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Übersicht: Petit Tour de Kulturhauptstadt Europas Ruhr.2010

  • 04.10.2010

    Mitten im Kruppianer-Land stehen mysteriöse Villen

    Charlotte Noblet
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    Innenhafen

    Rad-los aus Duisburgs Bahnhof

    Willkommen in Duisburgs Hauptbahnhof. Am Gleis erwähnen viele Fahrgäste die Tragödie der letzten Love Parade. Sie wollen die Stadt unter die Herbst-Sonne besichtigen, übersehen aber leider das gelbe Schild, welches zum Ost-Eingang des Bahnhofs führt, zur „Radstation“. Dort wartet ein buntes Team mit grünen Leihrädern: „Die RUHR.2010 lockt viele Touristen aus dem Ausland. Mal wollen sie die Stadt erkunden, mal am Rhein entlang fahren“, erklärt einer aus dem Team. „Viele kennen die Rücktrittbremse nicht“ sagt er noch, und schmunzelt. Der günstige Fahrradverleih direkt am Bahnhof ist unter Anderen von den Duisburger Grünen gefördert und ermöglicht eine Entdeckung der anderen Art durch die Stadt am Niederrhein. Die Radtourentipps auf dem Stadtplan führen in alle Himmelsrichtungen und ausgeschildert sind sie leider nicht; dafür sind aber die Duisburger sehr hilfsbereit bei der Wegsuche, vor allem durch die Innenstadt. Duisburgs Innenstadt ist zur Umweltzone und Einkaufsmeile geworden - wie in vielen anderen Städten des Ruhrgebiets.

    Aus der Umgestaltung der Stadt im Strukturwandel wachsen auch spannende Ecken wie der Innenhafen, wo alte Speichergebäude für Holz und Getreide sich mit moderner Architektur mischen und klug umgenutzt werden, zum Beispiel als Lager für die Stadtarchive. Auf so eine Idee waren die Pariser mit ihrer pompösen nationalen Bibliothek an der Seine leider nicht gekommen… und sollten die modernen Glasfassaden der Bibliothek François Mitterand mit Holz umgestalten, um die Bücher vor Licht zu schützen.

    Über die Brücke nach „Kruppianer-Land“

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    Brücke nach Rheinhausen

    Ein kleiner Umweg in den kreativ umgebauten Rheinpark und über eine alte Eisenbrücke, bringt mich nach Rheinhausen, wohin Alfred Krupp die gesamte Roheisenproduktion von Essen Ende XIX. Jahrhunderts verlegt hatte. Dabei ist die so genannte „Margarethensiedlung“ für die Arbeiter entstanden. Mit jeder Erweiterung der Werksiedlung wird Rheinhausen ein bisschen mehr zur Stadt, günstig gelegen am linken Niederrheinufer. Um den Krupp Platz herrscht noch das Konzept einer Gartenstadt mit vielfältigen Wohnformen und dörflicher Atmosphäre. Um den Berthaplatz herum wandelt es sich jedoch zu einem städtebaulichem Ensemble mit Reihenhäusern. Noch näher am ehemaligen Werk wurden zwei- bis dreigeschossige Mehrfamilienhäuser errichtet. Aus der Krupp-Zeit gibt auch das türkische Viertel, wo die sonst üblichen „Trink- und Verkaufshallen“ mit Diebel Alt fast exotisch erscheinen.

    Neben 8300 Arbeitern beschäftigte Krupps Hüttenwerk 1914 auch circa 1000 leitende Angestellte. Bis in die 1950er Jahre müssten sie in Werksnähe wohnen. Dafür wurde ebenfalls eine Siedlung Anfang 20. Jahrhundert fertiggestellt, die sogenannte „Beamtensiedlung Bliersheim“. Einzelvillen für die Betriebschefs, Doppelhäuser für die Betriebsassistenten und eine Direktorenvilla mit Kutscherhaus. Dort ging es wahrscheinlich eher um Residenzgenuss mit Repräsentationsrolle, als um fleißige Residenzpflicht, wie das Casino in der Straße nebenan suggeriert.

    Mysterium um die Krupp-Villen

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    Krimiautorin Ute Bruckschen

    „Von den Villen hatte ich immer wieder gehört“, sagt Ute Bruckschen. „Ich bin in Rheinhausen groß geworden, meine Eltern waren Kruppianer, aber damals war ich nie bei den Villen, sie waren zu nah am Werk und da ging keiner von uns hin.“ Erst zehn Jahre nach Schließung des Werks war sie auf dem Gelände: „Ich habe 1999 Sylvester im eingeräumten Casino gefeiert. Es war bombastisch! Damals stand das alte Betriebsgelände um das Rondelle der Villenstraße leer. Es machte das Ganze faszinierend und mysteriös.“

    Das Erlebnis war Auftakt ihres mittlerweile 10 jährigen beruflichen Abenteuers: Ute Bruckschen schreibt Krimigeschichten und lädt in den Villen ein, ihre Spaßfälle zu lösen. „Es wird mit der Rheinhäuser Geschichte gespielt. Es ist eine lustige Art unsere Region zu entdecken“, sagt Ute Bruckschen. „Langweilig kann es nicht werden: Wir arbeiten nicht nur mit kostümierten Schauspielern, sondern spielen mit den Teilnehmern selbst, sie müssen immer mitmachen“, erzählt sie noch. Sie selbst ist jedes Mal dabei und übernimmt kleine Hilfsrollen. „Am Anfang hatten wir einen Schlüssel und durften in die Villen rein, aber seit ein paar Jahren schon sind sie baufällig und wir bleiben auf dem Gelände.“

