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Mittelmäßige Kritik

Frauen in Männerdomänen müssen Superstars sein - an Männer werden nicht so hohe Anforderungen gestellt

An Geschlechterverhältnissen festzuhalten ist nicht einfach, wenn die Grundlage fehlt. Aber der deutsche Fußballdödel schafft es natürlich dennoch, er schafft alles, wir schaffen alles, denn es ist Krieg. Was legt er sich also zurecht, wenn Biologie, Sozialisation, Kultur, oder wie er es sonst nennen will, nicht mehr ausreicht, um das andere Geschlecht auf seine Minderwertigkeit festzunageln?

Na, sicher: Die Protagonistin, um die es ihm geht, ist eben leider nicht so gut. Die Fußballkommentatorin Claudia Neumann bekommt in den sozialen Netzwerken und den Kneipen eine erschreckende Menge an fiesen Kommentaren ab, das Social-Media-Team vom ZDF musste sogar vergrößert werden, um dieser überhaupt, ja, Herr zu werden. Die Vorwürfe und Drohungen gehen meist in die normal-sexistische Richtung, Neumann möge doch lieber putzen, backen oder vergewaltigt werden. Oft verbiegt Mann sich aber, um sich dem Vorwurf des platten Sexismus nicht aussetzen zu müssen. Das klingt dann so: Es ist nicht, weil sie eine Frau ist, es ist ihre Stimme, es sind ihre schlechten Analysen, ihre Fehler.

Es ist nur rein zufällig, dass sie mehr Hass abbekommt als männliche Kommentarkollegen, und nicht etwa so, dass man ihr besonders auf die Kommentarfinger schaut. Wenn ein Mann sich nicht gut mit Fußball auskennt, bekommt er schließlich auch Ärger, dann ist er kein richtiger, kein guter Mann, weil ein richtig guter Mann sich bestens auskennt. Man muss sich das »gut auskennen« mal in den Kneipen der Republik reinziehen.

Das klingt ungefähr so: »Geh doch nach vorne!«, »Mach mal dicht da!«, »Boah, was macht der denn da?«, »Schauspieler!«, »Schade« und »Uga, brüll, rülps«. Frauen, die Ähnliches von sich geben, werden kopfschüttelnd angeguckt, weil sie beweisen, dass sie keine Ahnung haben, bei Männern sind es jedoch Emotionen.

»Realtalk Tobi«, dessen Name und Argumentation eine perfekte Karikatur dieser Art von Kritik abgäbe, schreibt zum Beispiel auf Twitter: »Diese Neumann ist komplett inkompetent und blamiert das ZDF. Es reicht. Gebt ihr einen anderen Job und hört auf die völlig sachliche und berechtigte Kritik an ihrer hundsmiserablen Kommentatorenleistung mit peinlichen Sexismus Vorwürfen abzutun!«

Es ist so: Frauen dürfen in Männerdomänen nicht schwächeln, wie Männer es ständig tun, ohne direkt ausgeschlossen werden zu wollen. Frauen müssen sich beweisen und werden nie gut genug sein. Das Phänomen gibt es in allen kulturellen Bereichen, ob in der Musik, im Film, in der Literatur oder eben im Sport. Während mittelmäßig talentierte Männer in allen Bereichen rummackern, müssen Frauen Superstars sein oder sollen gänzlich fernbleiben. Idee: Lasst doch vermeintlich mittelmäßig talentierte Frauen einfach auch arbeiten, Geld verdienen, Sport und Kunst machen. Und damit es auch alle verstehen: Uga, brüll, rülps.