Wer Endlosserien am Vorabend verstehen will, sollte seinen Briefträger fragen. »So doof, wie die Verena rausgeschrieben haben«, empört sich zum Beispiel dieser über das, was wie HSV, LSD und GEZ längst Teil des Abkürzungskanons ist, »konnte ich nicht mehr zugucken«. Voriges Jahr nämlich kam die Blondine, gespielt von Susan Sideropoulos, bei einem Unfall unter die Räder. »Anstatt einfach fortzuziehen«, regt sich der Mittdreißiger noch heute auf, »wie damals Jeanette Biedermann.« Und dann kommt's: »Das wär' doch viel realistischer als dieses ständige Sterben.«
An dem Punkt muss man kurz einhaken. Es gibt in der Tat ungewöhnlich viele Tote bei »Gute Zeiten, schlechte Zeiten«, besser bekannt als GZSZ. Bis zur Folge 5000, die am vergangenen Mittwoch lief, sind gut drei Dutzend Figuren verschieden, meist auf unnatürliche Weise. Bei gut 200 größeren Sprechrollen in 20 Jahren ist das eine Mortalitätsquote von rund 15 Prozent, extrem hoch also, da hat der Postbote Recht. Aber ehrlich - als Jeanette Biedermann den Set 2004 nach fünf Jahren gen Anschlusskarriere verließ, ging ihr süßes Postergirl Marie - kein Witz! - in ein rumänisches Kloster, um obdachlosen Kindern zu helfen. Leben pur bei RTL.
Womit dreierlei belegt wäre: GZSZ hat mit der Realität wenig zu tun. Der geneigte Zuschauer bewertet die Oberflächensause dennoch nach streng wirklichkeitsbezogenen Kriterien. Und deshalb erzielt der Marktführer im lukrativen Segment unnützen Fernsehens Tag für Tag um 18.40 Uhr einen Gutteil aller Werbeeinkünfte - mehr als 200 Millionen Euro pro Jahr, heißt es. Man darf die Ursuppe hiesiger Seifenopern also gern als das titulieren, was sie ist: leidlich unterhaltsamer Unsinn; genau der aber prägt sein Publikum so, wie GZSZ sein ganzes Genre, ach was: das Medium insgesamt geprägt hat.
Warum, das weiß auch Rainer Wemken nicht so genau. Bei jener Daily Soap, die er seit 15 Jahren als Produzent verantwortet und lieber »tägliche Serie« nennt, gibt es ja »keine Geheimformel wie bei Cola, sondern nur die Kunst des Erzählens im aktuellen Zeitgeist«. Das sei eben keine »Lindenstraßen-Relevanz« mit ihrer zwanghaften Abbildung gesellschaftlicher Probleme von Abschiebung illegaler Ausländer bis zur aktuellen Landtagswahl, »eher so eine Vorabendrelevanz«. Durchaus verantwortungsbewusst, betont Wemken (59). »Aber wir sind keine moralische Instanz«. Dem ist nicht zu widersprechen.
Als am 11. Mai 1992 die Pilotfolge auf einem Kanal lief, der noch von »Tutti Frutti« oder dem Hütchenspieler Salvatore repräsentiert wurde, ging es RTL nur ums Sparen. Und so sah GZSZ auch aus: Darsteller, die im Schultheater nicht mal Komparsen wären, mit Dialogen, die ausnahmslos dem australischen Vorbild »The Restless Years« entstammten, in Kulissen wie von der Resterampe insolventer Möbelhäuser - nie zuvor war Fernsehen so billig, war billiges Fernsehen so erfolgreich, war erfolgreiches Fernsehen so wirksam. Von »Marienhof« (ARD) über »Die Wagenfelds« (Sat.1) bis »Jede Menge Leben« (ZDF) starteten in fünf Jahren neun Kopien, hälftig produziert vom GZSZ-Hersteller Grundy UFA und allein auf eins ausgelegt: Masse.
Sie wurde stilbildend fürs Medium. War es bis dato eher Handwerk, wurde Fernsehen nun Fließbandware. Bildete Schleichwerbung bislang den Ausnahmefall, geriet sie nun zum Strukturmerkmal. Galt Realitätsbezug auch in heiteren Formaten als dramaturgisches Grundprinzip, ging es fortan um Anleitungen zur Sorglosigkeit. Sollte der Vorabend Familien erreichen, öffnete ihn RTL-Chef Helmut Thoma für sein sinnloses Zielgruppenkonstrukt der 14- bis 49-Jährigen - und gewann. Denn auch ARD und ZDF konnten sich dem Sog der Schäbigkeit nicht entziehen und wurden - nicht nur auf diesem Sendeplatz - zu öffentlich-rechtlichen Kommerzkanälen. Im Werberahmenprogramm wurden Gesichter bedeutsamer als Worte, Ausstattung wichtiger als Sendeaufträge. Doch nirgends funktioniert all dies besser als bei GZSZ, das im Schnitt noch immer gut die Hälfte der 6,7 Millionen Zuschauer erreicht, die im Juni 1998 zusahen, als ein Kanzlerkandidat namens Schröder seine Aufwartung machte. Er war nicht der einzige Gaststar: Auch Gottschalk und Kerkeling, Klaus Wowereit, ja selbst der Literat Rolf Hochhut sanken zum Accessoire für die Kernklientel konsumsüchtiger Teenies.
Sie ist jedenfalls jung genug, um von der fett- wie verantwortungsfreien PR-Ästhetik aus Babelsberg beeinflussbar zu sein, die bis auf den Quotendicken Thomas »Tuner« Drechsel ausnahmslos faltenfreie Photoshopvisagen duldet. Und die mit Alexandra Neldel, Jan Sosniok, Denise Zich oder Caroline Beil als Sprungbrett fürs Romanzenfernsehen firmiert. Deshalb heißt der Titelsong auch »Ich seh' in dein Herz«, nicht »in dein Hirn«. Das braucht man für GZSZ eher selten.
Der Autor ist freier Medienjournalist und Kritiker und lebt in Hamburg.
Immer weniger stört sich die »demokratische« Staatsmacht führender westlicher Länder daran, dass die von ihr produzierten Bilder zur Bekämpfung öffentlichen Protestes gegen eine neoliberale Politik, die immer größere Teile der Bevölkerung für die Gewinnmaximierung von Unternehmen und Banken bluten lässt, jenen Szenen gleichen, die bislang vor allem aus Peking und Moskau, aus Kiew und Minsk verbreitet und zugleich von den staatstragenden Medien mit dem Ausdruck höchster Empörung gegeißelt wurden. Das Geschehen am letzten Wochenende in Frankfurt am Main mit dem beinahe flächendeckenden Verbot jeglichen Protestes durch den hessischen Innenminister, einer beflissenen hessischen Justiz, einem ebenso willfährigen Bundesverfassungsgericht und dem massiven Einsatz von Tausenden Polizisten mit Massenfestnahmen und Knüppelattacken zur Durchsetzung faktisch verfassungswidriger Maßnahmen übertrifft teilweise die Bilder aus der ehemals kommunistischen Welt; weder für die parlamentarische »Opposition« noch für die meisten Medien Grund für einen ähnlichen Aufschrei, wie er stets solche Szenen beim vermeintlich ideologischen Gegner begleitet.
Und doch sind die martialischen Vorgänge aus der deutschen Metropole der Hochfinanz, die ihr Pendant zur gleichen Zeit in Chicago, der US-Zentrale des organisierten Verbrechens, aus Anlass der dortigen NATO-Tagung fanden, nur das äußere Zeichen einer schleichenden Entwicklung, die sich mehr und mehr von demokratischen Standards verabschiedet und des Staatsorganen freie Hand bei der allmählichen Eliminierung solcher verfassungsmäßiger Grundprinzipien wie Mitsprache, freie Meinungsäußerung oder Versammlungsfreiheit gibt.
Ausgerechnet der ehemalige Verfassungsrichter und Bundespräsident Roman Herzog tritt für die weitere Einschränkung der ohnehin bescheidenen Mitwirkungsmöglichkeiten der Bürger ein, indem er die Heraufsetzung der verfassungsrechtlich bedenklichen Fünf-Prozent-Klausel anregt. »Zu viele kleine Parteien« verhinderten, dass der Bundeskanzler von einer Mehrheit der Bevölkerung getragen werde - ein offenes Plädoyer für demokratiefeindlichen Zentralismus.
