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Übersicht: Montreux Jazz Festival 2011

  • 23.04.2012

    Grönemeyer, Dylan und Katie Melua – Stars und Newcomer am Genfer See

    Vorverkauf für 46. Montreux Jazz Festival läuft

    Christoph Nitz
    Traditionell startet der Vorverkauf für das Montreux Jazz Festival im April mit der Bekanntgabe des vorläufigen Programms. Die Betonung liegt auf vorläufig, wie Festivalchef Claude Nobs anmerkt: „Schon morgen kann Prince anrufen!". Der Mitbegründer und langjährige Leiter des Montreux Jazz Festival macht deutlich, dass das tatsächliche Programm des Festivals am Genfer See erst mit dem letzten Akkord steht.
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    Claude Nobs ist der Gründer des legendären Montreux Jazz Festival.

    Amy Macdonald wird am 29. Juni 2012 das 46. Montreux Jazz Festival eröffnen. Beim Programm setzen die Macher ein weiteres Mal auf die altbewährte Formel Stars und Newcomer im spannenden Mix. Höhepunkte werden sicher Auftritte von Bob Dylan, Van Morrison, Tony Bennett, Katie Melua, Noel Gallagher (ehemals Oasis-Mitglied) sowie der wiederbelebten Jethro Tull sein.

    Spannend dürfte das Zusammentreffen von Nile Rodgers von Chic mit Mark Ronson sein. Ronson, britischer Produzent und DJ, ist durch seine Zusammenarbeit mit Amy Winehouse einem größeren Publikum bekannt geworden. Frauenpower unterschiedlicher Couleur verspricht ein Abend mit Jane Birkin und Juliette Gréco. Der Star des letzten Festivals, Trombone Shorty, wird am 9. Juli gemeinsam mit Dr. John einen New Orleans-Abend gestalten.

    Rumer, Rufus Wainright, Sinéad O'Connor, Bombay Bicycle Club, Alanis Morisette oder Lana des Rey runden die Gästeliste im Auditorium Stravinski und der Miles Davis Hall ab. Insgesamt wurden bis jetzt 73 Künstler und Gruppen verpflichtet.

    Das Festival offeriert aber neben den Hauptkonzerten eine Vielzahl von kostenfreien Angeboten, das Programm für diese Gratis-Konzerte werden im Lauf des Juni veröffentlicht.

    Tickets können online für einzelne Konzerte erworben werden, die Preise variieren jeweils. Für Montreux-Fans gibt es neben Wochendabonnements auch die Möglichkeit am ganzen Festival teilzunehmen. Dies allerdings für stolze Preise.


    "All Music Pass"

    (komplettes Programm in beiden Sälen, zwei Wochen) kostet 1500CHF (rund 1250€).

    "Top Musik Week"
    (alle Konzerte im Auditorium Stravinski von den besten Balkonplätzen, inkl. CHF 100.- Getränkeguthaben, ca.82€))

    1. Woche: CHF 1940.- (ca.1614€), 2. Woche: CHF 2240.- (ca.1864€), Ganze Festivaldauer:
    CHF 4180.- (ca.3478€)

    www.montreuxjazzfestival.com/2012/de

  • 29.08.2011

    2002: Unvergessliche Auftritte - auch von Nachbarn

    45. Montreux Jazz Festival: Blick zurück in die Geschichte des Traditionsevents

    Von Christoph Nitz
    Im Lauf der Jahre hat sich Montreux zu einem Zentrum der Musik entwickelt. Neben den 14 Tagen im Sommer, wenn das Montreux Jazz Festival den Genfer See beherrscht, siedeln sich im Lauf der Jahre einige Musiker in der Schweiz an. David Bowie machte nach Berlin in Blonay Station - Idylle in den Alpen. Im Rückblick des Jahrgangs 2002 wird der Auftritt des Wahlschweizers als einer der Höhepunkte genannt.
    Schurke
    Ein Bösewicht der Musikgeschichte auf der Bühne des Auditorium Stravinsky: Ike Turner und seine Kings of Rhythm. Fünf Jahre nach diesem Auftritt verließ Turner stilsicher nach einer Überdosis Kokain die Bühne des Lebens.

    Viele Musiker haben die Ruhe der Alpen rund um den Genfer See genutzt, um Aufnahmen zu machen und einige blieben, um sich dort vom Stress ihres Berufes zu erholen. Queen und David Bowie gehören dazu. David Bowie zog 1978 nach den Aufnahmen von "Heroes" nach Blonay - einer mittelgroßen Gemeinde im Kanton Waadt mit rund 5000 Einwohnern. Das Dorf selbst liegt am Fuss der Pléiades und viele Touristen kommen, um das imposante Schloss zu besichtigen. In wenigen Minuten ist man in Montreux, Abgeschiedenheit und die verblasste Welt der großen Hotels liegen wenige Kilometer Luftlinie auseinander. Bei meinem Montreux-Besuch 2010 hatte ich mich auch in einem Chalet in Blonay einquartiert. Nach der Anreise mit der Zahnradbahn waren die Glocken der Kühe meist die einzigen Geräusche, die hier oben zu hören waren. 1981 entstand mit "Under Pressure" eine Kollaboration von Queen und David Bowie - eine Jamsession unter Nachbarn gewissermaßen.

    Bowie lieferte 2002 beim Montreux Jazz Festival einen beeindruckenden Auftritt, diese Tournee wurde zwar "Heathen-Tour" nach dem aktuellen Album genannt, Höhepunkt der Shows war jedoch die Platte "Low" aus dem Jahr 1977, die komplett live performt wurde. "Low" ist der erste der Teil der Berlin Trilogie, die viele zu den besten Arbeiten des musikalischen Chamäleons zählen. Damals wusste niemand, dass die nächste Reise bis heute die letzte bleiben sollte. 2004 erlitt David Bowie bei einem Konzert einen Herzinfarkt und beschränkte seither seine musikalischen Ambitionen auf einige Gastauftritte bei Plattenaufnahmen oder Auftritten anderer Künstler.

    Die neuere Musik kommt neben den "üblichen Verdächtigen" mit Muse, Garbage oder Air zum Zuge. Mit Ike Turner trat ein besonders schlecht beleumundeter Musiker am 19. Juli 2002 auf die Bühne des Auditorium Stravinsky. Im biografischen Film über den Aufstieg seiner Frau verkörperte er die Rolle des prügelnden Ehemanns und wurde so einem Massenpublikum als Bösewicht serviert. Claude Jobs schreibt im Erinnerungsbuch, dass es an diesem Abend einen Punkt gab, wo das Publikum nicht mehr aufhören wollte zu applaudieren "and he just couldn't stop crying." Ein Schurke, der zu Tränen gerührt wird - das gibt es auch bei "Funky Claude" nicht alle Tage. Mit Ehefrau hatte Ike auch einen Auftritt in Montreux - allerdings nicht beim Festival. Fünf Jahre nach seinem Auftritt am Genfer See starb Ike Turner stilistisch passend für seine Rolle an einer Überdosis Kokain. Mit dieser Droge hatte auch der "Thin White Duke" Bowie genügend Erfahrungen gesammelt, allerdings rechtzeitig den Absprung aus dieser Szene geschafft.

    Aus deutscher Sicht war "Gourmet de Funk" mit Mousse T. einer der Höhepunkte. Der deutsch-türkische Produzent und Komponist befand sich auf dem bisherigen Zenit seiner Karriere. Nach "Horny" und "Sexbomb" für Tom Jones tanzte man in vielen Clubs zum Funk aus Hannover. Wie viele Namen der Programme des Montreux Jazz Festival gehört er heute zu den verblassenden. Die Míschung des Jahres 2002 entsprach der bekannten Hitformel - ein paar Experimente und ein bunter Strauß bewährter Gäste. Büsten von B.B. King und Ray Charles wurden an der Uferpromenade feierlich enthüllt - bis heute zählt der lebendige King zu den gern gesehenen Gästen in Montreux.

  • 22.08.2011

    1976: Der Jazz wird "international"

    45. Montreux Jazz Festival: Blick zurück in die Geschichte des Traditionsevents

    Von Christoph Nitz
    Mit der zehnten Ausgabe änderte sich der Name des Festivals am Genfer See: Montreux International Festival sollte der seit den Anfängen gewachsenen musikalischen Bandbreite Rechnung tragen. Doch die hatten die Macher ohne den Wirt, in diesem Fall die Festivalbesucher gemacht. Für die blieb es beim "Montreux Jazz" und nach zwei Anläufen wurde die Namensänderung wieder rückgängig gemacht.
    Mädchen
    Ein Mädchen trägt ein T-Shirt mit dem Aufdruck "Montreux International Festival" - diese Umbenennung sollte dem breiten musikalischen Spektrum ab der zehnten Auflage mehr Rechnung tragen. Doch schon 1978 kommt die Rückkehr des "Jazz" auch im Titel - die Fans hatten sich an den neuen Namen nicht gewöhnen wollen.

    Leonhard Cohen eröffnete das Festival, dessen Gästeliste viele heute vergessene oder verblasste Interpreten aufführt. Gordon Lightfood, The Crusaders, The Dubliners oder auch Eric Burdon.

    Mit dem Pasadena Roof Orchestra gastierte eine der renommiertesten Bid-Bands am Genfer See. Im kommenden Jahr sollte das 1969 gegründete Orchester die Musik für den letzten Film vom Marlene Dietrich "Schöner Gigolo, armer Gigolo" einspielen, bei dem morbiden 1920er Streifen sollte auch David Bowie als Schauspieler mitwirken. Bowies Berliner Jahre folgten. Für den Film über die Comedian Harmonists sowie für Stars wie Robbie Williams und Bryan Ferry wurde die Big Band in den kommenden Jahrzehnten verpflichtet und feiert auch heute mit ihrem Repertoire des Swing der 1920er und 1930er Jahre weltweit Erfolge.

    1973 wird Claude Nobs Schweizer Direktor der Plattenfirma WEA (die drei Buchstaben stehen für die in dem Konglomerat aufgegangenen Labels Warner, Elektra und Atlantic). Zurück ging diese Berufung auf sein erstes Treffen mit Nesuhi Ertegün (im englischsprachigen Raum wird der Name der Plattenmogule Ertegun geschrieben) in den 1960er Jahren zurück - in anderen Versionen dieser Geschichte soll das Treffen mit Ahmet Ertegün stattgefunden haben. Damals war Nobs Buchhalter beim Fremdenverkehrsbüro Montreux und besuchte angeblich ohne Voranmeldung die Büros des Atlantic-Labels in New York. Beide - so geht die Geschichte weiter, gleich welcher der beiden Brüder nun der Gesprächspartner war - können sich leiden und auch neben Englisch auf Schwizerdütsch verständigen, denn der Vater der Ertegün-Brüder war türkischer Botschafter in Bern. Und mit dieser Freundschaft im Gepäck wird das Festival von Jahr zu Jahr weiter ausgebaut, denn als Schweizer Plattenboss kann Claude Nobs sein mkusikalisches Netzwerk noch enger knüpfen.

    Nachdem seit dem ersten Festival immer mehr internationale Acts abseits der Jazz-Genre-Grenzen eingeladen wurden, wurde 1976 der "Jazz" aus dem Namen gestrichen. Auf dem zeitgenössischen Foto trägt ein Mädchen das T-Shirt mit dem neuen Namen, der nur kurz zum Einsatz kommen sollte. Später wird unter dem Label "Montreux Jazz" ein "musikalischer Supermarkt" betriebem, den manche wie die Kollegen von der Zeit auch ein "teures Tuttifrutti" , dessen Definition des Jazzbegriffs auf die einfache Formel zu bringen sei "Jazz ist, was Nobs mag." Jazz-Puristen und Kritiker wandeten sich deshalb vom Festival ab und Joachim E. Berendt schimpfte, dass Montreux "kein Jazz-Festival" sei. Das Publikum hingegen bleibt dem Schweizer "Kessel Buntes" treu und nach Jahren kamen auch die Medien wieder, um sich selbst ein Bild davon zu machen.

    Seit 1971 sind auch die Rolling Stones bei Atlantic und damit bei den Ertegüns unter Vertrag. Das erste Konzert außerhalb Englands hatte 1964 Nobs organisiert und als die Steine am Tiefpunkt ihrer Karriere angelangt sind, kommen sie an den Genfer See um "Black and Blue" aufzunehmen. Die erste Produktion mit dem "neuen" Gitarristen Ronnie Wood, den Keith Richards von den Faces abgeworben hatte. Es gibt ein herrliches Foto von den Stones am Genfer See - aus dem Jahr 1964. Damals tragen sie noch Anzüge und sehen nicht wirklich wilder aus als die angeblich "sanfteren" Beatles. "Black and Blue" wird in München vollendet und seit 1972 hatten die Stones keinen Auftritt mehr in Montreux. Doch das musikalische Netzwerk von Claude Nobs wirkt bis heute - nur wenn er bei David Bowie anrufe, nehme der den Telefonhörer auch ab, lässt sich "Mister Montreux" zitieren.

  • 15.08.2011

    2004: Eine kleine Erfrischung für Claude und Ahmet

    45. Montreux Jazz Festival: Blick zurück in die Geschichte des Traditionsevents

    Von Christoph Nitz
    Das Montreux Jazz Festival verdankt seinen Aufstieg auch der Freundschaft zwischen Ahmet Ertegün - der 1947 Atlantic-Records gründete - und Festival-Impressario Claude Nobs. Zwei Jahre vor Ertegüns Tod erfrischten sich die beiden bei einem Bad im See. Der Plattenmogul feierte Erfolge mit Soul-Größen wie Ray Charles und Aretha Franklin und blieb zeitlebens auf der Suche nach neuen Talenten. 2004 konnte ein neuer Besucherrekord gemeldet werden - 220.000 Menschen frönten dem Musikgenuss vom 2. bis 17. Juli.
    schwimmen
    Ahmet Ertegün und Claude Nobs erfrischen sich im Genfer See. Festival-Impressario Nobs ist als hervorragender Gastgeber und Freund in der Musikszene bekannt. Von 1973 an leitete er die Geschäfte des WEA-Konzerns in der Schweiz, das "A" steht im Firmennamen für "Atlantic Records", die Ertegün 1947 gründete. Das Foto stammt aus der opulenten Jubiläums-Edition "Live from Montreux - 40 years of Music from the Montreux Jazz Festival". Funky Claude - Claude Nobs hatte für dieses vierbändige Werk seine Schatzkammern geöffnet. Herausgegeben von Claude Nobs und Perry Richardson erschien es 2007 und ist weiter auf www.montreuxjazzshop.com als Sammler-Edition erhältlich.

    Eine "markante Wiederkehr des Jazz" und "unvergessliche Momente" - so die Festivalleitung in ihrem Resümee - machten es möglich, dass ein neuer Besucherrekord gemeldet wurde: 220.000 Besucher - davon 100.000 Zuschauer in den kostenpflichtigen Sälen. Während im großen Auditorium Stravinski eher alt-bekannte Namen wie Dr. John, B.B. King, Solomon Burke, Cheap Trick oder Deep Purple auftraten konnte man in der kleineren Miles Davis Hall viele Neuentdeckungen sehen. Mark Ronson - noch vor seinem Karrierehöhepunkt mit dem Retro-Soul-Sound für Amy Winehouse - legte Platten auf, Joss Stone, PJ Harvey, Black Rebel Motor Cycledie Scissor Sisters sind nur einige der Acts, die nahezu alle Musikfelder mit Rock, Electro-Pop, Hip Hop, Reggae, Worldmusic, Soul R&B und noch manchem mehr zur Aufführung brachten.

    Aus deutscher Sicht waren die Auftritte von Gentleman und Seeed aus Berlin bemerkenswert. Auch Alica Keys war von den Schweizer Bergen fasziniert und posierte hoch über dem Genfer See für ein Foto. Doch mit Status Quo, James Taylor, Phil Collins, Pat Metheny, Gianna Nannini, Van Morrision, Carlos Santana (der gleich drei Abende gastierte - wie auch sieben Jahre später), Bryan Ferry oder Suzanne Vage - insgesamt wurden die Fans des Festivals eher mit bekannten Namen gelockt.

