Holger Biege - Die Original-Alben (5 CDs)

Aus dem Booklettext von Wolfgang Martin::
Hätte es nicht all diese "Umstände" gegeben…HOLGER BIEGE müsste heute seinen Platz in der deutschen Popmusik da haben, wo beispielsweise XAVIER NAIDOO steht, mit dem er oft verglichen wird…oder eher umgekehrt? (was ja logisch ist, weil beide Musiker schon allein altersmäßig eine Generation auseinander sind)

Immerhin hat Holger Biege einen so unverwechselbaren - seinen ganz eigenen Stil - in die deutschsprachige Popmusik gebracht. Und das schon ab 1976/77, als er nach Musikstudium und einjähriger Mitwirkung als Leadsänger in der Jazz-Rock-Formation des Keyboarders Sieghart Schubert (Schubert-Formation), seine Solo-Karriere startete. In der Schubert-Formation spielten während der Biege-Zeit auch der heutige PUHDYS-Bassist Peter "Bimbo" Rasym und der Geiger Hans Wintoch ("Hans die Geige") - und mit "Sommer ade", geschrieben von Holger Biege, hatten sie ihren ersten Radio-Hit.
Das war auch die Zeit, als wir uns persönlich kennenlernten und ich den Weg von Holger Biege anfangs in kürzeren, später in größeren Abständen begleiten durfte.

