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Die Zukunft hat längst begonnen

Solidarische Gestaltung statt Prekarisierung und neuer Ungerechtigkeit: Ein Gastbeitrag zur linken Debatte über die Digitalisierung

Von Imke Elliesen-Kliefoth, Jana Hoffmann, Klaus Lederer

Am 30. August 2017 sorgte sich Zeit Online öffentlichkeitswirksam um die Zukunft von »Frau Krause« – ihr Arbeitsplatz sei bedroht. Frau Krause steht für all die industriellen Einfacharbeiten und software-kompatiblen Dienstleistungsarbeiten, die durch Automatisierung ersetzt werden könnten. Algorithmen erledigen in einer Stunde wofür Frau Krause eine Woche braucht, im Sinne der Effizienzsteigerung soll sie also ihren Schreibtisch räumen. Praktischerweise braucht ein Algorithmus keinen Urlaub, keine Ruhezeiten und fordert auch keinen Betriebsrat ein – zur Freude der Arbeitgeber*innen.

Höchstens krank wird der Algorithmus ab und an, dann wird ein Software-Experte gerufen: Frau Krause, schulen Sie doch um, qualifizieren Sie sich, das Leben geht weiter, so die Abschiedsrufe der Arbeitgeber*innen. Die Gewerkschaften, vertreten durch Frank Bsirske, Vorsitzender der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di. wollen Frau Krause helfen. Das ist ihr Job. Und das ist aktuell notwendiger denn je. Das Problem: neben mangelnder Tarifbindung brauchen auch die Gewerkschaften neue Antworten auf den aktuellen Wandel der Arbeitswelt. Frank Bsirske hat das Problem erkannt. Gebannt aber hat er es - noch - nicht.

Der folgende Artikel analysiert den fortschreitenden Wandel der Arbeitswelt aus linker Sicht und zeigt Handlungsoptionen und Gestaltungsspielräume einer sozialen und (gender-)gerechten Gestaltung von Arbeit und Lebens- wie Arbeitszeit auf: Arbeit und Leben 4.0.

Wir leben im Zeitalter der Digitalisierung. Unser Alltag und auch große Teile des Arbeitslebens sind digital geprägt. Vom Smartphone und Laptop, über Streaming und Smart-TV, E-Paper und E-Books, Navigationssystemen, Online-Dienstleistungen und Plattformen bis hin zum E-Government in Behörden und Betrieben – überall arbeiten, kommunizieren und konsumieren wir digital.

Als LINKE greifen wir die Chancen und die Risiken dieser neuen digitalen Welt und Gesellschaft gleichermaßen auf und analysieren sie im Kontext der gesellschaftlichen Verhältnisse. An uns liegt es, die Umstände, Bedingungen und Auswirkungen digitaler Prozesse zu bewerten und allen Zuständen entgegen zu wirken und alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist .

Globaler Neoliberalismus, Neo-Nationalismus, eine sich verstärkende soziale Spaltung, demografischer Wandel, Zuwanderung und Fragen der Geschlechtergerechtigkeit und Diversität bilden einen komplexen Gesamtzusammenhang mit der Digitalisierung aller Lebensbereiche.

Denn die Frage nach den Veränderungen und Implikationen der Digitalisierung ist immer auch die Frage: Wie wollen und wie werden wir zukünftig arbeiten und leben? Digitalisierung und Kapitalismus gehen Hand in Hand. Wie können wir angesichts dessen eine linke Utopie mit der Digitalisierung entwickeln und welche Chancen bieten die gegenwärtigen Veränderungen, linke Ideen in der Arbeitswelt zu verwirklichen? Was sind unsere linken Vorstellungen einer gerechten, ökologischen, gendergerechten und ressourcenschonenden Arbeitswelt von morgen?