    Was aus den Villen wird, weiß Ute Bruckschen nicht wirklich. „Die Villen können nur gewerblich benutzt werden. Bisher ist nur eine Villa renoviert worden, aber ich habe von zwei neuen Eigentümern gehört: Ein Eventmensch aus Moers hätte zwei Villen gekauft und letztes Jahr ein Künstler noch zwei weitere. Vielleicht wird es auf dem Gelände lebendig!“ Das hofft sie sehr, sowohl für die Villen, als auch für ihre Krimi-Eventagentur. „Für die RUHR.2010 sind viele Touristen in unsere Region gekommen, leider aber war die freie Szene nicht wirklich in das Konzept der Kulturhauptstadt eingebunden und es ist nicht einfach, da viele Veranstaltungen gleichzeitig stattfinden.“

    Eine Gruppe läuft zwischen den Villen herum. Sie kommen im Rahmen der RUHR.2010 und bereiten eine Performance vor: Sie wollen mit Musik und Licht „die Kapitalisten vertreiben“. Ute Bruckschen lacht: Ob der böse Geist diesen Ort jemals verlassen wird?!

  • 24.09.2010

    Fremd im Revier

    Charlotte Noblet
    Zwei Dutzende etwas ältere Interessierte und ich lassen sich durch das Revier fahren. Das Bild vom "Schmelztiegel Ruhrgebiet" wird ein Tag lang geprobt: Es geht um die Arbeitsmigrationen im Ruhrbergbau, aber vor allem um die Frage "Wer sind denn die Fremden und vor allem warum sind sie fremd?"
    Hochlamark im Recklinghäuser Süden
    Die Arbeitersiedlung Hochlamark im Recklinghäuser Süden Karte aus den Stadtarchiven - 1905
    Los geht's früh morgens im Stadtarchiv - Bochumer Zentrum für Stadtgeschichte. Unter der Leitung von Dr. Ingrid Wölk wird durch die Exponate des Stadtarchives in Bochum erzählt, wie Fremde und Einheimische sich gegenseitig durch die Geschichte immer wieder definieren. Oft bleibt die Frage der Ausgrenzung oder Aufnahme, ob es um die Kaufleute, die Pilger oder auch die Bettler in der mittelalterlichen Bürgerschaft geht, oder später um die Arbeitsmigranten in den Bergbausiedlungen.
    Mal faszinieren die Fremden, wie den Dr. Carl Arnold Kortum. Der Bochumer Arzt zeichnete im aufgeklärten XVIII. Jahrhundert lauter exotische Fremde aus der ganzen Welt. Mal verunsichern die Fremden, wie zum Beispiel die Ruhrbergmänner in der Zeit der Industrialisierung, als die Vertrautheit im Arbeitsfeld verschwand und die Großstädte um das "schwarze Gold" zügig wuchsen.
    Mal wollten sich die Fremden selbst ausgrenzen, um Heimweh zu vermeiden oder Identität bzw. Orientierung in dieser neuen Welt zu finden, wie die Polen mit ihrem katholischen Gottesdienst auf Polnisch. Mal wollten die sogenannten Fremden sich integrieren und manche wurden als deutsche Soldaten in den Krieg geschickt. Immer wieder werden die Karten neu gemischt und die Grenze zwischen Fremden und Einheimischen neu gezogen. Ein paar Schritten weiter ging die Führung um die in der NS-Zeit im eigenen Land gnadenlos verfolgten Juden. Und auf einmal um Sarrazins Aussagen um das Gesundheitserbe Deutschlands. Nicht nur einmal wird Berlins ehemaliger Finanzsenator im Laufe des Tages erwähnt.

    Eine Arbeitersiedlung als Brennpunkt der Migrationsgeschichte

    Bei der Vorstellung seiner Archiv-Ausstellung über die Arbeitersiedlung Hochlamark im Recklinghäuser Süden, macht Dr Matthias Kordes auch eine Anspielung auf das störende Buch Sarrazins: "Die höhen Reproduktionsquoten von Migranten haben damals wie heute nicht gestört. Viele kamen aus Polen, es waren sozusagen homogene Migranten und sie waren Teil der unglaublich schnellen Veränderungen zu Beginn des 20. Jh. während der Industrialisierung."
    Im Vestischen Museum erklärt der Archivar das Wie und Warum der Dreiecks-Zechenkolonie Hochlamark. Wie viele Arbeitersiedlungen im Ruhrgebiet ist sie aus dem Nichts Anfang des 20. Jh entstanden. Im Hochlamark sind viele Bergleute mit dem Zug angekommen. Vom Bahnhof Recklinghäusen-Süd wie von der Siedlung sehen wir nur Fotos von damals. Leider reicht die Zeit nicht für einen kleinen Umweg. Die Tour ist "à la minute" getaktet, was manchen Senioren nicht ganz gefällt.

    Auf der A42 durch die Ruhr Geschichte reisen

    Neun Ausstellungsorte haben sich mit dem Thema "Fremde im Revier" im Rahmen der Ruhr.2010 beschäftigt. Vier davon werden an diesem Tag besichtigt, erst in Bochum und Recklinghäusen, dann in Dinslaken und Mülheim. Dafür fährt der Bus immer wieder auf die Autobahn. Für die Fremde sowie die Einheimischen ist es die Gelegenheit, die beliebte A42 wahrzunehmen. Sie verlässt eine Stadt für eine Andere und zeigt skrupellos die industriellen Infrastrukturen des Reviers, im Betrieb, verrostet oder im Wandel. Eigentlich eine spannende Reise... die sowieso zum Programm mit Lesungen von den Bochumer Literaten führt.

