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Die Leiden des Neymar Jr.

Der Star führte Brasilien ins Viertelfinale, sorgt allerdings auch mit viel Theatralik weltweit für Unmut

Von Frank Hellmann, Samara

Als Neymar da Silva Santos Júnior in der Kosmos-Arena von Samara als »Man of the Match« prämiert wurde, zeigte er stolz seinen teuren Goldbehang. Gleich drei Schmuckstücke baumelten um den tätowierten Hals, mit Sicherheit keine Imitate, die für ein paar Hundert Rubel in den weniger betuchten Vierteln russischer Großstädte feilgeboten werden. Mit irgendetwas muss ein Weltstar ja noch auffallen, wenn die Frisur mit den blondierten Zipfeln einem normalen Kurzhaarschnitt weichen musste. Die Selbstinszenierung, all das Gehabe und Gewese ist Teil von Neymars Vermarktungsmaschinerie. Und doch tut dem brasilianischen Ballzauberer die derzeit auf der ganzen Welt geführte Debatte nicht gut, wie viel seiner Theatralik dieses WM-Turnier noch verträgt.

Der Dissens, der sich nach einer fragwürdigen Einlage über die Statements des mexikanischen Nationaltrainers Juan Carlos Osorio (»eine Schande für den Fußball«) und seinem brasilianischen Kollegen Tite (»Schaut euch die Szene an! Es gab einen Tritt«) spannte, veranschaulichte, welche Reizfigur der 26-Jährige ist. Neymar war nicht zum ersten Mal schmerzverzerrt übers Spielfeld gerobbt. Ursache und Wirkung standen beim kurz darauf wieder quietschfidel herumspringenden Neymar allerdings in keinem gesunden Verhältnis, obwohl sich sein Gegenspieler den (leichten) Tritt aufs Fußgelenk natürlich hätte sparen müssen, über den Schiedsrichter Gianluca Rocchi ganz hinweggesehen hatte.

Osorio verwies auf die schlechte Vorbildwirkung für Kinder, die vor allem auf Idole wie Neymar schauen. Frankreichs Altstar Eric Cantona drehte sogar im Fernsehstudio an einem gelben Rollkoffer, um damit Neymars übertriebene Rollwalzen auf dem Rasen nachzuahmen. Ähnlich echauffiert gab sich der vermeintliche Verursacher der oscarreifen Szene. Mexikos Miguel Layún meinte, nichts Gravierendes verbrochen zu haben: »Das ist Fußball. Wenn er nicht berührt werden will, soll er was anderes machen. Wenn er liegen will, soll er sich zu Hause ins Bett legen.«

Dänemarks Torwartidol Peter Schmeichel bemängelte zugleich, dass der Brasilianer vom Weltverband auch noch ausgezeichnet worden war. »Neymar wurde zum Mann des Spiels gewählt, aber die FIFA muss auch darauf schauen, wie er sich im Spiel verhält. Ich finde keinen anderen Weg, als es schändlich zu nennen«, sagte Schmeichel. Dem Star gehöre alle Aufmerksamkeit, »und ich denke nur: Ich wünschte, er hätte nicht mitgespielt, weil er Bestrafungen für andere Spieler provoziert.«

Der ohnehin der steten Fallsucht bezichtigte Neymar rechtfertigte sich damit, man wolle ihn beschädigen. Tatsächlich wurde er bei dieser WM am häufigsten gefoult (22 Mal), und für Fouls an ihm gab es die meisten Gelben Karten (acht). »Ich kümmere mich nicht um die Kritik. Ich versuche der Mannschaft zu helfen.« Was dem Grenzgänger mit einem Tor und anderthalb Torvorlagen beim 2:0 auch vollends gelungen war.

Er nähere sich seiner Bestform, meinte er noch. Ähnlich wie Manuel Neuer hatte auch den brasilianischen Star ein Haarriss im Mittelfuß außer Gefecht gesetzt. Lange war unklar, ob er überhaupt zur WM mitreisen könne. Ein Thema, das in der Heimat vertiefender behandelt wurde als die Wirtschaftskrise.

Und wie groß war erst der Schock, als Neymar wirklich bei einer WM schwer verletzt auf einer Trage vom Platz gebracht wurde? Vor vier Jahren im raubeinig geführten Viertelfinale gegen Kolumbien rammte ihm Juan Zuniga so kräftig das Knie in den Rücken, dass ein Lendenwirbel brach. Der Anfang vom Ende für Brasiliens Titelträume. Die Mission soll nun 2018 erfüllt werden, und wieder ist Neymar ein Eckpfeiler des Plans.

Sein Verhalten kommt jedoch einer Gratwanderung gleich, da er bei seiner Klasse diese Mätzchen gar nicht nötig hat. Aber vielleicht will sein Managementkonsortium auch genau diese Aufmerksamkeit, schließlich ist Neymar ein ständiges Spekulationsobjekt. Nicht von ungefähr werden gerade Zweifel gestreut, ob der Brasilianer nächste Saison noch für Paris St. Germain unter dem neuen Trainer Thomas Tuchel antreten werde. Angeblich soll Real Madrid 310 Millionen Euro für ihn bieten, was die Spanier umgehend dementierten.

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