/ Kultur

Ich will, dass es nie endet

Zum Abschluss des 55. Theatertreffens

Von Christian Baron

Eine schöne Idee hatten die Kollegen von »nachtkritik.de« da: Das wichtigste Online-Portal für den deutschsprachigen Theaterbetrieb ließ die zum Theatertreffen eingeladenen Inszenierungen allesamt nicht etwa von Kritikern besprechen, sondern von Autorinnen und Autoren mit »Außenblick«.

Da entdeckt die Popfeministin und nd-Kolumnistin Paula Irmschler in Frank Castorfs »Faust« nach Goethe ihre Liebe zum Bühnenschauspiel: »Ich will, dass es nie endet. Die gute Nachricht: Es endet auch nie. Die Aufführung dauert etwa 37 Stunden.« Possierlich liest sich wiederum, wie Beamtensohn und SPD-Nachwuchsmegastar Kevin Kühnert in einem ungelenken Schulaufsatz zu »Rückkehr nach Reims« von Didier Eribon die fehlende politische Vertretung der Arbeiterklasse betrauert, kurz nachdem er die Sozialabbauqueen Andrea Nahles zu seiner Parteivorsitzenden gewählt hat. Während der Illustrator Frank Höhne explizite Zeichnungen zu »Die Odyssee« vom Thalia-Theater Hamburg präsentiert, lobt die Brecht-Erbin Johanna Schall die mit gleich zwei verschiedenen Versionen von »Trommeln in der Nacht« angetretenen Münchner Kammerspiele: »Ein spannender Abend. Das sage ich selten. Zwei spannende Abende.«

Mindestens zwei spannende Abende boten die Veranstaltungen des Rahmenprogramms. Was die Generation der jüngeren Theatermacher über Begriffe wie Ästhetik, Verantwortung und Identität denkt, das wollte etwa eine Podiumsdiskussion ergründen. Sasha Marianna Salzmann, Susanne Kennedy, Ersan Mondtag und Philipp Preuss waren sich einig in ihrer Meinung, dass sich die Theater nicht die Agenda von Rechts vorschreiben lassen sollten. »Wir alle denken«, sagte Mondtag, »wir müssten uns permanent damit beschäftigen.« Wichtiger seien ganz andere Themen. Zum Beispiel die Repräsentanz von Minderheiten: »Bestimmte Gesichter kommen auf Plakaten nicht vor, bestimmte Namen kommen im Programmheft nicht vor«, kritisierte Salzmann. Es gebe eine »Einladung ins Theater, die tiefer geht als die Frage: Spielen wir Brecht oder Camus?«

Für seine dieser Sicht zuwiderlaufende Haltung, die Kunst zuerst vom Stoff her zu denken und Quoten oder Proporz nachrangig zu behandeln, wurde der Schaubühnenintendant Thomas Ostermeier auf einem anderen Podium von einigen Frauen sehr hart angegangen. Die Geschlechterungerechtigkeit im Theaterbusiness müsse endlich ein Ende finden. Ostermeier gelobte Besserung.