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In den Seilen überm Kienberg

Taugt die Seilbahn, die 2017 die Attraktion der IGA war, auch als Verkehrsmittel der BVG?

Unbeeindruckt von Trockenheit und Hitze schweben die Gondeln der Seilbahn von den »Talstationen« am Blumberger Damm sowie an der Hellersdorfer Straße hinauf zum Kienberg, um nach kurzem Zwischenhalt an der Station »Wolkenhain« auf der jeweils anderen Seite wieder hinabzuschwingen. Eine Kabinenseilbahn in Berlin, das ist Exotik pur - auch wenn sich das in Zeiten größter Hitze gerade nicht allzu vielen Menschen erschließen mag. Die großzügig verglasten Kabinen, die zehn Personen Platz bieten, sind derzeit zumeist leer. Dabei bietet kein anderes Verkehrsmittel in der Hauptstadt ähnlichen Platz und Komfort bei vergleichbarer Aussicht. Selbst bei 35 Grad weht hier durch Kippfenster kühler Fahrtwind.

Im Schatten der Gipfelstation schwitzt Florian, Mitarbeiter des Betreiberunternehmens Leitner Seilbahn Berlin. Er war schon während der IGA dabei, und nur über den Winter war er ins Skigebiet nach Kitzbühel gewechselt. »Wir haben extra die Geschwindigkeit der Bahn angehoben, damit die Kabinen besser belüftet werden«, sagt er. Ob’s stimmt? Offiziell gibt der Betreiber eine Fahrzeit von vier Minuten und 25 Sekunden für die insgesamt 1,5 Kilometer lange Distanz an. Bis zu 21,6 Stundenkilometer seien drin. Die Kapazität der Bahn mit ihren 64 Kabinen liege bei 3000 Passagieren pro Stunde. »Normalerweise sind wir gar nicht so schlecht besucht«, sagt Florian. »Doch in den letzten Tagen zieht es vermutlich jedermann raus an die Seen.«

Ein Blick von oben zeigt, dass die gesamte Parklandschaft der wochenlangen Hitze erstaunlich gut getrotzt hat. Die Wiesen sind weitgehend grün, die schattenspendenden Bäume und Sträucher gründlich bewässert und gut gepflegt, die Wege - wenn auch spärlich begangen - sauber. Eine Leistung, die dem emsigen Einsatz der vielen Mitarbeiter der landeseigenen Grün Berlin GmbH zuzuschreiben ist.

Die Leitner AG, einer der Marktführer dieser Branche, hat die Kabinenbahn vom Typ GD10 anlässlich der Internationalen Gartenausstellung IGA Berlin 2017 aufgebaut und der Schau damit nicht nur das einzige Personenbeförderungsmittel auf dem weiten Ausstellungsgelände, sondern auch so etwas wie ein Markenzeichen geschenkt. Dass die Firma die Kosten von rund 14 Millionen Euro für Bau und Betrieb übernommen und auf öffentliche Mittel verzichtet hat, war für Berlin und die IGA günstig - und für »Leitner ropeways« erstklassige Werbung. Schon das alpine Flair, das sie aus dem heimatlichen Sterzing (Südtirol) ins Wuhletal brachte, hat viele IGA-Besucher angelockt.

Die IGA vom 13. April bis zum 15. Oktober 2017 umfasste den Erholungspark Marzahn mit den »Gärten der Welt«, den Kienberg und Teile des Wuhletals. Doch auf das 100 Hektar große Areal kamen statt der erwarteten zwei Millionen zahlenden Besucher nur 1,6 Millionen. Zehn Millionen Euro Miese musste Berlin verbuchen. Dennoch fand man am Ende, dass die IGA kein Flopp war. Tatsächlich lässt der Grünzug am Kienberg die nahen Plattensiedlungen von Marzahn und Hellersdorf bis heute in einem milderen Licht erscheinen.

Nach der IGA wurde das Gelände umstrukturiert. Im Dezember öffneten die »Gärten der Welt« wieder, auf 43 Hektar vergrößert und mit erweitertem Angebot. Die Tickets löst man am Haupteingang am Blumberger Damm oder vom »Kienbergpark« kommend an der »Tälchenbrücke«, die Marzahn und Hellersdorf über das Wuhletal hinweg verbindet.

Der 60 Hektar große »Kienbergpark« mit dem extravaganten Aussichtsturm »Wolkenhain« im Zentrum ist seit dem Frühjahr 2018 für jedermann (zu Fuß) gebührenfrei zugänglich. Der Turm bietet einen grandiosen Ausblick über die Stadtgrenzen hinaus, an seinem Fuß empfängt ein modernes Restaurant mit Freiluftterrasse. Nebenan betreibt Leitner die »Natur-Bobbahn«, ein teurer Spaß.

War die Seilbahn zur IGA die alles verbindende Infrastruktur, so erfüllt sie nun eher eine Randfunktion, liegt sie doch außerhalb der »Gärten der Welt«. Zwar kann man (für 9,90 Euro) ein Kombiticket lösen, hat aber von den Stationen aus keinen direkten Zugang mehr zu dem Gartenparadies. Also, was soll das werden?

Kristian Ronneburg, Abgeordneter der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus, findet, die Bahn sollte künftig als reguläres Verkehrsmittel in das Netz der BVG eingetaktet werden. Kürzlich schlug er vor, die Verträge mit dem Betreiber auslaufen zu lassen und entsprechende Tests durchzuführen.

Die Senatsverwaltung für Verkehr sieht das skeptisch, da es mit Leitner einen langfristigen Vertrag gebe. »Dieser Vertrag eröffnet dem Betreiber die Möglichkeit, über eine Konzession den Betrieb der Seilbahn bis 2031 weiterzuführen«, erfuhr »nd« auf Nachfrage. Zudem gebe es zunächst bis 2020 eine Vereinbarung zwischen dem Seilbahnbetreiber und Grün Berlin über die Tickets. »Es besteht somit ausreichend Zeit, genau zu untersuchen, wie die Besucherinnen und Besucher die Seilbahn in den nächsten Jahren nutzen und wie sich die verkehrliche als auch finanzielle Bedeutung des Seilbahn-Betriebs für den Park ›Gärten der Welt‹ darstellt.«

Unterstützung erhält Ronneburg von Jens Wiesecke, Vizechef des Berliner Fahrgastverbandes IGEB. »Wenn die BVG ein geeignetes Finanzierungskonzept für die Seilbahn sieht, dann steht nichts dagegen, diese Attraktion zu erhalten«, sagte er dem »nd«. Eine vorhandene Infrastruktur wie diese sollte auch genutzt werden. Weiteren Bedarf an Seilbahnen in Berlin sieht Wiesecke allerdings nicht. »Leute, macht endlich eine ordentliche Straßenbahnplanung«, sagte er mit Blick auf die Berliner Verkehrsbetriebe. »Die Seilbahn ist so etwas wie die Partykirsche auf dem Eisbecher der Verkehrsprobleme, die Berlin derzeit hat.«