    In der Liste fällt mir noch Dido ins Auge, die ein Jahr zuvor mit ihrer "White Flag" vom dazugehörigen Longplayer "Life for Rent" unüberhörbar erfolgreich war. Ihr Auftritt am Genfer See zeigte sie gewissermaßen auf dem Zenit ihrer Karriere, die vor der Jahrtausendwende mit "No Angel" massiv an den Start kam und nach 2005 ins Nichts stürzte. Dido hatte oft ihre Stimme Faithless-Produktionen geliehen, kein Wunder, denn Mastermind Roland "Rollo" Armstrong ist ihr Bruder. Faithless waren ebenfalls beim Festival und erwiesen Gott als Diskjockey (Songtitel) ihre Reverenz. Im Casino Barriere rundete ein Jazzaufgebot die Facetten des Festivals dieses Jahres ab. Besonders eine Hommage an Edith Piaf fand hier viel Beachtung. Dort traten mit Al Jarreau, Herbie Hancokc und Bobby McFerrin einige Legenden der Festival-Geschichte auf.

    Zurück zum Bad im See - Ertegün stürzte 2006 bei einem Konzert der Rolling Stones zu Ehren von Bill Clinton so unglücklich, dass er Monate später an den Folgen starb. Der Kontakt zu dem Platten-Mogul hatte den Start des Festivals am Genfer See mit ermöglicht und über die Jahre sollten viele Atlantic-Künstler dort auftreten. Bei Atlantic Records arbeitete seit den späten 1950er Jahren auch sein Bruder Nesuhi. Das Montreux Jazz Festival hatte im Juni 2006 den Eröffnungsabend als Hommage an die beiden Ertegün-Brüder gestaltet.

  • 08.08.2011

    1971: Rauch über dem Genfer See

    45. Montreux Jazz Festival: Blick zurück in die Geschichte des Traditionsevents

    Von Christoph Nitz
    In jedem Artikel über das Montreux Jazz Festival ist von "Funky Claude" die Rede und die Hymne des Festivals "Smoke on the Water" von Deep Purple darf da nicht fehlen. Jeder kennt den einfach-martialischen Riff des Songs - kaum einer die Geschichte, die Claude Nobs einfach zum Erinnerungskanon seines Musikzirkus hinzufügte. Denn der Brand fand im Dezember 1971 bei einem Konzert von Frank Zappa im Casino von Montreux statt.
    feuer
    So sah also das Feuer über dem Genfer See aus - ein zeitgenössisches Foto in Farbe. Die meisten Fotos vom wohl bekanntesten Feuer der Musikgeschichte sind schwarz-weiß. Das Foto stammt aus der opulenten Jubiläums-Edition "Live from Montreux - 40 years of Music from the Montreux Jazz Festival". Funky Claude - Claude Nobs hatte für dieses vierbändige Werk seine Schatzkammern geöffnet. Herausgegeben von Claude Nobs und Perry Richardson erschien es 2007 und ist weiter auf www.montreuxjazzshop.com als Sammler-Edition erhältlich.

    Ob wirklich eine im Saal des Casinos abgeschossene Signalpistole die Ursache des Brandes war, ist bis heute nicht zweifelsfrei erwiesen. Claude Nobs bekam neben dem Festival, das in diesem Jahr zum fünften Mal vom 12. bis zum 20. Juni stattfand die Aufgabe, für jeden Monat ein Rock-Konzert zu organisieren. Nobs war damals stellvertretender Direktor des Fremdenverkehrsbüros von Montreux und mit dem Musikfestival sollte eine ähnlich attraktive Reihe begründet werden wie das Filmfestival "Goldene Rose von Montreux". Dieses findet seit 2004 als "Rose d'Or" in Luzern statt. Beim Konzert von Frank Zappa fing der Saal des Casinos Feuer und die Band Deep Purple wurde Augenzeuge des Feuers.

    Die Gruppe hatte ursprünglich den Plan mit dem mobilen Tonstudio der Rolling Stones im Casino ihre neue Platte aufzunehmen. Nach dem Feuer wurde zunächst ein Theater ausgesucht, doch die Anwohner wehrten sich gegen die laute Rockmusik. Die Ergebnisse der Sessions, die am Ende dann im leer stehenden Montreux Grand Hotel über die Bühne gingen wurden 1972 unter dem Titel "Machine Head" auf den Markt gebracht. Der bekannteste Song "Smoke on the Water" war der einzige, der nicht im Hotel entstand. Dessen Basistrack wurde im Theater "Pavilon" eingespielt und später vollendet. Das Klappcover der Platte zeigt innen übrigens zeittypisch viele kleine Fotos, darunter auch eines vom Brand in Montreux. Erst die kommenden Jahre sollten Song und Festival zu einer Erinnerungseinheit fügen. Aber so ist das bekanntlich öfter mit Mythen.

    Das Festival fand 1971 im Juni statt und einer der Top-Acts war Melanie, die sich fragte, was mit ihrem Lied geschehen sei. Der Titel "What Have They Done to My Song Ma" war Anfang des Jahres in die Charts gelangt und die Sängerin mit dem sperrigen bürgerlichen Namen Melanie Anne Safka-Schekeryk veröffentlicht fleißig weiterhin Platten - aber hören möchten die Fans am liebsten ihren Hit. Den machte in Deutschland übrigens Daliah Levi berühmt, denn Anfang der 1970er Jahre war es noch in Mode, internationale Titel "einzudeutschen". Das Konzert von Melanie erschien noch im gleichen Jahr unter dem wenig spektakulären Titel "Live at Montreux". Das meiste Interesse galt aber dem Auftritt von Aretha Franklin. Weiter waren Family und Roberta Flack zu Gast am See. Das Festival insgesamt war auch bei seiner fünften Auflage noch mehrheitlich stilistisch dem Jazz verpflichtet.

    Santana kam 1971 ebenfalls zum ersten Mal an den Genfer See - aber auch sein Auftritt fand nicht während dem eigentlichen Festival statt. Sein Auftritt im Mai wird aber wie manch anderes auch munter zur Festivalgeschichte hinzuaddiert.

  • 01.08.2011

    1992: Ringo in den Schweizer Bergen

    45. Montreux Jazz Festival: Blick zurück in die Geschichte des Traditionsevents

    Von Christoph Nitz
    Nach dem 45. Montreux Jazz Festival wollen wir mit unserem Blog eine Zeitreise mit 45 Stationen antreten und jeweils ein Foto zusammen mit einigen Daten zum jeweiligen Jahr präsentieren. Diese Reise soll nicht chronologisch vorgehen sondern durch die Jahrzehnte und die Schatzkammern des Festivals springen. Den Anfang macht Ringo Starr und das Jahr 1992 – weil es das letzte Festival im Casino von Montreux war. Mit dem Brand des Casinos begann die internationale Wahrnehmung – mit "Smoke on the Water" setzte Deep Purzle dem Festival ein Zeichen auf immer.
    ringo
    Ringo Starr posiert in den Schweizer Bergen über dem Genfer See. Foto aus der opulenten Jubiläums-Edition "Live from Montreux - 40 years of Music from the Montreux Jazz Festival". Das vierbändige Werk von Claude Nobs und Perry Richardson erschien 2007 und ist weiter auf www.montreuxjazzshop.com als Sammler-Edition erhältlich.
    Die Atmosphäre im Casino war unschlagbar. Die beiden Konzertsäle waren im Wortsinn intim und zwischen den Auftritten konnte man mehr oder weniger Franken in Jetons verwandeln und sein Glück probieren. Aber auch hier – wie sonst wohl auch – war die Spielbank meist die Gewinnerin. Der Nervenkitzel blieb, während die Jetons gingen – ohne dass eine glückliche Fügung die Börse gefüllt hätte. Egal, das Programm war dicht und wurde 1992 von Claude Nobs gemeinsam mit Quincy Jones zusammengestellt – die Kollaboration dauerte von 1992 bis 1993, die Freundschaft der beiden hält bis heute und 2011 wurden sie am amerikanischen Unabhängigkeits für ihr Engagement in der Berner US-Botschaft ausgezeichnet.

    Für mich war es das erste Mal am Genfer See. Ein Freund hatte mir unentwegt von diesem Festival vorgeschwärmt und die geplante Übernachtung im Wohnmobil auf einem Campingplatz ließ den Ausflug auch für einen armen Studenten realistisch erscheinen. An einem Wochenende Ringo Starr – im schreiend bunten Sakko und mit seinen angejahrten Gassenhauern im Gepäck – Eric Clapton, Joan Armatrading sowie die damals enorm populäre Sophie B. Hawkins hören zu können war überzeugend. Die Atmosphäre des Festivals ebenso und die Abende am See. Kurz: 1992 begann meine Montreux-Geschichte.

    Weitere Künstler, die in diesem Jahr auftraten: Tracy Chapman, Joe Cocker, Was not Was, Annie Lennox mit einem unplugged Programm, Emmylou Harris, das Kronos Quartet, Galliano, Incognito (beides damals sehr angesagte Acts), Tori Amos, Simply Red und nicht zu vergessen die Blues Brothers Band mit Eddie Floyd. Das Festival sollte im kommenden Jahr umziehen, denn das Casino war nach 15 Jahren zu klein geworden.

    Das Festival wurde aufgezeichnet und viele CDs und DVDs dokumentieren die Auftritte. Besonders empfehlenswert ist die Zusammenstellung mit Auftritten aus den Jahren 1991 und 1992, die von Quincy Jones und Claude Nobs ausgesucht wurde. Für mich besonders interessant war natürlich die Live-Platte "Ringo Starr and his All Starr Band – Live from Montreux", aber die Erinnerungen an den Abend selbst kann ein Mitschnitt nicht ersetzen. Ringo Starr hatte mit seinen Liveauftritten eine Grundlage für eine bis heute dauernde neue Karriere gelegt. Quincy Jones hatte mit seiner "Serious"-Einführung auf die Wende nach jahrelanger Alkoholsucht aufmerksam gemacht. Und Ringo gab mit Dave Edmunds, Joe Walsh, Todd Rundgren, Nils Lofren, Burt Cummings und seinem Sohn Zak Starkey Vollgas. Ab und an fragte er "What's my name" und ich brüllte mir die Stimme heiser – nur auf der Platte konnte ich meinen Einsatz nicht heraushören, da wohl alle anderen Anwesenden ähnlich laut "RINGO" riefen. "Yellow Submarine" und "With a little Help from my Friends" packten mich emotional, nicht etwa weil Ringo Starr ein hervorragender Musiker war, sondern weil ich diese Songs erstmals von einem der vier aus Liverpool hörte.

    Nach den Hits der 1970er Jahre – man mag es heute kaum noch glauben, aber Ringo Starr war in den ersten Jahren nach dem Split der Beatles der erfolgreichste Solo-Pilzkopf, hatte Starr mit Alkoholsucht und dem schwindenden Interesse des Publikums zu kämpfen. Der Film "Caveman" aus dem Jahr 1980 war der Tiefpunkt dieser künstlerischen Laufbahn – für diesen Streifen musste der Schlagzeuger wenig Text lernen und das künstlerische Desaster wurde dadurch ausgeglichen, dass er hier seine spätere Ehefrau Barbara Bach kennenlernte. Mit dem Bond-Girl ist er bis heute zusammen und auch seine Ausflüge mit wechselnden Mitgliedern der All Starr Band erfreuen sich großer Beliebtheit.
  • 18.07.2011

    Montreux, Musik und Minnelli

    Es gehört zu den Ereignissen der internationalen Kulturszene: das Montreux Jazz Festival, das in diesem Jahr zum 45. Mal Weltklasse an den Genfer See lockte.
    Mit dabei: Liza Minnelli, sie gab ein Konzert in der Miles Davis Halle.
  • 18.07.2011

    Träume vom gelingenden Leben

    Das Montreux Jazz Festival: eitel Sonnenschein am Genfer See / Ausverkaufte Konzerte, Besucherrekord, Absagen an den Pizza-Vorwurf

    Von Christoph Nitz, Montreux
    Es hat auch bei der 45. Auflage des Montreux Jazz Festivals funktioniert – 16 Tage lang präsentierten sich Musiker nahezu aller Stilrichtungen dieser Welt am Genfer See. Einige Kritiker bezeichnen diese breite Mischung von Jazz, Soul über Rock und Alternative bis hin zu Gospel, HipHop und Elektro zwar abfällig als »Salat Nobs« oder auch als Pizza mit allem obendrauf. Die Organisatoren aber konstatieren: »Dieser eklektische Mix ist charakteristisch und sehr identitätsstiftend.«

    Es hat auch bei der 45. Auflage des Montreux Jazz Festivals funktioniert – 16 Tage lang präsentierten sich Musiker nahezu aller Stilrichtungen dieser Welt am Genfer See. Einige Kritiker bezeichnen diese breite Mischung von Jazz, Soul über Rock und Alternative bis hin zu Gospel, HipHop und Elektro zwar abfällig als »Salat Nobs« oder auch als Pizza mit allem obendrauf. Die Organisatoren aber konstatieren: »Dieser eklektische Mix ist charakteristisch und sehr identitätsstiftend.«

    Insgesamt 240 000 Menschen folgten in diesem Jahr dieser These und wollten sich Stars wie Santana, B.B. King, Sting, Paul Simon nicht entgehen lassen. Für das jüngere Publikum gab es viele kostenfreie Angebote – im Montreux Jazz Café gastierten Anna Calvi, The Vaccines, Reptile & Retard sowie Casadeur. Den Abschluss machte ein druckvolles Konzert der Montreux-Veteranen Deep Purple, die gemeinsam mit Orchester auf die Bühne traten. Und die natürlich die Hyme dieses Events – »Smoke on the Water« – mit auf den Weg in den Abend gaben.

    Eher schwache Auftritte blieben die Ausnahem, etwa die langatmige Anekdotenstunde mit B.B. King oder Stings Unvermögen, seinem Material mittels der Bochumer Symphoniker neue Aspekte zu entlocken. Paul Simon verweigerte sich einer Oldies-but-Goldies-Kaffeefahrt und brach bewusst Konventionen, wenn er etwa »Here comes the Sun« ins Programm baute. Arcade Fire gaben bei ihrem einzigen Auftritt eine Kostprobe ihrer Virtuosität – die Indie-Rockband gilt derzeit als eine der stilprägensten ihres Genres.

    Star des Festivals war der Posaunist, Trompeter und Sänger Trombone Shorty, der derzeit nicht nur die Miles Davis Hall in einen Hexenkessel verwandelt. Er musizierte dort stundenlang, anscheinend ohne an musikalischer Intensität zu verlieren.

    Das Jubiläum konnte – bedingt auch durch das fast durchweg fabelhafte Wetter – neben dem Besucherrekord auch 18 ausverkaufte Konzertabende melden. Mit den Montreux Jazz Cafés in Flughäfen und Bahnhöfen soll die ständige Präsenz weiter ausgebaut und vor allem das enorme Filmarchiv einem jüngeren Publikum präsentiert werden.

    Vielleicht kann man dieses Jahr mit zwei Blitzlichtern besonders kennzeichnen: Die 17-jährige Taylor Momsen von The Pretty Reckless sang, knapp bekleidet mit einem Metallica-Shirt, von Sex, Drugs und Rock’n Roll, während Diva Liza Minelli nach einer bald 50 Jahre andauernden Achterbahnfahrt durch Höhen und Tiefen hoffte: »Maybe this time I'll win.« Diese Mixtur aus unterschiedlichsten Träumen vom gelingenden Leben macht das Festival von Montreux so unverwechselbar.

  • 18.07.2011

    "Wir gehen immer wieder Risiken ein"

    Interview mit Francesco Laratta, Pressesprecher des Montreux Jazz Festival

    Von Christoph Nitz, Montreux
    Die Jubiläumsausgabe des Traditionsfestivals geriet zum veritablen Erfolg. Francesco Laratta leitet das Medienbüro des Festivals, er ist seit 2006 im Rahmen der Veranstaltung tätig. Jährlich berichten vor Ort 600 akkreditierte Journalisten aus dem In- und Ausland.
    Laratta
    Francesco Laratta ist seit 2006 beim Montreux Jazz Festival und leitet das Pressebüro. In diesem Jahr berichteten vor Ort mehr als 600 Journalisten.

    ND: Wie verläuft das 45. Montreux Jazz Festival aus Sicht der Veranstalter?

    Francesco Laratta: Wir sind sehr zufrieden, wir hatten bereits viele Highlights. Den Auftakt machten Carlos Santana und John McLaughlin, die für Montreux ein besonderes Projekt auf die Beine gestellt haben. Sie stellten ihre gemeinsame Platte, die sie in den 1970er Jahren aufgenommen hatten, erstmals live und exklusiv in Montreux vor. Sowohl Santana wie auch B.B. King traten an mehreren Abenden auf, was natürlich auch ein schönes Geschenk war für dieses Jubiläum. Darüber sind wir sehr stolz und auch sehr glücklich.