    Die vergessenen Frauen der Zuwanderungsgeschichte

    Schon zieht die Karawane weiter: Im Museum Voswinckelshof in Dinslaken warten Arbeitsmigrantinnen aus der ersten Zuwanderungsgeneration mit ihren Geschichten auf unsere Gruppe. Die Leiterin des Projekts um diese vergessenen Frauen, Marianne Lauhof, beginnt damit, wie oft die Frauen in der Zuwanderungsgeschichte vergessen wurden. "Viele denken, dass die Migrantinnen erst 1973 nachgekommen sind, aber viele sind schon in den 60er Jahren in Deutschland eingereist, zum Beispiel als Pflegekräfte. Es gab Zeiten, wo die Frauen 30% der Migranten ausmachten. Interessant war auch zu beobachten, dass sie damals oft mehr als die Einheimlichen gearbeitet haben und Beruf und Familie gleichzeitig bewältigen mussten. Nicht alle sind aus wirtschaftlichen Gründen nach Deutschland gekommen. Es gab auch viel Neugier und viel Selbstbewusstsein dabei." Sehr gut können die Projektleiterin sowie die Redakteurinnen Margareta Spajic und Yasemin Yadigaroglu die Geschichten der getroffenen tapferen Frauen wiedergeben. "Viele wussten nicht mal, wohin sie fuhren. Erst hatten sie oft Bauchschmerzen mit der deutschen Ernährung aus Brot und Kartoffeln und Heimweh wegen dem grauen Wetter. Aber viele haben sich auch über mehr persönliche Freiheit gefreut und die meisten wollten in Deutschland wegen der besseren Chancen für ihre Kinder lieber bleiben."
    Dreizehn Geschichten hängen wie Wäsche im Dachboden des Museums, begleitet mit wunderbaren Fotos von Rose Benninghoff an den Wänden. Eine kleine Anspielung auf die Wäsche, die man früher im Ruhrgebiet immer rein- und rausholen sollte, je nach Wind und Schicht im Bergwerk. Hier und da kann man wieder lesen, dass Deutschland mit den Jahren wie eine zweite Heimat geworden ist, das es sehr wichtig war, den Kindern die zwei Kulturen zu vermitteln, zum Beispiel sowohl Weihnachten als Zückerfest zu feiern.
    Viel Kraft schwingt in den Aussagen der Arbeitsmigrantinnen mit: "Wir wurden ausgebeutet. Wir haben für die neue Generation etwas geschaffen, damit es ihnen besser geht." Viel Humor klingt auch durch: "Mal gucken wie Deutschland aussieht. Lederhose?" Eine bestimmte Nostalgie hinterlässt auch ihre Spuren und bringt zum Nachdenken: "Früher hatte ich nicht das Gefühl Ausländerin zu sein, heute fühle ich mich komisch, wenn ich Türkisch spreche."
    Leider keine Zeit zu politisieren, die kleine aber sehr feine Ausstellung sollte schon verlassen werden, der Bus wartet vor der Museumstür. Noch ohne zu hupen.

    Mülheim an der Ruhr : Die Geschichte im Zentrum

    Mülheim an der Ruhr : Blick vom Medienhaus am Synagogenplatz
    Mülheim an der Ruhr : Blick vom Medienhaus am Synagogenplatz
    Es geht weiter Richtung Mülheim an der Ruhr. Dort wird die Zusammenarbeit zwischen den Stadtarchiven der Region für die RUHR.2010 gelobbt sowie die wichtige Rolle des einjährigen Medienhaus am Synagogenplatz im Zentrum der Stadt erwähnt: "Das Medienhaus belebt das Zentrum von Mülheim an der Ruhr, was viele Städte im Ruhrgebiet brauchen", sagt der Leiter des dortigen Stadtarchivs Dr. Kai Rawe. Eine Teilnehmerin erzählt gerne über die verschiedenen existierenden Varianten gegen das Veröden der Zentren: "Viele Städte haben Einkaufzentren, Arkaden, Foren oder wie auch immer sie heißen in der Peripherie bauen lassen und seitdem veröden die Zentren. Bochum versucht seinen Leerstand mit "art of residence" zu umgehen und lockt die Künstler mit niedrigen Mieten an. Essen hat zwei Einkaufszentren direkt im Zentrum gebaut. Andere Städte geben die Priorität an 1-Euro-Läden. Alles ist nicht einfach und selbst mit der Umweltzone ist Bummeln in der Stadt nicht wie früher, dafür sind viel zu viele Franchisinggeschäfte da."

    Auf der Ruckfahrt nach Bochum wirkt die letzte besuchte Ausstellung und ihre Plakate: "Haben Sie Spuren von der französischen Besatzungszone (1923-1925) im Revier gefunden?" fragt mich ein anderer Teilnehmer. Er möchte auch gerne meine Meinung zu der damaligen Aktion der Regierung Poincaré hören. Nicht dass ich mich als Fremde im Revier fühle – im Gegenteil zu anderen bekommen die Franzosen anscheinend nicht die hier etwas unbequeme Etikette „Ausländer“ - aber es fällt schwer immer wieder Stellung zur Politik Frankreichs nehmen zu müssen. Ich gebe einfach den Ball zurück: Der Widerstang in der damaligen Weimarer Republik war klug organisiert. Selbst von Thyssen in Mülheim.

    MEHR INFOS ÜBER DIE AUSSTELLUNGEN:

    Die Ausstellung „Bochum - das fremde und das eigene „ wird im Stadtarchiv - Bochumer Zentrum für Stadtgeschichte bis Ende März 2011 gezeigt.

