanzten, um zu Angela Merkel delegiert zu werden.

    Früher, unter den Vorgängern von Angela Merkel, war es einfach, so eine »Begegnung mit Werktätigen« zu organisieren. Manfred Baron von Ardenne, Willi Sitte und Dagmar Frederic repräsentierten den intellektuellen Teil der Werktätigen, Katharina Witt den sportlichen, Inge Lange den weiblichen und ein Stahlarbeiter oder ein Berliner Wohnungsbaubrigadier den proletarischen. Ein anderer Vorgänger von Merkel versammelte später kokainselige Malerfürsten, einen sozialdemokratischen Allzweck-Theaterintendanten, eine ostdeutsche Schriftstellerin, von der er keine Zeile gelesen hatte, und einen todesmutigen Unternehmer, der in Ostdeutschland eine Gebäudereinigungsfirma betrieb.

    Aber wen schicken wir zu Angela Merkel? Als erstes bietet sich da »der fröhliche Otti« an, der Mundartlieder zur Quetschkommode singt und schon als unser Repräsentant für diverse Städtepartnerschaften gute Figur gemacht hat. Ein ältliches Schwesternpaar ist weit über die Grenzen unseres Kreises für seine Rammlerzucht bekannt geworden und ein Sozialarbeiter setzt sich praktisch Tag und Nacht dafür ein, dass im Bereich des Landratsamtes keine indischen Hausschuh- und Mützenverkäufer totgeschlagen werden (der Mann hat aber nichts Ordentliches anzuziehen). Das Richtige ist das noch nicht. Inzwischen fordern LINKE und Grüne, dass die Auswahl der beiden Werktätigen »von unten« her erfolgen müsse und nicht dem Landrat überlassen bleiben dürfe. In den Städten und Gemeinden sollten Einwohnerforen dazu stattfinden. Die Gefahr, dass dabei zwei Feuerwehrmänner - darunter möglichst eine Feuerwehrfrau - nominiert werden, ist sehr hoch. Denn in sämtlichen Ortsteilbeiräten hat die Feuerwehr die Mehrheit, zumindest das Sagen.

    Schließlich bleibt die Frage, was unsere Delegation auf die Frage, wie »wir« leben wollen, antworten soll. Weil auch die Interessen von Sportschützen, Anglern, Altkommunisten und Jungliberalen berücksichtig werden müssen, werden der Landrat und seine Büroleiterin wohl selbst zur Kanzlerin fahren.

  • 03.01.2012
    Flattersatz

    Was wissen wir wirklich?

    Von Brigitte Zimmermann
    1

    Es gibt Vorgänge, über die wüsste man gerne Bescheid, obwohl täglich informiert wird.

    Was passiert in Syrien wirklich? Seit Monaten in den Fernsehnachrichten verwackelte Bilder aus dem Netz, dazu unpräzise Angaben. Es »soll« weitere Kämpfe gegeben haben mit »vermutlich« wieder mehreren Todesopfern. »Wahrscheinlich Deserteure« erschossen irgendwo sechs Soldaten. Und als Beobachter der Arabischen Liga die Lage ruhig vorfanden, behaupteten Menschenrechtsorganisationen, alles sei inszeniert. Entlassene Gefangene seien in Wahrheit nur verlegt worden. Beweise? Keine. Aus den USA schallte es ergänzend, die Inspekteure möchten sich bitte frei bewegen dürfen, obwohl diese selbst über Einschränkungen gar nicht geklagt haben. Eine Beobachtergruppe für Menschenrechte mit Sitz in London meldete am Wochenende Demonstrationen von Zehntausenden Oppositionellen, andere Quellen berichteten von Massenkundgebungen pro Präsident Assad.

    Was soll man glauben, wenn Ferndiagnosen die Nachrichten dominieren? Und das nicht nur, weil ausländischen Reportern selten Einreise nach Syrien gewährt wird. Wohl auch, weil es von interessierter Seite den Wunsch gibt, die Kämpfe mögen weitergehen, bis der syrische Präsident und sein Gefolge, politisch gewiss sehr problematische Figuren, verjagt oder erschossen sind. An Assad, an Gaddafi und anderen schon gestürzten Diktatoren stört und störte ja weniger, dass sie Jahrzehnte lang ihre politischen Gegner malträtiert haben. Daran hatte doch keiner mehr Anstoß genommen, sondern Geschäftsbeziehungen gepflegt. Aber nun, da die USA und Westeuropa sich unter fürchterlicher Hinterlassenschaft Zugang und Einfluss in Libyen und Irak erbombt haben, verhindert Syrien unter Assad die seit langem größte freie Schaltfläche dieser Mächte im arabischen Raum. Vor allem damit macht sich Assad unmöglich. Insofern ist die Fügung, der »Freiheitskampf in Syrien« gehe weiter, die gelegentlich in den Nachrichten vorkommt, nicht ganz unzutreffend. Aber um wessen Freiheit geht es?