Der Autor ist Journalist und lebt in Berlin; zum Weiterlesen: www.blogsgesang.de.
Im Mittelpunkt von Wolfram Seegers Film »Dornröschen« (1996) stehen David und Katharina. Beide Kinder hatten im Mai 1995 einen Unfall. Unabhängig voneinander wurden sie bei einem Autounfall schwer verletzt. Wochenlang liegen sie im Koma. Der Film begleitet die Kinder bei ihren Versuchen im Reha-Zentrum wieder zurück ins Leben zu finden.
Zum Weiterschauen: www.onlinefilm.org/de_DE/film/ 26674
Regina Ziegler ist sauer, und selbst der verantwortliche Redakteur des ZDF stimmt in ungewohnter Offenheit in ihr Klagelied ein. Gemeinsam hatten sie die Tragikkomödie »Komm schöner Tod« für einen Sendeplatz um 20.15 Uhr konzipiert. Doch Chefredakteur Peter Frey verbannte den gelungenen Film von Friedemann Fromm, der von Sterbehilfe, Pflege und Schönheitswahn in einer alternden Gesellschaft in naher Zukunft mit einem überzeugenden Genre-Mix erzählt. Auch der Vorschlag, das Thema in anderen Sendungen zu vertiefen, stieß auf taube Ohren.
Selten hat ein Redakteur eines öffentlich-rechtlichen Senders in solcher Klarheit das Schielen auf die Quote im eigenen Haus kritisiert. Es sei ein eklatanter Fehler, sich nicht rechtzeitig gegen den Quotendruck als einzigen Erfolgsgradmesser gewehrt zu haben, stimmt ihm Bettina Reitz, Noch-Chefin der ARD-Tochter Degeto und designierte Fernsehdirektorin des Bayerischen Rundfunks während des Diskurses der Deutschen Akademie für Fernsehen »Stell Dir vor es ist Quote und keiner zahlt« zu. ARD-Programmdirektor Günther Struve habe in den 1990ern begonnen, in der Quotenhatz mitzuspielen, um die Akzeptanz der Sender für die Zukunft zu sichern. In der öffentlichen Diskussion hätte jedoch schon lange eine Differenzierung der Erfolgsdefinition eingefordert werden müssen.
Reitz verwies auf die Resonanz von Michael Hanekes »Das weiße Band« - zwei Millionen Zuschauer im Kino und vier Millionen bei der Erstausstrahlung im Hauptabendprogramm. Der Schwarz-Weiß- Film beweise, dass der Zuschauer anspruchsvoll unterhalten werden wolle und in den Sendern die Freiheit vorhanden sei, Filmkunst zu fördern und Experimente zu wagen. »Wir leben bei ARD und ZDF doch in paradiesischen Zuständen. Keiner reißt uns den Kopf ab, wenn ein Programm nicht die erwünschte Quote hat.«
Die Liste der erfolgreichen Erstausstrahlungen ließe sich fortsetzen, doch auch Reitz weiß, dass es in der ARD nicht leicht ist, außergewöhnliche Programme zu platzieren und der Senderverbund nicht immer den langen Atem habe, nach Quotenflops nach den Gründen zu forschen. Hat ein Fußballspiel oder eine Quizshow den Erfolg verhindert? So werde Themen oder Filmemachern eine zweite Chance verbaut. Reitz sprach sich auch gegen die Konkurrenzprogrammierung von ARD und ZDF aus. »Das hilft nicht. Wenn wir es nicht lernen, uns zu verständigen, ist das System gefährdet.«
Dabei haben es die öffentlich-rechtlichen Sender schwerer als die private Konkurrenz, auf ihre Highlights aufmerksam zu machen. Die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs (KEF) weist den öffentlich-rechtlichen Sendern kaum Mittel für Werbung in eigener Sache zu. Großflächige Plakatwerbung, wie sie sich die privaten Sender für Event-Marken leisten, sei daher nicht bezahlbar, legt Reitz den Finger in die Wunde. Eigenwerbung auf dem Sender mache diesen Nachteil nicht wett, bestätigte Hubertus von Lobenstein, Partner einer Werbeagentur. Wobei er auch phantasie- und aussagelose Slogans wie »Mit dem Zweiten sieht man besser« oder »Bei der ARD sitzen Sie in der ersten Reihe« beklagte. Der Werbeprofi sprach sich gegen die einseitige Hatz um die Höchst-Quote aus, sie sei ja nichts weiter sei als eine Messlatte für die werbetreibende Industrie. Es könne sogar sinnvoller sein, zielgerichtet im Umfeld von Sendungen Reklame zu schalten, die einen kleineren, dafür treuen Publikumskreis anspreche.
Dass die Quotenhascherei die Filmemacher zu einem Spagat zwinge, erlebt Filmemacherin Aelrun Goette, Gewinnerin des Deutschen Filmpreises (»Die Kinder sind tot«) und des Grimme-Preises (»Unter dem Eis«). In Gesprächen mit Redakteuren der Sender werde sie oft mit Kleingeist und Angst vor der Verantwortung konfrontiert. Mit Blick auf die Quote, was aber nie direkt ausgesprochen werde, werde versucht, Projekte »massentauglich« zu trimmen, das heißt ihnen politische Brisanz und gesellschaftliche Relevanz zu nehmen. Das führe zu kryptischen Situationen, gegen die Filmemacher ankämpfen müssten, sowie zu Energieverlust. »Das Fernsehen ist darin Spiegel der Zeit,« meinte die Regisseurin. »Dabei ist es spannend, sich Kreativzellen zu suchen, in denen Leute Verantwortung übernehmen wollen.«
Reitz räumte ein, dass mancher Redakteur nicht das nötige Rückgrat habe, sich gegen das Quotendiktat zu wehren, dann statt auf Qualität lieber auf Seichtes setze. Doch bei allem Verständnis für die Kritik am Programm sowie den Gremien von ARD und ZDF, das Angebot sollte grundsätzlich nicht in Frage gestellt, sondern das System verteidigt und verbessert werden, fordert Reitz. Das hängt aber wohl entscheidend davon ab, ob engagierte Redakteure - wie zum Beispiel Bettina Reitz - sich gegen Chefs durchsetzen oder ihre Mitstreiter ermuntern, in ihre Fußstapfen zu treten.
Die Autorin ist freie Medienjournalistin und lebt in Berlin.
»Tagesthemen«-Moderator Tom Buhrow freut sich über die Initiative zum Schutz des Urheberrechts. »Hier wird ein wichtiges Zeichen gegen den Diebstahl geistigen Eigentums gesetzt«, so lässt er sich vom Tagesspiegel zitieren.
Ist das öffentlich-rechtliches Niveau? Wie sieht für Tom Buhrow der Diebstahl »geistigen Eigentums« aus? Hat er schon einmal sich im Strafgesetzbuch angesehen, wie Diebstahl definiert ist? Wem wird etwas unter Androhung von Gewalt weggenommen? Liest er die einschlägigen Blogs?
»Wer vom Diebstahl geistigen Eigentums spricht, macht damit deutlich, dass er nicht ansatzweise gewillt ist, eine Sachdebatte differenziert zu führen. Während man über die juristische Fiktion vom geistigen Eigentum durchaus noch kontrovers diskutieren kann, ist die mantraartig bemühte Analogie zum Diebstahl und zum Raub schon auf den ersten Blick verfehlt. Denn das zentrale Tatbestandsmerkmal von Diebstahl und Raub ist die Wegnahme (einer Sache). Bei einer Urheberrechtsverletzung wird aber nichts weggenommen, sondern es wird ganz im Gegenteil etwas kopiert und dadurch vermehrt. Die Urheberrechtsverletzung im Internet, deren ›Tathandlung‹ in einer Vervielfältigung und öffentlichen Zugänglichmachung eines Geisteswerks besteht, ist das exakte Gegenteil einer Wegnahme.« So Thomas Stadler in seinem Blog.