    Die Ausstellung „Die vergessenen Frauen - Arbeitsmigrantinnen der ersten Zuwanderungsgeneration im Ruhrgebiet“ wird bis zum 10. Oktober im Museum Voswinckelshof in Dinslaken gezeigt. Sehr empfehlenswert.

    Die Ausstellung "Spurensuche - Fremdheitserfahrungen und biographische Skizzen seit der frühen Neuzeit" wird bis zum 16. Oktober im Medienhaus in Mülheim an der Ruhr gezeigt.

  • 20.09.2010

    Nordfrankreich im Ruhrgebiet: Viele Partnerstädte machen bei der RUHR.2010 mit!

    Charlotte Noblet
    Interessant ist zu beobachten, wie Veranstaltungen im Rahmen der RUHR.2010 entstehen: Mal übernehmen die "Locals" das Programm von A bis Z, mal teilen sie sich die Organisation mit einer Partnerstadt, mal wurde in europäischer Liga gespielt und alle Partnerstädte zum Mitmachen aufgerufen. Da auch stellt sich die übliche Frage: Was für eine Rolle spielt bei der europäischen Kulturhauptstadt 2010 der deutsch-französische Motor im Ruhrgebiet?
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    Blaskapelle „Extrême Georgette“ in Essen
    Mit ihren stillgelegten Zechen, Arbeitersiedlungen mit hoher Arbeitslosigkeit und dem wachsenden Leerstand in den Städten sind sich heute wie gestern die traditionellen Industrieregionen Nordfrankreich und Ruhrgebiet in Vielem ähnlich. Hier und da gab es Bergwerke und Schwerindustrie. Es ging um "schwarzes Gold" und Stahl. Wegen der Arbeitsplätze sind viele aus der Ferne gekommen und geblieben. Es ist also kein Wunder, dass zwischen den beiden Regionen zahlreiche Partnerschaften geschlossen wurden.

    Nach dem zweiten Weltkrieg wurden Annäherungen zwischen den Nachbarländern von den Regierungen Adenauer und De Gaulle auch großzügig unterstützt. Viele deutsch-französische Friedensvereine sind in der Nachkriegszeit entstanden, um die Ressentiments zwischen den damaligen "besten Freunden, besten Feinden" zu kanalisieren. "Im Ruhrgebiet, welches auch die französische Besatzung von 1923 bis 1925 erlebt hatte, waren die deutsch-französischen Friedensvereine ein wichtiger Schritt, um die Nachbarn wieder zusammen zu bringen“, erzählt Arno Hartmann, pensionierter Französisch-Lehrer, der den Vorstand der „Deutsch-Französische Gesellschaft Dorsten e.V.“ übernommen hat. "Aber heutzutage sind die Mitglieder solcher Vereine meisten 50 Plus. Die Jugendlichen wollen doch keine Ehrentafel in Friedhöfen mehr besuchen, es spricht sie gar nicht an! Wir sollten neue Austauschformen entwickeln. Reisen ist viel einfacher als früher, gegenseitige Besuche sind für die jüngere Generationen bestimmt nicht mehr so spektakulär. Vielleicht reizen mehr kulturelle Veranstaltungen mit Teilnehmern aus verschiedenen europäischen Ländern?"

    Partnerschaften existieren, sind aber oft formal

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    Fanfare Harmonie La Concorde am Stadthafen Recklinghausen
    Oft laufen nämlich die Austäusche zwischen deutschen und französischen Partnerstädten etwas konventionell. Meistens besuchen sich Mitglieder von Gemeinderäten, wobei die Etikette selbst in kleinen Gemeinden eine Rolle spielt. Im Rahmen der RUHR.2010 zeigen sich die französischen Partnerstädte auch etwas formell. Dormans (Champagne) schickt Rathaus-Vertreter nach Dorsten, um ein Jugendprojekt zu betreuen. Douai (Nord) lässt sich von 35 Mitgliedern der "Fanfare Harmonie La Concorde" vertreten, welche mit Uniformen, musikalischem Repertoire und getakteten Schritten bei einer künstlerischen Parade auftreten.

    Manchmal haben sich die französischen Partnerstädte nur die Mühe gemacht, die Projektaufrufe ihrer Partnerstadt aus dem Ruhrgebiet aus Anlass der Kulturhauptstadt 2010 an Vereine oder Einzelpersonen weiterzugeben. So wird zum Beispiel Tourcoing (Nord) dank der Künstlerin Silviane Léger bei dem Kasper-Festival "Kasperiade" in seiner Partnerstadt Bottrop vertretet.

    Ein Teil der Kulturhauptstadt RUHR.2010 unterstützt sogar das Zurückgreifen auf existierende Städtepartnerschaften. Das sogenannte TWINS Programm ermöglicht im Rahmen der RUHR.2010 vor allem jungen Menschen, die Kulturhauptstadt Europas aktiv mit zu gestalten und eigene, unkonventionelle Projektideen zu verwirklichen. Grundsätzlich gilt, beteiligt sind in jedem Projekt Partner aus der Metropole Ruhr wie auch Kooperationspartner aus ihren europäischen Partnerstädten und aus Istanbul, Pécs und Israel.
    Viele deutsche Gemeinden konnten dank dieses Programms alle ihre Partnerstädte gleichzeitig zum Mitwirken einladen. So wurde die europäische Dimension der Kulturhauptstadt gestärkt. Dorsten lud Jugendliche aus seinen Partnerstädten ein. Deutsche, Franzosen, Nordiren und Polen kamen für ein Jugendforum zusammen.