Wandel der Arbeitswelt

Spätestens mit der Agenda-2010-Politik und zusätzlich mit der Digitalisierung greift ein rasanter Wandel der Arbeitswelt um sich. Der Dienstleistungssektor wächst stetig und technische Innovationen lassen die Automatisierung ganzer Tätigkeitsbereiche möglich erscheinen: Produktion mittels Roboter, Softwareprogramme statt Buchhalter*innen oder Bankangestellten, Scangeräte statt VerkäuferInnen. Alles und alle müssen schneller, genauer und flexibler werden, um mithalten zu können und am Ende gewinnt allermeist das Interesse der Kapitalgeber*innen aber viel zu selten die Menschen.

Dieser Wandel lässt sich greifbar und plastisch machen anhand von Beschäftigungszahlen und Art der Beschäftigung: Neben der immer noch großen Gruppe der Menschen mit fester Arbeit und Einzahlungen in die sozialen Sicherungssystem gibt es eine immer größere werdende Gruppe der Selbstständigen, Soloselbständigen und der Menschen, die geringfügig oder teilzeitbeschäftigt sind. Die Grenzen zwischen »typischen« und »atypischen« Beschäftigungsverhältnissen verschwimmen zunehmend, das heißt, immer mehr Menschen wechseln zwischen abhängiger und selbstständiger Tätigkeit.

So stellt das Statistische Bundesamt schon 2012 fest, dass der Anteil des »Normalarbeitsverhältnis« vom Jahr 1999 bis zum Jahr 2009 von 71,5 Prozent um 5,1 Prozentpunkte absank, gleichzeitig stieg der Anteil der atypischen Beschäftigung von 17,6 Prozent auf 22,1 Prozent an, Tendenz: steigend. Das sogenannte »Normalarbeitsverhältnis« hat starke Konkurrenz bekommen. Und mit diesem Anstieg von Teilzeitarbeit, befristeten Verträgen, Leiharbeit oder Werkverträgen weitet sich der sogenannte Niedriglohnsektor immer weiter aus und die Tarifbindung sinkt.

In Deutschland sind die Einkommen in den letzten Jahren weit auseinander gedriftet, es gibt einen eklatanten Unterschied zwischen Menschen, mit Vermögen und Menschen, die über keinen Besitz verfügen. Frauen verdienen nach wie vor weniger als Männer.

Der Wirtschaftsaufschwung kommt bei den meisten Menschen nicht an – im Gegenteil, die Zahl der Menschen, die daran nicht teilhaben, nimmt immer weiter zu.

Was heißt hier eigentlich »Arbeit«?

Digitaler Wandel und neue Technologien – das bedeutet für die bestehenden wirtschaftlichen Produktionszusammenhänge eine Verschiebung der althergebrachten Kräfteverhältnisse. Neue Märkte, neu zusammengesetzte Wertschöpfungsketten und ein damit einhergehend liberalisierter Arbeitsbegriff – all dies bietet eine Chance zur Gestaltung.

Der »alte« Gegensatz von Arbeitnehmer*in und Arbeitgeber*in verliert seine klaren Begriffsgrenzen spätestens dort, wo Zeitarbeitsfirmen Menschen wie Amazon-Pakete »on demand« liefern. Eine Solo-Selbstständige, die als Crowdworkerin für eine Internet-Plattform arbeitet – ist sie nun tatsächlich selbstständig oder vielleicht doch eine weisungsgebundene Beschäftigte? Sie wird oft zerrieben zwischen Kund*innen, die nicht ihre Kund*innen sind und Dienstleister*innen, die nur Arbeitgeber*innen spielen. Sie zahlt dreifach: Beim Lohn, den sie drücken muss, um vermittelt zu werden, bei der sozialen Sicherung, für die sie meist völlig allein Vorsorge treffen muss und mit Freizeit, die sie einsetzen muss, um den Lohn noch weiter drücken zu können und so am Markt zu bestehen.