    Auch innerhalb der eigenen Landesgrenzen findet man massenhaft manipulierte Einzelinformationen, die die großen Zusammenhänge gezielt unkenntlich machen. Nehmen wir die deutsche Arbeitslosenstatistik, an der Erfolgspropagandisten realsozialistischen Zuschnitts viel Freude haben müssen. Anfang August 2010 verlautbarte Ursula von der Leyen froh gestimmt, in den letzten fünf Jahren sei der Anteil der 60- bis 64-Jährigen in Arbeit um 12 Prozentpunkte auf nunmehr 40 Prozent gestiegen. In diesen Tagen gab ihr Arbeitsministerium neue Zahlen heraus. Nunmehr sind aber die 55- bis 64-Jährigen die Bezugsgröße, und als Bemessungszeitraum wurde 2000 bis 2010 angegeben. Nach dieser neuen Grundrechenart beträgt der Anteil der Erwerbstätigen in der angegebenen Altersgruppe sogar 57,7 Prozent. Es geht also aufwärts, liebe ältere Freundinnen und Freunde! Wenn bei der nächsten Verlautbarung die Beschäftigung der 50- bis 64-Jährigen zu Grunde gelegt wird und als Zeitraum 1995 bis 2010, steigern wir uns locker auf 68 Prozent. Man muss nur daran glauben.

    Leider sprechen die Fakten eine andere Sprache als die sonnige Ministerin. Die Deutsche Rentenversicherung sagt, dass 2010 fast jeder Zweite vorzeitig in den Ruhestand ging oder gehen musste - mit erheblichen Renteneinbußen. Und das bei der Altersgrenze von 65 Jahren. Auch bei Rente mit 67 werden sie uns das nett zurechtrechnen. Dito die Arbeitslosenzahlen. In denen allein im Jahr 2010 rund 105 000 Hartz IV-Bezieher nicht erfasst wurden, die älter als 58 sind. Sie sind statistisch abgeschrieben. Das Ministerium nennt das »eine Unschärfe« in der Berechnung. »Taschenspielerei« wäre besser gewesen

    Fazit: Wir werden ständig irgendwie informiert. Aber von Unschärfe regiert.

  • 27.12.2011
    Flattersatz

    Durchs wilde Absurdistan

    Von Ernst Röhl
    1

    Gestern erlebt in der Bildungsrepublik Deutschland: Am Eingang zum Friedhof lesen zwei Dackel interessiert das Verbotsschild »Herrenlosen Hunden ist der Zutritt strengstens verboten!« In solchen Augenblicken bin ich, ehrlich gesagt, doch ein bisschen stolz, ein Deutscher zu sein. Ich freue mich auch über einen Ordnungsfreund aus Dortmund, der Papst Benedikt XVI. bei der Verkehrspolizei anzeigte, weil der Eilige Vater während seines Deutschlandbesuchs 2011 mehrmals mit dem Papamobil unterwegs war, ohne den Sicherheitsgurt anzulegen. Seine Eminenz Dr. Zollitsch, Erzbischof von Freiburg und Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, war Augenzeuge! Wer weiß, wie die Polizei entscheidet?! Bei Verstößen gegen die Anschnallpflicht kann der Büßer schneller, als ihm lieb ist, mit schmerzhaften Bußgeldern belegt werden. Darum empfehle ich Päpsten dringend, mit der Deutschen Bahn zu reisen.

