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Ende des Profifußballs in Thüringens Hauptstadt

Folge 132 der nd-Serie »Ostkurve«: Der FC Rot-Weiß Erfurt steigt nach Insolvenzantrag aus der 3. Liga ab - ein Ergebnis jahrelanger Fehlplanung

Wer ist die Nummer eins in Liga drei? Der FC Rot-Weiß Erfurt! Und es wird noch ein wenig dauern, bis das einzige verbliebene Gründungsmitglied der 2008 gestarteten Spielklasse die Spitzenposition in der ewigen Rangliste verlieren wird. Aber auch in diesem Fall lügt die Tabelle nicht: Als Erster haben die Erfurter eine negative Tordifferenz! Denn sportlich lief es in den vergangenen Spielzeiten immer schlechter - weil im Verein jahrelang schlecht gewirtschaftet wurde. Statt seine eigene »Mission 2016« irgendwann mit dem Zweitligaaufstieg zu erfüllen, heißt das traurige Ergebnis nun: Abstieg.

Am Dienstagabend hatte der FC Rot-Weiß beim Amtsgericht Erfurt einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens eingereicht - und damit das Ende des Profifußballs in Erfurt eingeleitet. Denn für solch einen Fall sieht der Deutsche Fußball-Bund (DFB) einen Abzug von neun Punkten vor. Kurz zuvor hatte der Klub dem Abzug eines weiteren Zählers wegen Verstößen im Lizenzierungsprozess zugestimmt. Somit beträgt der Abstand auf einen Nichtabstiegsplatz 21 Punkte.

Dem Traum von der zweiten Liga kamen die Erfurter 2012 am nächsten. Damals fehlten dem Fünften Rot-Weiß zwei Punkte zum Relegationsplatz und nur fünf Zähler zum direkten Aufstieg. Danach verlor sich der Verein im Mittelmaß, das Abstiegsgespenst immer im Nacken. Die großen Ziele aber blieben - und kosteten viel Geld. Neben einem konkurrenzfähigen Team rief der langjährige Präsident Rolf Rombach ein modernes Stadion als Allheilmittel aus: »Ohne die Arena hat der Verein keine Überlebenschance im Profifußball.« Seit Anfang 2017 steht das neue Steigerwaldstadion - und ist seitdem eine finanzielle Belastung. Der Klub hatte sich bei den erhofften Zuschauereinnahmen arg verkalkuliert. Schlechten Fußball wollen die meisten auch in einem schicken Stadion nicht sehen.

Finanzielle Fehlplanung hat System beim FC Rot-Weiß. Fast in jedem Frühjahr grüßt das Murmeltier: Plötzlich fehlten, wie 2018, 1,5 Millionen Euro im Saisonetat, 2017 war es eine halbe. Der aktuelle Schuldenstand: 8,1 Millionen Euro. »Uns ist bewusst, dass dieser Schritt für unsere Gläubiger schmerzhaft ist«, teilte der aktuelle Präsident Frank Nowag am Mittwoch mit. Aber mit dem Insolvenzverfahren wolle »RWE gestärkt aus dieser Krise auferstehen.« Das heißt: In der neuen Saison wieder schuldenfrei in der Regionalliga antreten.

So einfach geht das. Der Ärger anderer wäre verständlich. Etwa der, der neuen sportlichen Konkurrenten. Mit Rot-Weiß Erfurt kommt dann ein ähnliches Schwergewicht in die Liga, wie Energie Cottbus es jetzt ist. Die Lausitzer haben derzeit 21 Punkte Vorsprung. Den direkten Aufstiegsplatz in der kommenden Saison kann ein verantwortlich planender Viertligist wohl gleich wieder abschreiben. Die Stadt Erfurt ist auf ihren Fußballclub schon länger nicht mehr so gut zu sprechen. Sie ist Eigentümer der für 40 Millionen Euro erneuerten Arena, musste aber schon die Jahresmiete von 500 000 Euro fast halbieren, weil Rot-Weiß nicht zahlen kann und will. Und als Gläubiger sieht die Stadt wohl ebenso so wenig von ihrem Geld, wie die Fans, die 2014 RWE-Genusscheine gezeichnet haben, um damit die »Mission 2016« zu finanzieren.

Sicher: Im Osten Deutschlands ist die Suche nach potenten Sponsoren schwer. Auch teils überzogene Auflagen und Forderungen vom DFB, aus der Politik und Sicherheitsbehörden erschweren das Wirtschaften. Aber: Wer so kurzsichtig und unverantwortlich handelt wie der FC Rot-Weiß, trägt die Hauptschuld.