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Wo Hirsch Heinrich zu Hause ist

Rund um die Müritz kann sich die wilde Natur entfalten.

Der Dichter Theodor Fontane verbrachte den Sommer des Jahres 1896 in der Villa Zwick in Waren an der Müritz und schrieb an einen Freund in Berlin: «Sollte Ihre Gesundheit einer Aufbesserung bedürfen, so kann ich Ihnen keinen besserem Platz empfehlen. Die Luft ist wundervoll, und je nachdem der Wind steht, bin ich auf unserem Balkon von einer feuchten Seebrise oder, von der Waldseite her, von Tannenduft und -luft umfächelt.»

Wer die Natur im Tausend-Seen-Land in Mecklenburg-Vorpommern im Schnelldurchlauf erleben will, kann das Müritzeum in Waren mit Deutschlands größter Aquarienlandschaft für heimische Süßwasserfische besuchen. Wer dann noch das Glück hat, vom Biologen Torsten Weiß mit auf Streifzüge durch eine Wald-, Vogel- und Wasserwelt mit riesigen Bäumen und winzigen Waldbewohnern mitgenommen zu werden, hat den sprichwörtlichen Sechser im Lotto gewonnen.

Vom dreijährigen Kind bis zum älteren Semester drängten sich alle um den Biologen, um kein Wort zu verpassen. Er nimmt uns mit auf eine Zeitreise, die vor 25 000 Jahren beginnt. An interaktiven Stationen können die Besucher ihr Wissen über die Natur testen, Tierspuren und Vogelstimmen raten. Eine tausendjährige Eiche erzählt Geschichten. In einem Riesenaquarium, das 100 000 Liter Wasser fasst, zieht ein Schwarm von hunderten Großmaränen seine Kreise. Die Nachbildung einer der Ivenacker Eichen - es sollen mit 1000 Jahren die ältesten der Welt sein - soll Appetit machen, das Original in einem Park im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte anzuschauen. «Egal ob Biologe oder nicht, ob alt oder jung - hier kann jeder Spaß haben», meint Torsten Weiß. Das Naturerlebnis-Zentrum Müritzeum ist das Fenster zum Müritz-Nationalpark.

Und in dem hätte wohl auch Herr Fontane sein Vergnügen gehabt. Er würde vielleicht zur Steinmole in Waren laufen, in den bunten Nationalparkbus einsteigen und den Nationalpark erkunden. Für Übernachtungsgäste bietet die Region seit dem 1. April etwas besonderes: Sie können mit ihrer Gästekarte die Busse rund um die Müritz kostenlos nutzen. «Müritz rundum» heißt das Angebot. Ein Anliegen ist es, dass das Auto des Gastes nach der Ankunft auch Urlaub hat. Der Nationalparkbus kann auch Fahrräder mitnehmen. Es gibt ein großes Netz von Rad- und Wanderwegen im Nationalpark. Die meisten Wege sind sowieso für Autos gesperrt.

Start- und Endpunkt der Nationalparklinie ist die Haltestelle Steinmole in Waren. Von dort geht es mit dem Bus in den Nationalpark. Man kann ein- und aussteigen, wo man möchte. Möglichkeiten gibt es viele: zum Beispiel an der Haltestelle Am Käflingsberg. Von dort startet die 1,5 Kilometer lange Wanderung zu dem 100,3 Meter hohen Berg - die höchste Erhebung der Umgebung. Dann erklimmt man noch 167 Stufen zur Aussichtsplattform eines stählernen Turms. Ein Panoramablick über die Wälder und Seen des Nationalparks ist der Lohn für die Mühen des Aufstiegs. Bei klarem Wetter kann man bis Waren, Röbel und Neustrelitz schauen. Oben steht ein Fernrohr für Besucher bereit.