Für uns Musikredakteure im Rundfunk galt die Musik von Holger von Beginn an als etwas Besonderes und Ja…anfangs, beim Anhören seiner ersten Lieder stockte uns (und auch mir) schon mal der Atem und wir "applaudierten" in unseren Sendungen mit Lobeshymnen in Superlativen. Das waren Popsongs in völlig neuer Qualität, die so gar nicht in eine der üblichen Schubladen passten…die Musik (Kompositionen und Arrangements) ein Kosmos
unterschiedlichster Einflüsse - Klassik, Jazz, sogar Chanson oder bestimmte Liedtraditionen bis zurück in die 1920er Jahre. Und das hatte Holger Biege auf so einzig- wie großartige Weise miteinander verwoben, in dem er spezielle Rhythmusgruppen, aber auch Bläser, Streicher und Chöre einbaute. Dazu die kongenialen Texte von Ingeburg Branoner und Fred Gertz, die nicht nur dem ohnehin schon sehr hohen und anspruchsvollen Maßstab der DDR-Popmusik der 70er Jahre entsprachen, darüber hinaus den konzeptionellen Anspruch des damals 25jährigen Holger Biege voll erfüllten. Seine im besten Sinne SEELENvolle Stimme
(Holger liebte neben der Ernsten Musik vor allem die SOULmusik der damals angesagtesten Stars des Detroiter Tamla Motown-Labels) und sein beseeltes Klavierspiel machten die Songs schließlich rund.
Die wurden nun im Radio rauf und runter gespielt, belegten erste Plätze in den Hitparaden und gelangten 1978 auf seine erste Konzept-Langspielplatte "Wenn der Abend kommt" - mit all den heute zu Evergreens gewordenen Titeln: von den Disco-souligen "Als der Regen niederging" oder "Kann schon sein", den wunderschönen Balladen "Deine Liebe und mein Lied", "Will alles wagen", dem Titelsong "Wenn der Abend kommt" bis hin zu seinem größten Hit "Sagte mal ein Dichter". Noch heute, 35 Jahre später, bekommen Leute die buchstäbliche "Gänsehaut", wenn sie diesen Song hören - wegen des zeitlosen Textes und der intensiven und hoch emotionalen Interpretation.
Holger Biege hat sich damals binnen kürzester Zeit zu dem von den Kritikern "besten" und vom Publikum zum "beliebtesten" Sänger in der DDR entwickelt. Besonders nachhaltig bestätigter er diesen Ruf (sanktioniert durch die jährlichen Umfragen der Radio- und TV-Sendungen) mit seinen Live-Auftritten und in Konzerten. Ob allein, nur am Piano oder Flügel, mit Band oder großem Orchester…Holger Biege garantierte Publikumsandrang und ausverkaufte Häuser. Allein im Jahr 1979, in dem auch sein 2. Album "Circulus" erschien, gab er nur in der DDR über 200 Konzerte. Auch auf dieser LP wieder eine Reihe großartiger Hits und Songs - mit "Reichtum der Welt" einen weiteren zeitlos anspruchsvollen (der Text hat bis heute nichts an seiner Aktualität verloren) und von seinen Fans bis heute so geliebten Titel wie "Sagte mal ein Dichter". 1979 hatte er seinem Bruder Gerd Christian dessen Superhit "Sag ihr auch" geschrieben, der im selben Jahr "DDR-Hit des Jahres" wurde.
Den Erfolg, auch gegründet auf seine sympathische Publikumsnähe, hat Holger Biege immer genossen - aber wer ihm nahe stand und ihn besser kannte, spürte Anfang der 80er Jahre zunehmendes Unbehagen in ihm. Er hatte große künstlerische Pläne, wollte in seinen Songs in neue musikalische Welten aufbrechen, kritischer in den Texten sein - als er es ohnehin schon war. Ich erinnere mich an interessante Gespräche, in denen er mir erklärte, welche Bedeutung und Einfluss die 12-Ton-Musik (die "Zwölftontechnik" im Ergebnis seiner Beschäftigung mit Arnold Schönberg und der sogenannten "Wiener Schule" der 1920er Jahre) auf seine Kompositionsarbeit hat, dass er gern ein sinfonisches Werk schreiben möchte und diese Ansprüche auch noch stärker in seinen Popsongs umsetzen möchte. Aber das alles passte nicht so recht in das Verständnis und die Enge des damaligen Kulturbetriebes in der DDR. Die Künstler-Gängelung, überhaupt die Ideologisierung der Kunst mit ihren "sozialistischer Realismus-Kampagnen" empfand Holger Biege als zunehmend unerträglich. Seine "musikalischen Visionen" wurden im Gegenzug gern als "Spinnereien" abgetan. Dazu kamen
die Bedingungen der Zensur (durch sogenannte Lektorate) und die Unlust, jahraus jahrein seine Konzerte immer wieder nur zwischen Rostock und Suhl zu absolvieren, auch wenn er sein Publikum liebte und gelegentlich sogar mal im Ausland auftreten durfte - in Polen, in der damaligen CSSR und sogar in West-Berlin.
1983 kehrte er von einem Gastspiel in der Bundesrepublik nicht wieder in die DDR zurück und wohnte mit seiner Familie zunächst in Hamburg. Dort verdiente er sich seine Brötchen als Arrangeur und Sachverständiger für Musikverlage, zum Beispiel bei Plagiatsvorwürfen.
Seine erste Schallplatte/CD im Westen erschien 1984 beim Label Polydor - mit dem symbolträchtigen Titel "Das eigene Gesicht" - noch mit einem Text von Fred Gertz, ursprünglich geplant für sein 3. AMIGA-Album in der DDR. Alle anderen Songs, wie "Zwischen den Zeilen" oder "Schuld sind die Andern", erhielten ihre Verse vom bundesdeutschen Star-Texter Michael Kunze.
Nach dem Mauerfall und der politischen Wende in der DDR, kehrte Holger Biege im Januar 1990 nach sieben Jahren für Auftritte und Konzerte wieder in seine alte Heimat zurück - gab ein Konzert im Berliner Palast der Republik, das zweite in Greifswald, wo er am 19. September 1952 geboren wurde.
In einem Interview mit der Journalistin Waltraud Heinze für die Zeitung "Junge Welt" am 6. Januar 1990 reflektierte Holger Biege noch einmal die Gründe für seinen Weggang aus der DDR 1983:
"Ich bin nicht wegen der großen Karriere in den Westen gegangen, sondern weil ich den Druck hier nicht ertragen habe. Und da wird es mir ähnlich ergangen sein wie vielen, die im Sommer über Ungarn in die BRD kamen. Die meisten empfanden doch die Stagnation, diesen Weg in die Leere, alles war vorgeplant, registriert, reglementiert - so sind die Menschen aber nicht! Ich sah 1983 nicht mehr, wie diese Unbeweglichkeit zu durchbrechen ist. Wollte einfach nur so leben, wie ich glaubte, leben zu müssen. Mit meinen eigenen Ordnungsprinzipien. Wesentlich war für mich, dass ich menschlich bleibe und eine Arbeit mache, von der ich überzeugt bin. Aber wer einen eigenen Kopf hatte, bekam einen Dämpfer. Da wurden Konzerte boykottiert, Interviews verfälscht, da gab’s Psychoterror durchs Telefon oder Auftrittsverbot im Bezirk Neubrandenburg wegen eines Podiumsgesprächs nach einem Auftritt…"
Sein erstes reguläres Album nach der Wende erschien 1994, "Leiser als laut", auf dem es auch wieder wie bereits auf seinem ersten Album Klavier-Improvisationen gab. Diese gehörten ja zum festen dramaturgischen Aufbau seiner Konzerte, die er nun wieder in schöner Regelmäßigkeit auch überall im Osten Deutschlands gab. 1997 erschien sein Album "Zugvögel", kurz darauf eine Live-CD und schließlich in den 2000er Jahren eine Reihe von ihm selbst zusammengestellter Compilations, die mit seinen jüngeren Kompositionen und bis dahin nicht veröffentlichten Aufnahmen oder Versionen interessante neue Konzeptalben seines Schaffens der 80er und 90er Jahre ergaben.
Seit 1998 lebt und arbeitet Holger Biege mit seiner Familie in Göhrde bei Lüneburg.
Für das Jahr 2012 plante er neue Veröffentlichungen und eine Tournee anlässlich seines 60. Geburtstages, die aber verschoben werden musste, da er am 20. Juni 2012 einen Schlaganfall erlitt. Die schweren Folgen verursachten einen langen Weg zurück ins Leben.
Der aktuelle Eintrag auf seiner Homepage ist die Danksagung seiner Frau Cordelia und ihrer Kinder an alle Holger Biege-Fans:
"…endlich können wir Euch mitteilen, dass Holger es geschafft hat.
Er ist nach langen 10 Monaten wieder zu Hause und überglücklich. Dies haben wir der schönen Klinik in Hamburg zu verdanken…Danke an alle, die uns während der schlimmsten Zeit und auch jetzt…zur Seite stehen. Es wird noch ein langer Weg bis zur Bühne."