    Aber es gab auch viele Entdeckungen, neue Talente. Die blutjunge Carly Connor mit einer wuchtigen Stimme etwa. Sie ist ein großer Fan von Tina Turner, und sie hat das Potenzial, sich zu einer künftigen Tina Turner zu entwickeln. Auch Trombone Shorty überzeugte mit einer unglaublichen Performance. Er hat die Miles Davis Hall nicht nur gerockt, er hat gejazzt, er hat gepopt, er gebluest, er hat wirklich alle Register gezogen und hatte von James Brown über Luis Armstrong, bis hin zu Prince und Michael Jackson eigentlich alles in seinem Stil und mit seinem Rhythmus neu präsentiert. Das war unglaublich wuchtig. Das Publikum war im Saal bis halb vier Uhr am Morgen –unglaublich! Er konnte eine unglaubliche Präsenz aufrecht erhalten über all diese Stunden. Seine Energie, die flaute überhaupt nicht ab: Ein Höhepunkt jagte den anderen. Das ist mein persönliches Highlight in diesem Jahr. Unser Jubiläum ist auch beim Publikum enorm erfolgreich, die Besucherzahlen sind signifikant höher als im letzten Jahr. Wir können wahrscheinlich den Rekord von 230.000 Besuchern in diesem Jahr übertreffen.

    Können Sie diesen Zuwachs näher beziffern?

    Laratta: Wir haben noch keine definitiven Zahlen. Beispielsweise das letzte Wochenende mit dem Brasilabend, war das Wochenende mit der größten Frequenz. Die Zuschauerzahlen in Montreux sind schwierig zu beziffern, weil wir nicht nur Tickets verkaufen, zwei Drittel der Konzerte sind gratis. Wir versuchen die Zahlen in Zusammenarbeit mit Polizei und Gemeindeverwaltung zu schätzen. Eigentlich war es an diesem Wochenende fast schon zuviel, zum Teil konnten die Leute sich gar nicht fortbewegen, es war überall voll.

    Letztes Jahr gab es ja einige Abende, die wegen der Fußball-WM schlechter besucht waren.

    Laratta: Ganz genau, aber es waren mehrere Faktoren. Die WM natürlich, aber auch die nationale Regelung des Rauchverbots hatte Auswirkungen. Wir haben die Infrastruktur des Festivals jetzt den Bedürfnissen der Festivalbesucher besser angepasst. Wir haben überdachte Bars im Freien, die unglaublich beliebt und entsprechend gut besucht sind.

    Ihr Budget beträgt rund 20 Millionen Schweizer Franken. Wofür geben Sie das Geld aus?

    Laratta: Unser Gesamtbudget ist seit einigen Jahren relativ konstant. Man darf nicht vergessen, dass in Montreux beispielsweise die ganze Infrastruktur eigens auf die Beine gestellt wird für die 16 Tage des Festivals. Unsere Einnahmen kann man gut herunter brechen auf folgende Formel: Die Ausgaben für die Festival-Infrastruktur werden mit Sponsorenbeiträgen gedeckt. Die Künstlergagen werden mit dem Verkauf der Tickets gedeckt und das ganze Gratisprogramm wird wenn es um Piano- und Gesangswettbewerbe geht von Mäzenen unterstützt. Die Programme der anderen Bühnen, etwa bei „Music in the Park" und im Montreux Jazz Café werden durch Food & Beverage gedeckt, also durch den Verzehr der Festivalbesucher. Wir wollen nicht, dass beispielweise Gagen von Künstlern von Sponsoren finanziert werden, sonst wären wir nicht mehr frei, unser Programm so zusammenzustellen, wie wir es wollen.

    Es gab auch einige Jahre in denen sich das Festival in einer finanziellen Krise befand, konnten Sie diese inzwischen überwinden?

    Laratta: Es gab schwierige Jahre, beispielsweise das Festival vor zwei Jahren. Doch seit dem letzten Jahr sind die Finanzen wieder ausgeglichen. Dies zu erreichen ist natürlich sehr schwierig, bei so vielen einzelnen Konzerten muss es natürlich eine gewisse Auslastung geben. Gibt es diese in einem Jahr nicht, wird es natürlich schnell prekär.

    Unser Festival ist ja eine Not-Profit-Organisation, wir sehen uns nicht als Kommerzmaschine. Wir wagen natürlich beim Programm in jedem Jahr einiges. Aber solchen Risiken gehen wir gerne ein, wir präsentieren gern Künstler, die uns interessieren, weil wir sie spannend finden. Auch Herbert Grönemeyer war einmal in Montreux. Da stellt sich immer die Frage, ob so ein Konzertabend dann auch vom Publikum angenommen wird. Für uns steht außer Frage, dass wir solche Künstler auch haben wollen, weil für Montreux ist dieser eklektische Mix sehr charakteristisch und sehr identitätsstiftend. Das wollten wir beibehalten, aber das bedeutet auch, dass wir immer wieder Risiken eingehen, die beispielsweise andere Veranstalter nicht eingehen würden. Manchmal wird der Mut belohnt, in anderen Jahren wieder nicht.

    In 45 Jahren hat sich eine gewisse familiäre Atmosphäre bei Montreux Jazz Festival herausgebildet?

    Laratta: Ganz genau, das ist ein Aspekt, den andere Festivals nicht bieten können. Die Künstler fühlen sich hier wohl, sie machen dann teilweise auch spontane Auftritte. Montreux bleibt ein Jazzfestival vor allem halt was die Haltung angeht. Wir wollen Neues ausprobieren, spontan sein und Improvisationen folgen.

    Viele werfen dem Festival vor, es seien zu viele Stars vergangener Tage zu Gast. Deep Purple können in zehn Jahren vermutlich nicht mehr auf die Bühne gehen?

    Laratta: Es stimmt, viele Künstler kommen gern zu uns. Das hat viel mit dem Geist von Montreux zu tun. Die sind Freunde des Festivals. Uns wird beispielsweise auch vorgeworfen, dass wir den B.B. King und Santana im Programm haben. Ganz ehrlich: Wir zucken ein bisschen mit den Schultern und fragen uns beispielsweise, welches Festival würde nicht gerne Carlos Santana an drei Abenden präsentieren und das mit drei verschiedenen Projekten? Man kann es nicht allen recht machen.

    Wir profitieren von diesen speziellen Beziehungen mit den Künstlern und das Publikum ist dafür wahnsinnig dankbar. Ich denke, ein Festival ohne Besucher wäre ja kein Festival. Doch wir haben auch viele junge Talente in jedem Jahr hier am Genfer See. Das ganze Programm des Montreux Jazz Café etwa.

    Gelingt es diese familiäre Bindung auch zu jüngeren Künstlern aufzubauen?

    Laratta: Das beste Beispiel ist Paolo Nutini. Er ist gerade mal 24 Jahre alt und tritt zum vierten Mal bei uns auf. Erstmals war er mit 20 bei uns, bei er Hommage für Ahmet Ertegun, dem Gründer von Atlantic Records. Damals entstand schon eine Beziehung zwischen Claude Nobs, unserem Festivalgründer, und Paolo, die beiden mochten sich. Ein Jahr später trat er in der Miles Davis Hall auf und dieses Jahr war er Headliner im Auditorium Stravinski! Er kommt nach Montreux mit der ganzen Familie, besucht Claude Nobs in dessen Chalet. Da ist schon eine Freundschaft entstanden auch mit einem jungen Künstler, die so nicht selbstverständlich ist.

    Sie betreiben inzwischen einige Montreux Jazz Cafés in Flughäfen. Führt ihr Café in Sidney dazu, dass nun verstärkt Besucher aus Australien zu erwarten sind?

    Laratta: Das ist schwierig zu sagen und eigentlich auch nicht die Idee. Wir wollen unser phänomenales Archiv, das in nun 45 Jahren entstanden ist mit mehr als 5000 Konzerten, auch Menschen auf anderen Kontinenten zugänglich machen. In den Cafés soll aus gezeigt werden, was das Festival ausmacht. Wir laden ein zu einer kulinarischen, sinnlichen und natürlich musikalischen Reise. Deshalb werden wir demnächst in Zürich und in Paris Cafés eröffnen und langfristig planen wir das auch für London und New York. Hier soll man unsere musikalischen Perlen sehen und diesen Live-Moment erleben können.

    Diese Archive sollen ja nun digitalisiert werden?

    Laratta: Wir nehmen alle Auftritte im Auditorium Stravinski und in der Miles Davis Hall mit großen Aufwand auf. Seit den 1990er Jahren in HD-Qualität und seit 2010 in 3-D. Viele Aufnahmen sind einzigartig, weil Künstler miteinander auftraten, die dies normalerweise nicht tun. Diese Schätze wollen wir auch für künftige Nutzergenerationen verfügbar machen.

    Wann kann man die digitalisierten Konzertmitschnitte sehen?

    Laratta: Die Digitalisierung läuft, etwa die Hälfte des Materials dürfte schon fertig sein. Es dauert schätzungsweise noch ein bis zwei Jahre. Dann können wir diese Inhalte auch einem großen Publikum zugänglich machen. Es ist ein großer Kraftakt, stellen Sie sich vor, es handelt sich um mehr als 5000 Konzerte.

    Wie sind Sie mit der Medienresonanz des Festivals zufrieden?

    Laratta: Wir sehen massive strukturelle Änderungen in den Medien, die sich in diesem Jahr auch hier ausgewirkt haben. Der klassische Rezensionsjournalismus hat stark abgenommen. Der klassische Musikkritiker ist überspitzt gesagt vom Aussterben bedroht. Es gab immer zur Eröffnung Artikel über die Konzerte, dort wurde dann auch das Programm und das Festival selbst vorgestellt. Das Ganze wurde gewissermaßen vor einer höheren Perspektive betrachtet. Das ist so nicht mehr gegeben.

    Es wird heute sehr stark auf Fotos fokussiert, und sehr stark die großen Namen wahrgenommen. Die Show von Ricky Martin war etwa unglaublich stark, viele Journalisten haben dies auch so wahrgenommen und waren selbst beinahe den Tränen nahe. Doch am nächsten Tag waren Storys über seine Kinder und ihn zu lesen. Das ist eigentlich schade. Die Resonanz ist in diesem Sinne nicht weniger stark, sie ist oberflächlicher und auch flüchtiger geworden.

    Sie unterstützen selbst neue Formate wie mit Ihrem eigenen Projekt, dem Montreux Jazz TV.

    Laratta: Das ist eine Reaktion, wir haben uns die Frage gestellt, wie können wir neben den Ausschnitten der Livekonzerte mehr von einem Künstler, von seiner Haltung und seinen Ideen zeigen. So hat sich diese Idee entwickelt, die Filme werden über alle Soziale Netze im Internet verbreitet. Das ist sehr erfolgreich, die Festivalbesucher entdecken so Künstler von einer anderen Perspektive.

    Herr Laratta, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

  • 17.07.2011

    Immer noch mit "z" geschrieben oder der Besuch der alten Dame

    Liza Minelli am 15. Juli 2011 beim 45. Montreux Jazz Festival

    Von Christoph Nitz, Montreux
    Liza Minelli wird seit bald 40 Jahren mit ihrer Rolle als Sally Bowles in der Filmfassung des Boardway-Musicals "Cabarett" indentifiziert. Dabei hat die Sängerin und Schauspielerin davor und danach viele Filme gedreht, Platten produziert und Konzerte gegeben. Sie hatte nie Berührungsängste und kollaborierte auch mit den "Pet Shop Boys" oder "My Chemical Romance". Sie trat erstmals in Montreux auf und bot einen berührenden Abend in der Miles Davis Hall.
    Ihr Leben als eine Achterbahn zu beschreiben, dürfte wohl zu kurz greifen. Mit drei Jahren hatte die Tochter von Judy Garland und Vincente Minnelli ihren ersten Auftritt. 1963 begann sie ihre Karriere und 1972 folgte der Auftritt ihres Lebens. Alles danach wurde und wird daran gemessen. Also in diesem Jahr kommt die alte Dame zum ersten Mal an den Genfer See und bemerkt zumindest, dass ihr Konzert im kleineren der beiden Konzertsäle stattfindet: "It's just for us – nobody else." Diese Ansage nach dem ersten Song, der "die beste Band im Land" – also ihre – thematisierte, machte die Diva schon atemlos. Aber bei einem Besuch einer alten Dame, – die so alt eigentlich gar nicht ist, die ihrem Körper aber schon genügend abverlangt hat – sollte man über solche Kleinigkeiten besser wegsehen.

    Die Miles Davis Hall war bis auf den letzten Platz gefüllt und alle waren froh, dass Minelli überhaupt an den Genfer See gekommen war. Sie erzählte Anekdoten, die angeblich neuen Datums sein sollten – aber bei "Liza with a "z"" mag man das nicht so richtig glauben, denn dieser Song ist immerhin fast vierzig Jahre alt, freut sich über ihr Publikum und strahlt selbst von ihrem Bühnenstuhl die Autorität einer Künstlerin, die eben nie ein "One-Trick-Pony" war. Niemand solle sich zum Richter aufschwingen, was für sei gut sei und was nicht, singt sie und jeder weiß, dass die alte Dame das auch in ihrem eigenen Leben immer so wollte. Pillen und "liquor" schaden der Gesundheit sicher, sie besingt jedoch eine Frau, die ähnlich ihr vor diesen Lastern kapitulierte, als Köngin und pries deren geschundenen Körper als "happiest corps I ever saw." Soviel Souveränität gehört ein Sonderapplaus – und mit Beifallsbekundungen knauserten weder Künstlerin noch Publikum.

    Ihr neues Album trägt den Titel "Confessions" und viele Lieder und ihre persönlichen Ansagen gleichen auch Geständnissen und man mag hoffen, dass sie Recht behält: "Maybe this time I'll win." Sie rollt die Augen, lädt ein "Come to the Cabaret", schmachtet ihren Bandleader an "I can't give you anything but Love" und singt von Tramps, die Frau einfach lieben müsse. Tapfer plagt Minelli sich trotz künstlichem Knie und anderen Beschwerden durch ihr Programm mit Bravour und am Ende wanderte die Miles Davis Hall für ein paar Minuten nach "New York" und bekanntermaßen kann, wer dort Erfolg hatte, überall "top of the list" sein. Also war der Besuch der alten Dame am Genfer See ein voller Erfolg. "I'm having my best time" – dankt sie ihrem Publikum, wahrscheinlich wie an jedem Ort, wo die alte Dame Hof hält. Egal, denn die Welt wird sich weiterdrehen, singt sie und manchmal verliert jemand und ein anderes Mal gewinnt einer. Liza Minelli ist eine (über-)lebende Legende – den entsprechenden Stern auf dem Walk of Fame hat sie, ebenso wie den Grammy Legend Award schon seit mehr als 20 Jahren wie unzählige weitere Auszeichnungen – solchen Besuch hat man einfach gern und genießt die kurze gemeinsame Zeit.

  • 16.07.2011

    Kleiner Mann mit feiner Ironie

    Paul Simon gibt keine Oldie-Show am 14. Juli 2011 beim 45. Montreux Jazz Festival

    Von Christoph Nitz, Montreux
    Der kleine Mann mit der junggebliebenen Stimme hat drei Karrieren hinter sich – mindestens und gerade mit "So Beautiful or So What" hat er ein Altersmeisterwerk präsentiert, das besonders in England und den USA massiv Erfolg hatte. Beim Festival in Montreux verweigerte er dem Publikum eine Reise durch seine musikalische Vergangenheit und begeisterte mit einem exzellenten Konzertabend.
    Simon
    Kleiner Mann – großer Abend. Paul Simon gab ein künstlerisch überzeugendes Konzert beim 45. Montreux Jazz Festival. Er verweigerte die angesichts seines Songmaterials durchaus mögliche Oldies-but-Goldies-Sause und zeigte sich spielfreudig und experimentierfreudig. Gut, dass auch die inzwischen obligatorischen meist weiblichen Stimm-Unterstützer fehlten.

    Nein, "El Condor Pasa" erklang nicht, obwohl der Titel 1970 neun Wochen die Schweizer Hitliste anführte. Paul Simon erschien mit rekordverdächtiger Verspätung beim Montreux Jazz Festival und überzeugte mit einem künstlerisch ambitionierten Konzertabend. Er hat leicht zerzaustes Haar und wirkt auf der riesigen Bühne noch kleiner, als man es von Filmaufnahmen erwarten könnte. Mit "The Boy in the Bubble" lässt er seine achtköpfige Band gleich zu Beginn mächtig fett einsteigen. Der Titel stammt vom Meisterwerk "Graceland", das 1986 weltweit für Aufsehen sorgte. Damals gab es neben Begeisterung für die Arbeit mit südafrikanischen Musikern auch die Kritik, Simon beute schwarze Künstler aus, um damit Geld zu machen. Die Gruppe "Los Lobos" warfen ihm gleichfalls Ideendiebstahl bei einem gemeinsam eingespielten Song für das Album vor. Egal, bis heute ist diese Platte seine erfolgreichste Solo-Platte geblieben und wer wollte, konnte am 14. Juli 2011 in Montreux ein "Graceland"-Shirt kaufen und überstreifen.

