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Verrückt nach Marx

Mao nannte ihn »das Geschütz der Oktoberrevolution« - und bis heute erfreut sich der Philosoph großer Beliebtheit in China

Von Rolf Hecker

Falls jemand denkt, bei einem Besuch der Volksrepublik China begegnen einem Marx-Denkmäler auf Schritt und Tritt, unterliegt er einem Irrtum. In Peking habe ich keins auf einem öffentlichen Platz gefunden, nur im Shanghaier Fuxing Park kann ein großes Marx-Engels-Monument aufgesucht werden. In den Parteieinrichtungen soll es jedoch landesweit entsprechende Skulpturen geben, wie im Zentralen Sammlungs- und Übersetzungsbüro beim Zentralkomitee, das die Marx-Engels-Werke in chinesischer Sprache herausgibt. Aber der Reihe nach.

Der Marxismus ist Bestandteil des Sozialismus chinesischer Prägung. Marx galt und gilt als Leitfigur in der Revolution und beim sozialistischen Aufbau. Mao bemerkte an einer Stelle: »Das Geschütz der Oktoberrevolution brachte uns den Marxismus-Leninismus.« Das Interesse an Marx reicht bei den chinesischen Revolutionären weit zurück. In China erschien die erste Übersetzung des »Kommunistischen Manifests« 1920. Ein Exemplar dieser Erstausgabe liegt im Museum, das dem berühmten Schriftsteller Lu Xun in Peking gewidmet ist.

Im chinesischen Staatsfernsehen sah ich vor einiger Zeit eine abendliche Serie über den »Langen Marsch« der Truppen Mao Zedongs. In seinem oft spartanisch eingerichteten Führungsstab hing ein Bildnis von Marx. Es diente der Legitimierung der Kommunistischen Partei in der Auseinandersetzung mit der Kuomintang. Ein ähnliches Bild ist von Stalin im Moskauer Kreml überliefert, während dieser die Todesurteile früherer Kampfgenossen billigte. Marx an der Wand in China konnte nicht eingreifen, wurde aber gleichsam Augenzeuge. In der Sowjetunion wurde unter Stalin das Erscheinen der ersten Marx-Engels-Gesamtausgabe in den 1930er Jahren eingestellt, viele ihrer Bearbeiter erschossen oder in die Verbannung geschickt.

Auch bei der Gründung der Volksrepublik China 1949 galt vor allem das »Kommunistische Manifest« als Wegweiser. 1953 wurde in Peking das bereits erwähnte Parteiinstitut gegründet, das die Übersetzung der Werke von Marx, Engels, Lenin und Stalin übernahm und die Verbreitung des Marxismus in China fördern sollte. Ab 1955 wurde an einer Ausgabe gesammelter Werke von Marx und Engels gearbeitet, die den zur Staatsdoktrin erhobenen Marxismus-Leninismus stützen sollte. Bis 1985 entstand eine auf der russischen Ausgabe der Marx-Engels-Werke basierende 50-bändige chinesische Ausgabe. Übrigens, der Versuch, das »Kapital« aus seiner Originalsprache zu übersetzen, scheiterte in den 1950/60er Jahren daran, dass die damit betrauten Fachkräfte nach einem Praktikum im Berliner Institut für Marxismus-Leninismus während der Zeit der »Kulturrevolution« zu Arbeitseinsätzen auf das Land verbannt wurden. Erst 1975 erschien eine solche Übersetzung. Auch in dieser politischen Kampagne der kommunistischen Partei, die viel Leid über das Land brachte, wurde Marx zum Augenzeugen erhoben.