    Fahrgäste mit guten Manieren sind Bahnchef Grube ohnehin lieber als Typen wie der cholerische Wuppertaler, der aus Rache für die jüngste Fahrpreiserhöhung seinen Revolver zog und zwei scharfe Schüsse auf den geldgierigen Ticketautomaten abgab. So was tut man nicht! Friede auf Erden, Mann! Konflikte sollten möglichst ohne Waffengewalt gelöst werden - Modellfall Rundfunk- und Fernsehgebühren. Der bald gültige 15. Rundfunkänderungsstaatsvertrag ermöglicht es Vater Staat, nicht bloß für jedes einzelne Gerät zu kassieren, sondern die Gebühren als so genannte Haushaltsabgabe einzusacken. Das heißt, jeder Haushalt zahlt gefälligst auch dann, wenn im ganzen Haushalt kein einziger Fernseher vorhanden ist. Klingt bizarr, ist aber immer noch menschenfreundlicher als ein denkbares Gesetz, das uns dazu verurteilte, die Seifenopern, Küchenschlachten und Bayern-Fußballspiele des TV-Selbstverdummungsprogramms zwangsweise zu glotzen, wenn auch gebührenfrei.

    ’s ist Weihnachtszeit, und Geben ist seliger denn Nehmen. Deshalb ein dickes Lob der Kanzlerin, die zum Christfest den Spendierhosenanzug übergestreift hatte. Ihre Regierung hob die opulenten Pensionen für politische Spitzenbeamte um je 600 Euro monatlich noch weiter an, so dass die meisten nun auf ein jährliches Ruhegehalt von 230 000 Euro kommen. Damit sich die frohe Botschaft bei den Niedriglöhnern nicht herumspricht, versteckte die Kanzlerin sie im Verbalgestrüpp eines Gesetzentwurfs »zur Unterstützung der Fachkräftegewinnung und zur Änderung weiterer dienstrechtlicher Vorschriften«.

    Man denkt immer: So was kann’s doch eigentlich gar nicht geben, und dann gibt’s das doch. Trotz Aufschwungs steigt die Armut, und die Löhne sinken weiter. Der Eurokurs ist abgeschmiert bis auf Augenhöhe mit Sarkozy. Fast Drei Prozent, so nannten Humoristen neulich noch die FDP. Inzwischen heißt sie im Volksmund FZP - Fast Zwei Prozent. Ausgerechnet Laienspieler Til Schweiger soll Tatortkommissar werden. Baron zu Guttenberg, der Doktor a. D. der Herzen, ist Berater einer EU-Kommission. Bestsellerautor Richard David Precht verlangt ein Pflichtjahr für Rentner. Die patriotischen Laubenpieper des Kleingartenvereins Harksheide-Kringelkrugweg in Norderstedt (Schläfrig-Holstein) halten den deutschen Kleingarten nicht nur sauber, sondern rein, indem sie eine verbindliche Obergrenze für Vereinsmitglieder mit Migrationshintergrund einführten …

    Und Bundespräsident Wulff tritt nicht persönlich zurück. Für so was hat er seinen Sprecher. Zwar ist seine Glaubwürdigkeit beschädigt, doch die kann er ja nur wiederherstellen, wenn er im Amt bleibt. 70 Prozent der Deutschen stehen laut Umfrage hinter ihm. Nur 47 Prozent halten ihn für einen Salamitaktiker und für »nicht ehrlich«. Welcher andere Präsident könnte das von sich behaupten! Ein tolles Ergebnis: Mit 47 Prozent übertrifft er locker die 38 Prozent vom Nordhäuser Doppelkorn.

  • 20.12.2011

    Liebe Landsleute!

    Lieber väterlicher Freund Herr Geerkens und Frau Edith, lieber Carsten Maschmeyer und Frau Veronika!

    Ein ungeheurer Druck lastet in diesem Jahr auf meiner Weihnachtsansprache. Ist der Euro noch zu retten? Gibt es »weiße Weihnachten«? Sind die Griechen genauso Teil Deutschlands wie der Islam? Bei wem sollte man jetzt noch einen Kredit aufnehmen? Wie kommt meine Frau Bettina mit dem ungeheuren Druck zurecht, der auf meiner diesjährigen Weihnachtsansprache lastet? Das sind Fragen, die die Menschen bewegen. Viele sagen mir, wenn sie mich an der Seite meiner Frau Bettina und im Kreise unserer Kinder im Supermarkt treffen: Herr Bundespräsident, Sie müssen jetzt alle Zweifel ausräumen und reinen Tisch machen.

    Deshalb habe ich mich entschlossen, meine Weihnachtsrede vorab dem »neuen deutschland« zu geben. Erstens, weil gegen ein neues Deutschland, in dem jeder die Möglichkeit hat, einen Kredit über eine halben Million Euro aufzunehmen, nichts einzuwenden ist. Und zweitens, weil ich es der LINKEN verdanke, dass aus mir ein Bundespräsident wurde.

