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Eine Geschichte aus zwei Stätten

Das Elend der Moral: Nils Heisterhagen plädiert in seinem Buch »Die liberale Illusion« für linke Selbstkritik

Von Christian Baron

Es war die beste und die schlimmste Zeit, es waren Monate der Weisheit und des Unsinns in einer Epoche des Glaubens und des Unglaubens, Wochen der Visionen und des Hasses in einer Periode des Lichts und der Finsternis. Die Phase seit der Bundestagswahl 2017 hat Deutschland verändert. Der Liberalismus befindet sich in der Defensive, denn im Schatten kultureller Errungenschaften wurde der wirtschaftliche Absturz vieler Menschen vorangetrieben.

Die Debattenkultur, gerade in und um die Linkspartei, erfuhr unerwartete Höhen und nie erlebte Tiefen. Die Tonangebenden aber sind sich seit Jahren einig, dass eigentlich alles gut ist und wir das mit den kleinen Problemen irgendwie schaffen werden. Offenbar sehen das viele anders, denn am 24. September des vergangenen Jahres erhielt die AfD 12,6 Prozent der abgegebenen Stimmen. Ronja von Rönne, heute Redakteurin der »Zeit«, wandte sich am Wahlabend kurz nach 18 Uhr via Twitter an die Wählerschaft der rechten Partei: »Ihr seid ignorante und schlechte, schlechte, schlechte Menschen. Eure Stimmen sind kein Sieg, sondern eine Niederlage für dieses Land.«

Die aufmerksamkeitsökonomisch bewanderte Journalistin geißelte nicht die rassistische und neoliberale Politik der AfD, sondern urteilte über den Charakter von fast sechs Millionen Wählerinnen und Wählern. Wer das soeben erschienene Buch »Die liberale Illusion« von Nils Heisterhagen liest, der wird in dieser Äußerung nicht etwa einen emotionalen Ausrutscher erkennen, sondern das Programm einer entrückten Lebenswelt.

Heisterhagen arbeitete als Referent bei der IG Metall. Mittlerweile ist der promovierte Philosoph als Grundsatzreferent der SPD-Fraktion in Rheinland-Pfalz tätig. Sein Buch richtet sich vor allem an die Genossen. Denn die SPD vereint alles in sich, was zum Aufstieg der Neuen Rechten führen konnte. Da wäre der politisch mächtige Teil von Gerhard Schröder bis Olaf Scholz, der Kriege unterstützt, den Sozialstaat zerstört und den Unterschied zwischen Arm und Reich ausgebaut hat. Auf der anderen Seite sind da die kulturell Mächtigen von Andrea Ypsilanti bis Kevin Kühnert, die sich laut Heisterhagen um »Antidiskriminierungspolitik, Vielfaltseuphorie und politisch korrekte Sprache« kümmern und abweichende Haltungen im Gestus moralischer Überlegenheit abwerten.

Darin sieht Heisterhagen den großen Schwachpunkt des »Sonnenscheinliberalismus«. Was der »kosmopolitischen Klasse« nicht ins Weltbild passe, das dürfe auch niemand aussprechen, ohne mit inflationär gebrauchten Beschimpfungen bedacht zu werden. Als Beispiel dient ihm die Kriminalstatistik 2016. Demnach werden Syrer, Afghanen und Iraker im Vergleich zu Menschen aus anderen Nationen seltener straffällig. Die Gewaltkriminalität nehme aber zu, und das liege vor allem an den Taten von Zuwanderern, darunter vor allem von jungen Männern. Eine Linke, die das nicht zur Kenntnis nehme, liefere der Abschiebelobby von CSU bis AfD die Möglichkeit, politisch falsche Schlussfolgerungen zu ziehen.

Um das Schweigen der Linken zu erkennen, dafür braucht es keine wissenschaftlichen Studien. Ein Bundesvorstandsmitglied der Linkspartei kritisierte kürzlich bei Facebook die in Teilen seiner Partei vorgenommene Unterscheidung zwischen Asyl und Arbeitsmigration. Ein Nutzer versuchte, der Rassismuskeulenwucht der Kommentierenden sachlich zu begegnen. Die Antwort: »Es geht hier nicht um Fakten!« Wichtiger sei die Vermittlung einer grundsätzlichen Haltung für »offene Grenzen«. Das postfaktische Zeitalter ließ hier seine linke Kehrseite aufblitzen.