1978 wurde die Losung vom »Klassenkampf als leitendes Prinzip« aufgehoben und die wirtschaftliche und politische Öffnung des Landes eingeleitet. Damit verbunden war das Aufblühen der Sozialwissenschaften und neuer Forschungen zum Marxismus, der als ideologische Rechtfertigung ein wichtiger Bestandteil der Politik der KP blieb. 1986 wurde das Erscheinen einer neuen chinesischen Marx-Engels-Werkausgabe in Gang gesetzt. Die genannte Parteieinrichtung übersetzt nunmehr die Werke auf der Grundlage der neuen, originalsprachigen, historisch-kritischen MEGA, die an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften erarbeitet wird. Die zweite chinesische Ausgabe soll einmal 70 Bände umfassen; bis Ende 2017 lagen 29 Bände vor. Diese Ausgabe, aber auch die ausgewählten Werkausgaben in zehn oder vier Bänden sowie die Einzelausgaben können seit Ende der 1990er Jahre vielfältig eingesetzt werden. Sie gehören heute zu Xi’s Programm der Verbindung von Marxismus, Marxismus-Leninismus, Mao Zedongs Ideen und Deng Xiaopings Theorien.

Im Zusammenhang mit diesem Editionsprojekt wurden fast alle Einleitungen der MEGA-Bände übersetzt, ebenso wie eine Reihe von Artikeln aus den die MEGA begleitenden Publikationsorganen. Sie erschienen in Zeitschriften des Übersetzungsbüros, die mehrmals umbenannt wurden. So wurde die wissenschaftliche Basis für die zweite chinesische Ausgabe verbreitert. Seit Beginn des neuen Jahrhunderts sind es zwei Zeitschriften, die mittlerweile nicht mehr als interne Forschungsbulletins gelten: »Marxismus und Realität« sowie »Ausländische theoretische Trends«. Weiterhin ist die Zeitschrift »Internationales kritisches Denken« hervorzuheben, die von der Chinesischen Akademie für Sozialwissenschaften in Englisch im britischen Verlag »Routledge« seit 2010 herausgegeben wird.

Mit der Neuherausgabe vieler Schriften von Marx und Engels ergibt sich zugleich die Möglichkeit, die Fesseln der traditionellen dogmatischen Theorie abzulegen und die Quellen des Marxismus neu zu interpretieren. Gleichzeitig muss berücksichtigt werden, dass im Zuge der Reform und Öffnung Chinas zu den internationalen Märkten an chinesischen Hochschulen und Universitäten westliche Wirtschaftstheorien zum Mainstream geworden sind, während die marxistische politische Ökonomie marginalisiert wurde. 1999 veröffentlichte der bekannte Professor an der Nankinger Universität Zhang Yibing das Buch »Zurück zu Marx«, das zu einem Bestseller wurde. Er machte deutlich, welche Bedeutung es hat, auf den originären Marx zurückzugehen, die Marxschen Texte zu rekonstruieren. Das brachte ihm auch Widerspruch ein, meinten doch einige, dass dadurch die praktische Bedeutung des Marxismus verloren ginge. Er erhielt jedoch auch Unterstützung, so durch den Kollegen Wang Dong von der Pekinger Universität, dessen Buch »Eine neue Grundsteinlegung für die Marxforschung« (2006) zu einer eigenständigen chinesischen Marxforschung aufruft. Auf dem »Weltkongress des Marxismus« 2015 an der Pekinger Universität hörte ich ihn sagen, dass es endlich an der Zeit sei, sich von dem stalinistischen, sowjetischen Marxismus zu lösen und zu einem Marxismus chinesischer Prägung zu kommen. Auf dem Kongress wurde auch von einer Sinisierung des Marxismus gesprochen.

Die akademischen Forschungen - so der Parteiauftrag - sollen in Verbindung mit der Realität des »Sozialismus chinesischer Prägung« stehen, auch mit der Entwicklung der sozialistischen Marktwirtschaft und der internationalen Finanzkrise. Dabei würden die verschiedenen Aspekte von Totalität und Offenheit und der interdisziplinäre Charakter des Marxismus berücksichtigt werden. Das Projekt zur Erforschung und zum Aufbau der marxistischen Theorie wurde 2004 durch das ZK der KP initiiert.