Deshalb kommt in der Debatte um Arbeit 4.0 dem Begriff »Solo-Selbständige« eine prominente Rolle zu. Wie ein roter Faden verbindet er die Themen der Debatte um neue Arbeitsformen, sei es im Kontext der Flexibilisierung von Arbeit, im Rahmen neuer Geschäftsmodelle der Plattform – oder Sharing-Ökonomie oder in Bezug auf die Frage existenzsichernder Vergütung.

Ein Bereich des Arbeitsmarktes, in dem sich schon heute die Entwicklung neuer Arbeitsformen und die Rolle selbstständiger Tätigkeiten im Kontext der Digitalisierung wie in einem Brennglas beobachten lässt, ist die Kultur- und Kreativwirtschaft.

Rund 1,6 Millionen Menschen verdienen heute ihr Geld in dieser Branche. Verschwiegen wird, dass diese Erfolgsgeschichte auch Schattenseiten hat: Zum einen sind schon vor den Umbrüchen der Digitalisierung viele dieser Jobs aus dem öffentlichen Sektor hinausgespart und so auf den freien Markt gezwungen worden. Zum anderen zeichnet sich die Branche nicht nur durch ihr hohes Innovationspotential aus, sondern auch durch einen im Vergleich hohen Anteil von Selbstständigen und geringfügig Erwerbstätigen. Mehr als ein Drittel aller hier Beschäftigten ist geringfügig erwerbstätig, hierunter fallen auch Selbstständige mit einem Jahresumsatz unter 17.500 Euro. Hinzu kommen die rund 15 Prozent an Selbstständigen, die es auf einen Jahresumsatz von über 17.500 Euro bringen.

Die Kreativwirtschaft ist innerhalb eines guten Jahrzehnts zu einem ernstzunehmenden Wirtschaftsfaktor geworden und parallel dazu prekäres Arbeiten gesellschaftsfähig. Zeitgleich ist die Übernahme von in der Kreativbranche entwickelten Arbeitsformen wie Outsourcing, Projektarbeit oder selbstständiges Arbeiten mit ihren Honorar- oder Werkverträgen auf andere Branchen zu beobachten. So ist Leih- und Zeitarbeit oder prekäre Solo-Selbstständigkeit zu einer branchenübergreifenden Normalität geworden, etwa bei den Pflege- oder den Weiterbildungsberufen.

So positiv es für viele ist, ihre Arbeit eigenverantwortlich und selbstbestimmt auszuüben, soviel Kritik gibt es auch an diesem Arbeitsmodell: der prekäre Verdienst, die mangelhafte soziale Absicherung, die Vereinzelung der Arbeitnehmer*innen und die damit einhergehende oft fehlende Selbstorganisation in Verbänden oder Gewerkschaften, die häufig schlechte Position Selbstständiger bei Vertragsverhandlungen, das Lohndumping. Oder die Individualisierung des Scheiterns, die häufige Selbstausbeutung, die ungeregelten Arbeitszeiten und die Ausweitung der Arbeitszeiten, das Credo der permanenten Erreichbarkeit.

Die Landesregierung in Berlin arbeitet daran die Rahmenbedingungen der digitalisierten und liberalisierten Kultur- und Kreativwirtschaft zu verbessern: Durch Honorarpflichten bei durch Landesmitteln geförderten Ausstellungen, Mindesthonoraren bei öffentlich geförderten Kulturprojekten, Allgemeinverbindlichkeit von Tarifabschlüssen, aber auch der Einführung eines Gütesiegels für gute Arbeit bei Crowdworking insbesondere im Bereich der Kultur- und Kreativbranche. Und dennoch, konkrete Maßnahmen auf Ebene eines Stadtstaates reichen nicht aus, um den grundlegenden Wandel, in dem wir uns befinden, positiv zu gestalten.