    Der bald 70-jährige Künstler hat mit "So Beautiful or So What" ein Altersmeisterwerk vorgelegt und dessen Songs möchte er mindestens so gern präsentieren wie älteres Material. Und damit das Publikum die Stange hält, mischt er altes und neues Material clever. Auf "Dazzling Blue" folgt eine sehr relaxte Fassung des Songs über 50 Wege, seinen Lover zu verlassen. Beim Titelsong des aktuellen Albums lacht er sogar einmal kurz und mit Fortgang des Abends taut er weiter auf. Allerdings beschränkt sich sein Beitrag zur Bühnenshow im gestikulieren mit dem Zeigefinger – das Höchstmaß an Ausgelassenheit erreicht er, wenn er in Hüfthöhe mit den Händen schlackert. Nein, Paul Simon bleibt trotz all der pulsierenden Rhythmen auf seinen Platten steif und ein wenig linkisch. Konzentriert wird musiziert und er hat seine Band mit Fingerspitzen im Griff.

    "Vincent braucht eine Gitarre" – ständig muss ein Helfer frisch gestimmte Gitarren den bis zu vier Gitarristen auf die Bühne bringen. Beinahe für jeden Titel wechselt Simon das Saiteninstrument, er gibt nicht den netten Onkel einer Oldies-but-Goldies-Sause, bei der das Publikum schenkelklatschend mitgröhlen kann. Mit "Hearts and Bones" greift er einen vom zeitgenössischen Publikum verkannten Schatz aus der Kiste und wenn er fragte "Why won't you love me for who I am where I am" antwortete das Saxophon im Dialog. "Slip Slidin' Away" – der Abend glitt angenehm dahin und wenn es zu wohlig wurde, dann wurde sofort mit einem vorwärtstreibenden Lied gegengesteuert.

    Mit "Sounds of Silence" geht es ein einziges Mal in die Epoche von "Simon & Garfunkel" und er interpretierte den Song so, als hätte er dies nicht schon hunderte Male tun müssen. Feinsinnig mischte er mit "Here comes the Sun" einen Ohrwurm aus fremder Feder ins Programm und kommentierte hinterlistig "I hope, you enjoyed it." Zum Finale griff er zum "Kodachrome", gab "Late in the Evening", war natürlich immer noch crazy nach all den Jahren und am Ende durften ihn alle Al nennen. Danke kleiner Mann für diesen großen Abend!

  • 16.07.2011

    Sightseeing-Tour für Prince und andere Extrawürste

    Blick hinter die Kulissen des 45. Montreux Jazz Festival

    Von Christoph Nitz, Montreux
    21 Millionen Schweizer Franken wird die 45. Ausgabe des Montreux Jazz Festival kosten. 90 Konzerte im kostenpflichtigen Bereich sowie 260 Gratiskonzerte brauchen eine straffe Organisation. Darum kümmern sich 1272 Menschen hinter den Kulissen – Durchschnittsalter 27 Jahre, davon 44 Prozent Studierende. Allein der Fuhrpark des Festivals kann auf 80 Fahrer zurückgreifen. 37 000 Arbeitsstunden sind erforderlich, damit das 16-tägige Großereignis über die Bühnen gehen kann.
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    So sieht es auf der Bühne des Auditorium Stravinski hinter dem Bühnenvorhang also aus.

    Als wir in den Bereich direkt hinter der Bühne des Auditorium Stravinski kommen, ermahnt uns eine resolute ältere Dame, dass wir erst gar nicht auf die Idee kommen sollten, hier Fotos machen zu wollen. In den Garderoben haben sich die Musiker der Bochumer Symphoniker eingerichtet, auf Sofas schlafen Techniker und andere Crew-Mitglieder – teilweise mit einem schwarzen Augenschutz vor dem hellen Licht geschützt. Die Vorbereitungen auf der Bühne laufen auf Hochtouren – abends soll Sting mit dem Orchester sein seit Monaten ausverkauftes Konzert präsentieren. Wie gewohnt beim Montreux Jazz Festival soll alles reibungslos und perfekt über die Bühne gehen, den Zuschauern soll eine perfekte Show geboten werden.

    Die Maschinerie des Festivals beginnt hinter dem "Salon de Presse", dem Arbeitsbereich der mehreren hundert Journalisten, die über das Ereignis für Radio, TV, Internet und Printmedien berichten. Annouk Dietschi soll uns hinter die Kulissen im "Montreux Music & Convention Centre" führen. Die Kollegen von Mediaprofil, die jeden Tag eine Sendung vom Festival für die regionalen TV-Stationen der Schweiz produzieren verkabeln Dietschi, sie wollen einen möglichst authentischen Bericht liefern.

    Hinter den Scheinwerfern sieht es im "2m2c" aus wie in allen Büro- und Lagerbereichen – Beton und Rohre wohin man blickt. Hier arbeitet das ganze Jahr über ein kleiner Stab von etwa 20 Leuten, um das Festival vorzubereiten. Während des Festivals ist der "Staffway" dann Arbeitsplatz für mehr als 1272 Menschen. Überall zeigen Schilder, wer mit welchem Pass – die nach Hierarchie in verschiedenen Farben angefertigt werden – wo Zugang hat. An verschiedenen Pfeilern sind Flyer für Yoga-Entspannungsmassagen angeschlagen. Der Job hier ist Knochenarbeit – entsprechend sollte man ab und an etwas für den Körper tun.

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    Im Backstage-Bereich des 45. Montreux Jazz Festivals wird versucht, den Künstlern ein Ruhezonen zu bieten. Da die Künstler oft innerhalb einer Tourneereise seit Tagen oder Wochen unterwegs sind, ist es wichtig, ein bisschen Ruckzugsmöglichkeiten und Bequemlichkeit zu bekommen.

    In einen eigenen Büro werden die Transporte für das Festival koordiniert. 80 Fahrzeuge pendeln die ganze Zeit mit Künstlern und VIPs zwischen Bahnhöfen, dem Genfer Flughafen, den Hotels und dem "2m2c." Aber auch besondere Wünsche wie die Sightseeing-Tour, die Prince sich wünschte können erfüllt werden. Von hier werden auch die Fahrten nach Caux zum Chalet von Festivalgründer Claude Nobs organisiert. Dessen Refugium besteht inzwischen aus zwei Gebäuden und wurde kürzlich von einem Medienkollegen als Anwesen im Stil des "great Gatsby" beschrieben. Dort zeigt Nobs gern seine Schätze: Schallplatten, Modelleisenbahnen und Musikboxen sammelte er in den Jahrzehnten. Gern bewirtet der gelernte Koch hier auch seine Gäste.

    Sind die Künstler in Montreux eingetroffen, haben die Techniker schon versucht, die von den Konzertagenturen oder Managern übermitteln Wünsche zu erfüllen. Diese finden sich in den so genannten "Tour Ridern", die mitunter mehr als 20 Seiten mit Anforderungen umfassen. In Montreux kümmert sich die Firma BBS um die Anforderungen an das musikalische Equipment. Es ist auch günstiger, wenn die Musiker aus USA etwa einfach schreiben, welche Bestandteile das Schlagzeug haben sollte und welches Piano sie gern hätten. Ein Transport für einen Auftritt von manchmal nur einer Stunde wäre in jedem Fall deutlich aufwändiger. Für Keith Jarrett musste einmal ein spezielles Instrument beschafft werden, erklärt Annouk Dietschi. Die meisten Künstler greifen auf diesen Service zurück, zumal das Festival im Ruf steht, hier auf höchste Qualität und Perfektion zu setzen. Große Produktionen wie die von Paul Simon kommen jedoch mit Sattelschleppern und bringen alles selbst auf die Bühne. In den "Ridern" stehen auch die kulinarischen Wünsche der Stars – für die Logen der Künstler und ihrer Crews gibt es einen Koch, der alles entsprechend passend vorbereitet und servieren lässt. Die Künstler sollen sich in Montreux wie bei einem Familienbesuch fühlen – diese Maxime des Gründers Claude Nobs wird hier an jeder Stelle versucht umzusetzen.

    Drei Teams kümmern sich um den guten Ton der Veranstaltungen: Einmal wollen die Künstler auf der Bühne hören, was sie spielen – dafür gibt es einen sogenannten Monitormix. Ein weiteres Team kümmert sich um den Klang, den das Publikum vor der Bühne im Auditorium Stravinski oder in der Miles Davis Hall zu hören bekommt. Das ist nicht einfach, denn die Proben finden ja immer ohne Publikum statt und so gilt es, aus Erfahrungen jedes Instrument richtig auszusteuern und den Mix aller Klangquellen vorzunehmen. In Montreux werden seit den ersten Festivals alle Auftritte aufgezeichnet. Seit den 1990er Jahren geschieht dies im HD-Format und seit letztem Jahr sogar im 3-D-Verfahren. Damit auch bei diesen Aufzeichnungen alles gut und authentisch zu hören ist, kümmert sich ein eigenes 40-köpfiges Produktionsteam. Im Mischraum kann auf bis zu 96 Kanäle zurückgegriffen werden und ein Tonmix für Filmaufnahmen stellt ganz andere Anforderungen als für die Konzertbesucher. Beispielsweise werde für die Aufnahmen mehr Bass als im Konzertsaal benötigt. Die Aufnahmen der Festival-Auftritte stellen mittlerweile einen unschätzbaren Wert dar, denn mehr als 5000 Künstler konnten inzwischen auf Zelluloid gebannt werden.

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    Im Lager der Firma BBS, die dafür sorgt, dass jeder Musiker das richtige Instrument und das richtige Equipment auf der Bühne vorfindet. Hier sehen wir Bestandteile von Schlagzeugen gestapelt.

    Zurück zu Essen und Trinken – 24 Prozent der Umsätze des Festivals stammen aus dem Verkauf an Bars, in den Restaurants und an Ständen. Entsprechend finden sich enorme Vorräte, die täglich aufgefrischt werden. Allein zwischen 120 000 und 140 000 Liter Bier werden alljährlich während der 16-Festivaltage verkauft. Auch die Cola-Zero, die ich im "Salon de Presse" gratis genießen kann, stammt aus den Lagern unter dem Zentrum. Und sogar an Reserve-Kühlschränke ist gedacht – denn Künstler haben manchmal mehr Durst als geplant. 150 Menschen kümmern sich in dieser Schattenwelt des Festivals darum, dass immer alles läuft, jeder am richtigen Ort ankommt und niemand verhungern muss – 37 000 Arbeitsstunden sind für den reibungslosen Ablauf des Festivals zu leisten. Stunden von denen die Besucher im Konzertsaal nichts bemerken.


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    Bierfässer, soweit das Auge reicht. Unter dem "2m2c" in Montreux werden enorme Mengen an Lebensmittel für die Bars, Restaurants und Stände gelagert. Allein zwischen 120 000 und 140 000 Liter Bier werden jedes Jahr konsummiert. 24 Prozent der Einnahmen stammen aus dem Verkauf von "Food & Beverages".


  • 13.07.2011

    "Er überracht mich immer wieder."

    Reaktionen vom Konzert mit Sting beim 45. Montreux Jazz Festival am 11. Juli 2011

    Von Christoph Nitz, Montreux
    Superstar Sting gab am 11. Juli 2011 mit den Bochumer Symphonikern einen Abend mit seinen größten Erfolgen aus den Jahren mit "Police" und mit seinen Solo-Werken. "Symphonicity" – das Konzert wurde im März angekündigt und war innerhalb kürzester Zeit ausverkauft. Hier einige Reaktionen aus dem Publikum.
    Sting
    Sting mit den Bochumer Symphonikern bei seinem Auftritt im Auditorium Stravinski beim 45. Montreux Jazz Festival.
    „Besonders die klassischen Arrangements fand ich fantastisch. Ich sehe Sting heute zum ersten Mal.“

    „Ich mag Sting und deshalb gefällt mir der Abend sehr gut. Er überrascht mich immer wieder. Ich war vor vielleicht zehn Jahren in einem seiner Konzerte, das mehr jazzorientiert war, vor drei Jahren habe ich ihn mit Police gesehen und heute nun mit einem Orchester – es ist für mich immer ein großes Vergnügen. „

    „Mir gefällt die Kombination klassicher Musik mit einer Rockband. Ich habe ihn im September in Genf mit dem gleichen Programm gesehen, damit verglichen ist der Abend heute näher dran an seinen früheren Arbeiten.“

    „Ich freue mich, diesen großen Star sehen zu können und bin gern hier in Montreux. Mir gefällt die Stadt und es sind hier viele nette Menschen – ich erlebe einfach gute Momente hier.“

    „Mir gefällt das Orchester sehr gut, die ganze Stimmung ist sehr sympatisch. Ich finde, dass das klassische Gewand den Popsongs gut steht.“

    „Ich habe gemischte Gefühle, vom Orchester kommt für meinen Geschmack zu wenig. Das kann aber auch an der Akkustik liegen. Ich finde es aber insgesamt etwas zu flach.“

    „Seine Stimme ist sehr markant, wirklich unglaublich, daneben verblasst das Orchester ein bisschen. Ich bin Fan von solchen speziellen Umsetzungen mit Orchester und deshalb ist es für mich ein besonderer Abend. Ich bin seit meiner Kindheit an Fan von Sting und es ist das erste Mal, dass ich ihn live sehe und deshalb ist es ein sehr spezielles Erlebnis für mich.“

    „Teilweise habe ich nichts gehört vom Orchester, es ist vom Arrangement her zu wenig gemacht worden. Bei „Roxanne“ gab es einen Zwischenteil, da ist etwas passiert, bei manchen Songs gab es auch noch Stellen, die interessant waren. Aber insgesamt haben sie es mehr oder weniger so durchgezogen, wie man es gewohnt ist.“

    „Die Backgroundsängerin ist wirklich Spitze.“

    „Er war nie jemand, der durch die Medien ging oder gezogen wurde. Das macht ihn als Künstler auch sehr sympatisch.“

    „Mir standen wirklich manchmal die Haare zu Berg – manchmal habe ich nicht auf die Bühne geschaut, um besser zuhören zu können.“

    „It is outstanding.“

    „Es ist ein sehr intensives Konzert mit unheimlich viel Emotionen.“

    „It’s Sting! Er ist niemals schlecht.“

  • 15.07.2011

    "Where are the toilets?"

    Mehr als 1270 Menschen arbeiten in 33 Sektoren für den Erfolg des Montreux Jazz Festival

    Damit ein Festival, das Jahr für Jahr mit mehr als 1000 Musikern rund 1000 Stunden Musikgenuss aller Genres bietet, für die rund 230 000 Gäste reibungslos und rund ablaufen kann, bedarf es vieler helfender Hände. Beim Montreux Jazz Festival sind dies mehr als 1270, die in 33 Sektoren genannten Teilbereichen am Erfolg des 16-tägigen Events arbeiten. Hier kommen ein paar davon zu Wort.
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    Extra aus Südfrankreich haben sich Amandine Cuji und Melissa Ollivier zum Montreux Jazz Festival auf den Weg gemacht. Tagsüber schminken sie Kinder und abends wechselt mit dem Publikum am Ufer des Genfer Sees auch ihr Angebot: Schmuck und lustige Hüte aus garantiert natürlichen Fasern wollen dann an die Mann und die Frau gebracht werden.
    Vanessa Scarpati und Delphine Carrupt verteilen Gratis-Jetons für das Casino in Montreux.

    Bis 1992 wurde das Montreux Jazz Festival in zwei Sälen dieses Casinos veranstaltet, dessen Brand 1971 Deep Purple zu ihrem Welthit „Smoke on the Water“ inspirierte. Viele Gäste gingen – nachdem das Casino ab 1975 renoviert war – zwischen den Konzerten einfach in die Räume des Casinos und riskierten den einen oder auch anderen Franken für die dort offerierten Gewinnchancen, die aber meist nur Chancen blieben. Die beiden jungen Frauen verteilen Gratis-Jetons, mit denen heute im Casino gespielt werden kann und wollen so einige der insgesamt mehr als 230 000 Besucher des Montreux Jazz Festival zu Gästen des Casinos machen. Vom Montreux Music & Convention Centre kurz „2m2c“ bis zum Casino muss man etwa 20 Minuten zu Fuß einplanen – abends kann es auch einige Zeit länger dauern, denn direkt am See entlang finden sich die Stände und Buden und ab dem frühen Nachmittag auch immer mehr Menschen, die es bei gutem Wetter zum Festival und dessen kostenlosen Musikattraktionen zieht. Sicher folgen dem Ruf des schnellen Geldes nicht mehr soviele Besucher des Festivals, denn früher war die Verlockung bei einem Weg von wenigen Metern deutlich stärker.