    Einzelinitiativen beleben Partnerstädte

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    Urspuk-Maskenspieler aus Essen und Istanbul
    Manchmal kam sogar die Initiative von Einzelpersonen. Ana Hopfer, Initiatorin der Urspuk-Parade ist dafür ein gutes Beispiel. Mit ihrer Leidenschaft für Masken und Maskelspiel verbindet die seit 15 Jahren im Frankreich lebende Esserin Studenten aus Tourcoing (région), Essen und Istanbul. "Wir waren einmal in Istanbul und einmal in Essen", erzählt Jeanne aus der Kunstuniversität Tourcoings. "Wir haben mit den anderen Studenten viel über die Szenographie und die Körpersprache der Maskenspieler ausgetauscht, es war großartig!" Der Projektleiterin war diese europäische Dimension sehr wichtig. Das wollte sie auch durch ihre musikalische Kreuzfahrt auf dem Rhein-Herne-Kanal zeigen. Drei Tage lang macht ihr Urspuk-Boot Stationen und jedes Mal treffen Künstler an Bord und am Ufer aufeinander und musizieren vor Publikum. Jedes Mal sind unterschiedliche Nationalitäten dabei. Die Blaskapelle "Extrême Georgette" aus Amiens freut sich sehr, dabei zu sein. Die Stadtpartnerschaft mit Dortmund ist in den letzten zwanzig Jahre eingeschlafen. "Die Kulturhauptstadt Europas im Ruhrgebiet sowie die 50 Jahre formal existierende Stadtpartnerschaft zwischen Amiens und Dortmund boten gute Gelegenheit, das Ganze wieder im Gang zu bringen", erzählt der Saxophonist. "Nur alles läuft hier sehr chaotisch und manchmal ist es uns zu urspuckig! Wir kommen nicht dazu, die anderen Mitmachenden kennen zu lernen und sehen kaum was von den Städten, in deren Häfen wir spielen. Sehr schade!"

    Als Zuschauer des Ganzen gibt der Leiter des Deutsch-Französischen Kulturzentrums Essen e.V., Michel Vincent, auch seinen Senf dazu: "Wir sind glücklich, dass wir überhaupt noch existieren! Wir waren ein Institut Français, welches geschlossen wurde", erzählt er. "Glücklicherweise hat uns die Stadt Essen übernommen. 70% unserer Besucher sind Deutsche, also Frankophilen. Aber wir wünschen uns manchmal schon eine etwas aktivere französische Community!"

    Die Kulturhauptstadt RUHR.2010 funktioniert wie ein TÜV für die deutsch-französischen Beziehungen im Ruhrgebiet. Die Infrastrukturen stehen noch, sind nur oft meisten eingerostet, wie zahlreiche Friedensvereine und Stadtpartnerschaften. Eigentlich könnte der Umgang damit wie für die stillgelegte Zeche sein: Nicht abbauen sondern umnutzen. Zum Beispiel als Träger europäischer Veranstaltungen!


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    Ruhr.2010 Programm am Stadthafen Recklinghausen
  • 18.09.2010

    Sonnez fanfares! Es lebe die Parade in Essen!

    Charlotte Noblet
    Kein Feuerwerk aber trotzdem bunt und laut wurde es in der Zeche Carl: Mit europäischen Hintergedanken wurde es im kleinen aber feinen Industriedenkmal im nördlichen Viertel von Essen musikalisch.
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    Empfang am Anleger Zweigertbrücke
    Für das Spektakel haben erst die Kinder vom Förderturmhaus nebenan gesorgt. Die kommen aus den umliegenden Grundschulen, wo sie meistens auffallen. Diesmal fallen die sogenannten bedürftigen Kinder auch echt auf: Ihre Kostüme sind ziemlich farbenfroh! Schließlich geht es darum, eine Künstlertruppe beim Anleger Zweigertbrücke am Kanal Rhein-Herne abzuholen.
    Gleich werden die Empfangsformalitäten fröhlich über Bord geschmissen, kleine und große Künstler treffen aufeinander und ziehen gemeinsam zur Zeche Carl. Fanfaren machen die Parade laut, Maskenspieler machen sie zum Straßenspektakel. Die Einwohner staunen am Fenster: Was soll dieser Urspuk?!

    Europa ins Boot holen

    „Mit der Parade kommt ein Stück Europa zusammen“, erzählt die Projektleiterin Ana Hopfer. Ihre „Utopie“ bereitet sie schon seit drei Jahren vor: „Der europäische Gedanke gilt mittlerweile schon, aber im Alltag sind selbst Nachbarn sehr weit entfernt voneinander. Die Kulturhauptstadt 2010 war für mich Anlass, diese Grenze zu überspringen.“ So ist die Urspuk-Parade als Projekt der Ruhr.2010 entstanden. Über Kanäle wird auf einem Spukschiff musiziert, Stationen mit "Festen von allen für alle" sind hier und da geplant – unter anderen in der Zeche Carl in Altenessen.
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    Leiterin der Urspuk-Parade, Ana Hopfer

    Seit 1973 ist die Zeche Carl eingestellt worden, wie viele andere in der Region. Hier konnte allerdings der Abriss verhindert werden und schon drei Jahre später wurde das Casinogebäude zum Kulturzentrum umgebaut. Nach einer Zäsur 2008 wegen finanzieller Sorgen geht es jetzt weiter. „Als Essenerin freue ich mich in der Zeche Carl was organisieren zu können. Das Soziokulturelle Zentrum war immer eine Adresse für mich, es wird leider von den Einwohnern noch kaum wahrgenommen", erzählt Ana Hopfer. "Aber heute abend sind wir so laut, dass ein paar sich hoffentlich ins Publikum mischen."
    Für diese Gelegenheit wurde die Zeche Carl schön beleuchtet: Ein schönes Bild von dem Industriedenkmal. Die Organisatoren hoffen auf Nachhaltigkeit des kulturellen Interesses und den Industrietourismus, der bei der Kulturhauptstadt Europas hochgeputscht wird. So wurde das Motto der RUHR.2010 "Wandel durch Kultur, Kultur durch Wandel" Realität für die traditionelle Industrieregion.
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    Die Zeche Carl wird musikalisch