Die Debattenbestimmer reden sich die Welt schön, bis der offensichtliche Anteil der Liberalen an der Rechtswerdung der Gesellschaft verdrängt ist. In dieser Woche relativierte etwa die Linkspartei-Vorsitzende Katja Kipping im nd-Interview das Auseinanderdriften der sozialen Milieus. Solche Beobachtungen degradierte sie zur »Feuilletondebatte«. In linken Medien wiederum ist häufig zu lesen, die AfD sei eine »Partei für Reiche«. Die These hält einem Blick ins Programm stand - nicht aber einem in die Wählerstatistik, die beweist, dass nicht nur Wohlhabende die Blauen wählen, sondern auch die als »Abgehängte« titulierten Menschen am Rand des Gemeinwesens.

Was Heisterhagen kritisiert, das ist überwiegend nicht neu. Sein Werk aber leistet die beste Zusammenfassung der linken Diskussionen seit der Bundestagswahl. Von der Debatte um Lohnkonkurrenz durch Migration über die Entfernung eines Gedichts von der Fassade der Berliner Alice-Salomon-Hochschule bis zur erbitterten Auseinandersetzung um die Essener Tafel zeichnet er nach, wie sich die Atmosphäre im Land verschlechtert und die Realitätsverweigerung vieler Linker groteske Züge annimmt.

Der konservative Journalist Ulf Poschardt lieferte vor einigen Tagen in einem Leitartikel für »Die Welt« eine zugespitzte Bemerkung, die das Verhältnis zwischen akademisch Gebildeten und dem Großteil der Bevölkerung treffend beschreibt: »Im Grunde genommen machen die Bürgerkinder das, was sie schon früh in der Grundschule und dann im Bus Richtung Gymnasium den Hauptschülern klargemacht haben: Ihr seid ein Witz, wir wollen mit euch nichts zu tun haben.« Wer Pegida-Demonstranten, AfD-Sympathisanten und Trump-Unterstützer als homogene Masse begreift, der entmenschlicht sie. Und das ist kompatibel mit jener moralischen Haltung, auf die sich die Liberalen so viel einbilden.

Denn keine moralische Argumentation kommt ohne Unterscheidung zwischen Gut und Böse aus: der gute Westen gegen die bösen Russen, der gute Flüchtling gegen den bösen Kartoffeldeutschen, der gute Kosmopolit gegen den bösen AfD-Wähler. Der Philosoph Michael Schmidt-Salomon erklärt in diesem Sinne in seinem Buch »Jenseits von Gut und Böse«, warum nur eine Welt ohne Moral zu einer besseren Gesellschaft führt: »Der Gut-Böse-Memplex diente in der menschlichen Kulturgeschichte immer wieder dazu, Menschengruppen gegeneinander aufzuhetzen. Wenn er erst einmal erfolgreich in das Denksystem integriert ist, so ist keine Gewalttat grausam genug, als dass sie nicht doch noch im Dienste der ›großen, gerechten Sache‹ verübt werden könnte.«

Auch Nils Heisterhagen plädiert für die Überwindung der Moral und fordert einen »linken Realismus«. Statt einer einseitigen Förderung der Differenzen sollen Linke in allen Parteien das Gemeinsame entdecken. Dafür müssten die Privilegierten den Marginalisierten zuhören und ein Politikangebot unterbreiten, das ihnen die Furcht vor dem Fremden nimmt, ohne die Solidarität mit Flüchtlingen und Migranten zu vergessen. Leicht gesagt, schwer getan. Heisterhagen verzichtet leider auf Rückgriffe in die Kulturgeschichte, denn die könnten in den Köpfen der Leserschaft eingängige Bilder entstehen lassen. Was er meint, ließe sich in Anlehnung an Charles Dickens’ »Geschichte aus zwei Städten« vielleicht als »Geschichte aus zwei Stätten« begreifen.

Bei Dickens wird Charles Darnay in den Wirren der Französischen Revolution zum Tode verurteilt. Der Anwalt Sydney Carton rettet ihm das Leben und besteigt für ihn das Schafott. Die Linken könnten von ihrer urbanen Wirkungsstätte aus die oft in ländlichen Stätten lebenden Arbeiter vor dem politischen Tod bewahren, indem sie sich für sie einsetzen und auch das Risiko eingehen, dabei politisch umzukommen.

Ausgerechnet der rechte Sozialdemokrat Sigmar Gabriel, der sich sein politisches Engagement für die Reichen nun in der Wirtschaft vergolden lässt, gab noch 2009 einen Weg vor, den die Linken ausprobieren könnten: »Wir müssen raus ins Leben. Da, wo es laut ist. Da, wo es brodelt. Da, wo es manchmal riecht, gelegentlich auch stinkt. Wir müssen dahin, wo es anstrengend ist. Weil, nur da, wo es anstrengend ist, da ist das Leben.«

Nils Heisterhagen: Die liberale Illusion. Warum wir einen linken Realismus brauchen. Verlag J. H. W. Dietz Nachf., 352 S., br., 22 €.