Udo Vetter spitzt dies so zu: »Es ist durchaus nicht vermessen und schon gar nicht illegal zu fordern, dass sich das Urheberrecht an die Gegebenheiten der digitalen Welt anpassen soll und nicht umgekehrt. Es könnten sich nämlich auch durchaus Mehrheiten finden, welche die jetzige oder gar künftig verschärfte Kontrolle und Überwachung des Internets wegen - gesamtwirtschaftlich bescheidener - finanzieller Interessen schlichtweg ablehnen.«
Kann jemand, der falsche Begriffe benutzt, im öffentlich-rechtlichen Rundfunk noch moderieren? Ja. Denn die ARD ist ja auch dafür, dass die Bundesregierung ACTA unterzeichnet. Tom Buhrow ist also voll auf Linie der Führungsspitze, jedoch nicht auf der fachlichen Höhe der Debatte.
Der Autor ist Mitglied des MDR-Rundfunkrats und lebt in Dresden; zum Weiterlesen: www.dimbb.
Sie können weder hören noch sehen, den Taubblinden fehlen damit zwei der wichtigsten Sinne zum Erfassen der Welt. Der Filmemacher Wolfram Seeger hielt sich im Sommer 2000 zwei Monate in einer Einrichtung für Taubblinde, dem Oberlinhaus in Babelsberg, auf, sprach mit Betreuern und Angehörigen. Sein Film »Taubblind« (2001) vermittelt einen Einblick in die Welt der Stille und Dunkelheit.
Zum Weiterschauen: www.onlinefilm.org/de_DE/film/ 26669
Nach den Präsidentschaftswahlen in Frankreich und dem Urnengang für ein neues griechisches Parlament am vergangenen Sonntag haben sich in beiden Staaten linke Parteien durchgesetzt. Statt einer sachlichen Analyse der Situation, überwiegt bei der deutschen Berichterstattung blindes Vertrauen in die bisherige Europapolitik der deutschen Regierung. Betrachtet man dieser Tage den Tenor der meisten Medien hierzulande, dann wird einem unweigerlich das Unwort des Jahres 2010 (»Alternativlos«) in Erinnerung gerufen. Die Wirtschaftskrise hat Europa seit 2008 fest im Griff und die einzige Antwort der Politik in den jeweiligen Ländern erschöpfte sich in der gebetsmühlenartigen Predigt einer alternativlosen Sparpolitik. Alternativlos an dieser Situation ist höchstens das, was infolge dessen in Frankreich und Griechenland am vergangenen Sonntag geschah.
Die Bevölkerungen der beiden Länder haben der Alternativlosigkeit eine Absage erteilt und ihre bisherigen Regierungen abgestraft. Allein in der deutschen Berichterstattung kommen diese Ereignisse einem Untergang des europäischen Abendlandes gleich. Wird Europa durch einen Wahlsieg des Sozialdemokraten François Hollande unregierbar, da dieser im Gegensatz zu seinem Vorgänger Sarkozy nicht am mit Berlin abgestimmten Sparkurs festhalten will? Vermutlich nicht, denn auch ein französischer Staatspräsident ist in wichtigen grundsätzlichen Fragen noch immer an die Entscheidung des Parlamentes gebunden. Dort hat, zumindest noch bis zu den Wahlen Mitte Juni, die konservative UMP eine Mehrheit. Entscheidend wird sein, welches Ergebnis die Sozialdemokraten einfahren und wie stark die Linksfront »Front de Gauche« um Jean-Luc Mélenchon abschneidet. Allein eine starke Sozialdemokratie, so lehren uns nicht nur die eigenen Erfahrungen in Deutschland mit der Agendapolitik der SPD, sondern auch die früheren Amtszeiten von Labour in Großbritannien oder der PSOE in Spanien, muss noch lange keine Garantie für eine sozialere Politik bedeuten.
»Franzosen und Griechen wählen Realitätsverweigerung« titelte der Onlineableger der Tageszeitung »Welt« diese Woche. Ähnliche Äußerungen liest man auch auf den Internetseiten von »Spiegel Online«, »Focus«, der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung« und anderen Nachrichtenportalen. Doch worin besteht diese Realität eigentlich? Die Realität vieler Journalisten hört vermutlich dort auf, wo sie nicht mehr mit den gängigen Rezepten der vorherrschenden neoliberalen Wirtschaftsordnung kompatibel ist. Bundeskanzlerin Merkel und die Mainstreamökonomen haben ihre Logik von der sparsamen schwäbischen Hausfrau mittlerweile so sehr in die Gehirne der deutschen Journalisten eingehämmert, dass diese sich mehrheitlich in einer totalen Denkverweigerung übten und stattdessen die Angst vor fallenden Börsenkursen über die Entscheidung des Souveräns in demokratischen Wahlen stellten.
Viele Journalisten echauffieren sich über das Ergebnis, anstatt sich über die Gründe einer schon länger andauernden Erosion der einstigen Volksparteien Gedanken zu machen. Dabei scheinen viele die einfache Logik hinter diesem Aufschrei zu ignorieren: Die Menschen in Frankreich und Griechenland haben sich mit ihrer Wahlentscheidung gerade gegen die herrschende Politik entschieden, die sich ihren bisherigen Kurs durch die Finanzmärkte diktieren lässt. Wenn Börsenkurse nun auf die Wahlergebnisse verschnupft reagieren, dann kann dies aus linker Sicht doch nur bedeuten, dass die Eliten - allen voran die Großanleger - Angst um ihre bisherige Vormachtstellung bekommen. Wenn Journalisten aber fallende Börsenkurse zum Wählerwillen verklären, zeugt dies doch von der tatsächlichen Realitätsverweigerung. Wer wird hier durch wen regiert? Wann stellen sich Kollegen endlich die Frage, ob es nicht besser wäre, das System der Finanzmärkte grundsätzlich infrage zu stellen, anstatt ständig neue drakonische Sparmaßnahmen zu beschließen, um das Vertrauen der Märkte zu gewinnen?
Die deutsche Berichterstattung hat überwiegend darin versagt, der Bevölkerung zu vermitteln, welches Ausmaß die Sparforderungen der EU und des Internationalen Währungsfonds an Griechenland inzwischen annehmen. Dies würde auch darüber Aufklärung bringen, weshalb die Hellenen mehrheitlich Parteien gewählt haben, welche einen weiteren Sparkurs nicht mittragen wollen.
Doch aus der begrenzten deutschen Perspektive heraus sind die großen Wahlsieger, vornehmlich linke Parteien, die böse Unvernunft in der europäischen Tragödie. Anstatt sich der Parole eines »Weiter so« der konservativen Nea Demokratia und der sozialdemokratischen PASOK anzuschließen und damit systemkonform zu handeln, präsentiert man eigene Rezepte. So wird die SYRIZA, eine Koalition der Radikalen Linken, hierzulande zwar gerne als Sammelbecken für regierungsunfähige Chaoten dargestellt, doch dieses Bild funktioniert nur solange, wie man sich nicht mit den inhaltlichen Forderungen auseinandersetzt. So will SYRIZA die Kapitalflucht reicher Griechen ins Ausland, vornehmlich ins benachbarte Zypern, stärker eindämmen. Hier zeigt sich die Doppelmoral deutscher Medien. Während in Deutschland ein Kampf gegen Kapitalflucht in die Schweiz als legitime Forderung gilt, werden griechische Parteien mit dem gleichen Vorschlag zu Chaoten abgestempelt.
Der Autor ist freier Journalist und lebt in Chemnitz.
Ende Juli 2010 wurde der Zugang zu sauberem Trinkwasser von der UN zum allgemeinen Menschenrecht erklärt. Man könnte, ja müsste daraus folgern, dass die Versorgung mit Trinkwasser nicht den Geschäftsinteressen von Wirtschaftskonzernen unterworfen sein darf. Doch das Gegenteil ist der Fall, wie der Film »Water makes money« von Leslie Franke (2010) zeigt. Finanzschwache Kommunen überlassen den Konzernen das öffentliche Wassernetz. Die Folgen: steigende Verbraucherpreise, sinkende Wasserqualität.