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    Vanessa Scarpati und Delphine Carrupt verteilen Gratis-Jetons für das Casino in Montreux.
    Rianne Roshier und Angela N'Lep beantworten Fragen der Besucher.

    Die Frage, die den beiden am häufigsten hören, lautet erwartungsgemäß: „Where are the toilets?“ Sie arbeiten während des gesamten Festival und „lieben“ die Mützen, die zu ihrer Dienstkleidung gehören – zumindest wenn sie mit einem Mikrofon dazu befragt werden. Die beiden arbeiten ohne Gehalt für eine geringe Entschädigung und Verpflegung, es sei „just a pleasure to work for this festival.“ Sie erhalten auch einen Pass, der zum Eintritt bei allen Konzerten berechtigt – die beiden hatten sich in diesem Jahr besonders auf Raphael Saadiq gefreut, für Angela N’Lep war es sogar das beste Konzert des Festivals überhaupt. Sie arbeitet schon zum dritten Mal in Montreux und mag keines der Festivals besonders hervorheben, „every year ist different."

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    Rianne Roshier und Angela N'Lep beantworten Fragen der Festival-Besucher in Montreux und sind leicht an ihren roten Mützen und Buttons mit einem Fragezeichen oder "Ask me" zu erkennen.
    Amandine Cuji und Melissa Ollivier schminken tagsüber Kinder und bieten abends Schmuck und lustige Hüte an.
    Für das Festival kommen extra aus dem Süden Frankreichs hierher, denn an den 16 Tagen im Juli können sie gutes Geld verdienen. Vom Musikangebot können sie kaum etwas wahrnehmen, denn „we are here fort he work.“ Schade eigentlich, denn gerade bei „Music in the Park“ und im „Montreux Jazz Café“ gibt es ohne Eintritt zahlen zu müssen viele hervorragende Bands und Künstler zu sehen und hören.

    Für die mehr als 1270 Menschen, die zum "Staff" des Festivals gehören gibt es sogar eine eigene kleine Zeitung namens "Staff news", in denen auch einige Mitglieder mit Anekdoten zu Wort kommen. Abend für Abend holt zudem Claude Nobs drei Vertreter eines Sektors auf die Bühne des Auditorium Stravinski, um so den Gästen zu zeigen, dass es vieler Menschen bedarf, damit die Live-Musik-Fabrik 16 Tage lang reibungslos funktioniert.
  • 14.07.2011

    "Bei gutem Wetter steppen hier die Murmeltiere"

    Interview mit Niklaus Mani, Organisator der Jazz-Züge beim Montreux Jazz Festival

    Von Christoph Nitz, Montreux
    Niklaus Mani arbeitet bei GoldenPass, dem Partner des Montreux Jazz Festival bei den musikalischen Zugfahrten in die Berge um Montreux und ist seit 18 Jahren für den Mitarbeiterstab – hier einfach Staff genannt – im Auditorium Stravinski zuständig. Im Gespräch erläutert er, wie die Idee für die Zugfahrten entstand und berichtet aus seinen Erfahrungen beim Festival selbst.
    Mani
    Niklaus Mani ist seit 18 Jahren beim Montreux Jazz Festival dabei und organisiert seit 2000 die musikalischen Zugfahrten des Festivals. Diese werden mit GoldenPass durchgeführt – dem Label der vielen kleinen Zahnrad- und Seilbahnen, die Montreux mit den Bergen im Umland verbinden. Hier im Bild begrüßt er die Passagiere der New-Orleans-Jazz-Fahrt am 7. Juli 2011.
    ND: Herr Mani, Sie organisieren diese Jazz-Züge, was ist das Ziel, warum bieten Sie Jazz in einem Zug an?

    Niklaus Mani: Die Idee entstand entwickelte sich aus der Tatsache, dass früher schon die Jazz-Schiffe gab und Claube Nobs, der Direktor vom Montreux-Jazzfestival ein großer Zugfan ist. Er hat im Keller seines Chalets eine riesige Sammlung Eisenbahn-Modelle, die einzigartig sein dürfte auf der ganzen Welt. Er wohnt direkt an der Bahnlinie von Montreux zum Les Rochers-de-Naye.

    Seit 18 Jahren bin ich wiederum verantwortlich für die Mitarbeiter, die im Besucherbereich des Auditorium Stravinski arbeiten. Eines Tages haben wir uns zusammen mit Claude Nobs im Backstage unterhalten und plötzlich entstand die Idee, warum sollte es nicht neben den Jazz-Schiffen auch einen Jazz-Zug geben. Da war er hell begeistert: "Ja, machen wir sofort..." Zum Start – das ist war im Jahr 2000 – schickten wir einen Zug hier zum Rochers-de-Naye sowie einen nach Gstaad. Inzwischen sind es jährlich schon drei Fahren zum Rochers-de-Naye und eine oder zwei nach Gstaad. Das kommt dort immer darauf an, welche sonstigen Großereignisse dort während des Festival-Zeitraums stattfinden – während eines Beachvolley- oder Tennisfestivals können wir natürlich nicht noch zusätzlich mit einem Jazz-Zug dazukommen.

    Ungefähr 170 Leute nehmen an einer Zugfahrt teil – nach Gstaad sind etwa 140 Menschen im Zug.

    Sie sagten vorhin, dass das Ticket mit dem Jazz-Zug billiger sei als eine normale Fahrkarte. Stimmt das?

    Das stimmt, eine normale Zugfahrt kostet 66,40 Franken – ohne Ermäßigungen etwa mit einer Bahncard. Ein Ticket für den Jazz-Zug kostet nur 60 Franken. Dies ist möglich, weil es einerseits eine lange Zusammenarbeit gibt und weil GoldenPass einer der offiziellen Unterstützer des Festivals ist.

    Was ist GoldenPass genau?

    GoldenPass ist der Name der Vereinigung der ganzen kleinen Bahnen, die von Montreux aus die Berge des Umlandes bedienen. Die Zahnradbahnstrecke hier zum Rochers-de-Naye gibt es seit knapp 120 Jahren, es war glaube ich die erste Bahn in der Gegend, die gebaut wurde. Der Tourismus entstand ja hauptsächlich durch Engländer, die hierher kamen, um das Schloss Chillon zu sehen. Das Gedicht von Lord Byron »Der Gefangene von Chillon« animierte viele, sich das vor Ort einmal anzuschauen.

    Damals war Montreux eigentlich noch keine Stadt, es waren kleine Winzerdörfer. Der große Bahnhof war damals noch in Territet, von dort wurde 1883 eine Standseilbahn nach Glion gebaut, später folgte die Zahnradbahn hinauf zum Les Rochers-de-Naye. Erst nach der Jahrhundertwende, ich glaube im Jahr 1909, wurde Montreux mit Glion verbunden, damals entstanden dort auch die großen Hotels.

    Die Züge wirken ziemlich alt, planen Sie, diese zu erneuern?

    Die kleineren Züge, die wir teilweise noch einsetzen, wurden in den 1930er Jahren gebaut. Die großen – mit denen wir auch die Jazz-Züge fahren – wurden nach 1985 gebaut. Der letzte wurde vergangenes Jahr fertiggestellt – unsere Züge werden natürlich immer wieder erneuert. Aber der Eindruck entsteht, weil es eben eine Zahnradstrecke ist, da ist die Fahrt immer auch ein klein bisschen urig und ein klein bisschen lärmig im Zugabteil, das ist ganz klar.

    Die Bands müssen sich stellenweise sehr anstrengen, damit man ihre Musik und nicht den Fahrtlärm des Zuges hört.

    Ich sage zu den Gruppen immer, im Zug drin spielt ihr so gut ihr könnt. Das ist gerade für den Trompetisten nicht einfach. Bei einer Zahnradbahn ruckelt es eben immer ein bisschen. Während der zwei Stunden Aufenthalt auf dem Berg geben die beiden Bands dann ein jeweils ein komplettes Konzert mit guten akkustischen Bedingungen.Bei schönem Wetter, wenn die Sonne scheint, auf der Terrasse, dann hallt die Jazzmusik über den ganzen Berg. Die Murmeltiere hier steppen dann dazu ...

    Wie viele verschiedene Murmeltierarten leben hier?

    Es gibt weltweit 14 verschiedene Arten Murmeltiere, davon haben wir sieben hier in den Parks. Das ist weltweit einzigartig. Fast jedes Jahr gibt es hier auch einen Kongress der Murmeltierspezialisten, die hierher kommen, um die verschiedenen Arten zu beobachten. Neben den Murmeltieren im Alpengarten gibt es hier auch noch die mongolischen Jurten, in denen man auch übernachten kann. Als eine Murmeltiergattung aus der Mongolei eingeführt wurde fuhren wir dorthin, um sie abzuholen. So entstand die Idee, dass man in 2000 Metern Höhe in original mongolischen Jurten schlafen kann. Wir haben damit einen großen Erfolg.

    Man kann sich also für eine Übernachtung in der Jurte einmieten?

    Genau, auch auf unserer Homepage www.goldenpass.ch kann man die Jurten buchen. Wir haben sieben Jurten, also können maximal 56 Leute auf dem Berg übernachten. Wir haben auch viele Familienfeste oder andere Gruppenausflüge hierher. Hier oben gibt es ja keine Polizeistunde.

    Die gibt es in Montreux auch nicht.

    Während des Jazzfestivals gibt es dort auch keine Sperrstunde.

    Sonst gibt es eine Sperrstunde?

    Ja, natürlich. Man kann nicht durchgehend feiern. Bars und Diskotheken haben Verlängerungen, aber die normalen Restaurants sollten um 1 Uhr morgens zumachen.

    Also ich komme aus Berlin – da gibt es keine Sperrstunde.

    Berlin ist natürlich wieder eine Sache für sich. Ich komme jedes Jahr ein paarmal nach Berlin, insbsondere zur ITB, da ist GoldenPass auch einer der Aussteller. Berlin ist immer eine Reise wert – auch für uns Schweizer – weil es eine Kulturstadt ist und auch eine Lebestadt. Da findet was statt, da ist was los.

    Hauptberuflich arbeiten Sie für GoldenPass?

    Ja, seit 30 Jahren darf ich für diese wunderbare Eisenbahngesellschaft arbeiten. Nebenbei habe ich dann noch verschiedene andere kleine Ämtchen, die man halt so hat in einer kleinen Stadt wie Montreux. Es sind ja nur rund 15 000 Einwohner, da sind die Vereine darauf angewiesen, dass jeder ein bisschen mitmacht.

    Wie lange sind Sie beim Montreux Jazz Festival dabei?

    Das Festival ist vor 19 Jahren vom Casino ins Kongresszentrum umgezogen und ein Jahr später bin ich dann zum Jazzfestival gestoßen und darf seither verantwortlich sein für die 75 Leute, die in der Hauptkonzerthalle – dem Auditorium Stravinski – arbeiten. Da haben wir natürlich dann auch regen Kontakt mit den Künstlern...

    Sind Sie auch zuständig für die erstaunlich reibungslosen Umbauten auf der Bühne?

    Der Umbau gehört zur Produktion. Ich bin verantwortlich, was vor der Bühne stattfindet. Bei Sitzplatzkonzerten werden den Gäste ihre Plätze gezeigt und auch die sonstigen Sicherheitsmaßnahmen fallen in unseren Aufgabenbereich. Also dass niemand auf die Bühne rennt oder dass man sie dann möglichst freundlich wieder von der Bühne herunterbegleitet. Das geschieht natürlich immer in enger Zusammenarbeit mit der Produktion.

    Jeden Nachmittag hat man Sitzungen mit den Sicherheitsleuten der Gruppen oder mit den Musikern selbst. Da erklärt man, wie läuft das bei uns beim Festival ab. Montreux ist das einzige Top-Festival mit so bekannten Musikern auf der Bühne, wo es keine Barriere zwischen Publikum und den Musikern. Das macht die Nähe usneres Festivals aus.

    Mit 4000 Stehplätzen handelt es sich bei Konzerten etwa mit David Bowie oder Prince eher um Clubkonzerte – das kriegt man nirgendwo sonst.

    Genau, es ist auch diese Nähe, was die Musiker hier so schätzen – neben dem persönlichen Kontakt durch Claude, der beinahe jeden Musiker seit langem kennt, sie immer begrüßt und viele auch einlädt in sein Chalet. Publikum und Künstler können sich beinahe berühren. Wenn Ricky Martin ein Konzert in den USA gibt, dann haben sie riesige Sicherheitsvorkehrungen. Wir haben die Leute gestern Abend direkt an die Bühne gelassen. Also die konnten im Prinzip ihm die Schuhe binden. Das macht Montreux so speziell macht – auch die Konzerte im Auditorium Stravinski.

    Haben Sie die Konzerte im Casino auch miterlebt?

    Damals war ich noch nicht tätig im Staffbereich, aber als Zuschauer bin ich natürlich dort auch regelmäßig hingegangen. Es war ein ganz anderes Ambiente, es war noch persönlicher, denn es war noch kleiner.

    Sie sind 18 Jahre dabei, 45 Jahre gibt es das Festival insgesamt. Claude Nobs war im vergangenen Jahr erkrankt und ließ sich viel vom Generaldirektor Mathieu Jaton vertreten. Dieses Jahr ist er wieder mehr präsent. Wenn Nobs nicht mehr dabei sein kann, gibt es dann das Festival noch?

    Bestimmt. Es ist eine Institution, das Montreux Jazzfestival und das wird auch so bleiben. Es wird sich sicher etwas verändern – Claude ist die Seele des Festivals. Aber was die technische Abwicklung und vieles andere angeht, da ist ja er schon eigentlich seit längerem nicht mehr so aktiv mit dabei. Wir sind natürlich sehr zuversichtlich, dass er da noch jahre- oder jahrezehntelang mitmacht. Dieses Jahr ist er ist wirklich wieder voll dabei. Also die letzten Nächte bis morgens vier oder fünf Uhr früh war er noch im Jazz-Café, hat mit allen Leuten gesprochen – da denkt man nicht, dass er im Februar 75 Jahre alt geworden ist..

    Er sieht zehn Jahre jünger aus.

    Er ist wirklich wieder top und fit. Im Vergleich mit ihm gibt es viele Junge, die leisten nie das, was Claude leistet.

    Claude ist einfach der Gründer und Direktor, er ist die Seele des Festivals und in dem Sinne so nicht ersetzbar.

    In den Jahren ist auch der Personenkult um Claude Nobs immer größer geworden. Ist das ein Problem?

    Nein. Ich denke für ihn ist es kein Problem und es ist auch kein Problem für das Festival. Das Festival lebt zu einem großen Teil von und mit und durch Claude Nobs. Es stört sich niemand dran, auch bei uns im Staffbereich nicht. Im Gegenteil, wenn er sich verändern würde durch diesen Kult, dann wäre es natürlich vielleicht etwas anderes. Aber er ist und bleibt unser Claude und er wird immer unser Claude bleiben.

    Vielen Dank für das Gespräch.

  • 13.07.2011

    Karajan wäre nach dem ersten Titel von der Bühne gegangen

    Sting präsentierte seine Hits beim 45. Montreux Jazz Festival in orchestralem Gewand

    Von Christoph Nitz, Montreux
    Der bald 60-jährige Sänger kleidete im vergangenen Jahr die Hits seiner ehemaligen Band "Police" sowie Aufnahmen seiner Soloarbeiten in klassische Klanggewänder. "Symphonicity" mti den Bochumer Symphonikern – ursprünglich mit dem Royal Philharmonic Concert Orchestra eingespielt und auf Tournee vorgestellt – war am 11. Juli im Auditorium Stravinski sicher einer der Höhepunkte der 45. Auflage des Traditionsfestivals.
    Sting 1
    Sting mit dem billigsten Instrument, das man laut Rod Stewart kaufen kann, der Mundharmonika. Mit der schaffte es der Sänger, mehr Atmosphäre und Spannung zu zaubern als der riesige Orchesterklangkörper der "Bochumer Symphoniker" unter Sarah Hicks.
    Das Konzert war seit Monaten ausverkauft und entsprechend hoch war auch die VIP-Dichte an diesem Abend in Montreux. Sting muss man mögen – dann folgt man dem Musiker wahrscheinlich überall hin. Mit "Every Little Thing She Does Is Magic" – der Police-Song hat auch 30 Jahre nach Veröffentlichung nichts an Charme verloren – startet die orchestrale Reise. Die Hauptperson zeigt – für den Abend zog er ein schlichtes T-Shirt einem Show-Outfit vor – eine beneidenswerte körperliche Fitness und fremdelt deutlich mit den Bochumer Symphonikern unter Leitung von Sarah Hicks. Besonders das Police-Material seines Werks verweigert sich den neuen Klangkleider und möglicherweise sind auch die Arrangements nicht mutig genug. Besonders beim Refrain wirkt es, als ob zwei verschiedene Ereignisse und deren Akteure sich auf der gleichen Bühne getroffen hätten.