Wandel der Institutionen

Arbeitsagenturen wie auch die Sozialversicherungssysteme entsprechen heute nicht mehr dem durch die Digitalisierung veränderten Arbeitsmarkt und der Arbeitswirklichkeit der Menschen. Neue Arbeitsformen erfordern neue rechtliche Rahmenbedingungen, die an das digitale Arbeiten angepasst sind. Neben der Arbeitszeit und den Arbeitnehmer*innenrechten, geht es hier um Mitbestimmung und Interessenvertretungen, aber genauso um die sozialen Sicherungssysteme.

Soziale Sicherung muss statusunabhängig werden, also alle Gruppen von Arbeiter*innen einschließen, insbesondere jene, die derzeit durch Technologisierung weiter prekarisiert werden. Wollen wir dem Wandel der Arbeitswelt gerecht werden, muss es auch für (Solo-)Selbstständige möglich sein, in die Erwerbslosen-, Gesundheits-, Renten- und Pflegeversicherung einbezogen zu werden. Dafür setzen sich die links-mitregierten Landesregierungen auch Bundesrat ein. (Solo-)Selbstständige müssen das Recht bekommen, bei Kund*innen und Vermittlungsdienstleister*innen entsprechende Beiträge einzufordern.

Und wenn wir wollen, dass unsere sozialen Sicherungssysteme auch zukünftig noch Sicherheit bieten, dann brauchen wir eine solidarische Gesundheits- und Pflegeversicherung für alle und den Ausbau der gesetzlichen Rentenversicherung zu einer Erwerbstätigenversicherung für alle Erwerbstätigen – auch für Selbstständige.

Weiter müssen wir ein Recht auf Auszeit zur Krankheitsvermeidung und ein Recht auf Nicht-Erreichbarkeit einfordern. Nicht zuletzt wird all das nur gelingen mit dem Ausbau wirkmächtiger Interessensvertretung durch (etablierte wie neue) Gewerkschaften oder Verbände, wo es noch keine entsprechenden Strukturen gibt.

Die Deregulierung von Arbeitnehmer*innenrechten und Automatisierung von industriellen Einfacharbeiten, wie auch Dienstleistungsarbeiten mittleren oder einfachen Komplexitätsgrades sind längst Realität. In diesen Zusammenhang gehört auch die Frage, was heute der Begriff »Betrieb« meint. Auch hier verschwimmen die Begriffsgrenzen, ohne das Betriebe an Bedeutung verlören.

Wollen wir aber Arbeitnehmer*innen-Rechte und Mitbestimmungsrechte ins digitale Zeitalter retten, dann müssen wir den Begriff »Betrieb« neu definieren. Digitales Arbeiten ist nicht mehr lokal gebunden. Es erfordert keine mit Stechuhr kontrollierte Präsenzzeiten und ist dennoch oft einer ständigen digital unterstützten Kontrolle von Arbeitsleistung und Arbeitszeit ausgesetzt. Wir täten gut daran die betriebliche Umgebung in Zukunft als Kollektiv verschieden begabter und kompetenter Menschen und Maschinen zu begreifen, die ihre Aufgaben gemeinschaftlich erledigen. Der moderne Betrieb: ein Netzwerk? Warum nicht? Statt Deregulierung also Gestaltung.

Risiken der Digitalisierung

Digitalisierungsprozesse dienen heute viel zu oft zunächst allein als eine weitere Stellschraube, um Arbeitnehmer*innenrechte zu beschneiden und Produktivität auf Kosten der Umwelt zu steigern. Das setzt die Menschen dem erhöhten Risiko von Arbeitsplatzverlust und von sozialem Abstieg aus und bedeutet eine sich verstärkende soziale Konkurrenz.

All dies schürt Ängste, Umfragen zeigen deutlich, die Mehrheit der arbeitenden Menschen sieht hier eine als nicht greifbar wahrgenommene Macht: »Die da oben«, »die Märkte« ziehen die Stellschraube der Unterdrückung durch den Kapitalismus kontinuierlich weiter an. Digitalisierter Fortschritt führt so zu neuen Fabriken mit menschenleeren dunklen Roboterfarmen und Perspektivlosigkeit statt zu einem ausgewogenen Verhältnis von guter Arbeit und besserem Leben.