Zum Weiterschauen: www.onlinefilm.org/de_DE/film/ 40672
Die Gebühreneinzugszentrale (GEZ) hat keinen guten Ruf. Schon der Name klingt mehr nach Behörde als nach Dienstleistung. Im Zuge der Reform der Rundfunkgebühren, haben die grauen Herren in der Medienpolitik sich jetzt einen neuen Namen für die GEZ ausgedacht. Marc Jan Eumann, Staatssekretär im Ministerium für Bundesangelegenheiten, Europa und Medien in Nordrhein-Westfalen und Vorsitzender der SPD-Medienkommission, verriet dieser Tage auf dem Medientreffpunkt Mitteldeutschland in Leipzig, die GEZ werde ab 2013 »ARD-ZDF-Deutschlandradio-Beitragsservice« heißen. Ob das bürokratische Wortungetüm künftig mit AZDBS oder mit AZDeuRaBeiSe abgekürzt werden wird, ist allerdings noch nicht bekannt. Vorschläge können ja an die GEZ geschickt werden jam
Die arrogante Attitüde, dass die Chaostruppe der Piratenpartei mit ihren uferlosen Diskussionen ja doch nie zu einer klaren Entscheidung komme, dürfte sich mit deren Bundesparteitag am letzten Wochenende ziemlich erledigt haben. Denn in Neumünster fassten die Piraten nicht nur eindeutige Beschlüsse zu einigen strittigen Fragen ihrer jüngsten Vergangenheit, sondern bewältigten das umfangreiche Pensum außerordentlich diszipliniert und zielführend - einschließlich einer Vorstandswahl, deren Ablauf sich wohltuend von den quälenden Personaldiskussionen abhob, die derzeit die »etablierten« Grünen, FDP, Linken und die SPD führen.
Den Piraten gelingt die Zusammenführung von umfassender Basisdiskussion und allgemein akzeptierten Entscheidungen nicht trotz ihrer ausgeprägten Debattenkultur, sondern gerade wegen ihr. Wo jede Meinung so viel wie die andere gilt und alle die Chance haben, sich in den Beschlussfindungsprozess einzubringen, ist auch die Bereitschaft vorhanden, das Votum der Mehrheit zu achten und umzusetzen; die ständige Beobachtung seitens der Parteibasis trägt dazu ihr Teil bei. Sie sorgt auch dafür, dass gewählte Funktionäre nichts anderes sind als Moderatoren und Kommunikatoren; auch ihre Meinung zählt nicht mehr als die jedes anderen Mitglieds. Mit dem alten autoritären Modell, dass irgendwelche - oft selbst ernannte - Führungsfiguren in einer Partei den Ton angeben und für sie die Ziele, die Inhalte, die Vorgehensweisen formulieren, geht es im Zeitalter des Internets unwiderruflich zu Ende. Die repräsentative Demokratie, die aus ganz praktischen Gründen jahrzehntelang die wirkliche Demokratie - nämlich die Volksherrschaft unter Einbeziehung aller ihrer Glieder - ersetzen musste, verliert ihre Daseinsberechtigung in dem Maße, wie diese wirkliche Volksherrschaft via Internet durch alle möglich wird
Wie sehr die alte repräsentative Demokratie ausgespielt hat, war an der wachsenden Parteienverdrossenheit und der ständig sinkenden Wahlbeteiligung seit langem ablesbar. Dass es gegenwärtig eine neue Lust am Politikmachen gibt und viele Nichtwähler wieder in die Wahllokale gehen, zeigt die Sehnsucht nach mehr Demokratie und die Bereitschaft zur Nutzung der neuen Möglichkeiten des Mitbestimmens.
Der Autor ist Journalist und lebt in Berlin; zum Weiterlesen: www.blogsgesang.dei
Der Lehrer Erwin Grüner hat mit der Grundschule in Karthaus im Schnalstal ein Vorzeigemodell geschaffen. Unterrichtet wird in Kleingruppen, Kinder werden zur Selbstverantwortung erzogen. Doch die sinkende Geburtenrate bedroht auch dieses Biotop, die Schule soll geschlossen werden. In »Ein Lehrer macht Schule« (2008) wird der Kampf Grüners um den Erhalt seiner Schule geschildert.
Zum Weiterschauen: www.onlinefilm.org/de_DE/film/ 32031
Comic-Figuren sind seltsame Wesen, sie altern in der Regel nicht und sie haben meist kein Sexualleben. Ihre Triebhaftigkeit sublimieren sie etwa wie Dagobert Duck mit einem Bad im Geld-Bunker. Die Heldenfiguren unter ihnen haben nicht einmal dafür Zeit - sie müssen ja 24 Stunden am Tag die Welt retten. Dass viele der männlichen Helden in Wahrheit nicht auf Frauen, sondern auf das eigene Geschlecht stehen, wird seit Langem vermutet und bei einem ist es jetzt sozusagen amtlich. »Das ganze Konzept ist vollkommen schwul«, outete jetzt der schottische Comic-Zeichner Grant Morrison das Triebleben von Batman. Ach wirklich? Den Konservativen in den USA bleibt auch nichts erspart. jam
Unter dem Druck der Massenproteste wegen Manipulation der letzten Wahlen erfüllte Noch-Präsident Dmitri Medwedew jetzt sogar die Uralt-Forderung von Zivilgesellschaft und liberaler Opposition nach einem öffentlich-rechtlichen TV-Kanal, der auch ihnen eine Tribüne bietet. Denn derzeit sind alle überregionalen russischen TV-Sender in Staatsbesitz oder staatsnah und laut Mediengesetz nur zur Berichterstattung über die in der Duma vertretenen Parteien verpflichtet.
Sendestart für das öffentlich-rechtliche Fernsehen ist am 1. Januar 2013, wenn in ganz Russland das digitale Zeitalter anbricht. Regimegegner, kritische Journalisten und unabhängige Medienexperten sind skeptisch. Vor allem, was die Staatsferne angeht, für die sich Medwedew ins Zeug legte, als er den Gründungserlass unterzeichnete. Denn der Ukas untersagt Abgeordneten und Beamten zwar ausdrücklich die Bewerbung um einen Sitz im Rundfunkrat. Doch dessen Vorsitzenden ernennt der Präsident. Als chancenreichster Bewerber gilt der derzeitige Chef des staatlichen Auslandsradios: Golos Rossiji (Stimme Russlands). Dazu kommt, dass der Sender sich aus dem Staatshaushalt finanziert. Nur in der Startphase, hieß es im Präsidentenamt, dann setze man auf private Spenden. Denn Rundfunkgebühren wie in Deutschland wagen die Politiker den Wählern nicht zuzumuten und Einnahmen aus Werbung untersagen die Statuten.
Statt anspruchsvoller Dokumentationen, die eigentlich Markenzeichen des neuen Kanals werden sollen, dürften daher Talkshows, deren Produktion sehr viel billiger ist, das Programm prägen. Zwar hat Russland, soweit es die Politik betrifft, daran immensen Nachholbedarf. Der letzte, kontrovers geführte und live ausgestrahlte Talk wurde im Vorfeld der Parlamentswahlen 2003 abgesetzt. Doch der Neustart könnte zum Quotenkiller werden: Das Programmkonzept verlangt Ausgewogenheit und von den Machern jeder einzelnen Sendung Bemühungen um Konsens.
Bei kritischen Journalisten wie Alexei Wenediktow, Chefredakteur von Radio »Echo Moskwy«, oder Swetlana Sorokina, bis zur Putin-Ära das Gesicht des Staatssenders RTR, äußerten bereits ihre Bedenken zu dieser Art von Harmoniesucht. Andere Profis fürchten, Journalisten, Kameraleute und Cutter seien nach mehr als zehn Jahren staatlicher Indoktrinierung gar nicht mehr in der Lage, mit regimekritischen Standpunkten fair und objektiv umzugehen und verweisen dabei - zu Recht - auf die Berichterstattung staatlicher und staatsnaher TV-Sender von den Massenprotesten.
Die »Bild«-Zeitung hat kürzlich wieder für diesen Film geworben, allerdings wohl eher ungewollt als beabsichtigt, in dem sie aus dem Fakt, dass einer der Mitarbeiter am Buch zum Film, Stasi-Spitzel war, den Vorwurf konstruierte, das MfS hätte das Werk mitverfasst und sein Verfasser deshalb diskreditiert. Bei Springer werden sie Günter Wallraff wohl nie verzeihen, dass er als Hans Esser die Methoden ihres Gossen-Journalismus' der Öffentlichkeit offenbarte. Wenige Jahre später nahm Wallraff die Identität des Ali Levent Sinirloglu an und erkundete die Arbeitsbedingungen eines Gastarbeiters in der BRD. Sein Buch »Ganz unten« wurde wie der Film von 1985 zum Publikumserfolg.