    Tanzschritte im Industriedenkmal

    Im Hof begrüßt schon das offizielle Komitee aus Frankreich die Karavane: Ein Sarkozy aus Pappe und andere französische Kumpel lachen hinter der Trikolore. Es geht los: Tänzer, Trommler und Trompeter antworten sich, Maskenspieler tanzen und faszinieren mit bizarren Gesten. Lustigerweise trägt die französische Fanfare Uniform - sogar rot, schwarz, gold - währenddessen die deutschen Musikanten ohne Partitur locker klar kommen. Es wird mit den Klischees gespielt. Für die Akkordeon-Musik sorgen die "Bandonion-Freunde Essen". So einen Namen verstehen die Franzosen nicht: "Band d'oignon? "Zwiebelreihe?" Was für ein komischer Bandname!" Die Karawane zieht durch die Location. Der türkische Hochschulchor NEFES der Uni Duisburg-Essen bringt das Publikum zum Tanzen und lädt "deutsche Mitglieder" im Verein gerne ein. Da versucht die französische Blaskappelle, die Zuschauer auf der Tanzfläche einzuholen. Mit Musik, Tanz, Spiel und Poesie läuft der Abend à la deutsch-französisch-türkisch.

    Lustig ist, wie unterschiedlich Musik- und Tanzkulturen sind. Das Publikum verteilt sich doch in die Zeche Carl und außer den Maskenspieler aus Essen und Istanbul kommen die Künstlergruppen aus den unterschiedlichen Ländern kaum in Berührung. Nur im Foyer singen deutsche und französische Fanfaren in der Spätstunde zusammen: Da lief vor allem deutsches Bier.
  • 11.09.2010

    In Dorsten machen Jugendliche EU-Politik und rocken gemeinsam

    Charlotte Noblet
    Wie sieht es in den einzelnen europäischen Ländern mit der Jugendbeteiligung in Kommunalpolitik aus? Die Stadt Dorsten nahm die Kulturhauptstadt RUHR.2010 zum Anlass, um Jugendliche aus ihren Partnerstädten einzuladen und diese Frage zu beantworten. Daraus entstanden ist ein spannendes "europäisches Jugendforum".
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    Sechzig Schüler/innen aus Dorsten und seinen Partnerstädte Deutschland, Frankreich, Nordirland und Polen haben von Mittwoch bis Sonntag in Dorsten zusammen "gepowert". Die Arbeitsstimmung war multikulturell: Die Schüler/innen haben auf Englisch ihre Ideen ausgetauscht und verteiligt. Es ging um die Kultur, die Bildung und die EU-Migrationen, um die EU-Erweiterung und Bürgernähe, sowie um einen grenzübergreifenden Tierschutz. Die Frage der Solidarität in der Zeit der Wirtschaftskrise wurde auch gestellt. Den Jugendlichen wurde es immer klarer, dass sie eine Meinung haben und sich äussern wollen. Wie wäre es mit einer besseren Unterstützung der Jugendbeteiligung auf EU-Ebene? Und mit Wahlen ab 16 Jahre?

    Mit ihrer Parlamentssimulation hoffen die Jugendlichen an der EU-Politik teilzunehmen. Sie haben Resolutionen verabschiedet, die an den Bürgermeister von Dorsten, Lambert Lückenhorst (CDU), eingereicht werden, mit der Bitte, diese nach Brüssel weiterzuleiten.

    „Dieses Europäische Jugendforum ist eine Premiere: Für uns in Dorsten, für unsere Partnerstädte und auch für die aus dem europäischen Jugendparlament in Deutschland e.V., die die zweitägigen Sitzungen für die Jugendlichen aus vier unterschiedlichen Ländern organisieren und nicht wie üblich für Schulen in einer Region“, erzählt die Organisatorin Daniela Thoring vom Jugendamt Dorsten .


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    Ein Stück Europas wächst zusammen

    Vier Nationen arbeiten zusammen: Deutsche aus Dorsten und Hainichen, Franzosen aus Dormans, Nordiren aus Newtownabbey und Polen aus Rybnik. Gemeinsam erleben sie den klassischen demokratischen Prozess mit Diskussionen und Meinungsunterschieden. Gemeinsam wollen sie auch Vourteile abbauen. Nur ein paar Clichés wurden erst erfüllt: Die Franzosen aus Dormans sprechen noch nicht ganz gut Englisch und zeigen sich etwas zurückgezogen. Ein gutes Bespiel für die Arbeitsgruppe „Kultur, Bildung und Migration“, welche Sprachkurse für eine bessere Integration der Migrant/innen in die EU forderte?!

    Erstaunt waren die anwesenden Mitglieder des Gemeinderats Dormans: Alles was die Jugendlichen denken: faszinierend! Dagegen war die Jugendbeteiligung in Politik den Iren und den Polen schon eher ein Begriff. „Newtownabbey aus Nordirland hatte ein Jugendparlement, sollte aber letztes Jahr wegen weniger Partizipation und vor allem kürzerem Budget diese Erfahrung beenden“, berichtet Daniela Thoring. „Unsere irischen Partner wollten dann wissen, wie es bei uns in Dorsten aussieht. Dies und die Kulturhauptstadt RUHR.2010 gaben uns den Impuls, die Jugendbeteiligung in unserer Lokalpolitik neu zu gestalten.“ Zwei Jahre lang wurde experimentiert und jetzt ist so weit: Im Herbst wird ein Gremium aus Delegierten aller Dorstener Schulen für zwei Jahre gewählt und verschiedene Formen von Partizipation für alle Jugendlichen werden weiterhin ermöglicht. Am Ende des europäischen Jugendforums in Dorsten wurde Jung und Alt klar: Die Jugendliche haben eine Meinung über Politik, welche ausgedrückt und gehört sein sollte.

