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Sieben Jahre heimatlos

Syrische Flüchtlinge in Nachbarländern glauben nicht an Rückkehr

Von Marc Engelhardt

Hinter Hussein erstreckt sich eine Blumenwiese mit einem Baum übervoll mit goldenen Früchten. Die zwei Paradiesvögel in den Zweigen wirken, als wollten sie den elfjährigen Jungen beschützen. Doch sie sind, wie der Baum und die Wiese, nur gemalt, auf die Wand einer tristen Kunststoff-Baracke, in der sich Husseins Klassenzimmer befindet. «Ich gehe jeden Tag gerne hierher, hier habe ich Freunde gefunden, und es gibt ein warmes Mittagessen.

Vor vier Jahren ist er mit seiner Familie nach Zaatari gekommen, ein eingezäuntes Flüchtlingslager mitten in Jordaniens Wüste. Die Unterkünfte sind ähnlich trostlos wie die Schule, obwohl die Campleitung Maler engagiert hat, um die Wände aufzuhübschen. Seine Heimat war viel schöner, erinnert sich Hussein. »Aber dann wurden alle umgebracht und wir flohen.«

Sieben Jahre Krieg, das bedeutet auch: Sieben Jahre Massenflucht. Die mit Abstand meisten Flüchtlinge leben in den Nachbarländern: 3,5 Millionen in der Türkei, zwischen einer und 1,5 Millionen im Libanon, 660.000 in Jordanien, weitere in Ägypten und im Irak. Dazu kommen gut eine Million, die Asyl in anderen Teilen der Welt beantragt haben, viele davon in Deutschland.

Knapp 450 Millionen Euro flossen 2017 aus dem Bundeshaushalt für Flüchtlingshilfe in Syriens Nachbarländer. In Libanon, das pro Einwohner mehr syrische Flüchtlinge aufgenommen hat als irgendein anderes Land, finanziert Deutschland die Arbeit des Welternährungsprogramms (WFP) gut zur Hälfte. Hammoud und Abeer, die mit ihren Kindern und Verwandten 2012 aus Homs ins Bekaa-Tal im Osten Libanons geflohen sind, hören gar nicht auf, sich dafür zu bedanken. »Ohne die Nahrungsmittelhilfe hätten wir nichts, sie ist unsere wichtigste Überlebensquelle«, sagt der 40-jährige Hammoud. Seit kurzem bekommt er die knapp 22 Euro pro Kopf und Monat in bar ausgezahlt. »Dafür bin ich sehr, sehr dankbar.«

Hammoud, Abeer und ihre vier Kinder leben in einem vielleicht 30 Quadratmeter großen Zelt am Ortsrand von Saadnayel. Für Miete und Strom zahlen sie mehr als 100 Euro im Monat. Alle schlafen in dem einen Raum, den sie von der Küche abgetrennt haben. Was sie einst besaß, hat die Familie verkauft. Vom Erlös hat Hammoud einen Betonboden gelegt und ein Schutzmäuerchen aus Steinen. »Am Anfang kamen riesige Skorpione ins Zelt, ich konnte monatelang nicht schlafen«, erinnert sich Abeer. Jetzt ist es besser, aber die Eltern trauern noch täglich ihrem alten Leben hinterher.

»In Syrien waren wir selbstständig, wir hatten ein Haus, Arbeit, und waren glücklich«, sagt Hammoud. Jetzt ist das Geld schnell ausgegeben, vor allem für Schulden, die die Familie den Monat über gemacht hat. Das Bargeld hat ihm Flexibilität ermöglicht, sagt er. Außer Lebensmitteln schlagen auch Medikamente für den behinderten Sohn ins Kontor. Hofft Hammoud darauf, bald nach Homs zurückzukehren? Unvermittelt bricht der starke Mann in Tränen aus. »Unser Haus ist zerstört, die ganze Stadt - es gibt kein Homs mehr«, sagt seine Frau. Ihre einzige Hoffnung sieht die Familie im Ausland, fern der Heimat.

Auch im jordanischen Flüchtlingslager Zaatari ist das so. Abu Gassem, der als Bäcker das Schulessen für Hussein und seine Klassenkameraden zubereitet, sagt: »Zurück nach Syrien? Nicht in der gegenwärtigen Situation.« Dabei lebt Abu Gassem wie in einem Gefängnis. Zaatari ist umgeben von Zäunen mit Stacheldraht, Flüchtlinge dürfen das Lager nur mit Sondergenehmigung verlassen, Arbeit außerhalb des Camps ist deshalb kaum zu kriegen. Dass er jeden Tag ab 6 Uhr 30 in der Backstube stehen darf, ist für Abu Gassem ein Privileg.

In sechs Küchen lässt das WFP täglich bis zu 30 000 Schulmahlzeiten zubereiten, ein Stück Pizza, eine Gurke, ein Apfel. Lokal produziert, ausgewogen - für manchen die einzige Tagesmahlzeit. »Viele Kinder kommen nur deshalb in die Schule«, weiß Direktor Ibrahim Khaled. Das sei wichtig, weil sie nur hier die traumatischen Fluchterlebnisse bewältigen könnten. »Wir bieten Therapien an und machen viel Sport, das hilft.« Von Rückkehr reden die Kinder kaum, sagt er. Syrien, das ist für viele nur Tod und Verderben. Nach sieben Jahren sind die meisten Schüler heimatlos geworden.