Zum Weiterschauen: www.onlinefilm.org/de_DE/film/ 26924
Dass der Kapitalismus am Ende ist, wenn nicht gleich, dann schon in Bälde, pfeifen linke Spatzen seit mehr als einem Jahrhundert von den Dächern. Seit Erfindung des Kurznachrichtendienstes Twitter, können sie das auch zwitschern. Es hilft aber alles nichts, denn die Bestie lebt und erfindet immer neue Quellen ihrer Existenz. Ein lohnendes Geschäftskonzept mit den Opfern des sogenannten Cyber-Mobbings, also jenen, die z.B. via Twitter mit Hohn und Spott überschüttet, an den Pranger gestellt werden, hat jetzt ein französischer Versicherungskonzern entwickelt. Anfang des Jahres brachte er ein Produkt auf den Markt, das Privatpersonen vor einem schlechten Ruf im Internet schützt. Übernommen werden u.a. die Kosten für die Säuberung des Internets. jam
Die Berichterstattung zum Prozess gegen Anders Behring Breivik ging am Mittwoch in den dritten Tag. Wahrscheinlich darf der wegen 77-fachen Mordes angeklagte Norweger noch bis einschließlich Montag über sein Leben, seine Ansichten und Beweggründe referieren. In den drei ersten Prozesstagen änderten sich die Überschriften in den norwegischen Medien zunehmend. Aus dem »Monster von Utöya« wurde in wenigen Prozesstagen die flockigen »Breiviks Stunde« und »Zirkus Breivik«.
Die massive Berichterstattung gerät allerdings zunehmend in die Kritik. Gestritten wird, ob damit der Rechtsstaat verteidigt oder nur Breiviks Propaganda weitergegeben wird. Das Land ist gespalten. Die äußerst seriöse »Aftenposten« warnt bereits. Der Prozess am Osloer Amtsgericht drohe immer mehr zur Selbstdarstellung eines Massenmörders zu werden. Tatsächlich hat Breivik, der gerne in der Welt der Computer-Kriegsspiele zu denken scheint, den Prozess als »Level 3« in seinem Kampf um die »Entislamisierung« Europas klassifiziert. Das sei ihm bislang geglückt, meint »Aftenposten«. Breivik durfte alleine am Dienstag 70 Minuten lang - trotz fünf Abbruchversuchen der unsicher wirkenden Richterin - seinen gut vorbereiteten Propagandaaufsatz vorlesen und sich als psychisch gesunden, rechtsextremen Intellektuellen darstellen. »Das Problem ist, dass unsere Medien und Breivik das gleiche Interesse haben. Sie wollen schockieren«, sagt Björn Stärk von »Aftenposten«. Die Medien müssten ihre Zeitungsseiten und Sendezeiten füllen. Breivik stünde willig dazu bereit. Viele norwegische Medien erlagen zudem der Versuchung, dem Prozess eine politische Dimension zu geben, so die Kritik. »Sie vergessen dabei, dass es sich um einen psychisch Kranken handelt. Denn beide Gutachten kommen zum Ergebnis, dass Breivik psychisch krank ist. Auch wenn nur das eine Gutachten von Schuldunfähigkeit spricht«, so Stärk.
Tatsächlich geben große norwegische Zeitungen, Internetseiten und Fernsehsender Breiviks Erklärungen jeden Tag detailliert wider. Mit dem Prozess haben diese Thesen eigentlich nichts zu tun, so die Kritiker. Zwar folgt dann manchmal eine Faktenkontrolle, wie in »Dagbladet«. Stimmt es wirklich, dass muslimische Frauen Geburtenmaschinen sind? Die mit Fakten belegte Antwort: nein. Aber welche Leser lesen schon mehr als die dickgedruckten Behauptungen Breiviks?
Auch viele Norweger wie Isabella vom Café am Gericht finden die Detailtreue der Medien abstoßend. »Es ist respektlos gegenüber den Angehörigen der Toten, dass Breivik jetzt so auf ein Podest gehoben wird. Genau das will er ja.« Für sie ist der Rummel zu groß. »Man hätte den Prozess ganz klein machen sollen, nur für Norwegen, und ohne Bild und Ton.«
Doch die Reporter der Boulevardzeitungen verteidigen die Ausführlichkeit. Schließlich sei ganz Norwegen betroffen. Warum sollten nur die wenigen Menschen, die einen Platz im kleinen Gerichtssaal bekommen haben, diesen verfolgen dürfen? Schließlich schreibe der Rechtsstaat öffentliche Prozesse aus gutem Grund vor. Dass Breivik andere zu ähnlich grausamen Taten Anstiften könnte, sei kein Argument, »Wir können doch den Leuten nicht vorschreiben, was sie denken sollen, oder was sie lesen, hören, sehen dürfen oder nicht. Dann wären wir da, wo Breivik die Gesellschaft gerne haben würde. Im Faschismus«, meint ein Reporter einer der größten Boulevardzeitungen unter der Hand. Er habe es satt, als »journalistisches Schwein«, angesehen zu werden, nur weil er seinen Job gut mache.
Breivik kommt im übrigen eher zugute, dass ihm die Fernsehdirektübertragung des gesamten Prozesses verwehrt blieb. Während er es am Dienstag bei seiner Propagandarede tatsächlich schaffte, einen klaren und für Rechtsextreme wohl anziehenden Eindruck zu machen, wirkte er am Mittwoch wie ein unsicheres Kind, das versuchte, eine Lügenwelt über vermeintliche Terrornetzwerke aufrecht zu erhalten. Völlig ohne Ausstrahlung, fast lächerlich, wirkte er da auf der Anklagebank, völlig ohne Selbstvertrauen.
Zu den Kritikern des Übertragungsverbotes gehört etwa Jan Arsäter, Nachrichtenchef beim großen norwegischen Privatsender TV2. Diejenigen, die der Nation das unzensierte Anschauen des Prozesses durch Verbote unmöglich gemacht haben, würden eine große Verantwortung tragen, sagt er. Auch der bekannte norwegische Journalist und Schriftsteller Hans Petter Sjöli sagt: »Das Fernsehverbot ist ein Skandal. Ich fordere das Gericht auf, sich hier umzuentscheiden.« Darauf deutet bislang nichts hin.
Der Autor ist Journalist und berichtet für verschiedene Medien aus den skandinavischen Ländern.
Die Medien haben aus ihrer hektischen Eile gelernt. Nachdem ein unschuldiger Jugendlicher zu einem Täter wurde, man ihn zum Kindermörder machte, berichten sie jetzt von einem geständigen jungen Mann. Und da mit dem Mord ein älteres Vergehen offenbar wurde, fragen sie nun betroffen: Hätte man den Kerl nicht eigentlich schon vorher haben müssen? Eine DNS-Analyse ergab, dass der junge Mann möglicherweise vorher schon Sexualstraftaten begangen hat. Konnte man seiner denn nicht vor dem Mord habhaft werden, ist die fragende Reaktion der Medien darauf. So fragen auch die ZDF-Nachrichten. Warum hatte man ihn nicht vorher schon des Mordes überführt, bevor er den Mord begangen hat? Man hatte doch seine DNS schon.
Was sie jedoch nicht sagen: Es gab keinen Vergleichswert. Da ist natürlich die DNS-Kartei wieder im Gespräch. Und warum, man nebenher festgestellt, die Medien dauernd von DNA sprechen, von -A für acid, kein -S für Säure verwenden, kann wohl auch nicht geklärt werden.
Natürlich wussten die ZDF-Nachrichten, dass das Versehen, einen falschen Tatverdächtigen zu einem Täter gemacht zu haben, zu einen Täter, mit dem man böse wurde, weil er einfach nicht gestehen wollte - natürlich wusste das ZDF, dass man dieses Versehen dem Internet, Facebook und dem sich dort formierenden Mob zu verdanken habe. Die eigene Rolle - reden wir mal nicht von Springer - in diesem Spiel bleibt verdeckt. Hat denn das ZDF nicht bewegte Bilder eines Mannes gezeigt, der abgeführt wird und waren dabei nicht deutlich Rufe wilder Mütter und Väter zu hören, die schimpften, die Monster! riefen? Ist das etwa kein tendenziöses Ausstrahlen gewesen? Hat man da nicht Bild- und Tonmaterial verwendet, das die Tendenz aufwies, es hier mit dem Mörder zu tun zu haben?