Wolfgang Martin
Oktober 2013




Titelliste:
CD1 Wenn der Abend kommt
Einspiel - Als der Regen niederging - Bleib doch - Wo bist du Jessy - Sagte mal ein Dichter - Kann schon sein - Deine Liebe und mein Lied - Zwischenspiel - Wie Dynamit - Will alles wagen - Vater Mutter Kind - An jenem Morgen - Dein Gesicht - Wenn der Abend kommt - Nach(t)spiel
BONUS
Sommer adé/ Nach Hause / Ich muss hinaus/ Was wäre wenn?
CD2 Circulus
Cola-Wodka - Wie habe ich das Jahr verbracht - Kinderlied - Robinson - Rockerstein & Co - Circulus - Annabell - Zuweilen kommt es vor - Es gehen die Tage - Septemberliebe - Nimm mich so - Reichtum der Welt
BONUS
Abendland (Duett mit Veronika Fischer)/ Sonnenmeer/ Der Tag fängt an/ Als der Regen niederging ( Instrumentalversion)
CD3 Das eigene Gesicht
Zwischen den Zeilen - Schuld sind die andern - Marathon-Mann - Diesseits vom Leben - ...und ich schreib einen Brief nach Hause - Gott segne die Kinder - Mit dir - Das eigene Gesicht - Meine Lieder suchen dich - Der siebte Reiter - Der gold'ne Staub des Glücks - Abendfrieden
BONUS
Die Gedanken sind (h)in/ Los, komm! / Hallo Sonnentau / Rost im Toaster
CD4 Leiser als Laut
Meistens leb' ich still - Meine Hände - Du und ich - Improvisation I - Irrenhaus - Sklavin - Weißes Licht - Nun da ich geh' - Improvisation II - Brich mein Herz - ...und der Tag ist leis' gegangen - Leiser als laut
BONUS
Medley 6:38 (Live) a) Wenn der Abend kommt b Bleib doch c) Dein Gesicht d Septemberliebe / Meine Hände/ Frühlingslied
CD5 Zugvögel
Was ist los? - Ich steck' in deiner Haut - Blues in Deutsch - Improvisation III - Uns're Zeit - Das sind nur Worte - Zugvögel - Improvisationen IV - Und wir bau'n ein Haus - Gutenachtlied
BONUS
Nimm mich so(Live) / ...und der Tag ist leis gegangen (Live) / Sagte mal ein Dichter (Live) / Schuld sind die Anderen (Live)

Medium: 5 CDs
Erschienen: 2013
Bestellnr.: 06542

Preis: 26.95 Euro

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