/ Kultur

Er ist wieder da

Thilo Sarrazin prozessiert gegen die Verlagsgruppe Random House

Im akademischen Betrieb in Deutschland gibt es eine Besonderheit, die weltweit wohl einmalig ist: Man kann hierzulande mit dem Titel des Volkswirts abschließen. Das klingt nicht nur merkwürdig, das ist es auch. Wohl nur in Deutschland wird die Trennung der Ökonomie in eine betriebliche und überbetriebliche Ebene derart ideologisiert begrifflich gefasst. Es gibt den Betriebswirt, es gibt den Volkswirt. Ersterer beschäftigt sich qua Definition mit der betrieblichen Ebene, mit der Wirtschaft im Kleinen sozusagen; ihm fehlt, wie der Volkswirt stets spöttisch bemerkt, der Blick fürs Ganze. Der Volkswirt dagegen, das sagt schon der Name, ist nicht einfach nur ein Ökonom (im Englischen ein schnöder »economist«), nein, er hat das vollständige Volk als Gegenstand seines pseudowissenschaftlichen Wirkens. Das Volk aber, so meint der Volkswirt zu wissen, ist mehr als das Ganze, mehr als ein Begriff von Gesellschaft, es ist etwas Ureigentliches, das geschützt, das behütet werden will. Und weil das Volk allein nicht existieren kann, ohne dass es von jemandem versorgt wird, hat man dem akademischen Titel des Nationalökonomen im Deutschen die Endung »-wirt« hinzugefügt.

Thilo Sarrazin ist Volkswirt. Damit ist eigentlich schon alles hinreichend beschrieben. Aber Sarrazin ist auch ein ehemaliger Politiker, Mitglied der SPD - und er ist Buchautor. Als Politiker hat er in seiner Zeit als Berliner Finanzsenator von 2002 bis 2009 die öffentliche Infrastruktur der Stadt derart heruntergewirtschaftet, dass Berlin heute noch unter den Folgen leidet. Wenn heute in den Leitmedien der Hauptstadt über die Mietpreisexplosion, den desolaten Zustand des öffentlichen Nahverkehrs, marode Schulgebäude, zu wenig Lehrkräfte etc. pp. berichtet wird, müsste eigentlich in jedem dieser Berichte mindestens einmal der Name Thilo Sarrazin fallen.

Fällt er aber nicht, und das liegt unter anderem daran, dass Sarrazin seit 2010 mehr mit seiner zweiten Karriere als Buchautor in Verbindung gebracht wird als mit seinen systematischen Vergehen am Berliner Gemeinwesen. Im Jahr 2010 veröffentlichte der heute 73-Jährige sein Buch »Deutschland schafft sich ab«. In der Zwischenzeit hat er die Reihe fortgesetzt, und das Grundmuster seiner Argumentation - muslimische Einwanderer aus der sozialen Unterschicht bedrohen die deutsche »Volkswirtschaft«, die europäische Kultur und die abendländische Zivilisation - in abgewandelter Form wiederholt, ergänzt um die Variation, ein linker Tugendterror würde jedes öffentliche Reden über seine Thesen verbieten. Die Bücher wurden alle Bestseller.

Sein neues Buch soll »Feindliche Übernahme - Wie der Islam den Fortschritt behindert und die Gesellschaft bedroht« heißen. Über den Inhalt ist nur so viel bekannt, dass es um den Koran geht, in dem angeblich der große Plan zur Eroberung Europas und zur Abschaffung des Christentums bereits beschrieben ist; die die AfD würde vom »großen Bevölkerungsaustausch« und von der Islamisierung sprechen. Sarrazin selbst behauptet, für sein neues Buch den Koran vollständig gelesen und verstanden zu haben.

Bei seinem Verlag Random House zweifelt man aber offenbar am Sachverstand Sarrazins. Jedenfalls will der Verlag, der bislang alle Bücher des selbst ernannten Islamexperten herausgebracht hat, das neue Werk nicht veröffentlichen. Offiziell heißt es, es habe noch zu viele ungeklärte inhaltliche Fragen gegeben, Sarrazin selbst teilte mit, den Verlag habe die Courage verlassen; die Verlagsspitze habe befürchtet, dass das Buch islamkritische Stimmungen aufgreifen und verstärken könne. Sarrazin hatte im November allerdings bereits mit Random House einen Vorvertrag geschlossen.

