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Weiß, aber immerhin weiblich

Wie geht Emanzipation zwischen Inklusion und Polarisierung? Ein Philosophiekongress in Berlin

Von Tom Wohlfahrt

Was bedeutet Emanzipation in einer Zeit, da soziale Bewegungen (wieder einmal) überwiegend von rechts zu kommen scheinen? Wie lassen sich emanzipative Ideale von einer Linken aus wieder stark machen, die selbst tief gespalten ist zwischen den neu-alten politischen Koordinaten eines nationalstaatlichen und eines kosmopolitischen Bezuges?

Das ist die große Frage, die sich 50 Jahre nach dem Mai 1968 aufdrängt - und die am Wochenende in Berlin philosophisch gewälzt wurde. Die Veranstalter von der Berliner Humboldt- und der Technischen Universität sowie von der Hilfsorganisation Medico International, die gleichfalls gerade 50 geworden ist, organisierten die Debatte rund um die aktuelle Gegenüberstellung von »sozialer Frage« und »Identitätspolitik« und hatten ein internationales Who is who vor allem der Kritischen Theorie, aber auch anderer Strömungen kritischer Philosophie eingeladen.

Schon im Vorfeld erfuhr die Tagung, wie rigide jene neuen Tendenzen nationaler und kontinentaler Abschottung, die in der Theorie gern thematisiert werden, ganz praktisch funktionieren. Für zwei der eingeladenen Gäste - nämlich Hadi Marifat aus Afghanistan und Abu Brima aus Sierra Leone - waren von deutschen wie anderen europäischen Behörden keine Einreisevisa ausgestellt worden. Für die Tagung, deren Teilnehmerschaft ohnehin stark euro-atlantisch geprägt war, wirkte das wie ein thematischer Katalysator.

Es hatte nämlich den Anschein, als wollten die Organisatoren eben diesen Umstand in ihrer Kongressdramaturgie reflektieren: Genau zur Hälfte der dreitägigen Konferenz warf der in den USA lehrende Jamaikaner Charles W. Mills der gesamten »weißen« Kritischen Theorie - mithin dem größten Teil der anderen Vortragenden - strukturellen Rassismus und eine zumindest implizite Propagierung »weißer Überlegenheit« vor. Er forderte eine Kritische Theorie der Rasse - »Race« -, die diese Strukturkategorie von Herrschaft und Beherrschung ebenso konsequent durchleuchten müsse wie die klassische Kritische Theorie die Ordnung und den Begriff der Klasse.

Sekundiert wurde diese Attacke vom unmittelbar folgenden Jason Stanley. Als Nachfahre von Berliner Juden in den USA geboren, kam Stanley zur Zeit des Historikerstreits 1986 nach Deutschland, als die westdeutsche Öffentlichkeit die Berliner Mauer noch als Symbol ihrer Opferrolle verhandelte. Die selbst erklärten »Weltmeister der Vergangenheitsbewältigung« hätten, so Stanley, die Teilung des Landes dazu benutzt, um von der in Wahrheit völlig unzureichenden Aufarbeitung der Vergangenheit abzulenken. Auch dies sei eine Folge der 68er-Bewegung gewesen.

Allen emanzipativen Bestrebungen zum Trotz habe 1968 den Effekt gehabt, die deutsche Schuld in einem Status als Opfer des globalen Kapitalismus aufzulösen; zuweilen bis heute müsse dieser zur Erklärung jener Verbrechen herhalten. Der tatsächliche, in Deutschland tief verwurzelte rassistische Nationalismus und Antisemitismus bleibe dabei zu sehr im Hintergrund - und wirke weiter bis zur heutigen Herablassung gegenüber faulen Griechen oder der Angst vor muslimischer Einwanderung ins das Sozialsystem. Der aktuelle Wiederaufstieg von Rechtsnationalismus in Deutschland sei vor diesem Hintergrund kein Zufall.

Wie aber sind diese dunklen Flecke zu erhellen? Das fragte die US-amerikanische Philosophin Wendy Brown im Anschluss an die beiden Vorträge aus dem Publikum, und sie war mit dieser Frage nicht allein. Sie selbst hatte die Tagung am Vorabend mit einem zutiefst pessimistischen Abgesang auf Emanzipation eröffnet: Angesichts der enthemmten Feier einer falschen Freiheit im Neoliberalnationalismus sehe die Utopie wirklicher Befreiung geradezu hinfällig aus. Diese Resignation hielt sie jedoch nicht ab, am Folgetag für den Versuch zu plädieren, die globale, dezentrale Wirkungsweise der »neoliberalen Revolution« von links nachzuahmen.