    Dem begeisterten Publikum sind solche Unstimmkeiten schlicht gleichgültig – der Sänger mit der Ausnahmestimme könnte auch seine Hits zur Ukulele präsentieren und fretischer Beifall wäre sein Lohn. Prägnanz und Wiedererkennungswert einerseits, allerdings fehlt seinem Gesang auf Dauer doch einiges an Bandbreite und Variantenreichtum. Jo Lawry darf nur ein paar Mal ihre stimmlichen Möglichkeiten voll entfalten und singt den Star dann regelmäßig mühelos an die Wand, sonst unterstützt die Backgroundsängerin effektiv den Star des Abends. Und der war nicht das Orchester – von Sting phonetisch als "Pokuma Symphony" angekündigt – sondern der Sänger mit den vielen Evergreens.

    Bei "If I Ever Lose My Faith in You" kommt erstmals das auch im Fortgang spektakulärste Instrument zum Einsatz, die "harmonica". Bei all dem Bombast des Bochumer Klangkörpers schafft es geradedas billigste Instrument, das man laut Rod Stewart besitzen kann, Spannung und Atmosphäre zu liefern. Mit Stewart und Bryan Adams hatte Sting übrigens mal einen Riesenhit "All for Love" – und ein bisschen fühlte ich mich im Auditorium Stravinski denn auch an Stewarts "American Songbook"-Exkursionen erinnert. Will sagen, wenn Künstler ihren kreativen Zenit erreicht haben, greifen sie auf Klassiker zurück und interpretieren diese fortan oder sie nehmen sich ihre Erfolge vor und spielen diese neu ein. Beides muss nicht zwingend überzeugend ausfallen, führt aber zumindest bei Stewart zu gefüllten Geldbörsen und auch bei Sting scheint das Recycling zu funktionieren.

    Besonders problematisch das Intro zum Hit "Russians", dessen dramatischer Blechbläsereinsatz an eine Bond-Titelmelodie gemahnte. Der Titel war 1985 mutig, vielleicht auch richtig und für viele Menschen sicher wichtig – aber dass auch ich damals einen offenkundigen Unsinn wie die Zeile "I hope the Russians love their children too" als ernstzunehmende Rockliteratur einschätzte, fiel mir am Konzertabend schwer zu glauben. Durch die bedeutungsschwangere Untermalung wurden die Klischees offenkundiger und zeigten einmal mehr, dass der Kalte Krieg auch an schrecklichen Kulturirrtümern wie etwa "Nikita" Schuld trägt. Wie gesagt, das Empfinden des Kritikers war in Montreux in deutlicher Minderheit – die meisten Zuhörer ließen sich leicht zum Mitsingen animieren und bei "Englishman in New York" setzte eine Klatschorgie wie bei Dieter-Thomas Hecks seliger "Hitparade" ein.

    "Be yourself, no matter what they say" – Sting hätte mit Police ordentliche Rockmusik machen sollen. Gern auch bis heute – mir gingen beim Orchesterabend mit dem Sänger – dessen kantige Gesichtszüge mit den raspelkurzen Stoppelhaaren stark an Ferdinand Piech erinnerten – immer die Worte von John Lennon durch den Kopf: " The sound you make is muzak to my ears." Während neun von zehn Zuhörern vom Experiment des Abends überzeugt bis ergriffen waren, sprach mir ein Radiokollege aus dem Herzen. Er meinte trocken: "Karajan wäre nach dem ersten Titel von der Bühne gegangen." Doch mit "Moon over Bourbon Street" packte es mich denn doch – hier und an manch anderen Stellen stimmte dann doch alles und Sänger, Orchester und Publikum waren eins.
  • 12.07.2011

    Folk trifft Art-Rock

    James Vincent McMorrow und Arcade Fire beim 45. Montreux Jazz Festival

    Von Christoph Nitz, Montreux
    "Arcade Fire" wird eine große Zukunft in der Liga von "U 2" prophezeit – derzeit gelten die einfaltsreichen Kanadier als eine außergewöhnliche und im Musikzirkus einflussreiche Indie-Formation. Am 10. Juli 2011 räumten die acht Multiinstrumentalisten im ausverkauften Auditorium Stravinski gründlich ab. Doch zuvor nutzte Folksänger James Vincent McMorrow seine Chance – unter anderem mit einem intimen Cover der "Wicked Games" von Chris Issak.
    McMorrow
    Der irische Folksänger James Vincent McMorrow (links) verzauberte mit seiner wandlungsfähigen Stimme im Vorprogramm von "Arcade Fire" – rechts Jill Deering (rechts), deren Background-Vocals perfekt ergänzten.
    Stilistisch passt zu James Vincent McMorrow – der von Medien auch schon mal als "Bänkelsänger" bezeichnet wird – der Titel "Wicked Game" von Chris Isaak. Auch in Montreux verfehlte dieser Song mit dem Dahin-Schmelz-Faktor seine Wirkung auf das Publikum nicht. Der irische Folksänger im Holzfällerhemd hatte die undankbare Aufgabe, das Vorprogramm vor den Publikumsmagneten "Arcade Fire" gestalten zu müssen – und die Chance im Auditorium Stravinski nutzte er.

    Arcade1
    Regine Chassagne wechselte ein paar Mal vom Schlagzeug zum Mikroständer und machte dort auch eine gute Figur etwa wie hier bei "Sprawl II (Mountains Beyond Mountains)" vom aktuellen Album "Suburbs".
    Artig bedankte er sich bei den zahlreich erschienenen Zuhörern, dass mit dem Auftritt in Montreux für ihn der Traum eines jeden Musikers Realität wurde. Die Stars des Abends hatte der Ire allerdings noch nie gesehen, "so it's gonna be fine" – was immer er damit auch sagen wollte. Das Material seines Erstlings "Early in the Morning" stellte er unaufgeregt und mit stimmlichem Variationsvermögen bis hin zu Falsettlagen vor. Gesanglich wurde er von Jill Deering begleitet. Besonders "Breaking Hearts" überzeugte mit authentischer Melancholie – in dem Song bricht er auf und verspricht seiner Liebsten "I'm never coming back", auch weil er schon viel zu lange Herzen gebrochen habe. Er lobte "The Woods" und wer wollte wurde im Boot mitgenommen ("If I have a Boat") und am Ende stand er allein mit seiner Gitarre auf der riesigen Bühne des Auditoriumn Stravinski und konnte mit seiner prägnanten Stimme ein intime Atmosphäre für das Publikum zaubern.

    Arcade2
    Band mit mächtiger LED-Wand, die Technik lenkte aber zu keinem Moment von enorm spielfreudigen Oktett ab.
    In Erwartung eines der Festival-Höhepunkte füllte sich das Auditorium Stravinski bis auf den letzten verfügbaren Meter. Ein Filmeinspieler versprach eine "Preview if coming attractions" und ohrenbetäubender Jubel ließ keinen Zweifel, dass dieser Abend dazu zählen würde. Die acht Mitglieder der kanadischen Indieband um Sänger Win Butler und seine Frau Regine Chassagne am Schlagzeug beherrscht eine unzahlbare Menge an Instrumenten und wechselt sich auf allen Positionen so häufig ab, dass sogar der "Line Up"-Zettel des Festival-Pressebüros mit Angaben passen musste. Die Band ist hier als Kollektiv der Star. Mit ihrer letzten Produktion "Suburbs" lobten sie die Vorstädte und konnten bei der Verleihung der Grammys den Preis für das beste Album mit nach Hause nehmen. Sie nutzten dies und machten sich über Lady Gaga lustig, die wie auch Katy Perry und Eminem in dieser Kategorie mit leeren Händen zurückblieben.

    Doch Arcade Fire bietet keine Massenware – fast jeder Titel bietet Tempiwechsel, die hymnischen Melodien werden von metallischen Gitarreneinschüben geerdet. Die "Uh-uh-uh"-Parts in den Refrains wurden vom Publikum aufgenommen und der Einwurf eines Zuschauers "This is the Evening" sollte sich bewahrheiten. Mit nur drei Alben hat sich die Formation einen enormen Ruf erspielt und nach dem Auftritt hier in Montreux dürfte man auf weitere Höhepunkte gespannt sein. Derweil nahm das musikalische Inferno an Intensität, angetrieben von zwei Schlagzeugen und mitunter orchestriert mit bis zu drei Geigen. Es dauerte lange, bis die Songzeile "I need the darkness, someone please cut the lights" Realität werden sollte. Die packende Show – bei der auch eine gigantische LED-Wand gekonnt zum Einsatz gebracht wurde – lenkte ein wenig von den textlichen Qualitäten ab, aber den Zeilen etwa von der verlorenen "Crown of Love" oder vom "Modern Man" kann man ja auch gut zuhause noch einmal lauschen und sich dabei an dieses Konzert erinnern.
  • 11.07.2011

    Brasilianische Tänze auf dem Sonnendeck

    Bootsfahrten sind beim Montreux Jazz Festival immer schnell ausverkauft

    Von Christoph Nitz, Montreux
    Seit 1993 wird das Montreux Jazz Festival durch musikalische Bootsfahrten ergänzt. In diesem Jahr wurden drei Boote offeriert: Einmal mit Salsa- und zweimal mit Brasilklängen an Bord. Die Karten für 60 Franken sind immer innerhalb kurzer Zeit ausverkauft. Es ist auch ein mehr als verlockendes Angebot, Sonne und Musik satt geboten zu bekommen.
    Bord
    Bis rund 1200 Menschen an Bord der "MS Lausanne" sind dauert es fast eine Stunde. An Bord fing aber gleich die Brasil-Tropical-Sause an.
    Die "La Suisse" lieferte Passagiere nach der Bootsfahrt wieder an der Anlegestelle in Montreux ab – dort warteten schon mehr als 1200 Musikbegeisterte, die vier Stunden auf dem Genfer See zu Brasil-Tropical Klängen abfeiern wollten. Sie wurden von Trommeln in Laune gebracht und waren allesamt in freudiger Vorerwartung der kommenden Stunden. Die Farben und Symbole Brasiliens waren unübersehbar – Kleider, T-Shirts, Tücher und Fahnen in gelb-grün dominierten das Bild. Allerdings war die Reisegesellschaft gemischt, neben Latinos und Latinas fanden sich auch ein weißer Asphaltcowboy mit Hut und Sonnenbrille sowie ein englisch-gestylter Dandy mit gezwirbeltem Schnurrbart – herausgeputzt wie für einen Film der 1920er Jahre – unter den Gästen.
    Fiesta
    DJ Rumba Stereo (rechts) ist seit 13 Jahren mit an Bord der Brasil-Boats beim Montreux Jazz Festival – in diesem Jahr mit an den Turntables: DJ Livia (links). Die beiden sind Resident Disc Jockeys der "Tropical Bar" und sorgen dort allabendlich für Stimmung.


    Tanzen
    Ob auf dem Sonnendeck oder im "Salon Haute Savoie" die Devise lautete TANZEN.
    Noch an Land fingen die ersten mit Tanzen an – jeder Teilnehmer erhielt eine schwarze Tasche geschenkt, darin Fächer, die später noch rege genutzt werden sollten. WIlly Zumbrunnen ist im ständigen Festival-Team für die Fahrten mit Zügen und Booten zuständig und freut sich, dass die Karten für die Boote immer reißenden Absatz finden. Nächstes Jahr möchte er ein Schiff mit Hard-Rock-Musik auf den See schicken und ist gespannt, wie das ankommen wird. Bis alle an Bord sind, dauerte es fast eine Stunde. Während sich das Boot langsam füllt startet Andre Rio aus Pernanbuco auf dem Sonnendeck seine musikalische Reise in den Norden Brasiliens. Unter Deck im "Salon Haute Savoie" gibt es den "Fiesta Mix Latino" mit DJ Rumba Stereo – der schon seit 13 Jahren bei den Brasil-Ausflügen mit von der Partie ist – und DJ Livia. Gleich ob die Musik live gespielt oder von Konserve serviert wurde, die Stimmung wird fühlbar ausgelassener. Wurden Titel erkannt gab es freudige Rufe und Pfiffe und Cocktails aus bunten Plastikgläsern wurden fleißig konsumiert. Die ausgelassene Feieratmosphäre steckte auch andere Boote auf dem See an – eine große Jacht ging sogar ein paar Minuten auf Geleitkurs zur "MS Lausanne".

    Sommer, Sonne, eine gute Zeit auf einem Boot mit Tanzen und Cocktails zu verbringen lässt niemand unberührt. Selbst auf den schmalen Stegen längs des Schiffes wurde getanzt und manche Latina lächelte fein über die etwas ungelenken Tanzbewegungen mancher – meist weißer – Männer. Strahlender Sonnerschein rundeten den Musikgenuss ab und schon bald sah man überall entblößte Männeroberkörper und Bikinis. Der Salon hatte sich spätestens beim Auftritt von Fôgo N'Agua – immer im stündlichen Wechsel mit dem "Fiesta Mix Latino" – in einen brasilianischen Hexenkessel verwandelt. Am Ende der Fahrt sollte hier der Boden kleben und die Party hätte durchaus noch länger dauern können. Das Ende der Musik wurde mit "Jouez! Jouez! Jouez!" beantwortet. Doch die Party sollte andernorts Fortsetzung finden. Dieser Samstag stand beim Montreux Jazz Festival unter dem Motto "Brasil" – bei "Music im Parc" ebenso wie im Auditorium Stravinski ging das brasilianische Fest weiter. Den Brasil-Boat-Teilnehmer wurde der Weg zur Musikmeile rund um das Festivalzentrum "2m2c" von der Trommelgruppe gewiesen. Die machten Stopp an der "Tropical Bar" und der Tanz ging weiter ...

  • 08.07.2011

    Steigende und fallende Sterne

    Carly Connor und Chaka Chan beim 45. Montreux Jazz Festival

    Von Christoph Nitz, Montreux
    Es war schon eine mutige Entscheidung am 7. Juli 2011 mit Carly Connor eine 18-jährige Sängerin auf die Bühne des Auditorium Stravinski zu stellen, die bislang lediglich vier Titel als EP veröffentlicht hat. Doch der Mut wurde mit einer eindrucksvollen Performance belohnt. Weniger belohnt wurden die Besucher von Chaka Khan, die aus dem Auditorium streckenweise eine Kirche machte. Zum Ende bekam sie mit "I'm every woman" gerade noch die Kurve.
    Connor
    18 Jahre alt und in der Tat nicht auf den Mund gefallen. Carly Connor rockte das Auditorium Stravinski beim 45. Montreux Jazz Festival.
    Man sollte den Lobhudeleien in Künstlerbiografien immer eine gesunde Portion Skepsis entgegenbringen, doch wenn bei Carly Connor zu lesen ist, dass die 18-Jährige zum Singen geboren sei, denn klingt das zwar etwas pathetisch, aber nach einem Auftritt könnte man diesen Satz getrost unterschreiben.

    Der ehemalige Drummer der Simple Minds, Brian McGee hat das Talent erkannt und arbeitet mit der Glasgowerin an ihrem ersten Album. Immerhin haben Atlantic Records einen Vertrag angeboten und mit "Nightcreeper" die ersten vier Titel als EP herausgebracht. Mit ihrer enormen Stimme und natürlichen Bühnenpräsenz dürfte ihr in der Tat noch einiges zuzutrauen sein. In Montreux zeigte sie schon mal eine halbe Stunde lang einiges von ihrem Potenzial und konnte in leisen Vokalpassagen ebenso überzeugen wie dann, wenn die Shouter-Qualitäten gefragt waren. Auf Facebook dankte sie für eine "überwältigende Nacht an einem schönen Ort". Einkaufshilfe bot sie auch gleich an – viele wollten wissen, woher ihr "Jack kills"-Shirt stammt.