    Rocken auf der Halde

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    Mit dem Hören wurde es nun in den Spätstunden etwas schwierig: In Dorsten wurde nämlich nicht nur auf europäisch politisiert, sondern auch vernünftig gerockt: Auf der Hürfeld-Halde findet das „Dorstival“ statt. Ein Security-Mann ist in Erinnerung an die Love Parade in Duisburg etwas besorgt. Die Location des Rockfestivals ist aber wunderbar, von hier bis zur Mond und zurück.

    Auf der Halde rocken die Jugendliche, auf dem Marktplatz hören die Erwachsenen Jazzmusik. In dieser Woche steht Dorsten mit seinen „Local Heroes“ im Scheinwerferlicht . Es gehört zum Konzept der Kulturhaupstadt RUHR.2010: Eine Woche lang wird auf einer der 53 teilnehmenden Städten des Ruhrgebietes fokussiert. Damit möchte gern die Region ihre Vielfältigkeit an kulturellen Angeboten bekannt machen und die RUHR.2010 als Anlass für nachhaltigen Tourismus verwenden.

  • 10.09.2010

    Tri, Tra, Trullala, der Kasper ist in Bottrop da!

    Charlotte Noblet
    Der Kasper von Reinhard Wieczorek
    Der Kasper von Reinhard Wieczorek

    Alle Kasper Europas sind in Bottrop zu Hause. Verstehen Sie es nicht falsch: In der grünen Stadt wird alles um die zeit- und grenzenlose Puppenfigur aufgeführt und experimentiert. „Internationale Figurentheater haben schon ein Stammpublikum bei uns", erzählt die Pressesprecherin vom Kulturamt Bottrop, Ilse Ortmann. „Mit der Kulturhauptstadt Europas 2010 wollten wir was zum Thema Integration in Europa unternehmen. Der Kasper war dafür der ideale Mittler: Wir haben vor allem mit unseren Schulen und Partnerstädten gearbeitet und das Festival „die Kasperiade" ins Leben gerufen." So bewohnt der Kasper die Stadt das ganze Jahr über.

    Der Kasper kennt keine Grenze

    „Nicht nur der deutsche Kasper ist unser Gast, sondern auch der Guignol aus Frankreich, der Polichinelle aus Italien oder noch der Vitéz Laszló aus Hungern", ergänzt die Puppenspielerin und Ko-Organisatorin der Kasperiade Maja Brüggemeier. „Bei der Kasperiade kann das Publikum den genau getakten Punch aus England hier schauen oder den politisch provokativen Karagöz aus der Türkei da hören." Ihr Mann Werner Bartelt-Brüggemeier, auch Ko-Organisator des Ganzes und selbst Puppenspieler, erklärt gerne den Unterschied zwischen den Kaspern aller Nationen: Die Puppenfigur erlebt ein unterschiedliches Werden, je nach der Geschichte ihres Heimatslands. „Der türkische Karagöz war lang in den Cafés Istanbuls politisch virulent unterwegs", sagt er. „Leider wird er aber langsam zur Kinderfigur und nähert sich dem deutschen Verkehrskasper."


    Der Kasper von Berhardine Lützenburg
    Der Kasper von Berhardine Lützenburg
    Natürlich wurde die Geschichte des deutschen Kaspers dazu erzählt: Es war einmal der Kasper und viel viel später der Zweite Weltkrieg. Dabei hatte der Kasper als „Frontkasper" den Soldaten des Dritten Reichs belustigt. Dafür wurden später seine Reden von den Besatzungsbehörden kontrolliert. Viele Puppenspieler haben den Kasper in die Kiste dann gelassen. Ein paar haben ihm aber als pädagogische Kasperfigur durch die Bundesrepublik geschickt. Der sogenannte Verkehrskasper wurde aber in der Kunst verpönt und veränderte sich langsam zum Anarcho-Kasper: Schluss mit der Klatsche, langsam wird der Kasper wieder frech und frei, da der Kasper doch keine Grenze kennt!

    Während der Kasperiade wird tagsüber vor Kindern gespielt: Bei einer Aufführung "Der hungrige Räuber" ist die Oma von Kasper Hartz-IV-Empfängerin, die Kinder aus dem Publikum wollen die Polizei wegen dem Räuber anrufen. Alles realistisch?

    Viele Marionetten sind aus dem selben Holz geschnitten: So ging Don Camillo und Peppone auch. Der Gesang des konservativen Priesters und der Lautsprecher des kommunistischen Bürgermeisters treffen auch auf Kinder, die allerdings schon ein Stück grösser sind, sogar etwas Rentner. Zwischen Bottroper Anspielungen - wie dem Wünsch auf mehr nichtkatholischen Kindergarten - wurden Kasper-Wahrheiten laut verraten: Die Kirche wird in Deutschland langsam zum Privatklub, dann ist da der Rauch erlaubt. So großartig war der Puppenspieler Markus Dorner, dass die Figuren mit ihrem Latein nie zu Ende waren, sondern Hochdeutsch das Publikum gelehrt haben: Steigerung von „Kampf", liebe Brüder, liebe Schwester, liebe Genossinnen und Genossen? "Wahlkampf"!

