/ Klima und Wandel

Widerstand leisten für die Natur

Ob »Neue Seidenstraße« oder »imperialer Lebensstil«: Alberto Acosta fordert einen Kampf für eine Allgemeine Erklärung der Naturrechte

Von Alberto Acosta

Seit Ahnengedenken lebt die Menschheit mit der Angst vor der Unberechenbarkeit der natürlichen Elemente. Schritt für Schritt hat sich der uralte und schwere Kampf ums Überleben verwandelt in den verzweifelten Versuch die Natur zu dominieren. Langsam hat sich das menschliche Wesen über seine gesellschaftlichen Organisationsformen beim Sprechen über die Natur von dieser entfernt. Man ist sogar so weit gegangen, die Natur zu definieren, und die Menschheit als integralen Bestandteil von ihr auszuschließen. Damit war der Weg geebnet die Natur zu dominieren und zu manipulieren. Vor allem in der kapitalistischen Zivilisation, die, wie wir jeden Tag sehen, alles zu Markte trägt, was sie kann. Ihre Gefräßigkeit kennt keine Grenzen. Jüngstes Beispiel ist der Vorschlag einer »Neuen Seidenstraße« durch den chinesischen Imperialismus.

Angesichts dieser uralten Vision der Dominanz und Ausbeutung, unterstützt durch die tiefe Spaltung zwischen Wirtschaft und Natur, die weltweit viele Probleme schafft, sind zahlreiche Stimmen laut geworden, die Alarm schlagen. Und die viele Alternativen vorschlagen, getragen von vielen Gemeinschaften, die rund um den Globus Widerstand leisten. Ihr Punkt ist klar: Die Natur ist endlich, sie hat Grenzen der Belastung. Und diese Grenzen werden und wurden überschritten.

Die unübersehbare Krise durch das Überschreiten dieser natürlichen Grenzen führt uns notwendigerweise zu der Infragestellung der gegebenen soziopolitischen Institutionalität und Organisation. Dies zu unterlassen führt nur zu einer Ausweitung der exklusiven und autoritären Tendenzen, genauso wie zu mehr Ungleichheit und Ungerechtigkeit, ohne die das kapitalistische System nicht zu denken wäre.

Die Überwindung des Kapitalismus erfordert eine Gleichzeitigkeit von Klassenkämpfen, Kämpfen der Entkolonialisierung, feministischen Kämpfen und Öko-Kämpfen. Um die sich verschärfende Verschlechterung durch den Klimawandel aufzuhalten, im Übrigen auch ein spezielles Phänomen des Kapitalismus, müssen wir der Trennung von Mensch und Natur ein Ende setzen. Wir müssen eine Wiedervereinigung schaffen! Um diese gigantische Transformation zu schaffen, die ohne Zweifel ein zivilisatorischer Fortschritt ist, besteht eine der wichtigsten Aufgaben in der Entmerkantilisierung der Natur. Begonnen werden kann damit mit dem Wasser. Seine Entprivatisierung bedeutet nicht seine Verstaatlichung, sondern seine Vergesellschaftung.

Es ist auch die Zeit gekommen, dass die Ökonomie – als eine untergeordnete Wissenschaft anderer Gesellschaftswissenschaften, in denen aber der Mensch über dem Kapital steht – sich unter die Funktionsgesetze der Natursysteme unterordnet. Es geht darum, dass für alle Menschen ein Leben in Würde ermöglicht wird. Es geht nicht darum, dass die Natur nicht angerührt wird, während Millionen von Menschen an Hunger und Armut zu Grunde gehen. Aber auch nicht darum, dass die »imperiale Lebensweise« (Ulrich Brandt/Markus Wissen) der herrschenden und privilegierten Klassen im Norden weiter unterstützt wird.

Die vorangestellten Überlegungen stellen das konzeptuelle Gerüst der avantgardistischen Schritte dar, die von der Verfassungsgebenden Versammlung von Montecristi in Ecuador beschritten wurden. Sie machen klar, in welche Richtung die Errichtung einer neuen gesellschaftlichen Organisationsform zu gehen hat. In dieser Verfassung, angenommen im Jahr 2008, wurden die Rechte der Natur anerkannt. Die Natur wird als Rechtssubjekt verstanden. Ihr wird das Recht auf Erholung und Wiederherstellung zugesprochen, eine historische Errungenschaft der Menschheit. Die Wiederherstellung unterscheidet sich von der Entschädigung, die für Menschen gilt. Aber deren Lebensbedingungen von jeder Art der Umweltzerstörung beeinträchtigt werden können, die von anderen Menschen verursacht wurde, ein Thema, das in den Umweltrechten als Teil der Menschenrechte verankert ist.

In der langen Geschichte des Rechts wurde jede Erweiterung von Rechten als zuvor undenkbar betrachtet. Die Emanzipation der Sklaven, die Ausweitung von Rechten für Afroamerikaner, für Frauen, für Jungen und Mädchen wurde in ihrer Zeit immer als absurd abgetan. Es wurde »das Recht, Rechte zu haben« erstritten. Dazu war stets ein langer politischer Kampf notwendig, um die Rechte und Institutionen zu überwinden und zu ändern, die diese Rechte verweigerten.

Die Befreiung der Natur aus ihrem rechtslosen Zustand, aus ihrer Reduzierung auf ein Objekt des Eigentums, hat viel politischen Kampf gefordert. Und fordert ihr weiterhin! Das Verfassungsgericht von Kolumbien hat den Fluss Río Atrato jüngst als »Subjekt von Rechten« und Träger besonderer Schutzbestimmungen bestimmt. Um das zu erreichen werden Aktionen der Bürgerinnen und Bürger gefragt, wie sie etwa in Deutschland von der Anti-Kohlebewegung von »Ende Gelände – Kohle stoppen, Klima schützen« kommen, einer Kampagne, bei der zuletzt hunderte Menschen den offenen Tagebau des Energieriesen Vattenfall blockierten.

Was wir brauchen, ist eine Allgemeine Erklärung der Naturrechte, als Ausgangspunkt zum Aufbau harmonischer Beziehungen der Menschen mit ihrer Mutter Erde, Madre Tierra.

*Übersetzung: Benjamin Beutler