/ Kultur

Ausgegrabene Baugeschichte

Das ehemalige Kinderheim in der Königsheide zeugt von der Kunst in der frühen DDR

Von Anne Becker

Das großzügige Bauensemble des ehemaligen Kinderheims in der Königsheide in Johannisthal wurde 1953 gebaut und steht seit 1995 unter Denkmalschutz. Hinter dieser Baugeschichte stehen die Namen Edith Donat, Konrad Sage, Gerhard Eichler, Hermann Henselmann, Bert Heller, Ingeborg Meyer-Rey, Paul Rosié, Werner Löschke, Ferdinand Friedrich, Charly Hähnel, Rolf Lindemann, Horst Zickelbein, Walter Womacka und Fritz Kühn. Die Namen der beteiligten Künstler zu recherchieren, war für mich eine spannende Aufgabe, denn es gab zwar noch ihre Werke - aber nur spärliche Hinweise auf deren Urheber. Die Angabe in den unterschiedlichen Archiven zur Kunst am Bau war lediglich: »ein Kollektiv um Bert Heller«.

Kunst am Bau bedeutet in diesem Fall rund 80 Sgraffiti (eine jahrhundertealte Dekorationstechnik zur Bearbeitung von Wandflächen, auch als Kratzputztechnik bezeichnet), drei Bleiglasfenster, ein Betonglasfenster, zwei Figurengruppen und das schmiedeeiserne Eingangstor mit den zwei Eichhörnern. Die Sgraffiti sind Unikate in unterschiedlichen Größen, die Umrandungen der Eingänge wurden dazugezählt. Allerdings waren nur die Künstler Paul Rosié und Ferdinand Friedrich so nett, ihre Arbeiten auch zu signieren. Dass Ingeborg Meyer-Rey die Schöpferin zweier großer, leider verlorener Sgraffiti ist, lässt sich durch die Skizzen und Dokumente nachweisen, die ihr Sohn Grischa Meyer besitzt.

Die anderen Sgraffiti können nur vage zugeordnet werden. Wahrscheinlich stammen nur drei von Bert Heller selbst. Es sind die aufwendigeren Arbeiten. Sie fließen ineinander, und die Motive ähneln dem übermalerten Wandbild von Bert Heller in der Hochschule in Weißensee, deren Rektor er von 1956 bis 1958 war. Sicher ist laut Bauprotokoll, dass Heller mehrmals höchstselbst in der Königsheide war.

Der Urheber des Eingangstors ist bekannt: der große Fritz Kühn. Das Betonfenster gestaltete Rolf Lindemann. Und die Figuren der Gruppe stammen laut Landesarchiv von Professor Heinrich Drake und Studenten. Der Künstler Horst Zickelbein, den ich während meiner Recherchen im Juni 2017 auf Bornholm besuchte, meint: Fritz Ritter war einer dieser Studenten.

Auf den Namen Horst Zickelbein stieß ich durch einen Bleistift-Vermerk auf einem Foto im Archiv der Akademie der Künste. Sein Name war im Zusammenhang mit dem Kinderheim vorher nirgends aufgetaucht. Wenn man jedoch weiß, das Zickelbein damals Student von Bert Heller war, ist seine Beteiligung an den Arbeiten im Kinderheim nicht verwunderlich. Bert Heller hatte ihm die Ausführung zweier Bleiglasfenster angeboten. Heller war ein sehr großzügiger Mensch, der sich um die ihm anvertrauten Studenten kümmerte. Das wird in den verschiedensten Quellen immer wieder betont. Horst Zickelbein bestätigte es mir gegenüber.

