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Neues Sprachrohr gesucht

Berlin setzt zur Heim-EM der Leichtathleten noch ein letztes Mal auf das Zugpferd Robert Harting

Wenn Gina Lückenkemper an die Fußball-WM vor wenigen Wochen denkt, redet sie sich schnell in Rage. Die 21-jährige Leichtathletin, das stellt sich schnell heraus, störte es jedoch kaum, dass die deutsche Nationalmannschaft in Russland schon nach der Vorrunde ausgeschieden ist. Vielmehr kritisiert die schnellste Frau Deutschlands die überbordende Fernsehübertragung des Fußballturniers - und die Missachtung ihrer eigenen Sportart.

Bei den öffentlich-rechtlichen Sendern ARD und ZDF hätte man jede WM-Partie online aus elf verschiedenen Kameraperspektiven anschauen können, erinnert sie sich. »Da gibt es Leute, die schauen 90 Minuten nur, was der Trainer gerade macht«, so Lückenkemper. »Von unseren deutschen Meisterschaften aber gab es keine Livestreams im Internet, die andere Wettbewerbe als jene gezeigt hätten, die die ARD sowieso übers normale Fernsehen ausstrahlte. Dabei war die Technik für mehr da.« Fürwahr gab es eine lange Reportage des Männer-Diskuswerfens, die anderen Disziplinen wurden dann eher im Minutentakt abgefrühstückt.

Das Duell Fußball gegen den Rest der Sportwelt ist seit Beginn der gemeinsamen Europameisterschaften in Glasgow vergangene Woche Hauptthema. Jene anderen schließen sich zusammen, um mehr mediale Aufmerksamkeit zu generieren, und die Leichtathleten werden sich ab diesem Montag in Berlin dem »Kampf« anschließen. Dabei hatte die olympische Kernsportart im Vergleich zu den Ruderern, Turnern oder Triathleten - und jüngst sogar auch zu den Schwimmern - noch den Vorteil, dass zumindest ihre internationalen Meisterschaftenn live im frei empfangbaren Fernsehen übertragen wurden. »Ich laufe aber nicht nur einmal im Jahr. Manchmal starte ich bei drei Meetings in sechs Tagen, aber niemand bekommt das mit«, sagt Lückenkemper, der der Präsident des Deutschen Leichtathletik-Verbands (DLV), Jürgen Kessing, zutraut, die neue Gallionsfigur des Verbandes zu werden, wenn Diskuswerfer Robert Harting bald seine Karriere beendet. Ein neues Sprachrohr wird gesucht, und ihre eigene Meinung hält Lückenkemper ebenso wie der Olympiasieger von 2012 nie zurück.

In Berlin wird aber erst noch mal Harting das Zugpferd sein. Den Organisatoren, die seit mehr als einem Jahr mit dem in der Hauptstadt lebenden Altstar Werbung für die Heim-EM machen, war ein Stein vom Herzen gefallen, als der DLV Harting nach Platz drei bei den deutschen Meisterschaften nominiert hatte, obwohl andere in diesem Jahr schon weiter geworfen hatten. Harting plagten in dieser Saison, in der sein Bruder Christoph das interne Duell dominiert hat, wieder Verletzungen, besonders ein Anriss der Oberschenkel-Quadrizepssehne machte ihm zu schaffen. Wenige Wochen vor der EM ließ er sich Kortison spritzen, um den Schmerz auszublenden, eine Operation hätte das vorzeitige EM-Aus ohne Krönung im eigenen Wohnzimmer Olympiastadion bedeutet. »Das war mein letzter Joker. Wenn der nicht sticht, habe ich keinen mehr«, sagte Harting jüngst in einer Fernsehdokumentation.

Trotz einiger Rückschläge in der Vorbereitung blieben die EM-Macher bei ihrem Testimonial Robert Harting. Nachts ist er dieser Tage sogar als überdimensionale Lichtprojektion auf der Fassade eines Hochhauses am Breitscheidplatz zu sehen. Dort wird neben dem Olympiastadion der zweite Mittelpunkt der Berliner EM sein. Mehrere Tribünen wurden aufgebaut, dazu die für Berlin typische blaue Laufbahn für die Geherwettbewerbe, ein Kugelstoßring für die Qualifikation und eine große Bühne für Siegerehrungen. »Wir wollen die EM zu den Menschen in die Stadt bringen«, umschreibt DLV-Präsident Kessing das Konzept. Am liebsten würde auch Robert Harting noch mal zur Siegerehrung in die City West, doch zunächst steht die Qualifikation am Dienstag im Stadion an.

Schon am Montagabend müssen die ersten 100-Meter-Sprinterinnen ihre Vorläufe absolvieren. Da Gina Lückenkemper zu den zwölf besten Europäerinnen des Jahres zählt, ist sie schon fürs Halbfinale gesetzt. Am Wochenende hat die ARD nun auch eine halbstündige Reportage über ihre EM-Vorbereitung ausgestrahlt. Für mehr Aufmerksamkeit ist also schon mal gesorgt. Nun muss sie nur noch schnell laufen und eine Medaille gewinnen. Dann hätten sich ihre beiden EM-Ziele erfüllt.