Fakt ist: Die Durchsetzungswahrscheinlichkeit neuer Technologien folgt in erster Linie ökonomischen Interessen. Sie hängt weit weniger von der Machbarkeit ab. Dementsprechend geht es darum, politische Entscheidungskompetenzen über Digitalisierungsstrategien zu stärken und marktökonomische Interessen einzugrenzen.

Wie könnte das aussehen? Hier gibt eine ebenso simple wie überzeugende linke Antwort: Wir müssen die Entscheidung über Bedingungen der Arbeit in die Hände der Arbeitenden legen und diese bei der Durchsetzung ihrer Rechte politisch unterstützen! Wie die Digitalisierung in den Fabriken, Büros und Co-Working-Spaces Einzug hält und damit Arbeitsprozesse und Berufsbilder ändert, muss gemeinsam mit den Arbeitnehmer*innen und arbeitenden Menschen bestimmt werden.

Deshalb ist es selbstverständlich, dass Mitbestimmung im Kontext von Digitalisierungsstrategien im Vordergrund stehen muss. Ein Detailbeispiel dafür, dass all dies im Hier und Jetzt geschehen kann und muss, ist der von der Berliner Landesregierung geführte Dialogprozess »Arbeit4.0 – made in Berlin«, der die Rahmenbedingungen für sichere, stabile und gesunde Arbeitsverhältnisse in einer digitalisierten Wirtschaft befördern soll.

Für ein neues Normalarbeitsverhältnis

Veränderungen in der Art und Weise, wie wir arbeiten, flexibler, kürzer, mal selbstständig und mal angestellt, befristet oder über einen längeren Zeitraum hinweg, werden von verschiedenen Menschen unterschiedlich wahrgenommen. Was viele ängstigt oder schlicht überfordert, stellt für die anderen eine Chance dar. Eine sogenannte »brüchige Erwerbsbiografie« kann auch als eine selbstbestimmte, den jeweiligen Lebensphasen mit ihren je eigenen Anforderungen angepasste Biografie verstanden werden. In ihr liegen Chancen für die jeweils individuelle Lebensgestaltung.

Dennoch ist es bis dahin ein weiter Weg. Der prekäre Schichtarbeiter oder die Kassiererin im Drogeriemarkt wird mit dem Versprechen nach Zeitsouveränität, Flexibilisierung und verringerter Arbeitszeit nur dann positive Merkmale verknüpfen, wenn mit ihnen auch ein vernünftiger, für ein gutes Leben ausreichender Lohn sowie gute Arbeitsbedingungen, Mitbestimmung und ein gesetzlicher Schutz der Freizeit verbunden sind.

Es ist wichtig und richtig, die allgemeine Verkürzung der Wochenarbeitszeit zu fordern. Aber das geht nicht ohne Lohnausgleich und Personalaufwuchs und dafür müssen die sozialen und ökonomischen Rahmenbedingungen für die oder den Einzelnen stimmen.

Oft verschwimmt die Grenze zwischen Unsicherheit und Selbstbestimmung, zwischen Selbstständigkeit und Selbstausbeutung und es ist wichtig zu hinterfragen, welche realen Entscheidungsoptionen der und die Einzelne hat, um seinen und ihren Lebensunterhalt verdienen zu können.

Aber auch hier liegt – wie eingangs gesagt – die Digitalisierung längst nicht mehr in der Zukunft: Denn, was eine Gruppe von Menschen für sich als Arbeitnehmer*innen ablehnt – die Ausweitung von Arbeitszeiten – wird im Privaten dennoch in Anspruch genommen. Die Forderung nach geregelten Arbeitszeiten, Schutz vor Entgrenzung von Arbeit und ständiger Erreichbarkeit geht parallel einher mit dem gleichzeitigen Nutzen von flexiblen Ladenöffnungszeiten bis hin zur 24-Stunden-Öffnung.