    Chaka1
    Strapazierte bei ihrem Auftritt am 7. Juli 2011 in Montreux mit religiösem Eifer und klebrig-arrangierten Erweckungstiteln: Chaka Khan.
    Wer also ein Shirt wie Carly Connor braucht, hier geht es zur
    Shirt-Kollektion von we own

    Kids
    Menschen die bei einem Soul-Funk-Konzert am Boden sitzen, habe ich noch nie gesehen. Hier der Fotobeweis.
    Doch neben aufsteigenden Sternen gibt es in Montreux häufig genug auch fallende Stars zu hören. Schon vor vielen Jahren habe ich mir mit einem Chaka Khan-Verriss im Freiburger Jazzhaus etliches an Kritik eingehandelt, doch leider kann ich auch in diesem Jahr wenig Erfreuliches von der Soul-Diva berichten. Wie es sich für eine Diva gehört, trat sie mit deutlicher Verspätung auf – im engmaschigen Zeitplan von Montreux nicht unbedingt eingeplant. Mit voluminöser Stimme fragt sie musikalisch "Spend a little time with me" und viele im Publikum wollen dieser Einladung freimütig Folge leisten. Ihre Band ist eingespielt und sie hat dreifache Stimmverstärkung – eigentlich hätte es ein toller Abend werden können.

    Dann kommt das bekannte "Chaka Khan - Chaka Khan"-Sample als Intro zum größten Hit der 48-jährigen Amerikanerin "I feel for you". In einer angejazzten Version werden durchaus neue Facetten des Songs freigelegt und die freie Interpretation lässt aber immer noch erkennen, dass es sich hier um einen Dance-Floor-Knaller handelt. Nahtlos folgt "Ain't nobody" und das Publikum am Genfer See singt lautstark den Refrain mit. Doch mit der folgenden Ballade ging der Abend in seine schwächere Phase über. Amerikanische Soul-Diven brauchen ja zum Luftholen nach schnellen Nummern klebrig-arrangierte Titel, doch "Stay" – einst für ihre Funkformation Rufus ein Hit – verlor seine Kraft auch durch manierierte Vokalakkrobatik. Mitunter war es auch ermüdend, wenn die Diva eher kreischte oder ohne Text einfach phrasierte.

    Als Frau Khan sich das Gesicht abwischt und auf einem Stuhl Platz nimmt, beginnt eine musikalische Erweckungsreise. "I wrote it, when I was high" möchte sie das Publikum in ihre Suchtbiografie einweihen und gibt gleich zu bedenken, dass "wir vergessen, wie Gott uns liebt." Und da sie früher ein "bad bad girl" war muss sie nun die Priesterin geben – sehr zum Unwillen des Publikums. Später fragt sie "Can you understand me", denn vor allem die jungen Menschen hatten in der Tat keinen Gottesdienst erwartet. Nach einem vielfachen "Hallelujah " bekommt die selbsternannte "Musiklegende" die späte, aber kluge Erkenntnis "We are not in a church!" Und mit "I'm every woman" in knackig-tanzbarer Fassung bekommt sie zum Ende doch noch die Kurve. Schade, denn sie hätte aus ihrem Songfundus einen fabelhaften Abend zaubern können.

  • 09.07.2011

    Trompete und Waschbrett im Wettstreit mit dem Sound der Zahnradbahn

    Musikalische Zugfahrten beim 45. Montreux Jazz Festival

    Von Christoph Nitz, Montreux
    Neben den großen und kleinen Bühnen gibt es beim Montreux Jazz Festival auch Zugfahrten mit Jazzbands an Bord. Am 7. Juli kletterte die GoldenPass Zahnradbahn auf das 2042 Meter hohe Bergmassiv Rochers-de-Naye. Für Stimmung sorgten die New Orleans Jazzbands "Les Jazztronomes" und "New Orleans Swingers".
    Waschbrett
    Blickfang Waschbrett.
    Eine Fahrt mit einer Zahnradbahn kann ganz schön laut werden – wenn in den Waggons Musik erklingt ist es immer auch ein Wettkampf zwischen den unterschiedlichen Tonquellen. Am 7. Juli setzten sich nicht immer die Musiker durch. Aber am Zielort Rochers-de-Naye konnten "Les Jazztronomes" und die "New Orleans Swingers" ihr Können störungsfrei entfalten. Seit 2000 ergänzen Zugfahrten nach Rochers-de-Naye sowie nach Gstaad das Programm des Montreux Jazz Festivals, nachdem die Bootsausflüge mit Brasil- und Salsamusik beim Publikum gut ankamen. Inzwischen sind die Zugfahrten weithin bekannt und in einem Reiseportal fragt ein Nutzer aus New York "I am wondering what the train experience is like."

    Gegen zwei Uhr am Nachmittag erwacht das Festival langsam – bei "Music in the Parc" bringt die Brighton College Swing Band ihr Publikum mit gekonnten Interpretationen von "Theme from Shaft", dem unvermeidlichen "Smoke on the Water" und "Livin' La Vida Loca" in Stimmung – letzteres ein musikalischer Gruß an Ricky Martin, dem Stargast des vorhergehenden Abends, der möglicherweise noch in seiner Suite schlummerte.

    Doch mich zieht es zum Bahnhof zurück, denn dort starten die Züge des Montreux Jazz Festival. Niklaus Mani von GoldenPass – dem einheitlichen Marketinglabel der kleinen Bergbahnen, die die alpinen Berge des Genfer Sees erklimmen – begeisterte Claude Nobs für die Zugidee. Der Festivaldirektor wohnt hoch über Montreux in Caux, einer Zugstation auf dem Weg zum 2042 Meter hohen Rochers-de-Naye. In Keller seines legendären Chalet finden sich neben 200.000 Tonträgern – davon 40.000 Vinylplatten – auch Wurlitzer-Jukeboxen und Modelleisenbahnen. So war es ein leichtes, den Festivalchef von den Zugfahrten zu überzeugen, zumal Nobs Züge nicht nur in kleinem Format sammelt, sondern mit den großen Exemplaren seine Reisen durch die Schweiz unternimmt. Dreimal starten die Züge 2011 zu diesem Ziel, eine weitere Musikexpedition auf Schienen wird nach Gstaad führen.

    Mehr als 170 Menschen haben in den beiden Zugabteilen Platz genommen und pünktlich zum Start des Zuges beginnen auch die "Jazztronomes" mit ihrem Programm, das New Orleans, Swing und Middle Jazz umfasst. "Jacky au Waschboard" stellt sich vor und die Stimmung steigt je weiter der Zug den Berg hinaufklettert. Neben dem Musikgenuss gibt es auch einen atemberaubenden Blick auf den Genfer See sowie Murmeltiere am Ziel. Sieben von weltweit vierzehn Arten leben in den Parks, wie Niklaus Mani stolz verkündet. Lachend bemerkt er, dass die normalen Zuggäste 6 Franken mehr für die Reise aufbringen müssten – und das ohne New Orleans Jazz wohlgemerkt.

    Montreux TV
    Garance Zarn (vorn) sammelt gemeinsam mit Kameramann Maxime Lonfat Eindrücke vom Festival für das Montreux Jazz TV.

    Die "Jazztronomes" finden ihren Weg auch ins Internet, denn Montreux Jazz TV begleitet die Zugfahrt und nehmen fleißig Material auf. Garance Zarn ist als Interviewerin zusammen mit Kameramann Maxime Lonfat an diesem Tag im Zug für das neuartige Projekt unterwegs. Rund 30 Leute tragen Material vom gesamten Festival zusammen und stellen dies vor allem für das Web 2.0 zur Verfügung. Zarn meint, man müsse das Festival zeitgemäß auch bei Facebook und vimeo präsent machen. Bei den Dreharbeiten gäbe es fast jeden Tag Überraschungen, „but it's nice" – so auch die Zeit in der Zahnradbahn.

    Hier geht es zum Montreux Jazz TV bei vimeo

    Finale
    Finale in 2042 Metern Höhe mit den Bands "Les Jazztronomes" und den "New Orleans Swingers" – das Musikfestival in Montreux wird seit 2000 durch musikalische Zugfahrten bereichert.

    Die Linie auf das Rochers-de-Naye Bergmassiv existiert seit 1892. Und auch heute ist eine Fahrt mit der Zahnradbahn eine mitreissende Erfahrung. Oben im Restaurant wurden die Jazzfans mit einem Konzert beider Bands unterhalten – der Höhepunkt war die gemeinsame Jamsession, da fast alle Instrumente von Banjo über Trompete bis zu Klarinette doppelt vertreten sind, wurde das Finale mit enormer Power getragen. Nur das Waschbrett von Roland Pellet – so heißt Jacky im bürgerlichen Leben – blieb Unikat. Schnell fand sich auch ein Pärchen, das entspannt zu Tanzen beginnt. Kurz vor 19 Uhr traf die gutgelaunte Reisegesellschaft wieder in Montreux ein, wo der abendliche Konzertmarathon ein weiteres Mal seinen Anfang nahm.

  • 08.07.2011

    Alte Männer mit Hüten zeigten wo die Hämmer hingen

    Leon Russell und Dr. John beim 45. Montreux Jazz Festival

    Von Christoph Nitz, Montreux
    Zwei Virtuosen der Tasten gastierten am 6. Juli in der Miles Davis Hall: Leon Russell ist einer der (un-)bekanntesten Sidemen der Musikgeschichte und Dr. John hatte in den 1970er Jahren als "The Night Tripper" seine Hochzeit mit einer Mischung aus Voodoo-Beschwörungen, Rhythm- und Blues und Soulmusik. Sie zeigten beide vom ersten Ton wo der (Klavier-)Hammer hing.
    Russell
    Leon Russell beherrschte sein Konzert mit majestätischer Präsenz und Stimme in der Keith-Richards-Liga.
    Der Name Leon Russell dürfte nur wenigen ein Begriff sein – aber fast jeder hat schon einen Titel gehört, bei dem der früher langhaarige Pianist mit von der Partie war. In den 1960er Jahren war er fester Bestandteil von Phil Spectors Studiocrew und baute fleißig mit wuchtigem Pianoakkorden an dessen „Wall of Sound" mit. Spectors Monstertitel "River Deep - Mountain High" versah er mit dem bis heute wirkmächtigen Arrangement. Bei George Harrisons "Concert for Bangladesh" begeisterte Russell mit einem furiosen Auftritt, in dessen Mittelpunkt seine Interpretation des Rolling Stones Klassikers „Jumping Jack Flash" stand. Der Film vom ersten Benefiz-Konzert eines Superstars gehört zum Kanon der Rockmusikgeschichte.

    Wer nur mit den Bildern dieses 40 Jahre zurückliegenden Konzertevents im Kopf in die Miles Davis Hall kam, dürfte über den alten Mann am Stock mehr als erstaunt gewesen sein. Von Russells Gesicht bekamen die Zuschauer kaum etwas zu sehen, ein schlohweißer Bart ließ nur wenig ebenfalls weiße Haut durchblitzen. Die Augen schützten eine Sonnenbrille und sein immer noch volles Haar krönte ein mächtiger Hut. Sein bedrucktes Hemd dürfte vintage sein – denn solche Geschmacksverirrungen werden heute eigentlich nicht mehr verkauft. Doch schon mit dem ersten Anschlag ist klar, dass er nichts von seinem Ausnahmetalent verloren hat.

    In diesem Jahr wurde er endlich in Rock and Roll Hall of Fame aufgenommen - in der Kategorie der Sidemen, die man häufig übersieht. Anfang der 1970er Jahre hatte er mit Soloplatten Top-Ten-Erfolge – vor allem in den Staaten. Danach begleitete er die Stones und spielte bei vielen Top-Produktionen mit. Sein letztjähriges Album mit Elton John – "The Union" – brachte ihn wieder ins Scheinwerferlicht zurück.

    Er ließ seiner exzellenten Band viel Raum – besonders Gitarrist Beau Charron brillierte mit ausdrucksstarken Soli und diversen musikalischen Dialogen mit Pianisten. Allerdings blieb die Stimme des Piano-Altstars weit hinter seinem Tastenspiel zurück – er nuschelte sich durch die Titel, die so mitunter kaum zu erkennen waren. Aber egal – seine majestätische Performance macht das mehr als wett und "That Blues ain't bad." Allerdings dürfte eine Zeile aus seinem größten Hit "A Song for you" inzwischen überholt sein: "I know your image of me is what I hope to be." Diesen Titel zelebriert er allein auf der Bühne und sein Publikum feiert ihn dafür. Den Stones-Klassiker "Wild Horses" interpretiert er weit vom Original entfernt und erreicht stimmlich locker die Klasse eines Keith Richards, der diesen Titel allerdings nie singen durfte. Zum Schluss geht er an den Anfang seiner Karriere zurück und gibt den altersweisen Rock'n'Roller. Kansas City als Midtempo-Boogie und als furioses Finale "Roll over Beethoven" – da durfte natürlich der Duck-Walk von Beau Charron nicht fehlen. Festivaldirektor Claude Nobs kam auch zum Ende des Auftritts und freute sich ein weiteres Mal, dass Leon Russell endlich den Weg an den Genfer See gefunden hatte.

    Dr. John ist zwar zwei Jahr älter als Russell, wirkte aber deutlich präsenter. Zu seinem Image als Voodoo-Beschwörer passte ein Totenkopf auf dem Flügel – nett ausstaffiert mit einer Kappe. Sein Rat "Feel the music and call me doctor" wurde gern befolgt und nur wenige hätten nicht zugestimmt als er sich selbst lobte mit "You know that I'm qualified." Seine Klasse bewies er auch indem er mit jeweils einer Hand Flügel und die alte weiße Hammond-Orgel bediente.

    Sehr relaxed ging der Doktor seine Sprechstunde an – und schöpfte aus seinem schier unerschöpflichen Material. Humor bewies er auch bei der Wahl des Namens für seine drei Begleiter: "The Lower 911". Wie Leon Russell machte Dr. John seine ersten Arbeiten bei Phil Spector und auch bei den Rolling Stoneswar er mit auf Reisen. Die beiden alten Männer mit Hüten lieferten einen Abend der besonderen Klasse.

    Vor dem Konzert hatte ich noch einmal bei DJ Livia verbeigeschaut, die ihren freien Tag mit Ruben Blades und Ricky Martin verbringen wollte. So ist das in Montreux, meist fällt die Auswahl schwer. Allerdings hatte auch Festivalgründer es sich nicht nehmen lassen, die beiden Piano-Veteranen zu begrüßen. Bei Leon Russell handelte es sich um seinen ersten Aufritt, obwohl Nobs sich schon seit vielen Jahren um den Südstaaten-Musiker bemüht hatte. Und der Auftritt war schlicht „hammermäßig", wie ein Schweizer Journalistenkollege im Salon de Presse per Telefon weitergab. Ich freue mich schon jetzt auf die Filmaufnahmen, denn in Montreux werden alle Auftritte technisch aufwändig aufgezeichnet.

    John
    Dr. John kann gleich zwei Tasteninstrumente bedienen und dennoch Contenance behalten. Rechts oben auf dem Flügel der Totenkopf mit schicker Kappe.

  • 07.07.2011

    Das Programm des Montreux Jazz Festival steht erst am Ende fest

    Rumer sagte ihren Auftritt kurzfristig ab - doch Alternativen gab es am Genfer See viele

    Das Programm des Montreux Jazz Festival ändert sich täglich – gestern musste Rumer ihren Auftritt in der Miles Davis Hall aus gesundheitlichen Gründen kurzfristig absagen. Die Besucher hatten viele Alternativen neben der eilig als Ersatz verpflichteten Olivia Pedroli.
    Olivia
    Olivia Pedroli bot Melancholie zwischen Folk, Klassik und Experiment. Ihre Stimme bot eine enorme Bandbreite und zog die Zuhörer in die Welt der Schweizerin mit.
    Neben den kostenpflichtigen Konzerten wird viel spannende Musik geboten – kostenlos und bis in die frühen Morgenstunden. Claude Nobs wird zitiert, dass das komplette Programm auch ihm erst nach dem Festival bekannt sei, solange seien immer Änderungen drin.
    Olivia Pedroli hatte am 6. Juli die undankbare Aufgabe, Rumer auf der Bühne der Miles Davis Hall zu ersetzen. Die Schweizer Singer-Songwriterin nutzte ihre Chance und verzauberte mit magisch-vertrakten Kompositionen, angesiedelt irgendwo zwischen Folk, Klassik und experimenteller Musik. Die Endzwanzigerin stammt aus Neuchâtel und begann sich im zarten Alter von fünf Jahren für Musikinstrumente zu interessieren. Ihre Gruppe setzt auf traditionelles Instrumentarium – neben Flügel, Kontrabass kommen Flügelhorn und Posaune zum Einsatz.
    Von Fauve stammen die elektronischen Akzente. "You caught me" vom letztjährigen Album "The Den" verzierte Geräusche, die Assoziationen an sich schließende Türen anboten und die Atmosphäre kongenial unterstützten.