Ursprünglich war Horst Strempel Zickelbeins Lehrer an der Kunsthochschule Weißensee gewesen. Vor seinem provozierten Abgang aus politischen Gründen vertraute Strempel seinen als schwierig geltenden Studenten Professor Bert Heller an. Neben den beiden Bleiglasfenstern durfte Horst Zickelbein auch ein Sgraffito fertigen, nämlich den Schwan. Dieses Sgrafitto zuzuordnen, das so anders ist als die anderen Arbeiten, wäre ohne Zickelbeins Selbstauskunft schwerlich möglich gewesen. Seine beiden über zwei Etagen angeordneten Bleiglasfenster zeigen im Gegensatz zu diesem Schwan eine typische Szenerie: Kindergruppen bei Sport und Spiel. Horst Zickelbein, auch als »Darßmaler« bekannt, hat aber auch seine geliebten Darßbäume in den beiden Fenstern untergebracht. Heute sagt er: »Sie sehen ein bissel vertrocknet aus«. Und die Katze findet er »zu klein geraten«.

Als ich ihm das Foto eines weiteren Bleiglasfensters aus dem Kinderheim-Ensemble zeigte und ihn nach dem Urheber fragte, meinte Zickelbein spontan: Womacka. Durch Zufälle und über Nebenwege bin ich dann auch auf den Namen Richard O. Wilhelm gestoßen. Wilhelm, in dessen Familie die Glaskunst eine jahrhundertealte Tradition ist, gründete und leitete das »Kollegium Bildender Künstler Glasgestaltung Magdeburg« und war langjähriger Partner von Walter Womacka. Im Herbst 2017 habe ich Richard O. Wilhelm in Magdeburg besuchen dürfen: Er bestätigte mir schriftlich, dass Womacka dieses Fenster gestaltet hat.

Die Skizze des Fensters habe er in den 60er Jahren während seines ersten Besuchs bei Womacka in der Singerstraße in Berlin-Mitte gesehen. Womacka habe sie ihm als ein Beispiel für die Grenzen seiner Kunst im Glasbild mit den bisherigen Mitteln gezeigt. Vielleicht schlummert die Skizze heute in einem der Kartons aus dem Womacka-Nachlass, die noch nicht archiviert sind. Um sicherzugehen, holte ich eine zweite Meinung zur Urheberschaft des Bleiglasfensters ein - von Uta Papapetrou, Womackas Stieftochter. Auch sie schreibt das Glasfenster nach Sichtung ihrem Stiefvater zu. Die Urheberschaft bestärkend kommt hinzu, dass Womacka 1953 Assistent bei Heller war.

Heute ist das Bauensemble in der Königsheide, das ab 1968 Kinderheim »A. S. Makarenko« hieß, ein Wohnpark. Seit 1995 steht es unter Denkmalschutz. Es ist nicht nur ein einmaliges Zeitzeugnis für die Kunst in der frühen DDR, sondern auch für den Umgang mit genau dieser Kunst in den Jahren nach der DDR: Erst nach dem Kauf durch den jetzigen Bauherrn, die Hilpert AG, ist das Ensemble wirklich unter Schutz gestellt worden. Mit viel Aufwand sind in liebevoller Handarbeit die vielen Sgraffiti und die Fenster restauriert worden.

Ein Rätsel um die Gestaltung des Giebels der Alten Schule ist mittlerweile auch gelöst: Es war eine Uhr, die in den angedeuteten Lorbeerkranz hineinsollte, nicht, wie von vielen behauptet, das Staatswappen der DDR. Notizen von Hermann Henselmann auf den Skizzen von Ingeborg Meyer-Rey und ein Protokoll dazu mit einer Abmahnung über einen unerlaubten Alleingang von Henselmann belegen das.

Anne Becker ist Ko-Kuratorin der Ausstellung »Horst Zickelbein. Obsessionen. Malerei, Grafik, Kunst am Bau«, die derzeit auf der Burg Beeskow gezeigt wird, und Herausgeberin der »Blauen Hefte« zur Geschichte des Kinderheims in der Königsheide. Einen Beitrag zum Thema präsentiert sie als Teil einer Vortragsreihe zum 32. Berliner Denkmaltag am 16. März, ab 15.30 Uhr im Rathaus Treptow.