    Einige von ihnen, meine lieben Landsleute, werden mich kennen, denn ab und zu bin ich im Fernsehen zu sehen. Leider werde ich oft mit dem Mondbär oder mit Peter Zwegat (»Raus aus den Schulden!«) verwechselt. Deshalb bringe ichoft meine Frau Bettina mit, die aber auch verwechselt wird, was mir schon den Verdacht eingehandelt hat, ich hätte was mit Stefanie zu Guttenberg.

    Ja, auch das gehört zur weihnachtlichen Besinnung! Nicht alles ist schön. Wir leben in einer Gesellschaft des Neides und der Verdächtigungen. Ist das Jesukind dafür geboren worden? Ich will die ganze Autorität meines hohen Amtes in die Waagschale werfen, damit diese ewige Nachforscherei in Grundbüchern und Kontoauszügen endlich aufhört. Wenn sie jemanden gewollt hätten, der immer was aus den Akten zieht, hätten die Deutschen eben einen gewissen Herrn Gauck als Präsident bekommen müssen. Kleinlichkeit und Pfennigfuchserei stehen uns Deutschen eingedenk der dunklen Seiten unserer Geschichte nicht gut zu Gesicht. Ich rechne den Geringverdienern auch nicht ihre Flachbildfernseher, das Hundefutter und ihre Reisen in wärmere Gefilde, zum Beispiel zur Sachsen-Therme vor den Toren Bitterfelds, vor. Der Neid macht nicht einmal vor den Einkünften halt, die ich nach meinem Rücktritt bekommen werde - an die 200 000 Euro jährlich, dazu Dienstwagen, Fahrer, Büro und eine Sekretärin, die meiner schönen Frau Ste … ähm Bettina bestimmt ähneln wird!

    Ist das nicht toll? Aber vergessen wir gerade zu Weihnachten nicht: Vielen Menschen geht es schlechter. Das habe ich bei meinen Reisen erfahren müssen. Sie laufen nicht in Anzügen, sondern in lächerlichem Outdoor-Outfit von Jack Wolfskin herum, um nur eine Firma zu nennen, von der ich und meine Frau nun wirklich nicht zum Urlaub auf ihrem Firmensitz eingeladen werden möchten, denn der ist auf einem Kaff im Taunus und wer will da schon hin.

    Sie sehen, ich verfüge über beträchtlichen Humor und lache gern, wie man auf allen Bildern sehen kann. Schließlich will ich aus meiner Krise gestärkt hervorgehen. Mit moralischen Erwägungen möchte ich Sie jedoch verschonen, denn ich weiß, dass jene, die das hohe Amt besudeln wollen, nur darauf warten. Nur so viel: Auch in der Krise kann man sich Vorbildlichkeit erwerben. Bedenken wir an diesem Heiligabend, was uns Freundschaft bedeutet! Meine Frau Bettina bittet mich in diesem Zusammenhang darauf hinzuweisen, dass wir und die Kinder im Sommer noch nichts vorhaben.

    In diesem Sinne - frohe Weihnachten. Und sollte ich bis zur Bescherung doch zurückgetreten sein, so betrachten Sie diese Rede einfach als ungelesen.

    Der Text wurde der Redaktion von Mathias Wedel zugespielt.

  • 13.12.2011

    Einfälle hätten wir schon

    Brigitte Zimmermann

    Deutschland sei kein Hort der Kreativität mehr, wird oft geklagt. Fachkräftemangel, rigide Zuwanderungsgesetze, vernageltes Schulsystem und beengte Universitäten als Stichworte. Jüngere Menschen in Ausbildung sollen dennoch gefälligst im Lande bleiben und nicht anderswo deutsche Marktchancen negativ beeinflussen. So sagt das keiner, ist aber so gemeint. Frau Schavan, blassgraue Bildungsministerin, wirft gar ein paar Stipendien in den überfüllten deutschen Lehrbetrieb, um das Heimatgefühl angehender Akademiker und Akademikerinnen dem gewünschten Standard zuzuführen.