An der Haltestelle in Boek wartet schon Gert Piethe mit den Pferden Lucky und Cäsar. Boek stammt aus dem Plattdeutschen und heißt Buche. Nach einer Fahrt mit dem Kremser durch den Ort ruft Kutscher Gert ein langgezogenes «brrrr». Er steigt vom Bock und schließt ein großes Tor auf. Es ist das Eingangstor zum Wildpark Boek - ein 80 Hektar großes eingezäuntes Freigehege, in dem Tiere wie Rehe und Hirsche in ihrer natürlichen Umgebung leben. Damit sie dort nicht durch Herden von Wanderern gestört werden, ist hier zu Fuß kein Reinkommen - deshalb auch das abgeschlossene Tor. «Die Tiere wären sofort weg», sagt Gert Piethe. Doch bei ihm ist das anders. Er pfeift und ruft: «Heinrich, komm her. Ein Hirsch mit halbem Geweih biegt mit seinem »Gefolge« um die Ecke. Die Tiere kommen ganz nah an den Kremser heran. Sie wissen genau, dass Gert einen großen Sack voller Geschenke mitgebracht hat. Brot und Äpfel lassen die Tiere jede Scheu vergessen.

Ein anderes tierisches Abenteuer beginnt in Federow. Hier im Nationalpark-Zentrum - direkt vor der Tür hält der Bus - kann man am Bildschirm zunächst einen Blick in einen Fischadlerhorst werfen. Eine am Horst angebrachte Kamera mit Zoom- und Schwenkfunktion überträgt das tierische Treiben auf einem Strommast in etwa 20 Meter Höhe. Die Vögel halten die ungewöhnliche Brutstätte für eine Baum. Dann geht es auf Adler-Safari in die Natur hinaus.

Das Fischadlerpaar verbringt auf dem Mast etwa 500 Meter vom Nationalpark-Zentrum entfernt seit vielen Jahren Frühling und Sommer, bevor es im August in das Winterquartier geht, meist in das westafrikanische Kamerun. Männchen und Weibchen fliegen übrigens getrennt dorthin. Ein Wiedersehen gibt es dann erst im Frühjahr an der Müritz. »Im vergangenen Jahr gab es hier ein tierisches Drama nach einer feindlichen Übernahme«, erzählt Nationalparkführerin Birgit Zahn. Als das Männchen ankam, war sein Platz nicht nur bereits besetzt - es lagen auch schon drei Eier im Nest. Der »Platzhirsch« fackelte nicht lange, warf die Eier aus dem Nest und den Konkurrenten gleich hinterher. Nachdem die Ordnung wieder hergestellt war, sorgte er für eigenen Nachwuchs. Die Adler-Safari kann in Federow von Mai bis September gebucht werden.

Der Müritz-Nationalpark ist mit 322 Quadratkilometern der größte in Deutschland auf dem Festland. Er ist zu 72 Prozent von Wäldern und zu 13 Prozent von Seen bedeckt. Nur das Wattenmeer ist größer. Hier am »kleinen Meer« - so nannten einst slawische Siedler die Müritz - darf sich die Natur nach ihren eigenen Regeln entwickeln - wie in jedem Nationalpark. Wälder, Seen und Moore - überall hier ist die Natur sich selbst überlassen - wild und schön.

Alle Infos zum Fahren auf Gästekarte und das Nationalparkticket für Tagesgäste mit Tarifen, Strecken, Umsteigemöglichkeiten und Sehenswürdigkeiten:
www.mueritz-rundum.de

Infos zum Nationalpark: www.mueritz-nationalpark.de

Infos über die Region: www.mecklenburgische-seenplatte.de

Nationalparkzentrum: www.nationalpark-service.de

Müritzeum: www.Mueritzeum.de (Führungen nach Anmeldung)

Stadt Waren: www.waren-tourismus.de

Kremserfahrten in den Wildpark: www.wildpark-boek.de

Regionale Küche:

Restaurant des Hotels »Kleines Meer« in der Altstadt von Waren
Das Hotel stellt auch Arrangements für einen mehrtägigen Aufenthalt zusammen.
www.kleinesmeer.de