Auf einem Forum für Philosophie und Sozialwissenschaften im Mai 2016 erklärte der Partei- und Staatsführer Xi Jinping, dass die marxistische politische Ökonomie nicht veraltet sei. Er meinte, dass »in vielen westlichen Ländern die Wirtschaft im Abschwung begriffen ist, dass die soziale Polarisierung sich zuspitzt und die Widersprüche der Gesellschaft sich vertiefen«. Er forderte zum verstärkten Studium des »Kapitals« von Marx auf. An den Universitäten wurden die Schulen des Marxismus (mit unterschiedlichen Bezeichnungen) personell und materiell verstärkt, um die Forschungs- und Lehrtätigkeit zu verbessern.

Aber natürlich geht es um die Praxis der sozialistischen Entwicklung. Und da haben die Chinesen wohl viel von Marx gelernt: Es geht um die Entfaltung der Produktivkräfte mit staatlicher Planung, um die beschleunigte Wirtschaftsentwicklung einschließlich des Schutzes der Umwelt. Nicht nur, dass die Luft in Peking besser wird, die Digitalisierung soll alle erreichen soll. Generell ist der heute erreichte Lebensstandard mit dem von vor vierzig Jahren unvergleichbar. Die mediale Beeinflussung mag manche skeptisch erscheinen lassen, aber wenn in Peking fast jedes Jahr eine neue U-Bahn-Linie eröffnet wird - beginnend vor den Olympischen Spielen 2008 ist das Streckennetz zum zweitgrößten der Welt geworden (nach Shanghai) -, lässt das einen doch staunen. Ich kann gar nicht aufzählen, was überall im Lande passiert. Die Volksrepublik China ist so zur Weltmacht aufgestiegen.

Auf den letzten Parteikonferenzen wurde auch darüber verhandelt, demokratische Mechanismen und das Rechtssystem zu verbessern. Das bedeutet nicht nur Kampf gegen die Korruption, sondern auch die Schaffung von allgemeiner Rechtssicherheit und Beteiligung der Bevölkerung. Aber auch die Sicherung des Landes wird vorangetrieben, der militärische Schutz angesichts unterschiedlicher außenpolitischer Interessen im pazifischen Raum ist von hohem Stellenwert. Die Seidenstraßen-Politik zielt darauf, der Globalisierung gerecht zu werden.

Zum Schluss: Als wissenschaftliche Zentren für die Diskussion der Marxschen Theorie und ihrer Einbeziehung in die Sozialismusauffassungen haben sich in den letzten Jahren folgende Institutionen hervorgetan: die bereits erwähnte Akademie für Sozialwissenschaften, das Studienzentrum für Philosophie an der Tsinghua Universität in Peking sowie die Schulen des Marxismus an der Pekinger Universität, an der Renmin Universität und an den Universitäten in Nanking und Wuhan. Allein im ersten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts wurden in China knapp eintausend Bücher und fast 25 000 Zeitschriftenartikel gezählt, in deren Titel das Stichwort Marx vorkam.

Warum sind nun die Chinesen so verrückt nach Marx? Reisegruppen aus der Volksrepublik China bevölkern die Innenstadt von Trier. Vor dem Geburtshaus von Marx ist ein Selfie Pflicht, künftig wird die Marx-Skulptur des chinesischen Künstlers Wu Weishan für Foto-Shootings herhalten. Und Marx schaut zu - es ist jedoch ein anderer Marx als zu Maos Zeiten, es ist ein befreiter Marx. Die Chinesen sind stolz auf ihr Land und vielleicht sind sie auch ein wenig stolz darauf, dass Marx dazu gehört.

Prof. Dr. Rolf Hecker, Jg. 1953, studierte Ökonomie an der Moskauer Lomonossow-Universität; er ist Marx- und Engels-Experte und Bearbeiter von MEGA- und MEW-Bänden, Vorsitzender des Berliner MEGA-Fördervereins sowie Mitglied der Leibniz-Sozietät der Wissenschaften. Hecker ist regelmäßig Gastprofessor an der Renmin Universität in Beijing. Er veröffentlichte erstmals einen Band über die »Familie Marx privat« und edierte auch den Briefwechsel von Jenny Marx.