    Dabei gibt es hier durchaus Einfälle, auf die man erst kommen muss. Nehmen wir die Bettensteuer, vornehm City-Tax geheißen. Berlin will ab 2013 fünf Prozent des Übernachtungspreises aufschlagen, weil es in manchen Gemarkungen national und international ähnlich praktiziert wird. Dort funktioniert dann vielleicht der öffentliche Nahverkehr. Der Finanzsenator jedenfalls nennt die City-Tax eine öffentliche Aufwandssteuer, die erst einmal unaufwändig in der Stadtkasse landet. Richtig kreativ wird es bei ihrer Weiterverwendung. Altem Denken verhaftete Menschen erwarten vielleicht, die Kohle würde eingesetzt, damit Berlin-Gäste auf rutschigem Geläuf nicht lang hinschlagen oder in kürbisgroßen Schlaglöchern Platz finden. Nein. Das Geld kann auch für andere Investitionen verwendet werden, von denen die Einzahler nichts haben. Das ist dann wie bei Wahlen. Man kann wählen, wen man will, am Ende ist keiner verpflichtet, darauf zurückzukommen.

    Auch den zu Schröpfenden gebricht es nicht an Fantasie bei der Bewertung der neuen Abzocke. Wird die Inanspruchnahme eines Hotelbetts neuerdings als subtile Form der Wegelagerei gesehen, die wir aus alten Geschichten kennen und bestraft gehört? Oder ist die Bettensteuer gar eine Art Schutzgeldzahlung? Dafür spricht, dass nicht klar ist, wie bei jeder Schutzgelderpressung, welche Form des Schutzes nächtens in Hotel oder Herberge bei Übergriffen gewährt werden könnte. Da verlässt man sich doch besser auf sich selbst. Und nennt diese City-Tax wahrheitsgemäß Beutelschneiderei, auch ein altes märchenhaftes Wort.

    Die vermeintlich verminderte Schöpferkraft des Volkes reicht zudem aus, nach dem Prinzip City-Tax weitere finanzielle Einschnitte zu gewärtigen. Denn sind nicht die Plakate, Schilder und Aufsteller, die amtlich wissen lassen, was erlaubt, verboten oder gerade nicht funktionstüchtig ist, im genauem Sinne des Wortes Vor-Schriften, welche erst hergestellt werden müssen? Also öffentlichen Aufwand erfordern, damit wir sie lesen dürfen. Da bietet sich die Einführung einer Lese-Tax geradezu an. Mitteilungen wie »Hier kein S-Bahn-Verkehr« oder »Hunde sind an der Leine zu führen« können ja als Beleg ausgeprägten Informationswillens öffentlich tätiger Stellen interpretiert werden. Und das ist den notorisch klammen Finanzsenatoren/Ministern vielleicht bald eine kleine Gegenleistung wert. Die ohnehin hohe Zahl der Analphabeten in Deutschland würde bei einer Lesesteuer zwar nach oben korrigiert werden müssen, aber Geld ist Geld.

    In dem Park, in dem ich gelegentlich ein paar Runden drehe, sind Hunde ebenfalls an der Leine zu führen, was man bisher kostenlos nachlesen kann. Manchmal erscheinen dort zwei Menschen vom Ordnungsamt, um »Zuwiderhandlungen« mit Bußgeld zu belegen. Da begab es sich schon, wie es in alten Märchen heißt, dass gerade nicht zwangsvorgeführte Tiere nach Überholung ihrer Herrchen/Frauchen durch gut unterrichtete Laufverrückte schnell an die Leine zurückkehrten. Und das Ordnungsamt zwei Kurven weiter ging leer aus. So werden im solidarischen Vorhinein alle Verwandten, Freunde und Bekannten gerächt, die bald citysteuern müssen. Ganz schlecht steht's um uns hier wirklich nicht. Begründen können wir alles.

  • 06.12.2011
    Flattersatz

    Zweite Chance für Messias!

    Von Ernst Röhl
    1

    Der Advent erinnert die Christenheit daran, dass mit Jesu Wiedererscheinen jederzeit zu rechnen sei. Doch falls es 2011 nicht klappt, springt der Ersatzmann ein: Karl-Theodor von und zu Guttenberg, »KT«, der gescheiterte Doktor der Herzen, den die Presse in schleimigster Manier trotz seiner Guttenbergiate nun schon zum zweiten Mal zur Lichtgestalt empor schreibt, zum Gesalbten, zum unpromovierten Heiland, zu »einem der größten politischen Talente in Deutschland«, zum »angesehenen Staatsmann«, wie er sich fern der Heimat ungestraft nennt. Auf die wohlverdiente Schamfrist hat er verzichtet, stattdessen warf er seine Broschüre »Vorerst gescheitert« auf den Markt. Auch das noch! Dieses Werk mit dem düster drohenden Titel übertrifft an Flachsinn noch Sarrazins Mach- und Hauptwerk und kommt derzeit groß raus auf der Via triumphalis zum Bestseller.

