/ Wirtschaft und Umwelt

Mehr als nur vier schöne Wände

Wie ein Vermieter in einem Dorf im Süden Sachsen-Anhalts der Abwanderung trotzt

Von Hendrik Lasch, Benndorf

Die Initialen sind die gleichen, der Job könnte unterschiedlicher nicht sein. Benndorf »fängt mit ›Be‹ an - wie Berlin«, sagt Gerhard Blume. Doch ein Vermieter in der Hauptstadt zerbricht sich wohl den Kopf vor allem darüber, welchem der vielen Bewerber er eine Wohnung gibt. Blume leitet die Benndorfer Wohnungsbau GmbH (BWB) im gleichnamigen Ort im Landkreis Mansfeld-Südharz (Sachsen-Anhalt). Eines ist dort schon lange nicht mehr vorgekommen: dass Interessenten für eine Wohnung Schlange gestanden hätten.

Der Grund: In Benndorf gibt es sehr viele Wohnungen, aber immer weniger Menschen. 5000 lebten hier in den besten Zeiten; sie arbeiteten in Kupferschächten und Hütten des Mansfeld Kombinats. Heute sind es 2100. Allein die BWB aber besitzt rund 800 Wohnungen, die meisten davon in der »Bergarbeitersiedlung«. Gebaut wurde diese ab 1952 von dem Bergbauunternehmen. Als es mit Material für Reparaturen in den 1970ern aber eng wurde, übertrug man sie der Kommune. Dieser gehören sie bis heute.

Es gibt Orte auf dem Land, denen ihre Wohnungen wie Mühlsteine am Hals hängen. Die Betriebe, deren Beschäftigte dort einst wohnten, gibt es nicht mehr; viele Junge sind weggezogen, nur wenige Alte blieben. Die Folge: Leerstand, verwaiste Geschäfte, aber viele weiter laufende Kosten. Oft fehlt selbst für Abriss das Geld.

Die BWB hat sich in Benndorf von noch keiner Wohnung getrennt. Und hinter fast allen Fenstern hängen Gardinen. Der Leerstand liege bei zehn Prozent, sagt Blume: »Das ist gut in dieser Gegend.« Auch die Läden in der Bergarbeitersiedlung sind vermietet: ein Bäcker, ein Fleischer. Ein paar Meter weiter an einem kleinen Platz findet sich das »Dienstleistungszentrum« der BWB. Hier können Mieter zum Beispiel Gardinen waschen lassen und bekommen sie anschließend auch wieder aufgehängt. Auch Fahrten zu Ärzten oder Ämtern werden organisiert - getreu dem Slogan, der an der Fassade prangt: »Wir sind für sie da.«

Blume, der Elektronikingenieur ist und nach 1990 in einem Studium der Betriebswirtschaft »zum Kapitalisten ausgebildet« wurde, macht kein Hehl daraus, dass sich das Dienstleistungszentrum finanziell für die BWB nicht rechnet. Er weiß aber auch, dass solche Angebote den Vermieter interessant und attraktiv machen - in diesem Fall vor allem für ältere Mieter. Ihnen bietet die BWB jeden Dienstag auch eine Einkaufsfahrt in das wenige Kilometer entfernte Nebra an, wo es - anders als in Benndorf - noch einen Supermarkt gibt. Genutzt wird ein Bus, den die BWB sonst den Vereinen im Ort zur Verfügung stellt. Gewinn wird auch damit nicht erzielt, sagt Blume: »Nur das Geld für den Sprit muss wieder reinkommen.« Es ist derlei Service, der zeigt, wie ein Vermieter auch in einem schwierigen Umfeld über die Runden kommen kann. Auf manche Umstände haben die BWB und die Kommune selbst keinen Einfluss, etwa darauf, dass in dem Ort die Regionalbahn und vier Buslinien Haltestellen haben und die Autobahn in kurzer Zeit erreichbar ist - was interessant für Familien ist, die in Städten wie Eisleben, Sangerhausen oder gar Halle arbeiten, aber auf dem Dorf günstig wohnen wollen. Auch dass die Sekundarschule am Rand der Bergarbeitersiedlung erhalten blieb, ist ein glücklicher Umstand. In ihren Prospekten wirbt die BWB aber auch mit der Nähe zu Kindergarten, Bücherei und medizinischer Versorgung - was nicht selbstverständlich ist. Die Kommune muss derlei Infrastruktur vorhalten, der Vermieter gegebenenfalls das Seine dazu beitragen. Dienstleistungen für die Mieter »sind uns wichtiger, als mit den Läden ein paar Euro mehr Miete zu erzielen«, sagt Blume. Er betont, die BWB müsse nicht um jeden Preis Gewinne erwirtschaften - im Unterschied zu privaten Vermietern, aber auch zu kommunalen Unternehmen anderswo, die viel Geld an den Kämmerer abführen müssen.

Vieles davon springt beim Spaziergang durch Benndorf nicht gleich ins Auge. Was indes auffällt: Die Häuser sind allesamt saniert, wobei viele der in den 1950er Jahren angebrachten künstlerischen Verzierungen an Fassaden und Hauseingängen liebevoll aufpoliert wurden. Dabei macht es keinen Unterschied, ob die Miete von den Bewohnern selbst oder vom Amt überwiesen wird. »Es gibt bei uns keine schlechteren ›Hartz-IV-Wohnungen‹«, sagt Blume, der einst auch Bürgermeister war und für die LINKE im Kreistag sitzt. Was ihn ärgert, ist freilich der Umstand, dass das Jobcenter an Orte wie Eisleben mehr Miete für gleichwertige Wohnungen zahlt: »So wird der ländliche Raum gegenüber Städten benachteiligt.«

Was in der Bergarbeitersiedlung zudem auffällt: Sie ist eine energetische Modellsiedlung. Auf vielen Dächern blinken Solarpaneele, selbst Vordächer über Haustüren erzeugen Strom. Auch auf dem Dach der Schule hat eine Tochterfirma der BWB Solarzellen installiert; ihr Erlös geht an den Förderverein der Schule. Die Energie von den Dächern wird ins öffentliche Netz eingespeist; es sei aber denkbar, dass der Strom in Zukunft günstig an die Mieter abgegeben werde, sagt Blume. Auch Ladesäulen gibt es in der Siedlung schon - wobei Blume überlegt, wie diese gestaltet sein müssen, damit außer E-Autos auch elektrische Rollstühle zu laden sind. Wie sagt der BWB-Chef? »Wohnen heißt mehr als vier schöne Wände.« In Berlin müssen Vermieter das nicht unbedingt beherzigen. In Benndorf ist es das Rezept zum Überleben.