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Weltmeisterin der Schadenfreude

Abseits! Die WM-Kolumne

Von Jacinta Nandi

Jacinta, jetzt wo England ausgeschieden ist, bist du für Deutschland?« - Ich wohne seit fast 20 Jahren in diesem kalten, sauberen, zivilisierten, fußballbegabten Land, und wie oft habe ich mir diesen Satz anhören müssen! Hätte ich jedes Mal, als mir diese Frage gestellt wurde, einen Euro bekommen, hätte ich jetzt genug Geld für eine Reise nach Disneyland Paris.

Ich antwortete stets mit Ja - und dachte immer, ich würde die Wahrheit sagen. Aber jedes Mal (abgesehen von dem WM-Titel 2014 natürlich) war ich überrascht über die Gefühle, die ich hatte, wenn Deutschland ein WM-Spiel verlor: Erleichterung, Zufriedenheit, Freude. Ich spürte eine Schadenfreude so tief und so intensiv, dass es wirklich eine wahre Freude war.

Ich erinnere mich noch an einen Abend in Prenzlauer Berg - bei welchem Turnier das war, weiß ich heute nicht mehr: Schwarz-rot-goldene Blumen in meinen Haaren, die Flagge auf einer Wange - und Deutschland schied aus. Meine Gastgeberin wurde nach dem Schlusspfiff blass im Gesicht, Enttäuschung und Trauer waren unverkennbar. Ich musste aus dem Wohnzimmer raus, musste mich auf dem Balkon verstecken, weil ich zu sehr strahlte. Mein ganzer Körper war euphorisch. Mein damaliger Freund, halb Brite, halb Deutscher, kam hinzu, wir standen auf dem Balkon und guckten auf die Schönhauser Allee. »Ich bin so glücklich«, flüsterte ich, »wenn deutsche Menschen traurig sind.«

England wird wahrscheinlich nie zu meinen Lebzeiten Weltmeister, aber ist das so wichtig? Wir sind drin, und die Deutschen sind raus, und außerdem haben wir Panama 6:1 geschlagen. Ich habe jetzt zumindest eine Vorstellung, wie es sich anfühlt, Fußballweltmeister zu sein. Total geil! Vielleicht ist diese Vorstellung noch besser als die Realität? Keine Ahnung, und ich glaube nicht, dass ich es je wirklich herausfinden werde. Aber in meinem Herzen bin ich eine Weltmeisterin. Gestern habe ich die Frau in der Bäckerei um die Ecke gefragt, ob sie überhaupt noch weiter Fußball gucken wird, auch wenn Deutschland aus dem Turnier geflogen ist. Dabei habe ich mitleidvoll genickt, als sie sagte, die wichtigsten Spiele schaue sie trotzdem. England muss nicht Weltmeister werden. Ich bin schon die Weltmeisterin der Schadenfreude.

Viele meiner linken deutschen Freunde freuen sich auch. Oft sehr demonstrativ. Aber diese Schadenfreude ist eine andere Freude als die meine - es geht ihnen ums Deutschsein, die NS-Vergangenheit. Es geht ihnen darum, das Konzept von Deutschland als Nation abzulehnen. Es ist trotzig und kindisch und süß und hoffnungsvoll. Bei mir ist die Freude eine andere - ich bin einfach nur sauer, dass die Deutschen (normalerweise) so viel besser Fußball spielen als die Engländer.

Manche linke Deutsche sind sogar sauer, weil sie denken, dass man sich mit der WM von der Faschismuswelle, die gerade wie eine Seuche über unsere Erde kriecht, ablenken lässt. Ich weiß nicht, ob es stimmt, dass ich mich ablenken lasse. Ich glaube, ich würde mich gerne noch mehr ablenken lassen.

Es wäre schön, wenn die Ablenkung funktionieren würde, aber das tut sie nicht, und sogar diese Schadenfreude über die deutsche Niederlage wird mir von den Nazis mit ihrem Özil-Bashing verdorben. Allein dafür hasse ich die AfD wie die Pest.

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