Der Autor ist Publizist und betreibt das Weblog ad sinistram; zum Weiterlesen: www.ad-sinistram.blogspot.com
Als Michael Simml den Entschluss fasste, seinen Bauernhof im Bayerischen Wald auf Biolandbau umzustellen, galt das noch als Spinnerei. Man schrieb die frühen 80er Jahre des vorigen Jahrhunderts, die Grünen wurden noch als häkelnde Exoten belächelt. »Drei Jahr’ geben wir ihm, dann frisst ihn’s Unkraut z’samm«, sagten die Nachbarn Simmls. Gerade im Bayerischen Wald, wo der Boden karg und die Erträge niedrig sind, suchten die Bauern ihr Heil eher in der chemischen Düngung. Simml hat alle Lügen gestraft. Heute erntet der Bio-Pionier auf nur 18 Hektar höchste Erträge. In Bertram Verhaags Film »Der Bauer, der das Gras wachsen hört« (2009), erzählt Simml, wie er das macht.
Zum Weiterschauen: www.onlinefilm.org/de_DE/film/ 42801
Die »Bild« zeigte sich am Tag nach dem Prozessauftakt gegen Anders B. Breivik entsetzt und empört zugleich. »Fanatisches Monster macht Gericht zur Bühne«, titelte »bild.de« und wenige Zeilen weiter hieß es: »Er plant für morgen eine neue widerliche Show«. Der Ekel hinderte die Boulevardzeitung aber nicht daran, die »widerliche Show« kräftig mit einer eigenen Bilderstrecke und einem Video zu unterstützen. So kann der Pranger gleichzeitig zur Bühne werden
Dass man als Boulevard-Blatt den den schmalen Grad zwischen Informationspflicht, Sensationslust und Selbstinszenierung eines Massenmörders auch sicher bewältigen kann, zeigt die norwegische Zeitung »Dagbladet«. Leser, die überhaupt nichts über den Prozess, kein Bild, keine Zeile, nicht einmal den Namen des Angeklagten zur Kenntnis nehmen wollen, können online alle Artikel und Meldungen per Knopfdruck ausblenden. jam
Die Verantwortlichen für den deutsch-französischen Kulturkanal Arte wollen seit Januar stärker auf die Quote anstatt auf den Inhalt ihres Programms schauen. Dabei ist das Schielen auf den Massengeschmack nicht Auftrag dieses einmaligen Projektes. Es ist ganz gewiss ein Zufallstreffer, doch dieser steht symptomatisch für eine sich schon länger abzeichnende Entwicklung beim deutsch-französischen Fernsehsender Arte. Es ist Mittwochvormittag. Das Privatfernsehen wird einmal mehr seinem Ruf als Resterampe im nicht enden wollenden Prozess der Medienverwertung für Formate voller Vorurteile und Klischees gerecht. Längst nicht jeder Mensch erträgt auf Dauer diese Darstellung von Laiendarstellern, wie sie für eine Hand voll Euro den verzweifelten Versuch unternehmen, aus gescripteter Realität einen Hauch von Authentizität herauszuquetschen. Wie gut, dass es fernab der immer günstiger produzierten Welt des Boulevard bis heute noch Inseln gibt, die nicht der Logik von Quote durch Quantität zulasten der Qualität geopfert werden. Der deutsch-französischer Partnersender Arte ist solch ein Rückzugsort für diejenigen, welche intelligentes Fernsehen mögen. Intelligent deshalb, weil die Programmverantwortlichen bisher stets die Botschaft der Effekthascherei überordneten. Wie es nämlich leider auch geht, zeigen ARD und ZDF immer häufiger. Man nähert sich rasant dem Niveau der privaten Sender-Fastfood-Ketten an. Doch das Paradies, die Progammnische fernab von Krawall und Kurzweiligkeit, ist bedroht und noch dazu ohne eindeutig erkennbaren Grund.
Zunächst noch einmal zurück zum zufällig ausgewählten Arte Programm an einem Mittwochvormittag. Gegen neun Uhr in der Früh erwartet den Zuschauer eine Dokumentation, welche Männer in einer Kleinstadt irgendwo im australischen Niemandsland auf die Suche nach Edelsteinen begleitet. Über längere Etappen ist man sich allerdings nicht mehr ganz sicher, ob man sich tatsächlich noch bei Arte oder bereits inmitten einer der mit Superlativen überladenen Produktionen des Männer und Machosenders DMAX befindet. Schon in der Programmvorschau ist von »hartgesottenen Glücksrittern« die Rede, die »jeden Tag darauf hoffen, den Stein zu finden, der ihr Leben verändern wird.« Derartige Heilsversprechen gehören eher in das Land der Märchen. Letztere beschreiben das, womit der Sender sein restliches Vormittagsprogramm füllt. Eine britische Serie aus den 60er Jahren ist zwar genauso nett anzusehen wie die sich anschließenden vier Episoden eines in die Jahre gekommenen Zeichentrickcowboys, doch sie spiegeln wider, was die Programmplaner Ende letzten Jahres bei der Vorstellung des neuen Sendekonzeptes mit einer neuen »gewissen Leichtigkeit« gemeint haben. Der Sender, so heißt es in dem offiziellen Konzept, müsse »freundlicher, emotionaler und zugänglicher« werden. Worin diese verordnete neue Leichtigkeit liegt, wird bei einem Blick auf die angekündigten Höhepunkte klarer.
Die Botschaft ist deutlich: Schöne bildgewaltige Aufnahmen, mehr Musik und bloß nicht zu viel Tiefgründigkeit. Zwischendurch ein paar eingekaufte, fertig produzierte Serien und Spielfilme. Dank ihrer Beliebigkeit könnten diese auch auf so ziemlich jedem anderen Kanal laufen, was sie in der Vergangenheit häufig getan haben, wie das Beispiel der als historisch gepriesenen, aber wenig mit geschichtlichen Fakten unterlegten, Serie »Die Tudors« zeigt.
Dem deutschen Publikum dürfte dieser britische Historienabklatsch um König Heinrich VIII. noch aus Zeiten seiner Erstausstrahlung beim Münchner Privatsender Pro 7 bekannt sein, was an sich schon ein Alarmzeichen sein müsste. Welchen Beitrag eine Serie, deren zentraler Kosmos aus Macht, Gier und jeder Menge Sex besteht, zu einem Zusammenwachsen der Völker und Kulturen Europas leistet, wird der Zuschauer wohl nie erfahren. Immerhin ist genau dies der Auftrag, den die Gründer von Arte Anfang der 90er Jahre für den Sender vereinbarten. Es sei denn, die Tudors sind ein stellvertretendes Symbol für die in der Politik fest verwurzelte Gier nach Macht, welche den europäischen Kontinent nicht nur einmal ins Verderben stürzte.
Arte soll mit der Programmreform massenkompatibler gestaltet werden. Für Anspruch ist im neuen Sendeschema immer weniger Platz. »Soziologische, politische und wirtschaftliche Analysen sind ebenso wenig gefragt wie reine Beobachtungen.«, heißt es in einem Dossier zur Programmgestaltung über jenen Themenbereich, welcher den Sender bisher so einzigartig in der deutschen TV-Landschaft machte.
Dabei besteht kein Anlass, den Kanal aus seiner ihm einst zugestandenen Nische zu holen, wie auch die Arbeitsgemeinschaft Dokumentarfilm, der größte Berufsverband fernsehunabhängiger Filmemacher, richtig bemerkt hat. Immerhin sollte Zuschauerzuspruch nicht als alleiniger Gradmesser für eine kulturelle Errungenschaft dienen. Wäre dies der entscheidende Faktor, sähe das kulturelle Erbe Europas kläglich aus. Kultur drückt sich gerade nicht durch Masse, sondern durch Qualität aus, also die Leidenschaft, die der Schaffende in sein Werk steckt.
Das Wesen der Kultur fußt ja gerade auf der Vielfältigkeit. Unterstellt man Arte nun dem Diktat höherer Quoten, so nimmt man dem Künstler die Luft zum Atmen, wodurch die Kultur verkümmert. Einem selbst ernannten Kultursender wäre solche Situation nicht würdig, seine Existenzberechtigung wäre infrage zu stellen.
Der Autor ist freier Journalist und lebt in Chemnitz
Es wird ein bisschen themenfremd. Aber ich lege ja, zur Irritation der unterschiedlichsten Leute, Wert darauf, in den Dreizeilern zur Beschreibung meiner Person auch zu erwähnen, dass ich Mutter bin. Weil das mein Erleben der Welt erheblich prägt, und weil es sehr viel von meiner Zeit beansprucht. Das bringt mit sich, mich viel mit Schule beschäftigen zu müssen. Ein Elend. Ein ganz unglaubliches Elend.