Sarrazin war mit der Nichterfüllung des Vertrags ganz und gar nicht einverstanden und ging dagegen juristisch vor; am Montag begann vor dem Landgericht in München der Prozess. Der Streitwert wird auf 800 000 Euro beziffert, denn Sarrazin will nicht nur Entschädigung für den nicht eingehaltenen Vertrag, sondern sieht auch seinen guten Ruf beschädigt.

An der Rufschädigung arbeitet aber auch Sarrazin selbst tüchtig mit. Wie jetzt bekannt wurde, hat sich für seine Koranexegese bereits ein neuer Verlag gefunden: Der zur Münchner Verlagsgruppe gehörende Finanzbuch Verlag will das Buch herausbringen. Sarrazin hat sozusagen wieder nach Hause gefunden: Sein Koranbuch wird in einer Reihe mit Finanz- und Anlagetipps (»Investieren Sie in Holz«, »Steuern steuern«, »Investment Guide - Wo und wie die Reichen wirklich investieren«) stehen und kann sich rühmen, die gleichen Weltuntergangsfantasien zu bedienen wie die Titel »Der Selbstmord Europas« oder »Das Amerika-Syndikat - Wie die souveränen Staaten Europas zur Kolonie der USA verkommen«.

Da passt zusammen, was schon immer zusammengepasst hat. Der Kreis schließt sich. Als Thilo Sarrazin 1990 zum ersten Mal durch das Brandenburger Tor in Berlin spazierte, ging ihm das Herz auf. Damals war er Leiter des Referats »Innerdeutsche Beziehungen« im Bundesfinanzministerium, das die Währungs-, Wirtschafts- und Sozialunion mit der DDR vorbereitete. Sarrazin, Sohn eines Arztes aus alter Hugenottenfamilie und einer westpreußischen Gutsbesitzertochter, sah den Dom, das Alte Museum, die Staatsoper, das Zeughaus, dann bog er auf den Alexanderplatz ein. Ihn schauderte, denn da wurde er, wie er damals einer Berliner Tageszeitung anvertraute, der »großzügigen asiatischen Hässlichkeit« der dortigen Architektur gewahr.

Das nächste Mal, dass es ihn derart gruselte, muss viele Jahre später gewesen sein, als er sich für die »Studien« seines Erstlingswerks »Deutschland schafft sich ab«, zumindest gedanklich in den Stadtteilen Kreuzberg und Neukölln umsehen musste (körperlich in Augenschein nahm er die genannten Viertel erst später) - und überall nur »Kopftuchmädchen«, »kriminelle arabische Clans« und sonstigen Plebs registrierte.

Als »Deutschland schafft sich ab« vor acht Jahren erschien, galt das noch als Tabubruch. Inzwischen sind die Dämme gebrochen. Die Vorsitzende der SPD-Fraktion im Bundestag, Andrea Nahles, so wurde dieser Tage bekannt, hat den Abgeordneten ihrer Fraktion einen Schichtdienst verordnet. Damit solle eine »Grundpräsenz im Plenum« sichergestellt werden, damit die AfD nicht mehr mit Verweis auf leere Sitzreihen im Plenarsaal die SPD politisch angreifen könne. Es ist dies nichts anderes als der verzweifelte Versuch, einen imaginären Volkswillen zu vollstrecken, wie er von den Rechtsnationalisten im Parlament seit der Bundestagswahl 2017 fortwährend propagiert wird. Um dem zu entgehen, bräuchte es den Blick für das Ganze, den Blick auf die Gesellschaft und nicht den aufs Volk! Zur Gesellschaft gehören auch die »Kopftuchmädchen«, die »kriminellen arabischen Clans« und ja, dazu gehört auch der Islam! Aber wie soll ein Volkswirt das je begreifen können?!