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286 Arten von Regen

Im Kriminal-Musical »Rache!« verhackstücken Ahne & Sedlmeir deutsche Identitätsstörungen

Von Martin Hatzius

Wie wenig die lustige, krachige, schräge Show, die da am Donnerstagabend im Berliner BKA-Theater über die Bühne ging, mit der Realität zu tun hat, war schon am Wetter abzulesen. Hatten die Uraufführungsbesucher sich schweißnass aus der Kreuzberger Dürre in den Saal geschleppt, so regnete es drinnen ununterbrochen. Ein »Kriminal-Musical« nennen der Ostberliner Lesebühnenveteran Ahne und der musikalische Trash-Allrounder Henning Sedlmeir, gebürtig aus dem Saarland, ihr böse unterhaltsames Gemeinschaftswerk »Rache!«, das sie mit Unterstützung der lesenden Musikerin Mareike Hube auf eine CD gebrannt und nun auf die Bretter gebannt haben.

Es regnet also - im Text, auf der Leinwand, aus den Boxen -, und Privatkommissar Hugo Stark informiert das Publikum über die »gravierenden Auswirkungen«, die Regen auf die Ermittlungen hat. Mit arschruhiger Bassstimme zählt Sedlmeier, dem die Rolle des abgebrühten Ermittlers auf den rockigen Leib geschneidert ist, die allgemein bekannten Regenarten auf: Landregen, Starkregen, Konfektionsregen. »Wir Kriminalisten unterscheiden allerdings noch 283 weitere Arten von Regen.« Das macht die Sache nicht leichter.

In der Tat erweist sich der Fall, den Hugo Stark zu lösen hat, als verzwickt: Der erfolglose Berliner Schriftsteller Torsten McCollough, verkörpert von Ahne, dem ewigen Schlaks, ist seiner bildschönen, also drallen und blonden, Freundin zum Zelten an die Ostsee nachgereist. Als er dort ankommt, ist jene Nancy allerdings spurlos verschwunden. Wurde sie von einem Ausländer mit Schnauzbart entführt? Der durch keinerlei Indizien gestützte Verdacht steht jedenfalls schneller im Raum, als die Presse »Russland!« rufen kann, wenn irgendwo ein Journalistenmord fingiert wird. Schließlich befinden wir uns in Mecklenburg-Vorpommern.

Mit Lust am Klischee, Spaß am Slapstick und dramaturgischer Finesse hangeln sich die drei Protagonisten des Abends von Textpassage zu Videoschnipsel, von Konservensound zu live gespielter Westernmelodie, von Punksong zu Schlagerparodie durch die gewitzt komponierte Handlung, die irgendwann eine vollkommen unerwartete Wendung nimmt.

Bis es so weit ist, begegnen wir einem Dauercamper, genannt »der Spießer«, einer Schwarzen Mamba mit prophetischen Fähigkeiten und einem Nazischlagerstar mit englischem Akzent. Wir werden Zeugen eines Hells-Angels-Überfalls auf das deutschtümelnde Zeltplatzfest, einer perückenbestückten AfD-Parteitagsrede und eines Showdowns, der von McCollough und Stark noch weniger übrig lässt als das trügerische Bild, das beide von sich geschaffen hatten. So komisch wie in »Rache!« ist wahnhafte deutsche Identität noch selten demontiert worden.

Als alles vorbei ist, bekommt aus dem Off auch jener seinen Auftritt, der bislang mit dem Fall nicht das Geringste zu tun hatte: Ein Ausländer mit Schnurrbart interessiert sich für die bescheidenen Habseligkeiten, die von McCollough übrig geblieben sind. »Du kannst alles haben, was du willst von mir«, singt Mareike Hube dazu mit regenklarer Stimme. Und draußen ist es immer noch heiß.

Ahne & Sedlmeir mit Mareike Hube: Rache! Ein Kriminal-Musical. CD, Verlag Voland & Quist, ca. 15 €.