Heute: Internet und Schule. Kai Biermann bei Zeit Online dazu: »Wer Grundschüler fragt, Acht-, Zehn- oder Zwölfjährige, ob sie über das Internet reden wollen, schaut in begeisterte Gesichter. Jaaaa!, brüllen sie dann und haben sofort haufenweise Fragen. Ständig sind die Arme oben: Ob es genügt, wenn man sein Facebook-Profil vor Suchmaschinen verbirgt, was passieren kann, wenn man seine Adresse im Internet verrät, was Viren sind und was sie machen, warum man bei YouTube auf ›gefällt mir‹ oder ›gefällt mir nicht‹ klicken kann, wie man eine Website baut, wie das Internet überhaupt entstand und wie es funktioniert. (…) Die Lehrer sitzen daneben und wundern sich. (Als Internetlehrer an einer Grundschule).«
Mehr muss dazu eigentlich nicht gesagt werden, außer vielleicht, dass daran nur zum Teil die Lehrerinnen und Lehrer schuld sind, weil die angesichts der Bedingungen schon so in Arbeit versinken, dass ich jedenfalls nicht unbedingt erwarte, dass sie sich nebenbei noch gut mit dem Internet auskennen. (Allerdings, die Lehrer-Ausbildung ...)
Wobei schon schöner wäre, wenn den Kindern nicht - Microsoft ist halt der Sponsor, der Staat hat ja kein Geld, Sie wissen schon - vermittelt würde, dass es nur Windows gibt und im Netz nur gute Sachen, wenn man sich als Mitglied registriert und dafür Geld bezahlt.
In meinem nächsten Leben gehen die Kinder dann vielleicht doch auf Freie (Privat-)Schulen und können ein bisschen mehr lernen, was sie interessiert.
Die Autorin ist Journalistin und Medienaktivistin und lebt in Berlin; zum Weiterlesen: annalist.noblogs.org
Auschwitz steht wie kein anderer Ort für den industriell betriebenen Massenmord an den europäischen Juden, Roma und Sinti. Doch Auschwitz ist auch Oświęcim, eine Kleinstadt, die es schon vor dem Vernichtungslager gab. Die Frage des korrekten Erinnerns spaltet auch dort heute die Menschen. Marian Ehret beschreibt in seinem Film »Auschwitz-Dialoge« (2007) die Konflikte. Es geht u.a. um einen Bürgermeister, der eine Einkaufsmeile in KZ-Nähe errichten lässt, aber auch um Bewohner einer Armensiedlung, die Angst vor Vertreibung haben, da sie zu nahe am Gedenkort leben.
Zum Weiterschauen: www.onlinefilm.org/de_DE/film/ 27400
Die digitale Revolution wird die Haltung der Menschen zur Welt ähnlich tiefgreifend ändern, wie es vor rund 500 Jahren die Erfindung des Buchdrucks getan hat. Das aus der klassischen Medientheorie stammende Schema von Sender und Empfänger wird durch ein anderes ersetzt: Wir sind Sender und Empfänger zugleich. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) hat das kürzlich als einer der wenigen Politiker erkannt. Die Etablierung des Internets habe Folgen für das Urteilsvermögen einer Gesellschaft, so Lammert gegenüber dem »Spiegel«. Wer sich im Wesentlichen über das Internet informiere, »fragt Dinge nach, die er selbst spannend und unterhaltsam findet. Wer sich dagegen vor allem auf Printmedien und Rundfunk stützt, nimmt Informationen auf, die andere wichtig finden.« jam
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Foto: al73 / photocase.com
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Das Urheberrecht: vor zehn Jahren war es noch ein Nischenthema, heute brennt es allen auf den Nägeln. Facebook-Nutzer kriegen Abmahnungen, weil sie Disneyfiguren als Profilbildchen benutzen, die sogenannte Contentindustrie (Medienunternehmen) stöhnt über illegale Downloads von Filmen und Musik, die Urheber (nach denen das Recht benannt wurde) fühlen sich nicht respektiert - weder finanziell noch ideell. Alle sind unzufrieden.
Schuld daran ist das Internet - jedenfalls gefühlt. Durch das Netz haben wir Zugriff auf vielfältigste Arten kultureller Äußerungen und Informationen über die Welt und aus aller Welt. Wie war noch mal der Name von dem Musikstück, von dem mir grade eine Zeile in den Kopf schießt? Wie heißt die Hauptstadt von Kirgistan? Wo krieg ich das Manga-Fanzine her? Ich google mal schnell. Natürlich hinterlässt das Spuren in der Art und Weise, wie man denkt, schreibt, lebt. Man kann sich Magazine aus Japan und aus Südamerika bestellen, von denen man vor dem Internet nicht einmal gehört hat. Man lernt Leute kennen, mit denen einen das Interesse an bestimmten Themen verbindet - gesehen hat man sich zwar nicht, aber vielleicht demnächst.
Das Internet hat unser Leben verändert und wir können uns kaum noch vorstellen, wie es vorher war. In Deutschland sind laut ARD/ZDF-Onlinestudie mehr als 73 Prozent der Bevölkerung online - in der Altersgruppe unter 49 Jahren 90 Prozent und bei den Jugendlichen zwischen 14 und 19 sogar 100 Prozent. Das Urheberrecht aber ist trotz dieser fundamentalen Veränderungen seit 1965 weitgehend gleich geblieben (die beiden Reformen, erster und zweiter Korb genannt, von 2003 und 2006 haben es nicht grundsätzlich verändert). Es ist ein Recht, das als Folge des Buchdrucks entstanden ist - eine andere Medienrevolution, die vor 500 Jahren die Wissensordnung umkrempelte. Vorher wurden Bücher mit der Hand abgeschrieben, und wenn ein Mönch meinte, einen Fehler gefunden zu haben, so korrigierte er ihn einfach, und wenn etwas fehlte, so ergänzte er es. Geschichten wurden mündlich weitererzählt - und im Erzählen verändert. Märchen und Sagen wurden von Generationen von Erzählern gemeinsam geschrieben.
Der Buchdruck erlaubte es, Bücher exakt zu reproduzieren - und das auch noch relativ günstig. Das Urheberrecht entstand in der Folgezeit aus den Druckerprivilegien. Denn schon bald nach der Einführung der Druckerpresse gab es Raubdrucke: Findige Verleger druckten erfolgreiche Werke nach und verkauften sie billiger. Das ging auf Kosten der ursprünglichen Verleger, die das Risiko auf sich genommen und den Autor honoriert hatten, ohne zu wissen, ob sich die Investition lohnen würde. Um dieses Problem zu lösen, entwickelte sich das Urheberrecht als Investitionsschutz für Drucker. Daraus entstand später - vor allem in Kontinentaleuropa - die Vorstellung, dass das Werk mit dem Urheber durch ein unzerstörbares Band verbunden ist. Erst durch diese Entwicklungen konnte »das Kunstwerk« im modernen Sinne entstehen und in der Folge die Vorstellung des Urhebers als alleinigem, originären Schöpfer.
Die ältere Idee des gemeinsamen Ursprungs von Geschichten ist jedoch immer noch lebendig. In der Literatur und Kunst des 20. Jahrhunderts spielen Collage und Assemblage, Übernahme und Zitat eine große Rolle. Alfred Döblin nahm Zeitungsartikel, Liedtexte und Werbesprüche in seinen Roman »Berlin Alexanderplatz« auf; Thomas Mann plünderte für »Doktor Faustus« die Musiktheorie Arnold Schönbergs. In der Bildenden Kunst stellte Duchamps gewöhnliche Haushaltsgegenstände aus, John Heartfield kritisierte mit seinen Collagen die Politik der 1920er. Die Beispiele lassen sich beliebig erweitern: Andy Warhol, Max Ernst, Vladimir Nabokov, Elaine Sturtevant, Cindy Sherman... Der US-amerikanische Schriftsteller Jonathan Lethem sieht im Kopieren, im Abschreiben und Abmalen das grundlegende Verfahren von Kunst. In seinem Essay »Autoren aller Länder, plagiiert Euch« schreibt er: »Der Kern, die Seele [...] allen menschlichen Ausdrucks ist das Plagiat.« Alle Ideen seien aus zweiter Hand, da sie sich aus dem kulturellen Kontext speisen, in dem der Autor lebt.
