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Kommandant als Versuchskaninchen

Der Astronaut Alexander Gerst fliegt zum zweiten Mal zur ISS

Dreißig Tage bis zum Start: brauche eure Hilfe! Auf der Startplatform, 1 Std vorm Start während der Drucktests, hört die Crew Musik über Funk. Vorschläge? P.S.: nein, ›big balls of fire‹ scheidet aus ;)» - Diese Bitte auf Twitter ist typisch für Alexander Gerst. Schon bei seinem ersten Flug zur Internationalen Raumstation ISS im Jahre 2014 nutzte der deutsche ESA-Astronaut intensiv den Internetkurznachrichtendienst, um die auf der Erde Gebliebenen mit Details des Fluges, gerade laufende Experimente oder auch die bisweilen etwas exotischen Eigenheiten des All-Tags in der Umlaufbahn zu füttern. Seine musikalische Playlist für die Wartezeit vor der Zündung der Trägerrakete am 6. Juni hat er mit Hilfe seiner Leser in kürzester Zeit komplettiert.

Natürlich geht es bei der Startvorbereitung nur am Rande um Musik. Schließlich hat «Astro-Alex», wie Gerst inzwischen oft nach seinem Twitter-Namen genannt wird, bei seinem zweiten Flug zur ISS eine Fülle neuer Aufgaben. Beim Flug mit «Sojus MS-09» zur Station wird er diesmal nicht bloß Passagier sein, sondern Kopilot. Das bedeutet, dass Gerst genauso wie der russische Pilot der Sojus, Sergei Prokopjew, während des monatelangen Trainings im Simulator alle denkbaren Pannen meistern musste. Manches fiel ihm in der Wiederholung sicher leichter als den beiden Raumfahrtneulingen Prokopjew und Serena Auñón-Chancellor (USA). Doch auch dieses Mal fand Gerst das Training für die Notlandung auf dem Wasser am anstrengendsten. Da müssen die drei Raumfahrer in der engen Sojuskapsel erst ihre Raumanzüge ausziehen und sich dann in Thermokleidung und Überlebensanzug zwängen, bevor sie aussteigen und ins Wasser springen können.

Angekommen auf der ISS, erwartet Gerst neben zahlreichen Experimenten eine zusätzliche Verantwortung: Er wird als erster Deutscher für fast drei Monate Kommandant der Raumstation. Wie er immer wieder bekundet, eine außergewöhnliche Ehre. Vor allem aber mehr Arbeit.

«Horizons - Wissen für Morgen», so heißt die zweite Mission von Alexander Gerst. Ein reichliches halbes Jahr wird er im Rahmen der ISS-Expeditionen 56 und 57 Zeit haben, die 65 Experimente abzuarbeiten, die die Europäische Raumfahrtorganisation vorbereitet hat. Der Name «horizons» wurde von Gerst selbst ausgewählt. Denn auch wenn das Weltall keinen Horizont hat, muss man für neues Wissen wagen, bekannte Horizonte hinter sich zu lassen.

Für Gerst nichts Neues. Er liebt die Herausforderung. Nach Abitur und Zivildienst bereist er als Rucksacktourist die Welt. Die beeindruckenden Vulkane Neuseelands bringen ihn zum Studium der Geophysik. Für seine Doktorarbeit untersuchte er den Antarktisvulkan Mount Erebus.

«Ich hatte schon immer den Traum, dass ich mich einmal als Astronaut bewerben wollte», erklärt Gerst in einem Gespräch, das in dem Interview-Podcast «Omega Tau» veröffentlicht wurde. «Ich hatte über Jahre hinweg meinen Webbrowser so programmiert, dass er mir automatisch eine Meldung gegeben hat, wenn sich die Bewerbungsseite der ESA verändert hat.» 2008 war es dann so weit. Am 28. Mai 2014 startete er für ein halbes Jahr zur Internationalen Raumstation (ISS) - als elfter Deutscher im All und dritter deutscher Raumfahrer auf der ISS. Dabei nahm er in den 1,5 Kilo Handgepäck auch zwei Bücher mit, interessanterweise Stanislaw Lems «Astronauten» und Tschingis Aitmatows «Der Tag zieht den Jahrhundertweg». Die Lektüreauswahl bestätigt das Urteil des ersten Deutschen im All, des DDR-Kosmonauten Sigmund Jähn. Der sagte dem Magazin «Super Illu», «Alex hat keine ideologischen Scheuklappen, wie sie heute in Mode sind.»

Den Sinn bemannter Raumfahrt an Bord der ISS erklärt Gerst mit einem Beispiel: Aus der ISS könne man Vulkanausbrüche unter verschiedenen Blickwinkeln beobachten. Trotz zunehmender Automatisierung der Experimentanlagen sind die menschlichen Fähigkeiten im All nicht ersetzbar. Nicht selten konnten Astronauten aufgrund ihres Trainings und ihrer Ausbildung Versuche retten. Astronauten können improvisieren. So hatte Alexander Gerst bei seiner ersten Mission mit einem Sägeblatt und Rasierschaum einen abgebrochenen Gewindebolzen abgetrennt, der die Montage des Schmelzofens EML behindert hätte.

Zu den Experimenten, die Astro-Alex durchführen soll, zählen Arbeiten mit einer modernisierten Variante des seit 2014 an Bord befindlichen Schmelzofens EM und dem hochauflösenden Fluoreszenzmikroskop FLUMIAS. Damit lassen sich lebende Zellen untersuchen. Hin und wieder ist der Kommandant selbst Versuchskaninchen. Beim Experiment Myotones werden die biomechanischen Eigenschaften des ruhenden Muskels untersucht, um die Wirksamkeit des täglichen Trainings zu beurteilen. Auch ein Fitnessarmbändern nicht unähnlicher Sensorgürtel wird erprobt.

Zudem werden Gerst und seine Kollegen speziell für die ISS entwickelte Funktionskleidung mit verbessertem Wärmeaustausch testen. Erstmals soll das Experimentalsystem CIMON (Crew Interactive MObile companioN) die Astronauten bei der Arbeit unterstützen, indem er auf Zuruf passende Dokumente auf seinen Monitor holt oder die Videodokumentation der laufenden Arbeit übernimmt.