/ Kultur

Es fehlt nach wie vor die kritische Sicht

Journalistin Hanna Ongjerth im Gespräch über die zunehmende Bedeutung von Fake News und Sozialen Medien und über den Niedergang der Medienfreiheit in Ungarn

Von Florian Brand

Sie haben bis zur Schließung im Oktober 2016 für Ungarns größte regierungskritische Tageszeitung gearbeitet. Wie haben Sie den Niedergang der »Népszabadság« miterlebt?

Das war schrecklich. 2014 hatte »Népszabadság« einen Tiefpunkt erreicht und wurde von dem österreichischen Finanzinvestor Heinrich Pecina aufgekauft. Das hat natürlich für Verwunderung gesorgt, weil die Zeitung keine Goldgrube war. Aber in der Folge ging es tatsächlich bergauf mit der Zeitung. Es sind sogar neue Mitarbeiter eingestellt und eine investigatives Team aufgebaut worden. Im Herbst sollte die Redaktion dann in ein anderes Gebäude umziehen. Einen Tag vor dem geplanten Umzug kam die Mitteilung, dass alle Redakteure und Kollegen freigestellt sind. Damit war die Schließung der Zeitung quasi vollzogen.

Das Ganze hat sich also in keiner Weise abgezeichnet?

Überhaupt nicht. Man konnte bis zuletzt schreiben, was man wollte. Ich habe damals im Kulturressort gearbeitet und auch Reportagen über Flüchtlingsthemen für die Wochenendsbeilage abgeliefert. Meine Texte wurden nie zensiert. Früher hatte ich auch die bildungspolitischen Beilagen redigiert - auch da gab es keinen Druck, weder von oben noch von sonst wo. Die meisten Kollegen aus den anderen Ressorts würden dasselbe sagen. Wenn also politischer Druck ausgeübt wurde, dann haben das die Mitarbeiter nicht mitbekommen.

In einem Artikel, den Sie für das »neue deutschland« (14. Oktober 2016) geschrieben haben, schreiben Sie, »die Zeitung wurde ermordet«. Von wem?

Im übertragenen Sinne vom politischen Interesse, dem freie und regierungskritische Berichterstattung in Ungarn ein Dorn im Auge ist. Im engeren Sinne von dem Medienmogul, der den ganzen Verlag übernommen und die Zeitung dicht gemacht hat.

Inwiefern steht die Schließung der Zeitung stellvertretend für den Niedergang der Medienfreiheit in Ungarn seit der Wahl Viktor Orbáns im Jahr 2010?

Das ist ein längerer Prozess, dessen markantester Punkt sicherlich die Schließung von »Népszabadság« ist. In diesem Sinne war der Niedergang eine Zäsur. Wir haben als größte politische überregionale Tageszeitung in Ungarn auch diejenigen respektiert, die nicht unsere Leserinnen und Leser waren. Der »Mord« dieser Zeitung hat also auch einen symbolischen Charakter, der stellvertretend für die Einschränkung der Medienfreiheit in Ungarn steht.

Was machen die Journalisten jetzt, die zuvor bei »Népszabadság« gearbeitet haben?

Viele sind zur überregionalen »Népszava« gewechselt, die eine geringere Auflage hat und noch weiter links als »Népszabadság« steht. Andere sind bei verschiedenen Wochen- oder Online-Zeitungen.

Gibt es jetzt noch in irgendeiner Weise regierungskritische Berichterstattung?

Ja, es gibt Online-Zeitungen, die in privaten Händen sind. Die können noch kritisch Bericht erstatten. Aber die werden quasi nicht ins Parlament reingelassen. So können sie mit vielen Politikern nicht sprechen. Der Ministerpräsident gibt zum Beispiel seit sieben Jahren keine Interviews mehr gegenüber Zeitungen, die nicht regierungsnah sind. Genauso sieht es mit Informationen aus, die eigentlich im öffentlichen Interesse liegen. Die sind für uns kritische Journalisten viel schwieriger zugänglich. Das ist das Ergebnis eines neuen Mediengesetzes, das vor ein paar Jahren verabschiedet worden ist.

Welche Rolle spielen die Sozialen Medien?

Heutzutage kann jeder Journalist sein. Auf der anderen Seite nehmen »Fake News« zu. In einer idealen Gesellschaft würde die soziale Seite Kritik an der offiziellen Berichterstattung üben. Dadurch könnte sich die Nachrichtenlage ausgleichen. Aber so weit sind wir noch nicht. Es fehlt nach wie vor die kritische Sicht – im Fernsehen wie in Sozialen Medien. Wir Journalisten haben daher die Verantwortung, weiterhin gewissenhaft zu arbeiten. Anders können wir nicht gegen dieses System ankommen.

Sie sagten, »Fake News« nehmen zu. Was meinen Sie damit?