Eine ähnliche Volte vollzog Christoph Menke, als Philosophieprofessor in Frankfurt am Main derzeit der offizielle Erbverwalter der klassischen Kritischen Theorie. Am Eröffnungsabend hatte er von der Paradoxie der Emanzipation gesprochen - dass nämlich jede Befreiung zugleich neue Herrschaft herstelle. Am Folgetag führte er aus, dass Revolution dennoch gelingen könne, wenn sie selbstreflexiv oder »transzendental« werde. Diese Revolution beginne im Subjekt, nicht mit einer Änderung der Verhältnisse, sondern mit einem neuen Verhältnis zu den Verhältnissen: »The revolution can be done anytime.« Die Berliner Philosophieprofessorin Rahel Jaeggi - eine der Organisatorinnen - hatte eine solche Münchhausenlösung zur Eröffnung gleichfalls schon präsentiert, wenn auch etwas weniger emphatisch. Ob die Kollegen Mills und Stanley ihr zugestimmt hätten?

Dennoch wurde vor allem am letzten Konferenztag immer wieder nach einer Lösung dieser paradoxen Situation gesucht, etwa über den Begriff der Solidarität. Jaeggi versteht darunter eine Alternative zu exklusiven Vorstellungen von Gemeinschaft und Zugehörigkeit. Die Position von Schwächeren sei dadurch zu stärken, dass sie als Gleiche angesehen würden. Thomas Seibert, als Vertreter von Medico ebenfalls Mitorganisator, deutete in ähnlicher Weise die weltweiten Migrationsbewegungen als eine Gelegenheit - wie gering auch immer -, in einer Selbstverpflichtung auf internationale Solidarität die Reihe der emanzipativen Revolutionen seit 1789 fortzusetzen.

Auf dem Schlusspodium plädierten mit der in London lehrenden Politologin Chantal Mouffe und der in New York an der New School arbeitenden Theoretikerin Nancy Fraser die unumstrittenen »Stars« des Kongresses für einen globalen linken, progressiven Populismus, der Klasse und Rasse sowie die anderen Kategorien sozialer Unterdrückung zusammendenken müsse. Lässt sich aber eine »populistische« Dynamik, die zumindest in der Tendenz immer eine gewisse Homogenisierung nach innen und Polarisierung nach außen benötigt wie hervorbringt, mit einem solchen Impetus des allgemeinen Einschlusses verbinden?

An dieser Stelle kam es auch zu Einwänden. Als etwa der Philosoph Alex Demirović - derzeit Senior Fellow der Rosa-Luxemburg-Stiftung - unter Verweis auf Sahra Wagenknechts nationalstaatsbezogene »Sammlungsbewegung« skeptisch anmerkte, ein solcher internationalistsicher Populismus sei schwer vorstellbar, meinte Chantal Mouffe, dass sich auch Katja Kippings kosmopolitischer Flügel der Linkspartei in ihrem Sinne als linkspopulistisch verstehen lasse und verstehe.

Ob die mindestens 25 000 Demonstranten, die am Sonntag in Berlin der AfD Paroli boten, einen Hinweis geben könnten auf eine solche linke und populäre Bewegung, blieb offen - auch wenn Wendy Brown die Mittagspause nutzte, in einer Ansprache an der Siegessäule eine Solidaritätsadresse der Konferenz zu übermitteln. Zumindest verlieh das der Tagung einen gewissen Realismus und etwas Dringlichkeit. Wie übrigens auch ein Flashmob von studentischen Beschäftigten, die im Rahmen der aktuellen Tarifauseinandersetzung auf der Eröffnungsveranstaltung für bessere Arbeitsbedingungen protestierten.

Auch auf dem Schlusspodium saßen dann ausschließlich Weiße - doch immerhin, wie Jaeggi meinte, zu vier Fünfteln Frauen. Das sei nicht wenig in der akademischen Welt. Und doch bleibt offenkundig noch sehr viel zu tun. Denn Emanzipation, zumindest das wurde an diesen Tagen deutlich, ist ein unaufhörlicher Prozess.