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Ansichten eines Flüchtlings

Samer Masouh über einen Begriff, der einen Rechtsstatus fasst, aber nicht als menschliche Klassifizierung verstanden werden sollte

Von Samer Masouh

Wer zu der in Deutschland lebenden Flüchtlingsgemeinschaft Kontakt hat, und zwar hauptsächlich zu den syrischen Flüchtlingen, bemerkt schnell, dass beim Gebrauch des Wortes »Flüchtling« vor allem unter den Intellektuellen eine gewisse Empfindlichkeit herrscht. Statt Flüchtling zu sagen, bevorzugen sie den Gebrauch anderer Wörter wie Neuankömmling. Das wirft Fragen auf.

Kennt derjenige, der das Wort ablehnt, überhaupt dessen Definition? Flüchtlinge sind Personen, die aus ihrem Land in ein anderes Land fliehen, weil sie Angst um ihr Leben, Angst vor Inhaftierung oder Folter haben. Daher sind diese Personen Opfer. Das zwingt das aufnehmende Land dazu, Hilfe und Unterstützung zu leisten.

Aber was genau zwingt das Aufnahmeland dazu, allen Neuankömmlingen Hilfe unter anderem mit Staatseinnahmen ihrer Bevölkerung anzubieten? Und nutzt der Flüchtling das Wort nur in offiziellen Kreisen wie beim Jobcenter, um von den Vorteilen zu profitieren, lehnt dessen Verwendung in seinen sozialen Kreisen aus Prestigegründen aber ab?

Wenn nicht wir Syrer Flüchtlinge sind, sondern Neuankömmlinge, wer sind dann eigentlich »die Flüchtlinge«? Liegt der Sinn ihrer Verleugnung nur darin, zwei Flüchtlingsgemeinschaften schaffen zu wollen? Und zwar eine für die intellektuellen Syrer, die als Neuankömmlinge bezeichnet werden sollen, und eine für Flüchtlinge anderer Nationalitäten wie Afghanen, Somalier und andere. Das würde bedeuten, dass, während wir den Rassismus einiger Deutschen und Libanesen uns gegenüber beklagen, wir gleichzeitig selbst Rassismus ausüben, ohne uns dessen bewusst zu sein.

Das Wort Flüchtling ist eine klare rechtliche Beschreibung, genauso wie das Wort Bürger oder Bewohner. Aber was ist die rechtliche Beschreibung für das Wort »Neuankömmling«? Ein Tourist ist ein solcher. Ein Mensch, der sich dazu entscheidet, in einem anderen Land zu studieren, kann auch als jener gelten. Ein Besatzer, der gewaltsam in ein anderes Land eindringt, ist ebenfalls ein Neuankömmling. So zeigt sich: Für das Wort gibt es keine eindeutige rechtliche Beschreibung.

Und schließlich, lieber Neuankömmling, wie lange wirst du neu sein? Das Wort »neu« steht im Verhältnis zur Zeit - das, was heute noch neu ist, ist morgen schon wieder alt. Wirst du in naher Zukunft also als »Altankömmling« bezeichnet? Und was ist mit denen, die nach dir ankommen? Wie werden die bezeichnet, wenn du doch der Neuankömmling bist? Sind das dann die »neueren Neuankömmlinge«?

Obwohl ich glaube, dass der Begriff Flüchtling eine juristische Beschreibung ist, die den Wert eines Menschen nicht beeinträchtigt, lehne ich die Verwendung des Wortes als Klasseneinstufung ab. Vor allem, wenn es um die Beurteilung einer Arbeit geht. So möchte ich als Journalist über die Qualität meiner Artikel und journalistischen Arbeit beurteilt werden - und das unabhängig davon, ob ich ein Flüchtling, ein Staatsbürger oder sonst etwas bin.

Das gilt auch für Künstler: Das Werk von Malern sollte über ihre Bilder beurteilt werden, Schauspieler und Regisseure über ihre Theaterstücke, ihre künstlerische Arbeit. Ihr rechtlicher Status sollte dabei nicht beachtet werden - auch dann nicht, wenn das zu ihren Gunsten wäre. Schließlich möchte jeder von uns als Gleichgesinnter gesehen und behandelt werden und nicht als Opfer. Daher verstehe ich den Begriff des Flüchtlings als rechtliche Beschreibung, jedoch nicht als menschliche Klassifizierung. In diesem Sinne schlage ich als Titel dieses Artikels vor: »Ansichten eines Flüchtlings«.

Der Artikel ist im Original auf Arabisch und zuerst auf dem Onlineportal von Amal, Berlin! erschienen. Übersetzt wurde er in Kooperation mit dem von der Initiative Gesicht Zeigen! getragenen Projekt Media Residents von Karin al Minawi.

Samer Masouh

Samer Masouh ist Redakteur bei Amal, Berlin! Nach seinem Jurastudium in Damaskus arbeitete er als Reporter für Reuters und als wissenschaftlicher Mitarbeiter für die Friedrich-Ebert-Stiftung. Seit drei Jahren lebt er in Berlin.