Und auch der Wunsch nach Dienstleistungen nach Ende des eigenen Arbeitstages, längeren Öffnungszeiten bei Ärzt*innen und Behörden, flexiblen Kinderbetreuungszeiten in KiTa und Hort, dem Nutzen von Essens- oder Einkaufslieferdiensten in urbanen Metropolen und Internetbestellungen zu jeder Tageszeit spiegelt dies wider.

Diese Differenz zwischen eigenem Anspruch und Konsumverhalten zeigt exemplarisch die parallele Entwicklung neuer Arbeits- und Lebensformen zum traditionellen »Normalarbeitsverhältnis«, genauso wie das Zerfallen der Wirksamkeit von alten gesetzlichen Regulierungen.

Damit der Eine nach der Arbeit einkaufen kann, muss die Andere am Abend arbeiten, wenn alles jederzeit verfügbar sein soll, fallen feste Feierabendzeiten und feste freie Wochenenden weg. Wir können uns regelmäßige Ruhetage und gesicherte Tagesfreizeiten allerdings auch in der digitalisierten Welt gut vorstellen. In der digitalen Gesellschaft spielen Tag und Nacht, Woche und Wochenende immer weniger eine etablierte Rolle. Der technologische Fortschritt macht Menschen zunehmend unabhängiger von natürlichen Rahmenbedingungen und tradierten Verhaltensmustern. Eine andere Gesellschaftsordnung ist auch hier möglich.

Es kommt auf gemeinsame gesellschaftliche Aushandlungsprozesse an, bei denen nicht zwischen oben und unten, sondern zwischen gleichgestellten Individuen verhandelt wird. Warum soll es nicht möglich sein, Schichtpläne mit Rücksicht auf Familie, Kinder und private Bedürfnisse der Werktätigen zu entwickeln? Dann muss die Mutter mit Kindern keine Nachtschicht arbeiten und die- und derjenige, der gerne ausschläft, übernimmt die Spätschicht.

Schon heute gibt es verschiedene Arbeitszeit-Modellprojekte in Unternehmen und Vorschläge zur Arbeitszeitgestaltung seitens der Gewerkschaften. So hat zum Beispiel Volkswagen in Braunschweig das Mobile Arbeiten eingeführt: Arbeitnehmer*innen können ihre Arbeitszeit zwischen 6 und 22 Uhr frei wählen. In der industriellen Produktion mit Schichtarbeit gibt es vereinzelte Modelle, die einen »Schicht-Doodle« anbieten, der es den Arbeiter*innen ermöglicht, ihre Schichten selbstbestimmt einzuteilen.

Alle neuen Arbeitszeitmodelle, wie etwa die im Einzelhandel kapazitätsorientierte variable Arbeitszeit sollten allerdings kritisch auf ihren Nutzen sowohl für Arbeitnehmer*innen als auch für Arbeitgeber*innen geprüft werden. Letztgenanntes ist leider ein Modell, dessen Vorteile ganz überwiegend auf Seiten der Arbeitgeber*innen liegen und das deshalb stark in der Kritik steht. Um dieser Kritik Gehör zu verschaffen, ist schon bei der Erprobung neuer Modelle auf eine verpflichtende betriebliche Mitbestimmung zu setzen.

Den Wandel der Arbeitswelt wollen die Unternehmen für sich gewinnbringend gestalten. Wenn sie Arbeitnehmer*innen bessere Arbeitszeiten und Flexibilität ermöglichen, geschieht dies oftmals nicht aus altruistischen Gründen, sondern weil zufriedene Arbeitnehmer*innen bessere Arbeitnehmer*innen sind und sie somit motiviert sind, noch mehr zu arbeiten. Dabei sind die Grenzen zwischen Selbstausbeutung und freiwilligem Mehreinsatz fließend.