    »Zeit« und »Bild« suggerieren, das ganze deutsche Volk wäre ein liebestoller Fänklub dieses Hochschwaflers und »rasend begabten Hoffnungsträgers«, der über die Wasser zu wandeln vermag. Wieder mal zeigt sich, dass die Beliebtheit von Großfressen durch die Blödheit ihrer Bewunderer zustande kommt. Aus der Reihe tanzt allenfalls der Dortmunder BWL-Professor Uwe Kamenz, ein unbelehrbarer Plagiatjäger. Kamenz wird vermutlich der Einzige sein, der die Guttenberg-Schwarte tatsächlich durchliest. Warum? Weil er hofft, den blaublütigen Kleptomanen beim Mausen zu erwischen. Er sei bereit, sagt Kamenz, für fünf Euro das Stück 1000 Doktorarbeiten von Politikern zu überprüfen. Dies bot er der politischen Klasse schriftlich an, zum Beispiel Angela Merkel. Geantwortet haben nur wenige …

    Abkupfern liegt im Trend. Jede deutsche Uni schmückt sich inzwischen mit eigenen Plagiatoren: die Uni Bayreuth mit »KT«, die Uni Konstanz mit Veronica Saß, der Tochter Edmund Stoibers. Für die Uni Tübingen startet der CDU- Landtagsabgeordnete und frühere Oettinger-Referent Matthias Pröfrock. Seine Dissertation, heißt es, übernehme »in nicht unerheblichem Maße wörtlich fremde Texte, ohne dass dies kenntlich gemacht wurde«. Dies Urteil sei ein harter Schlag für ihn, bekennt Pröfrock im Rausch des Selbstmitleids, »niemand ärgert sich darüber mehr als ich selbst«. Ein Gemeinplatz, den er bei Guttenberg abgeschrieben hat.

    Die Uni Bonn nahm Jorgo Chatzimarkakis (FDP) den Doktortitel weg, die Uni Heidelberg entzog ihn der charmanten Silvana Koch-Mehrin (FDP), und wir fragen uns allmählich: Wer muss eigentlich für geistige Enteignungen geradestehen? Der Plagiator kann am allerwenigsten dafür, er ist frei von Schuld! So der Standpunkt von Frau Dr. a. D. Koch-Mehrin. Sie räumt ein, ihre Dissertation sei stellenweise »ungenau, oberflächlich und geradezu fehlerhaft« und aus diesen Gründen leider »kein Meisterstück«. Aber! »Der Promotionsausschuss hat mir in voller Kenntnis aller eklatanten Schwächen meiner Arbeit den Doktortitel verliehen.« Frage: Was ist Chuzpe? Antwort: Wenn einer seine Eltern abmurkst und, weil er infolgedessen Vollwaise geworden ist, vor Gericht mildernde Umstände beansprucht.

    Meister aller Klassen ist und bleibt Glaubwürdigkeitsbaron Karl-Theodor Maria Nikolaus Johann Jacob Philipp Franz Joseph Sylvester Freiherr von und zu G. Sein kometenhafter Abstieg setzt sich fort. Die Staatsanwälte in Hof erkannten in seiner Doktorarbeit »23 strafrechtlich relevante Plagiatsstellen« und verzichteten großmütig auf die fällige Anklage. »KT« kriegt seine zweite Chance.

    »Weil er so blendend aussieht wie ich«, kommentiert Lothar Matthäus, der humoristischste Fußballer Deutschlands. Solidarisch setzt der Loddar sich für den Freiherrn ein. Warum, ist klar. Kuckt Euch die beiden Flitzpiepen mal genauer an: Der Baron ist selbst nur eine Kopie. Ein lupenreines Lothar-Matthäus-Plagiat. Um nicht zu sagen, ein Klon …

  • 22.11.2011
    Flattersatz

    Zeiten der Schande

    Von Brigitte Zimmermann
    1

    Deutschland, sagt die Kanzlerin, lebt zurzeit in Schande, und - jetzt kommt es - »wir werden nicht ruhen«, bis die Verbrechen der Rechtsterroristen restlos aufgeklärt sind. Immerhin verzichtete sie auf die Fügung »brutalstmöglich aufgeklärt sind«, die aus CDU-Kreisen im Zuge anderer schwerer Gesetzesbrüche schon zu vernehmen war. Nur: Angesichts der mehr als zehn Jahre unbehelligten neonazistischen Mörderbande war der Ruhe ja wohl genug. Wahrheitsgemäß hätte die Kanzlerin sagen müssen, ab sofort werden wir uns endlich bewegen, um das kaum fassbare Geschehen zu hinterleuchten. Auch zu einer Entschuldigung bei den Opfern hätte sich Merkel längst gedrängt fühlen müssen. Hat sie aber nicht.

