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Komm, Brüderchen, trink!

Abseits! Die Feuilleton-WM-Kolumne

Die diesjährige Fußdingsweltmeisterschaft der Männer in Russland erwies sich bislang als friedliches Sportfest. »Schöne Spiele, viele Tore, keine öffentlichen Hinrichtungen, die Stimmung ist bestens«, so berichtet etwa die »Junge Welt« begeistert. Auch ist seit Beginn der WM 2018 noch kein Spieler wegen unangemessenen Untenrum-Anfassens oder aufgrund wohlwollender Äußerungen über Homosexualität verhaftet worden. Ein rundum schöner Erfolg!

Und als neulich, bei der Eröffnungsfeier der WM in Moskau, der ausnahmsweise ordentlich rasierte und sichtlich verjüngt wirkende Ivan Rebroff ein schmissiges Lied in - verwirrenderweise - englischer Sprache (»Rock DJ«) sang, in dem es offenbar um Leibesübungen bzw. Sex geht (»I’ve got the gift/ Gonna stick it in the goal/ It’s time to move your body«), wurde rasch klar: Der Russe hat auch noch nicht den Anschluss an die internationale Popwelt verpasst. Bedauerlicherweise trug Rebroff seine superschicke Pelzmütze leider nicht. Womöglich ja deshalb, weil er nicht für schwul, asexuell oder sonst wie russophob gehalten werden wollte.

Als sicher kann immerhin gelten: Dieses Turnier wird die sportliche Überlegenheit des meist athletisch und stattlich gebauten Russen beweisen (No homo). Und wir kennen ja auch die Gründe dafür, warum der (gesunde heterosexuelle) Russe in seinem ersten WM-Vorrundenspiel den (in seiner sexuellen Orientierung erfahrungsgemäß nicht hundertprozentig zuverlässigen) Araber mit einem famosen 5:0 besiegt hat.

Es hat mit der Oberschenkelmuskulatur des Russen zu tun: »Der Russe hat Oberschenkel aus Stahl, die seit Jahrhunderten trainiert sind durch die Praxis des Volkstanzes«, sagte neulich meine Frau.

Seinen Kampfgeist befeuert der Russe traditionell mit Wodka, seine Lenden- und Kniemuskulatur mit Ballett (Nurejew), Volkstanz (Kasatschok), Sex (Kadyrow), Reiten (Kosaken) und Reiten mit nacktem Oberkörper (Putin). Die Ergebnisse eines solch lebensbejahenden Trainings können sich bisher mehr als sehen lassen: acht Tore, sechs Punkte.

Erst vorgestern hat der knüppelharte Russe mit seiner phallischen Spieltechnik dem verweichlichten Ägypter wieder drei Tore hineingeballert. »Auch ohne Kremlchef Wladimir Putin, der (...) nicht im Stadion weilte«, habe der Russe »motiviert« gewirkt, schrieb die »Süddeutsche Zeitung«. Motiviert? Der Russe senkte sich wie ein unbarmherziger Stachel ins hilflose Fleisch des Gegners!

Mohamed Salah, der Stürmerstar Ägyptens, hat, nachdem alles vorbei war, »ein bisschen geweint«, wenn auch »nicht so herzzerreißend wie (…) vor ein paar Wochen« (»Tagesspiegel«). Klar: Der Ägypter hat einen mimosenhaften Stürmer, der manchmal öffentlich flennt bzw. »seine Tränen nicht zurückhalten kann« (»Spiegel Online«), aber - Hand aufs Herz bzw. auf die Hoden - was kann denn der Russe dafür, dass der Ägypter mit einem Haufen weibischer Spieler aufgelaufen ist, die gleich zu heulen anfangen, wenn man sie ein wenig härter rannimmt?

Ein Geheimnis ist jetzt jedenfalls auch nicht länger, warum Deutschland sein erstes WM-Spiel vergeigt hat: zu wenig Wodka, zu wenig Tanz, zu wenig Sex, zu wenig Lebensfreude in den vergangenen Jahrhunderten. Als der Russe sich - sei es nun als Kosak oder Kommunist, als Kicker oder Kampfsportler - mit Schnaps und »Kosakenkaffee« (»Komm, Brüderchen, trink!«) auf Touren brachte und zu den Klängen von Aram Chatschaturjans »Säbeltanz« seine Beinmuskeln perfektionierte, war der Deutsche immer nur mit Biertrinken (macht müde) und Weltkriege anfangen (macht unbeliebt) beschäftigt. Mit Bierbauch und Flakgeschütz aber gewinnt man nun mal keinen Blumentopf und schon gar keine Fußball-WM.

Ein Gutes hat diese Weltmeisterschaft ja immerhin: Heute spielt der Deutsche wenigstens Fußball beim Russen bzw. mit ihm. Früher hat er ihn ja mehr erschossen. Andererseits ist heute auch der Russe nicht mehr das, was er einmal war, wenn Sie verstehen.

Abseits! Die Feuilleton-WM-Kolumne

Acht nd-Redakteurinnen und -Redakteure, ergänzt um vier Gastautorinnen und -autoren, kommentieren das Geschehen rund um die Fußball-WM in Russland aus feuilletonistischer Sicht. Warum 12 und nicht 11? Ganz einfach: Der linke Fußballfan weiß, dass es immer auf den 12. Mann (oder die 12. Frau) ankommt!

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