/ Klima und Wandel

Der letzte Schrei der alten Herren

Der Siegeszug der Erneuerbaren Energien mobilisiert bei Gegnern letzte Widerstände. Doch wer links ist, kann nicht gegen die Energiewende sein

Von Eva Bulling-Schröter

Auch wenn Trump seinem Land mit dem Kassieren von Obamas Klima- und Energiepolitik gerade ins eigene Knie schießt: Der Umbau der globalen Energiewirtschaft ist in vollem Gange, der dreckige Kohleboom geht seinem endgültigen Ende entgegen. Noch nie wurden so viele Kohlekraftwerke stillgelegt, rund 120 Kraftwerke weltweit, die meisten davon in Europa und den USA. Wie die Experten von Coalswarm vorrechnen, wurden von 2010 bis 2016 in der EU fast jedes vierte von fünf Kohleprojekten abgebrochen oder auf Eis gelegt. Auch Ökostrom wird in der Herstellung immer billiger und verdrängt die Fossilen und Atom aus ihrer Vormachtstellung.

Die Anstrengungen des Umsteuerns im Energiesektor, der in Deutschland mit 84,5 Prozent (2014) die größte Quelle menschengemachter Treibhausgasemissionen ist (Strom, Wärme, Verkehr, Industrie), sie tragen langsam Früchte. Eine Trendwende deutet sich an, trotz wachsender Weltwirtschaft ist der CO2-Ausstoß zuletzt nicht weiter gewachsen und hat sich, auf einem immer noch zu hohen Level, stabilisiert. In China wurde die notwendige Zeitenwende nach einigem Zögern endlich erkannt. Dem dreckigen Kohlestrom geht Peking beherzt ans Leder. Umsteuern ist angesagt. China ist schon heute der weltweit größte Energiewende-Investor, 400 Milliarden Euro Steuergelder werden für Windradparks an der Küste, Solarkraftwerke in der Wüste und Wasserkraft in den Bergen ausgegeben, der Treibhausgas-Ausstoß der Energiewirtschaft sinkt erstmals. Wie so oft kopieren »die Chinesen« Erfolgreiches: Wie beim deutschen Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) wird der Aufbau klimafreundlicher Stromerzeugung querfinanziert, dadurch entstehen neue Arbeitsplätze, man hofft auf Weltmarktführung, auf den großen Öko-Sprung nach vorne.

Und was passiert in Deutschland, dem größten CO2-Produzenten in Europa? Hier haben die Emissionen in 2016 zuletzt wieder zugelegt. Das nationale Klimaziel (-40 Prozent Klimagas bis 2020 gegenüber 1990), das bis heute keine Gesetzeskraft hat und damit schnell politisches Bauernopfer werden kann, wird bei Business as usual krachend verfehlt. Zu wenig hat die Große Koalition in vier Jahren auf die Reihe bekommen. Nach 2015 war auch 2016 das weltweit heißeste Jahr seit Wetteraufzeichnung, so die Weltwetterbehörde WMO vergangene Woche. Der Klimawandel schreitet weiter voran, gegenüber der vorindustriellen Zeit ist die Welt im Schnitt um 1,1 Grad wärmer. Mit all seinen Folgen: Vier Millionen Quadratmeter mehr abgeschmolzenes Meereseis als normal, neuer Rekord bei gestiegenem Meeresspiegel, neue Rekorde bei der Temperatur der Ozeane mit Korallenbleiche und Artensterben als Folge. Stürme und El Niño (in diesem Moment wird Peru von untypischen Überschwemmungen mit fast 100 Toten heimgesucht). Abertausende werden durch klimabedingte Katastrophen weltweit obdachlos, verlieren ihre Ernten, verlassen ihre Heimat, es trifft die Ärmsten der Armen.

Doch die alten Dinosaurier in Deutschland wollen, oder können die Zeichen der Zeit nicht erkennen. Kanzleramtsminister Altmaier, immerhin selbst mal Umweltminister, stellte vor dem rückwärtsgewandten »Wirtschaftsrat«-Altherrenclub der CDU jüngst die deutsche Klimapolitik in Frage. Er sei »fest davon überzeugt, dass der Weg nationaler Ziele falsch ist«. Künftig brauche man »europäische und internationale Ziele«, so der freche Taschenspieler-Trick der Fortschrittsbremser. Europa, das ist auch Polen, und Polen ist ein Kohleland mit einer rechten Regierung, die energiepolitisch am liebsten wieder in die Steinzeit zurück will. Europa ist auch Energieunion. Hier will die neoliberale Kommission künftig wieder auf Atomkraft setzen und Milliarden in die Erforschung von Mini-Kernkraftwerken stecken. Und international, das sind die Vereinigten Staaten von Amerika, wo Präsident Trump gerade Obamas ambitionierte Klimaschutzpolitik per Dekret eingestampft hat, und den Beschäftigen im Kohle- und Industriesektor falsche Versprechungen macht. Und auch in einigen Bundesländern machen Windkraftgegner einen auf Trump und AfD, und fallen dem Ausbau der klimafreundlichen, oft von kleinen Bürgerenergie-Genossenschaften vorangetriebenen Stromgewinnung mit altbekannten, aber zigfach wiederlegten Pseudo-Argumenten in den Rücken.

Woher rührt dieses Anrennen gegen Veränderung zum Besseren und Richtigen? Ich erinnere mich da an ein Gespräch mit dem deutschen Chef-Verhandler auf den UN-Klimakonferenzen, Karsten Sach. Der große und schlaue Mann mit Doktortitel aus dem Umweltministerium erkannte etwas, das ich »den letzten Schrei« der alten Männer nennen möchte. Ja, Männer, alte Männer, es sind in der Mehrzahl männliche Stimmen, die gegen Windräder und Solarpaneele nöhlen, bei lauten Autos, stinkenden Kohleschloten und rohstofffressenden Stahlkraftwerken (sie alle schaden der Gesundheit) aber schweigen. Und die Jugend hat den Klimawandel längst verstanden und erwartet, dass sie in ihrer Ausbildung auch auf die Zukunft vorbereitet werden, statt Angst vor Neuem zu schüren.

Wir stehen an einer Schwelle und müssen die nächsten Schritte gehen. Wenn eine technologisch-gesellschaftliche Transformation davor steht aus den Kinderschuhen zu kommen und sich gegen das Überkommene durchzusetzen, sinnierte Herr Sach damals mit seiner leisen, nachdenklichen Art, dann mobilisieren diese alten Kräfte ihre letzten Reserven, organisieren den letzten Widerstand, ziehen runter. Der Lauf der Notwendigkeit, wie es die Energiewende ist, dieses Windrad der Geschichte wird sich aber weiter drehen. Wer links ist, kann nicht für die alten Energien sein. Wer links ist, muss diesen Wandel zur Bewahrung von Natur und Lebensraum von Millionen von Klimawandel-Betroffenen mit guten und vor allem sozialen Vorschlägen gestalten, nicht aufhalten wollen. Das laute Geschrei der Energiewende-Gegner ist ein gutes Zeichen: Denn es ist ein letztes Aufbäumen gegen den in Fahrt gekommenen Wandel.