    Richtig aufklärend ist der verbale Umgang mit dem unleugbaren Toben des braunen Mobs in Deutschland immer noch nicht. Zwar hat der früher bei rechten Übergriffen meist bemühte »Einzeltäter« derzeit keine Konjunktur. Es ist von der »Zwickauer Zelle« und dem »Thüringer Trio« die Rede. Klingt irgendwie niedlich und läuft auf kleinkollektive Einzeltäter hinaus. Abgesehen davon, dass es geografisch verwirrt. Weil Zwickau in Sachsen liegt, wo sich die faschistoiden Täter viele Jahre verstecken konnten, und Jena in Thüringen Ausgangs- und Bezugspunkt war. Ebenfalls sträflich unterschätzt und schlampig verfolgt. Aber was soll diese betont geografische Zuordnung überhaupt? Schwingt da die Erwartung mit, solche Verbrechen könnten nur in östlicher Gegend ihren Urquell haben? Es geht hier aber nicht um regional orientierte Eierdiebe, sondern um organisierte deutsche Rechtsterroristen, die das Land mit vermeintlich nicht aufklärbaren Morden und Anschlägen überzogen haben. Lokalkolorit ist schon deshalb nebensächlich, weil in keinem der sechs Bundesländer, in denen die Neonazis Menschen töteten, wenigstens eines dieser Verbrechen sauber zu Ende ermittelt wurde. Hier ist der große Staatsjammer im Gange, nicht der kleinstaatlerische von Thüringen, Niedersachsen, Sachsen, wo unterdessen Fehler eingestanden wurden.

    Und was taten eigentlich die sogenannten Terrorismus-Experten die ganze Zeit, welche uns in den Medien angedient werden? Sie setzten, eingebettet wie sie sind, getreu die Blickrichtung derer ins Bild, die summarisch Sicherheitsbehörden genannt werden. Verdächtig zuerst Al Qaida, danach Linksradikale, schließlich Geistesgestörte und eben Einzeltäter. Letztere mitunter in Tateinheit. Rechte konspirative Zusammenrottungen? Kaum die Rede davon. Erinnert sei an den unsterblichen Moment am 22. Juli dieses Jahres kurz nach 19 Uhr. Da verkündete der eifernde ZDF-Terrorismus-Experte Elmar Theveßen, norwegische Ermittler hätten ihm gesagt, das gerade erst geschehene, später als Breivik-Attentat bekannt gewordene Massaker weise in Richtung Al Qaida. Wohin sonst? Kurz vor 22 Uhr ruderte er gewaltig zurück, denn Anders Behring Breivik ist eingefleischter Rechter. Was - in Norwegen - wenigstens unmittelbar nach den furchtbaren Taten auf dem Schirm war. Gegen die Spezies der hiesigen Terrorismus-Experten sollte man sich bewaffnen.

    Bei so nach- und fahrlässiger, unkoordinierter und eifersüchtelnder »Arbeit« verschiedener Behörden gegen verbrecherische rechte Umtriebe ist der Terrorismusbekämpfung in Deutschland generell tief zu misstrauen. Wäre beispielsweise der religiös intendierte Terror so gefährlich wie im Zuge der ständigen Verschärfung der Sicherheitsgesetze dargestellt, müsste er in diesem Lande alle Chancen haben. Wer das bestreitet, wie Innenminister Friedrich es tut - »In Deutschland braucht keiner Angst zu haben« -, gibt unfreiwillig die wirkliche Schande zu: Nach rechts ist die Linse stark getrübt. Was sagt eigentlich Wolfgang Schäuble zu alldem, bis 2009 Bundesinnenminister, in dessen Amtszeit der rechte Terror ungebremst weiter wüten konnte? Er rettet jetzt den Euro. Hoffentlich.