Es gibt seit 2015 eine zentrale Nachrichtenwerkstatt mit Sitz in Budapest. Diese Redaktion übernimmt staatliche Narrative und Rhetoriken der Regierungspolitiker und verbreitet sie. Außerdem werden Umfragen und Statistiken angefertigt, die einzig und allein dazu dienen, das Volk in eine bestimmte Richtung zu lenken. Die produzieren - oft anonym - sowohl Material für staatliche Nachrichtensender und -zeitungen, als auch für die Boulevardmedien. Damit erreichen sie sogar diejenigen, die politisch überhaupt nicht interessiert sind. Da wird Politik zwischen den Zeilen gemacht. Der größte Teil der Printmedien ist ohnehin im Besitz staatlicher Medienmogule. Das ist eine Ebene von »Fake News«, die in Ungarn derzeit zu finden ist. Zudem gibt es viele Prozesse gegen diese Zeitungen, weil die Berichte über oppositionelle Politiker oft nicht richtig sind.

Der Untertitel der Veranstaltung »Europa im Salon« vom 8. Dezember, an der Sie teilnahmen, lautete »Repression und Revolution«. Was revolutioniert die Medienwelt?

Dadurch, dass jeder schreiben kann, was er will, ist die Verbreitung von »Fake News« wahrscheinlicher geworden. Andererseits ist es auch eine gute Sache, dass die Berichterstattung vielseitiger wird und dass es immer noch Menschen gibt, die verantwortungsvoll mit Nachrichten umgehen. Insofern kann man das als Revolution definieren. Das könnte eigentlich eine gute Sache sein.

Ist es aber nicht?

Das kann ich noch nicht eindeutig beurteilen. Das ist ein längerer Prozess, der erst noch zeigen wird, ob da am Ende etwas Gutes bei raus kommt. Informationen zu haben und Sie vermitteln zu können, war bisher ein Privileg und ist immer noch eine enorme Verantwortung, mit der nicht jeder richtig umgehen kann. Ich bin aber angesichts der Mediensituation in Ungarn eh ziemlich skeptisch.

In den vergangenen Jahren hat, so scheint es, die Zahl sogenannter Leaks zugenommen...

...es gibt ständig irgendwelche Vorfälle. Das Problem ist, dass sie in Ungarn keinen Menschen interessieren. Die Politiker wimmeln diese Vorfälle einfach ab. Viktor Orbán hat vor ein paar Jahren vor verschiedenen Diplomaten gesagt, sie sollen nicht darauf achten, was er sagt, sondern was er tut. Die kritische Presse hat sich natürlich darüber empört. Aber die Regierenden haben sich dadurch gar nicht stören lassen. Orbán hat öffentlich kein Wort dazu gesagt und niemand hat nachgehakt.

Aber warum interessiert das niemanden?

Einerseits haben die Ungarn sich noch nicht daran gewöhnt, dass es in ihrem Land eine Demokratie gibt. Sie kennen einfach ihre Rechte nicht. Andererseits sind die meisten eher mit sich selbst beschäftigt. Die haben mehr damit zu kämpfen, sich und ihre Familie über Wasser zu halten. Das kann man natürlich nicht pauschalisieren, aber Budapest ist mit circa zwei Millionen Menschen die größte Stadt Ungarns. Insgesamt leben zehn Millionen Menschen in dem Land. Die zweitgrößte Stadt hat 200.000 Einwohner. Die große Mehrheit lebt also auf dem Land oder in der Provinz. Diese Menschen sind anfälliger für einfache Antworten auf schwierige Fragen, als die Menschen, die in einer internationalen Großstadt wie Budapest leben. Das ist keine Dummheit, sondern Desinteresse und Apathie.

Inwiefern sehen Sie die Medienfreiheit auch für den Rest Europas in Gefahr?

Es gibt schon seit einigen Jahren eine Tendenz zum Rechtspopulismus. Da können wir nur darauf hoffen, dass dieses Desinteresse, das derzeit in Ungarn herrscht, sich nicht auch im restlichen Europa ausbreitet. Und dafür ist es wichtig, dass es auch weiterhin Investoren gibt, die bereit sind Qualitätsjournalismus zu fördern. Das gilt für ganz Europa.

Hanna Ongjerth

Hanna Ongjerth arbeitet seit 2010 als Journalistin. Im Rahmen eines Stipendiums der Robert-Bosch-Stiftung kam sie 2013 für drei Monate nach Berlin. Seitdem schreibt sie auch für »neues deutschland«. Seit 2014 lebt und arbeitet sie in Berlin. Bis zur Schließung 2016 schrieb sie als Berlin-Korrespondentin für die überregionale Tageszeitung »Népszabadság«. Mit ihr sprach für „nd“ Florian Brand.