    Nidi
    Nidi d'Arac wurde bei "Music in the Parc" vom fantastischen Elektrogeigen-Wirbelwind Elena Floris unterstützt.
    Wer dennoch eine Alternative suchte, wurde bei "Music in the Parc" fündig und konnte mit Nidi d'Arac in die Welt alter und neuer Tänze eintauchen. Der Italiener gab allem einen elektro-dominierten Rockanstrich mit Punkelementen und bekam grandiose Unterstützung von seiner Gitarristin sowie einem Wirbelwind namens Elena Floris an elektrischer Geige und Percussion. Die drei in der ersten Reihe präsentierten sich stilsicher in schwarz. Er sieht seine Kunst in der Tradition der Taranta aus seiner süditalienischen Heimat. Seine Modernisierung nennt er "tradinnovazione" und begeisterte mit dem magnetischen Tanzsound die Besucher im Park vor dem Festivalcenter in Montreux. Seine aktuelle Tour wird ihn Ende Juli auch zum renommierten World-Music-Festival WOMAD führen.

    Eine Bekannte vom Vorjahr traf ich auf der "Tropical Bar" – DJane Livia bringt auch in diesem Jahr die Leute mit Salsa, Merenge und Reggae auf die Tanzbeine. Überhaupt ist das Ufer des Genfer Sees im Festivalbereich ein einziger Klangteppich, der alle denkbaren Musikstile transportiert.

    Vaccines
    Laut und kurzweilig fiel der Auftritt der "Vaccines" aus - die mit ihrem Debütalbum "What did you expect from the Vaccines" Platz 4 der Charts in England erobern konnten.
    Hier geht es zu meinem Interview mit DJ Livia, Resident DJane beim Montreux Jazz Festival

    Ein paar Meter weiter klingt von einer Terrasse David Bowies "Rebel Rebel" – im Rahmen des Rückblicks auf 45 Jahre Festival wird sein Auftritt im Jahr 2002 besonders hervorgehoben – er soll eine der spektakulärsten Shows des Rockchamäleons gewesen sein. Im "Studio 41" finden sich die Freunde elektronischer Beats ein – bekannte DJs wechseln sich täglich ab und bieten jeden Abend eine eigens zusammengestellte Soundkulisse. Von "Dirty House" über "Masquerade" bis hin zu "Freaky Friday" – keine Richtung tanzbarer Musik wird vergessen. Zum Abschluss am 16. Juli wird ein House-Special die Abende im "Studio 41" krönen.

    Entdeckungen kann man jeden Tag im "Montreux Jazz Café" machen, so bot Anna Calvi ihre Stimmakkrobatik am Montag und gestern konnte man mit "The Vaccines" eine der schärfsten britischen Bands dieser Tage. Die Antwort auf die Frage ihres Debüts "What did you expect from the Vaccines" fiel gewohnt kurz, laut und mitreißend aus. Das Festival rühmt sich mit den Entdeckungen, die man hier machen kann – ohne einen Rappen Eintritt. Allerdings holen sich die Macher einen Teil der Gagen mit erhöhten Getränkepreisen zurück.
  • 06.07.2011

    "Zieht mal die Shirts aus und tanzt auf der Bühne!"

    Frauenpower mit "The Pretty Reckless", Melissa auf der Maur und "Guano Apes" beim 45. Montreux Jazz Festival

    Von Christoph Nitz, Montreux
    Der Ansager in der Miles Davis Hall lag definitiv nicht daneben, als er am 4. Juli 2011 "The Pretty Reckless" als derzeit heißeste Band ankündigte und gleich noch das "Montreux Rock Festival" proklamierte. Die 17-jährige Sängerin Taylor Momsen trat in Montreux für ihre Verhältnisse "anständig" gekleidet auf die Bühne und überzeugte nicht nur optisch. Die "Guano Apes" legten ebenfalls ein vielbejubeltes Set hin. Lediglich Melissa auf der Maur konnte im Contest der Rockfrauen weniger überzeugen.
    Reckless
    Taylor Momsen musste ihre Fans nicht lange rufen: "Zieht mal die Shirts aus und tanzt auf der Bühne""
    Derzeit machen Auftritte von "The Pretty Reckless" meist wegen der gewagten Outfits der 17-jährigen Frontfrau Taylor Momsen Medienschlagzeilen. Sie provoziert gern mit Strapse und Lederjacke und wenig mehr auf der Haut. Das Model trat in Montreux einigermaßen "anständig" vors Publikum – ein Metallica-Shirt musste reichen. Ihre weiblichen Fans kombinieren jedenfalls Zahnspangen mit natürlicher Unbekümmertheit und Selbstbewusstsein. Dem Aufruf "Zieht mal die Shirts aus und tanzt auf der Bühne" folgten in Montreux denn auch bereitwillig viele Mädchen und feierten mit ihrem Idol ausgelassen. Allerdings überzeugen die New Yorker auch musikalisch. Die Titel ihres Debüt-Albums "Light me up" bieten hartem schnörkellosen Rock, direkt gespielt und hervorragend komponiert.

    Lärmgewitter gingen über Montreux nieder und längst aus dem Traditionskanon der Musikwelt verdrängte Gitarren- und Drumsoli machten die Rockparty rund. Bei "Nothing left to lose" geben sich die Rebellen anfangs wie die letzten Übriggebliebenen einer Outdoor-Feierei am Baggersee, die am Feuer noch zur Gitarre singen. Ausdrucksvoll spielt Taylor Momsen die Stärken ihrer wandelbaren Stimme aus - die dreckige Grundierung immer durchscheinend. Plötzlich gibt die Autobatterie wieder etwas Saft und mit Wattpower entwickelt sich der Titel zu einem furiosen Finale. Der Schlagzeuger wollte die tolle Stimmung festhalten und hielt mit einer Digitalkamera aufs Publikum – die Fotosouvenirs der Musiker entwickeln sich vielleicht noch zum Running-Gag der 45. Festival-Auflage.
    Maur
    Melissa von der Maur kam in diesem Jahr tatsächlich in Montreux an - konnte aber mit ihrem Auftritt beim Gipfel der Rockfrauen nicht wirklich punkten.

    Nach so einem kräftigen Aufschlag fiel Melissa auf der Maur mit ihrem Programm ab. Sie wirkt immer etwas zu routiniert und einen Takt zu maniriert und wenn sie süßlichen Chorgesang ihrer männlichen Kollegen mit Stimmakrobatik à la Lene Lovich kombiniert verbessert sich der Eindruck nicht wirklich. Ihr Musikangebot wurde andernorts als "Alt-Rock" bezeichnet und das trifft das konturlose Rockeinerlei sehr gut. Letztes Jahr fehlte sie bei der Eröffnung des Festivals wegen Air Canada - doch nach ihrem Auftritt frage ich mich, wie sie das Auditorium Stravinski hätte begeistern wollen. Oder vielleicht war gestern nicht ihr bester Tag.

    Apes
    Sandra Nasic und die reformierten "Guano Apes" gaben ein furioses Konzert beim 45. Montreux Jazz Festival.
    Mit dem Abend versöhnten die wieder vereinten "Guano Apes" um Sandra Nasic. Spielfreudig machen sie vergessen, dass die Gründung schon im Jahr 1990 erfolgte. Nur beim Rausschmeißer "Lord of the boards" kommentierte die Sängerin, dieser Titel hätten sie geschrieben, "when we were pretty young". Doch auch das neue Material vom Nummer-Eins-Album"Bel Air" überzeugte. Und mit "Big in Japan" gelang ein derart rotzfreches Cover, was sich Marian Gold von "Alphaville" wohl kaum hätte träumen lassen. Die "Affen" - Leuchtbuchstaben auf der Bühne bieten dem Nicht-Kenner Orientierung - bieten beste deutsche Schwerstarbeit in der Abteilung metalllastiger Crossoverprojekte. Der Auftritt in Montreux macht Appetit auf die kommende Tour - im Oktober ist Start und die Reise soll bis Februar gehen.

  • 05.07.2011

    Der "König" war schnell müde

    B.B. King lud ein als "Chairman of the Board"

    Von Christoph Nitz, Montreux
    Eine illustre Runde um B. B. King sollte die Blueslegende als "Chairman of the Board" feiern – doch wie bei mancher Geburtstagsparty hatte der Abend Längen und bekam die Kurve nicht von geschwätzig vorgetragenen Anekdoten hin zu einem spannenden Musikereignis. Im Zentrum der in sich ruhende "König", der Hof hielt.
    King1
    Der König des Blues hielt Hof und alle kamen. Man plauderte und B. B. King amüsierte sich bei seiner Party.
    Vor dem Konzerteingang konnte man T-Shirts von B.B. King erwerben, ein kleines Plakat warb mit dem Satz "B.B. King in Person" für die 85-jährige Blueslegende. Das Auditorium Stravinski war brechend voll und alle warteten gespannt, wie der alte König den Abend gestalten würde. Mit einem packenden "I need you so" hatte der den Saal von Anfang an auf seiner Seite, seine kräftige Stimme gab dem Blues einmal mehr die entscheidenden Phrasierungen. Gut gelaunt forderte er sein Publikum zum Zwiegespräch besser Zwiegesang auf.


    King2
    Carlos Santana zu Gast bei B. B. King am 3. Juli 2011 im Auditorium Stravinski beim 45. Montreux Jazz Festival.
    Begrüßt hatte er die Anwesenden mit dem Satz "I'm an old man, my name is B. B. King." Eine Geburtstagsparty hat ihre eigenen Regeln. Wenn der Jubilar alt genug geworden ist, wollen alle wortreich dem Talent und der Ausnahmestellung des Glücklichen huldigen. Wenn Musiklegenden mit vielen anderen Stars auf eine Bühne gehen, kann das mitunter ähnlich enden wie eine Feier mit zuvielen Pausen und Ansprachen. Nachdem er einige Songs dargeboten hatte meinte King, er sei schon müde und rief nach einem weiteren Dauergast des Festivals "His name is Carlos". Doch der ließ auf sich warten und die hervorragende Band improvisierte mit gezogenen Handbremse freundlich vor sich hin.

    Artig wie ein Schüler, der vom Lehrer nach vorn gerufen wird nahm Carlos Santana neben B. B. King Platz und griff auf seine unnachahmliche Art und Weise in die Saiten. Es entwickelte sich kurz ein Dialog der Gitarren, wobei die unterschiedlichen Stile sich gut kontrastierten und ergänzten. Festivaldirektor Claude Nobs verweist immer darauf, dass es die Magie des Montreux Jazz Festival ausmache, dass verschiedene Musiker zusammen kämen und er ihnen Raum zum Spiel und zum Experiment gäbe. Soweit so gut - in der Theorie. Doch Santana huldigte nun minutenlang dem Altmeister des Board und berichte von Konzerten, wo King "standing ovations" erhalten habe, noch bevor eine Note gespielt war. Die lange Verneigung vor dem Vorbild nahm dem Abend die Spannungskurve, ein einziges Mal nochgelingt es beiden, einen spannenden Jam zu organisieren. Dann sprachen die Gitarren in der Tat miteinander. Nach einem heftigen Szenenapplaus für diesen Dialog ging "The great Santana" auch schon von der Bühne und überließ anderen Gästen das Feld.

    Doch weder Derek Trucks und Ehefrau Susan Tedeschi noch Shemekia Copeland und John McLaughlin konnten dem Abend die eigentlich nötige Spannung geben. Am Ende half auch die durch den zurückgekehrten Santana komplettierte Gitarrenmacht im Auditorium Stravinski nicht, es blieb eine nette Feier ohne Sensationen. Vielleicht hätte man auch im Vorfeld eine Liste mit Titeln proben können – aber vielleicht ist das nicht nach Art der Königsrunde. So blieben die Musiker eindeutig unter ihrem üblichen Leistungsniveau.


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    "Ich kann Euch nicht hören" – B. B. King animiert das Publikum zum Mitmachen beim "Welcome to the Chairman of Board"-Abend des 45. Montreux Jazz Festival am 3. Juli 2011.
    Lustiges Detail am Rande: Wie bei einer Familienfeier machte der Keyboarder fleißig Fotos von der Königsrunde mit seinem Smartphone. Der Moment mag vergehen, aber meine Bilder bleiben - dachte sich er sich wohl. Als die ersten Gäste sich auf den Weg machten war auch der Stand mit den Devotionalien schon leer geräumt.
  • 03.07.2011

    Riesenmaschinerie für ungestörten Musikgenuss

    Fakten zum 45. Montreux Jazz Festival

    Von Christoph Nitz, Montreux
    Jedes Jahr beeindruckt das Traditionsfestival mit reibungsloser Präzision. Eine Riesenmaschinerie mit mehr als 1.400 Mitarbeitern und 1000 Musikern sorgt für einen reibungslosen Ablauf. Zur 45. Auflage werden rund 230.000 Besucher am Genfer See erwartet. Festivaldirektor Claude Nobs möchte "45 Jahre Wahnsinn" feiern und freut sich, dass es Jahr für Jahr gelingt, "ein anspruchsvolles Programm, eine aufwendige Infrastruktur und eine Festivaldauer von 16 Tagen miteinander in Einklang zu bringen. Mehr als 1000 Stunden Musik bieten eine Kombination "aus Legenden und Newcomern".
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    Claude Nobs entert die Bühne des 45. Montreux Jazz Festivals beim Eröffnungskonzert von Carlos Santana und John McLaughlin

    16 Tage dauert die 45. Auflage des Traditionsfestivals.
 12 Konzerthallen bieten Programm, davon sind zehn mit freiem Eintritt. Jeden Abend ab 18 Uhr bis Mitternacht und meist noch lange in den Morgen. Mehr als 1000 Musikern bieten mehr als 1000 Stunden Musik. In diesem Jahr rechnen die Organisatoren mit 230.000 Besuchern.
 1400 Mitarbeiter sind am Start, damit das Festival reibungslos über die Bühne gehen kann. 450 Journalisten
 beobachten das musikalische Treiben - darunter auch ich.


    4000 Plätze im Auditorium Stravinski
 sowie 2500 Plätze in der Miles Davis Hall garantieren auch bei Superstars wie Sting oder Paul Simon eine beinahe intime Clubatmosphäre. Beliebt sind auch die musikalischen Ausflüge mit den Montreux-Jazz-Booten und -Zügen. In zwei Night Clubs (Montreux Jazz Café & Studio 41)
 kann nach den Live-Konzerten weiter gefeiert werden. Workshops, Filmvorführungen, Ausstellungen und spezielle Projekte umrahmen das Gesamtprojekt.


    Den Auftakt 2011 gestalten Carlos Santana und B.B. King mit mehreren Konzerten. Santana gastierte erstmals 1970 am Genfer See – allerdings mit Startschwierigkeiten, denn sein Tour-Equipment war in Italien beschlagnahmt worden. 5000 Dollar investierte Festival-Impressario Claude Nobs, damit der Latin-Rock planmäßig erklingen konnte. Claude Nobs tüffelte in den folgenden Jahren mit Santana an besonderen Konzerten – der experimentierfreudige Gitarrist begegnete fortan Blues-, Pop- und Worldmusikern. Am 1. Juli trat er erstmals seit Jahren wieder mit John McLaughlin auf. Die beiden spielten ihr 1973er Album "Love, Devotion and Surrender" und beschworen den Zeitgeist der 1970er Jahre: "Invitation to Illumination".


    Heute abend stehen die größten Hits aus mehreren Jahrzehnten an und morgen wird Santana bei B.B.Kings "Welcome to the Chairman of the Board"-Konzert einsteigen. Der Bluesgitarrist wird in der Miles Davis Hall seinen zwanzigsten Auftritt in Montreux feiern und seinen kraftvollen Blues zelebrieren. Beim morgigen "Chairman of the Board" werden ihm neben Santana Paolo Nutini, Derek Trucks, Susan Tedeschi, Robert Randolph und John McLaughlin zur Seite stehen. Mit diesem Highlight starte ich mein Montreux Jazz Festival.

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    Eine Zukunft ohne NATO

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