  • 15.11.2011

    Ein bisschen Spaß muss sein

    Von Ernst Röhl

    Wetten, dass uns im Fernsehen nichts fehlte, würde »Wetten dass…« ersatzlos gestrichen und alle klamottigen Comedy-Programme gleich mit! So komisch wie Gottschalk und Mario Barth sind die schwarz-gelben Fernsehlieblinge allemal. Derzeit beglücken sie die deutschen Schüler mit einem Unterrichtsausfall von wöchentlich mehr als einer Million Stunden. Daraufhin proklamierte Bildungsministerin Prof. Dr. Schavan hurtig die Bildungsrepublik Deutschland. Die deutschen Reallöhne schmelzen schneller ab als im Klimawandel die Gletscher, trotzdem flunkern die schwarzgelben Leistungsträger ein Jobwunder mit XXL-Aufschwung herbei. Ursula von der Leiharbeit fährt ihre Erwerbslosenstatistik in Richtung Null herunter und erweckt beim Acht-Millionen-Heer der Aufstocker und Teilzeitprekarier den Eindruck, schon morgen werde die Vollbeschäftigung über uns hereinbrechen.

    »Deutschland«, jauchzt die Kanzlerin, »ist es nie besser gegangen als heute!« Das spricht für ihren uckermärkischen Humor, bloß mein Nachbar Jünta tanzt aus die Reihe mit sein’ Kommentar: »Vascheißern kann ick mir alleene!« Für Jünta ist es ein Grund zum Fremdschämen, dass die Boy Group von der Rösler-FDP die Synchronlüge hinausposaunt, ihr jüngster Steuertrick entlaste »kleine und mittlere Einkommen«. Einem Geringverdiener wie Jünta mit seinen 1170 Euro pro Monat wird ein kolossales Steuergeschenk von genau 1,58 Euro zuteil, was einer halbleeren Tüte Gummibärchen entspricht. Die Parteiruine FDP aber erweckt den Eindruck, sie hätte Wahlversprechen großartig eingelöst.

    Die Kanzlerin allerdings ließ sich durch Gegenwind noch nie bremsen. Nach ihrem Salto Mortale in der Atomwirtschaft hatten Sozialpolitiker insgeheim erwartet, sie werde ihrem Herzen einen Stoß geben und die Maximalprofite der Oberschicht vielleicht durch einen erhöhten Spitzensteuersatz beschränken. Immerhin ist sie berühmt für ihre sprichwörtliche Konsequenz: Nicht heute so und morgen so, sondern heute so und morgen so. Folgerichtig verblüffte sie Freund und Feind mit einem bombastischen Windei, indem sie aus heiterem Himmel für den Hungerlohnsektor Mindestlöhne forderte, die aber um Himmels willen nicht Mindestlohn heißen dürfen. Denn Mindestlöhne »schaden den Menschen, die Arbeit suchen«, Mindestlöhne »vernichten Arbeitsplätzäää«!

    Im CDU/CSU/FDP-Koalitionsvertrag heißt es: »Einen einheitlichen gesetzlichen Mindestlohn lehnen wir ab.« Diese Ablehnung klingt sehr entschieden, fast feindselig, doch wir sollten darauf gefasst sein, dass das Wort Mindestlohn im flexiblen Sprachgebrauch der Kanzlerin das genaue Gegenteil bedeuten kann. Und tatsächlich ersann ihre schnelle semantische Eingreiftruppe das Etikett »Lohnuntergrenze«. Die kreativen Semantiker des Kanzleramts sind überhaupt stark ausgelastet, vor allem mit der Erfindung von Krisenvokabeln für die Bankenrabulistik - mit Rettungsschirm und Rettungspaket, Milliardenhebel, Stabilitätsanker und Wachstumslokomotive, einem Haircut und einem Verbalgespenst namens Finanzstabilisierungsfazilität. Dieses Wortgestöber erinnert an die bildkräftige Sprache, die auf der Südseeinsel Vanuatu gesprochen wird. Große Schachtel mit weißen und schwarzen Zähnen, und wenn man sie schlägt, dann weint sie - so heißt bei den Vanuatuanern das Klavier.

    Leider mochten die Arbeitgeber mit Dieter Hundt an der Spitze sich weder für den Existenz sichernden Mindestlohn noch für die Existenz sichernde »Lohnuntergrenze« erwärmen. Darum zog die Kanzlerin der jähen Wendungen ihre Schnapsidee leise weinend zurück und entschied sich für einen potjomkinschen Mindestlohn. Außer Thesen nix gewesen. Spät, aber nicht zu spät war eine Erkenntnis in ihr gereift: Als Kanzlerin hat man weniger Macht, als man meint - meistens sitzt man bloß in der Regierung.

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26.05.2012 | Marcus Meier

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