    Jeder hat einen Kasper

    Von der Lebendigkeit der Figuren auf der Bühne ist der
    Maler Reinhard Wieczorek fasziniert: „Auf der Bühne ist der Kasper so lebendig und kurz nach dem Show liegt er schon ganz leblos in seiner Kiste." So eine Diskrepanz wollte er gerne auf seiner Werke, welche das Logo der Kasperiade ist, ausdrücken.


    Der Kasper von Barbara Schmuschal
    Der Kasper von Barbara Schmuschal
    Bis Ende September zeigen ihrerseits 26 Künstler/innen des Kunstgemeinschaft Bottrop 1969 e.V. mit aller Fantasie ihre vielseitigen Kasper. „Hier geht der Kasper auf Wanderschaft, da hält er wie viele Bergleute im Ruhrgebiet eine Brieftaube, die ihm seine Freiheit gibt", erzählt die Künstlerin und Vorsitzende der Kunstgemeinschaft Bernhardine Lützenburg. Für jeden Kasper der Ausstellung findet sie die passenden Wörter: Der konstruktivistische Kasper mit seiner Klatsche, der realistische Kasper, der an dem Hohnsteiner Kasper erinnert, usw. Faszinierend ist zu sehen wie die Werke, ob Skulptur, Malerei, Collage oder Fotographie, eigene Darstellung des Kaspers sind. Im November werden ebenfalls die Kasper von Künstlern aus Partnerstädten auch zu sehen. Dabei zeigt die
    Bildhauerin Silviane Léger aus Tourcoing den grössten Guignol Frankreichs, nun im Kleinformat. Aber Kasper, wer bist Du?!
  • 09.09.2010

    Kultur an der Ruhr

    Neuer ND-Blog

    Charlotte Noblet
    Im Ruhrgebiet gibt es alles: Kohle- und Stahlindustrie – in oder außer Betrieb, klar, weiß jeder. Auch das mit Schalke. Dieses Jahr aber ist das Angebot an Kunst und Kultur in der Region besonders vielfältig: Essen und 52 Nachbarkommunen aus Nordrhein-Westfalen haben sich zur neuen Hauptstadt Deutschlands erklärt – als Europäische Kulturhauptstadt 2010 dürfen sie das. »Ruhr.2010« heißt es ganz genau und dahinter steckt eine Menge, vor allem mehr als genug, um eine »petit tour dans la Ruhr.2010« mit spannenden Etappen zu unternehmen. Drei Wochen lang berichtet Charlotte Noblet im ND-Blog über das kulturelle Highlight. Die »Peripetie« wird mit dem Kasper eröffnet: Aus Bottrop grüßt am Freitag der internationale Fürsprecher des Volkes, mal gewitzt, mal schelmisch, aber überall zu Hause. Zum morgigen Start des neuen ND-Blogs wartet die Theaterpuppe aber ohne Klatsche, dafür mit lustigen Bogensprüngen ungeduldig auf ihr Publikum. Seid ihr alle da?


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Unsere aktuellen Blogs

  • Eine Zukunft ohne NATO

    Eine Zukunft ohne NATO

    Von dem Supergipfel, der ursprünglich als gemeinsames NATO- und G8-Treffen in Chicago geplant war, nahm die US-Regierung schnell wieder Abstand.
    Die Proteste wären wohl aus dem Ruder gelaufen. An diesem Wochenende tagen die Vertreter der G8-Länder in einer militärisch abgeschirmten Sperrzone in Camp David in der Nähe der US-Hauptstadt. Die NATO-Strategen halten dagegen Chicago in Atem. Von dort berichtet Max Böhnel über die internationale Gegenkonferenz namens „NATO Free Future“, zu der auch Vertreter der deutschen Friedensbewegung anreisen. Am Sonntag soll als Höhepunkt gegen den Willen von Stadtverwaltung und Polizei eine Grossdemonstration gegen das Militärbündnis stattfinden.

  • Linke und Technik...!

    Linke und Technik...! Foto: dpa

    Blog von Marcus Meier: Welche Chancen erwachsen aus technischen Innovationen - für eine soziale und umweltfreundliche Gesellschaft, für mehr Demokratie, für ein rationaleres Wirtschaftssystem? Wo verhindern kapitalistische Mechanismen den technischen Fortschritt oder den fortschrittlichen Technikgebrauch? Wie, wo und warum generiert der Kapitalismus schlicht Fortschrott? Das sind die Fragen, die das neue nd-Weblog "Linke und Technik..! Fortschritt, Fortschrott und die Folgen " beantworten will. Autor Marcus Meier ist übrigens beides: Technikfreund und Technikskeptiker.

  • In eigener Sache

    neues deutschland

    Hausblog: Aus dem nd über das nd: In unserem Hausblog halten wir Sie über alles berichtenswerte aus Redaktion und Verlag auf dem Laufenden.

Unsere Blogger:

  • Marcus Meier

    Marcus Meier ist Journalist und arbeitet zu den Themen Politik, Wirtschaft und Wissenschaft. Für das nd schreibt er seit Oktober 2009 regelmäßig – und meist zu NRW-Themen. Meier betreibt Das SPRUSKO-Prinzip, ein Weblog »zur Kritik des Ramsch-Kapitalismus«. Er lebt und arbeitet in Bochum. Seine Webseite: www.marcusmeier.de.

    Er ist beteiligt an folgenden Blogs:

  • Max Böhnel

    Max Böhnel lebt seit dreizehn Jahren in der Nähe von New York und berichtet als freier Journalist für deutschsprachige Radiosender, Print- und Internetmedien, unter anderem auch für nd.

    Er ist beteiligt an folgenden Blogs:

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