Im Internet steht dieser kulturelle Reichtum mit ein paar Mausklicks zur Verfügung. Wir können ihn zitieren, uns von ihm inspirieren lassen, ihn remixen und neu zusammensetzen. Dazu müssen wir nicht einmal Künstler sein. 14-jährige machen Musikvideos aus Harry-Potter-Filmszenen, Hobby-Musiker mischen zwei Musikstücke neu zusammen, Bürger schreiben über ihr Stadtviertel und zitieren aus Zeitungsartikeln. Das sind eigentlich Dinge, die zunächst positiv besetzt sind - Menschen engagieren sich, betätigen sich kreativ, schaffen neue Werke. Leider verstoßen sie aber genau damit nicht selten gegen das Urheberrecht, auch wenn sie keinen Profit mit ihren Werken machen.
Das Urheberrecht ist entstanden, als das Veröffentlichen einer Minderheit vorbehalten war. In einer digitalisierten und vernetzten Welt entspricht es nicht mehr den Erfordernissen. Deshalb hat die Diskussion über das Urheberrecht Fahrt aufgenommen. Auf der einen Seite sind da die Rechteinhaber - das sind nicht nur Urheber, sondern vor allem die Verlage, die Musik- und Filmindustrie -, deren Geschäftsmodelle sich ändern müssen, wenn sie in dieser neuen Welt überleben wollen. Sie wollen ihre Rechte gesetzlich festschreiben lassen. Aus dieser Richtung kommen die Versuche über internationale Handelsabkommen und Verträge, die Freiheit des Internet einzuschränken - zum Beispiel mit ACTA. Auf der anderen Seite wollen sich die Netzgesellschaft und die Nutzer die Freiheiten nicht nehmen lassen und gingen im Februar 2012 zu Hunderttausenden auf die Straße.
Geht es nach manchen Rechteinhabern - und dem Urheberrecht, das in den Reformen eher verschärft wurde als gelockert - so darf man mit digitalen Daten weniger machen als mit analogen. Kopieren etwa ist dank technischer Maßnahmen zu einem Spießrutenlauf geworden. Dem entgegen steht die Praxis. Jeder Kopierschutzmaßnahme folgt der Crack, den man im Internet finden kann. Das kann man verurteilen - und viele Urheber fühlen sich »ins Gesicht gepinkelt«, wie der Musiker Sven Regener es dieser Tage etwas drastisch formulierte. Trotzdem hat die Digitalisierung nicht nur Türen geschlossen, sondern für viele Netznutzer neue Möglichkeiten für Kreativität eröffnet.
Wenn man annimmt, dass die digitale Revolution einen ähnlichen Umbruch bedeutet wie die Einführung des Buchdrucks werden sich alle Maßnahmen, das Kopieren einzudämmen, als fruchtlos erweisen (oder als Kollateralschaden schlimmstenfalls alle Freiheiten des Netzes kosten). Dann sind alle Verschärfungen der Gesetze und die Verfolgung von »Raubkopierern« verlorene Zeit. Zeit, die man nutzen könnte, funktionierende Regelungen zu finden, die den gewandelten Interessen von Urhebern und Nutzern gerecht werden. Schließlich ist das Urheberrecht entstanden, um einen Ausgleich für diese Interessen zu schaffen. Nicht jeder, der die Möglichkeiten des Internet nutzt, ist ein Verbrecher. Gleichzeitig müssen Urheber für ihre Werke fair entlohnt und nicht per Total-Buy-Out ums letzte Hemd gebracht werden. Das Urheberrecht verschärfen - wie es manche in der Verwerterindustrie am liebsten sehen würden - und alle »Raubkopierer« in den Knast schicken, wird unsere Kultur nicht reicher, sondern ärmer machen.
Es gibt keine Patentlösungen: das Thema ist komplex, denn es brennt an vielen Stellen. Eine Möglichkeit, um Künstler fair an den Nutzungen zu beteiligen, die im Netz geschehen, wäre eine Kulturflatrate oder eine andere Abgabe ähnlich der Abgabe für Leermedien und Kopiergeräte. Genauso wichtig ist es aber, die Nutzung urheberrechtlich geschützter Werke zu vereinfachen. In einer Welt, in der wir von Bildern und Medien umgeben sind, muss es möglich sein, diese für eigene Werke zu nutzen, ohne Angst zu haben, dass der Anwalt vor der Tür steht. Dies kann nur geschehen, wenn im Urheberrecht die Regeln für das Nutzen fremder Inhalte geändert werden. Das kann über eine »Fair Use«-Regel passieren, wie es sie im anglo-amerikanischen Copyright gibt, oder aber über andere Schrankenregeln, die gegenwärtig noch nicht existieren. Das gilt nicht nur für die Künste: Auch in Bildung und Wissenschaft kritisieren Experten, dass die Regeln für die Nutzung von Werken zu eng gespannt sind.
Die Beispiele zeigen: Der Bedarf ist groß. Die Angst aber auch: Urheber haben Angst um ihr Einkommen, Nutzer haben Angst, in ihrer Freiheit eingeschränkt zu werden. Freiheit der Nutzung ist aber immer auch Freiheit der Schöpfung: Denn - noch einmal Jonathan Lethem - Künstler werden durch Kunst zur Kunst bekehrt.
Die Autorin ist Redakteurin und Gründungsmitglied von iRights.info, einem Webangebot zum Thema Urheberrecht in der digitalen Welt. Die Internetplattform wurde 2006 mit dem Grimme Online Award in der Kategorie Information ausgezeichnet. Mehr dazu im Internet unter www.irights.info.
Nachdem ich das letzte Mal das Kino also nicht besucht habe (Danke, Miley Cyrus!), hatte es mich mit Chips und Cola nun doch noch in ein Lichtspielhaus getrieben. Denn überraschenderweise war »Ziemlich beste Freunde« im rollstuhlgerechtesten Kino der Stadt, und das muss man dann irgendwie schon mal ausnutzen. Außerdem möchte ich ja mitreden können, wenn mich schon alle fragen: »Hast du den Film gesehen?« »Nein?!« »Oh, das musst du unbedingt machen, der ist …« und so weiter.
In kürzester Zeit hat mich der Film mitgerissen, dabei war nicht unbedingt der Identifizierungsprozess mit dem Hauptdarsteller (ich habe einfach keine Villa und kein Geld) im Vordergrund, sondern der tolle Umgang mit dem Thema »Selbstbestimmt leben mit Assistenz«. Auch ich bin auf Assistenten angewiesen, die mir im Alltag assistieren, oder besser gesagt: »meine Arme und Hände sind«, wenn ich sie brauche. Gleichzeitig sind Assistenten aber keine Diener, wie man es sich vielleicht vorstellt. Genau wie im Film trägt auch keiner meiner »Assis« einen weißen Kittel. Das würde ich, genau wie Phillippe im Film, auch nie wollen. Denn Assistenten sind weder Diener noch Krankenschwestern. Das würde mich kränker machen, als ich in Wirklichkeit bin.
Ich kann keinem Assistenten sagen, dass ich am Abend gerne ein schönes Roastbeef haben möchte, sondern muss mit ihm einkaufen gehen und dann beim Kochen genaue Anweisungen geben. Und wenn es dann nicht schmeckt, ist es meine Schuld. Schließlich habe ich falsch angeleitet. In meiner WG gibt es klare Regeln. Wenn ich mal wieder an der Reihe bin, das Bad zu reinigen, und versuche, es zu verdrängen, dann sagen meine Mitbewohner nicht zu meinem Assistenten: »Nun mach doch mal das Bad sauber«, sondern sie müssen es mir sagen, und ich muss dann früher oder später mit meinem Assistenten im Bad stehen.
Dieser Text erschienen am 17.03.2012 im Blog der »Aktion Mensch« (www.aktion-mensch.de/blog). Der Autor hat »Osteogenesis imperfecta«, sogenannte Glasknochen, und sitzt im Rollstuhl. Mit seinem gemeinnützigen Verein »SOZIALHELDEN e.V.« machen er und sein Team auf Probleme in unserer Gesellschaft aufmerksam und entwickeln Lösungen.; zum Weiterlesen: www.raul.de
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