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Jetzt herrschen die Aufgebrachten

Ein Abendlied für Trump: »Am Königsweg« von Elfriede Jelinek am Deutschen Theater Berlin

Von Christian Baron

Der Ausgang lehrt, ob die Rose blüht oder der Dorn sticht. In Stephan Kimmigs neuer Inszenierung am Deutschen Theater Berlin erlebt die Essenz dieses Sprichwortes einen großen Moment. Eigentlich nämlich möchte Elfriede Jelinek in ihrem jüngsten Stück »Am Königsweg«, dieser Wutanfall einer alten weißen Frau, die alten weißen Machtmänner ebenso wie die ihnen folgenden »Blödbürger« und die das politische Desaster nicht verhindernden Bildungsbürger in ein Rosenbeet werfen, auf dass ihre Selbstgefälligkeit in Schmerzensjammer übergehen möge. Schadenfreude gegen die Schadensbringer. Dass an diesem Abend der Dorn dann doch nicht sticht, sondern eine Blume erblüht, dafür sorgt das musikalische Ende.

Selig deklamiert das Ensemble kurz vor dem Schlussapplaus jenes »Abendlied« von Hanns-Dieter Hüsch, das in einer berührenden Szene der Neuverfilmung von Anna Seghers’ Flüchtlingsdrama »Transit« derzeit auch im Kino wieder zu hören ist: »Kabeljau schwimmt nach Haus./ Elefant läuft nach Haus./ Ameise rast nach Haus./ Die Lampen leuchten, der Tag ist aus.« Das Publikum darf beschwingt von dannen ziehen, als habe es in den beiden Stunden zuvor einer Andacht mit kirchentagtauglichen Aufrufen zum Weltfrieden und zu Mitleid mit allen Geschöpfen auf Gottes grüner Erde beigewohnt.

Dabei ist am Anfang nicht das Wort, sondern der Slapstick: Holger Stockhaus betritt mit Fünfzigerjahrefrisur eine Musterhausküche (Bühne: Katja Haß), die aussieht, als beruhe sie auf einem Entwurf des tollpatschigen Architekten Numerobis aus »Asterix und Kleopatra«. Stockhaus, dem seine Mitarbeit bei Fernsehcomedyformaten wie »Ladykracher« oder »Sketch History« anzumerken ist, präsentiert eine Handvoll Wiener Würstchen und schmeißt den Induktionsherd an. Es riecht nach Gebratenem. Dann gibt’s ein paar Herrenwitze. Kochlöffel, Gurke, Lauchzwiebel, Pfeffermühle - alles Greifbare muss als phallisches Symbol herhalten, damit auch der Letzte bemerkt, dass hier das Patriarchat am Pranger steht.

Überhaupt fällt auf, wie wenig in dieser Fassung vom Text des erst im vergangenen Oktober am Hamburger Schauspielhaus uraufgeführten Stücks übrig bleibt. Regisseur Kimmig drückt bei diesem Krawallwerk auf die Vorspultaste, damit es noch überdrehter, sarkastischer, totaler aussieht. Der ulkig bebrillte Marcel Kohler und der in goldenem Königskostüm steckende Božidar Kocevski assistieren dem Klamaukconférencier, unter dessen Regime die wenigen tiefgründigen Gedankengänge eher störend als erhellend wirken.

Zur Nummernrevue hat sich all das spätestens mit dem Auftritt der beiden Proll-Girls (Linn Reusse, Anja Schneider) entwickelt, die in pinken Anzügen ihrem unter grauen Indoormützen ruhenden Kopf allerlei diffuse Versatzstücke zum Zeitgeschehen abringen. In wechselnden Rollen exaltiert sich das Quintett durch einen Abend, der von einer Parodie auf die oberflächlichen Tischgespräche der Kosmopoliten bis zur Homogenisierung der AfD-Wählerschaft als Horde im Dialekt salbadernder Unterschichtbestien alles auffährt, was die unterkomplexe Gesellschaftsanalyse zu bieten hat.

Die Zeit des Kompromisses ist vorbei, jetzt herrschen die Aufgebrachten - so schreit es diese Darbietung hinaus in die Zuschauerreihen. Stephan Kimmig will sich offenbar nicht an dem an deutschen Stadttheatern seit anderthalb Jahren so beliebten Trump-Bashing beteiligen. Er verzichtet auf Perücken, schlecht sitzende Anzüge und Figuren, die irgendwas und irgendwen wieder groß machen wollen. Doch auch er kann nicht verbergen, dass Jelinek vor allem den amtierenden US-Präsidenten als Quelle ihres Grolls ausgemacht hat.

Sein Name fällt nicht ein einziges Mal. Jelinek will über das eigene Sentiment hinausweisen. Sie verschafft Donald Trump aber gerade durch den verbitterten Duktus ihrer Suada eine Omnipräsenz, die Kimmig nicht einfach weginszenieren kann. Als irgendwann unvermittelt auch noch die Muppet-Show-Stars Kermit und Miss Piggy auftauchen, ist die Ermüdung ob des soeben Vorgekasperten schon so groß, dass die wahrscheinlich erhofften Lacher im Publikum weitgehend ausbleiben. Dann lauscht es schon lieber ganz unironisch dem abschließenden Wiegenlied, das seine Prämisse nachsichtiger vermittelt als Jelinek und Kimmig.

Nächste Vorstellungen: 7. und 13. Mai