Eine Neustrukturierung und Definition von Arbeit muss aber auch an einem weiteren Punkt ansetzen: Arbeit ist bei weitem nicht nur Erwerbsarbeit. Wir müssen also Arbeit weiter denken und bisher schlecht oder gar nicht bezahlte Arbeitsbereiche wie Pflege, Bildung und Familienarbeit deutlich aufwerten und bezahlen. Es geht um eine gerechte Verteilung aller Arbeit statt Teilzeitfalle und Minijobs. Und es geht um eine echte Umsetzung der Vereinbarkeit von Beruf und Familie, mit Equal Pay, fairer Vergütung, Mindestlöhnen, Mindesthonoraren sowie einer sozialen Absicherung inklusive einer solidarischen Mindestrente und wirksamen Mitbestimmungsrechten aller Arbeiter*innen, ob irgendwie selbstständig oder nicht. Letztlich also brauchen wir eine neue Definition von Erwerbsarbeit, mithin ein anderes Verständnis vom »Normalarbeitsverhältnis«.

Dies gilt umso mehr, weil auch aus linker feministischer Sicht Begriffe wie Vereinbarkeit und Work-Life-Balance nicht ohne Schwierigkeiten positiv zu verwenden sind. Vereinbarkeit im klassischen Sinne meint das gelingende Übereinbringen von Zeiten der Erwerbsarbeit mit Zeiten der Kinderbetreuung, Pflege oder Haushaltsführung. Der klassische Vereinbarkeitsgedanke setzt dann auch die Möglichkeit des Alles-unter-einen-Hut bringen-Könnens voraus. Und es setzt voraus, dass ein gelingendes Leben nur mit Erwerbsarbeit funktionieren kann.

In unserer noch immer patriarchal geprägten Arbeits- und Lebenswelt bedeutet Vereinbarkeit dann immer auch die klare Benennung des Subjekts: wenn von Vereinbarkeit gesprochen wird, ist zum größten Teil die Frau angesprochen, auf die weder im Kapitalismus als Arbeitskraft noch im »Privatleben« als Hausfrau und Mutter verzichtet werden kann. So wird die geschlechtsbasierende Rollenzuteilung zementiert.

Betrachten wir Branchen, in denen die Digitalisierung stark Einzug halten wird und die die Möglichkeit zu mobilem Arbeiten mit flexiblen Arbeitszeiten bieten: Es liegt auf der Hand, dass ständige Erreichbarkeit, die große räumliche Mobilität und die betriebliche Verfügbarkeit meist mehr Hindernis als Förderung für eine echte Vereinbarkeit von Familie und Beruf sind, die für beides ausreichend Zeit lässt und nicht das eine mit dem anderen überlagert. Doch die Auflösung starrer Schranken und Zeitabfolgen in der Erwerbsarbeit kann auch die Stärkung partnerschaftlicher Arrangements und gelungener Vereinbarkeit bedeuten.

Wir sind der Überzeugung, dass die Prekarisierung der Arbeitswelt gestoppt werden muss und kann. Es muss möglich sein, gleichzeitig planbare und geregelte Arbeitsverhältnisse zu haben, die allen Geschlechtern genügend Platz für das eigene Leben, für Familie und Freunde und mehr Selbstbestimmung lassen. Die Digitalisierung bietet, eingebettet in die richtigen, menschengemachten, sprich politischen Rahmenbedingungen auch die Chance, die ausgetretenen Pfade der Liberalisierung und Prekarisierung zu verlassen, denn sie macht die aktuellen Verhältnisse auf eklatante Art sichtbar.

Nutzen wir diese Chancen der Digitalisierung für ein Umdenken in Richtung Ressourcen- und Verteilungsgerechtigkeit – gestalten wir unser Arbeiten und Leben neu!

Imke Elliesen-Kliefoth, ist Sprecherin der Landesarbeitsgemeinschaft Kultur der Linkspartei in Berlin. Jana Hoffmann ist Mitglied im Landesvorstand der Linkspartei Berlin, Klaus Lederer ist Kultursenator der Hauptstadt.