/ Berlin

Ausgebrannt im Jugendamt

Sozialarbeiter*innen in Marzahn-Hellersdorf protestieren gegen miserable Arbeitsbedingungen

Um kurz nach 10 Uhr morgens lassen die Sozialarbeiter*innen am Alice-Salomon-Platz mehrere Dutzend weiße Luftballons in den blauen Himmel steigen. »Die Politik macht nur heiße Luft«, tönt es aus den Lautsprechern. »Das können wir auch. Lasst die Ballons steigen!«

Etwa 100 Menschen haben sich am Donnerstagmorgen zu der Protestkundgebung vor dem Bezirksamt Marzahn-Hellersdorf versammelt. Die meisten von ihnen sind Sozialarbeiter*innen des Regionalen Sozialpädagogischen Dienstes und arbeiten für das Jugendamt im Bezirk.

Ihr Protest gegen schlechte Arbeitsbedingungen jedoch ist mehr als nur »heiße Luft«. An den Ballons, die die Jugendamtsmitarbeiter*innen steigen ließen, hängen auch Zettel mit konkreten politischen Forderungen. Forderungen, die sie schon seit Jahren stellen. Die wichtigsten sind eine Reduzierung der Fallzahlen auf maximal 65 pro Mitarbeiter*in und eine bessere Bezahlung - auch, um den herrschenden Personalmangel zu bekämpfen. »Die jungen und motivierten Kollegen kündigen und wir finden keine neuen«, schildert Sabine Granzow die Situation. Sie arbeitet seit 1990 für das Jugendamt Marzahn-Hellersdorf. Die Arbeitsbedingungen dort hält sie für »unzumutbar«. »Mir hat die Arbeit wirklich Spaß gemacht«, sagt Granzow. »Aber jetzt bin ich mit meiner Kraft am Ende. Und ich werde meine Gesundheit nicht für einen Arbeitgeber aufs Spiel setzen, dem ich egal bin.« Der Krankenstand im Jugendamt Marzahn-Hellersdorf ist hoch. Die Sozialarbeiter*innen sind chronisch überlastet, kümmern sich teilweise um mehr als 90 Familien.

Auch über mangelhafte Ausstattung klagen die Angestellten. Die Bezahlung ist schlecht, derzeit werden Sozialarbeiter*innen im Jugendamt nach Entgeltgruppe 9 des Tarifvertrags der Länder bezahlt. »Wir können gar nicht so schlecht arbeiten, wie wir bezahlt werden« steht auf einem Transparent. Gefordert wird die Anhebung auf die nächst bessere Gehaltstufe.

Dafür will sich auch der zuständige Stadtrat für Jugend und Familie, Gordon Lemm (SPD), einsetzen, der ebenfalls an der Kundgebung auf dem Rathausvorplatz teilnahm. Er bemängelt, dass die Sozialarbeiter*innen weniger verdienen als beispielsweise Verwaltungsangestellte. »Sie verdienen mehr Anerkennung«, sagt Lemm. Die Sozialarbeiter*innen seien das »Rückgrat des Jugendamtes«, ohne sie wären die Familien im Bezirk »verloren«. Lemm versteht sich als Ein-Mann-Lobby der Protestierenden und verspricht, sich in seinen kommenden drei Amtsjahren verstärkt für eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen einzusetzen.

Ein Treffen der zwölf für diesen Bereich verantwortlichen Stadträte mit der Senatsverwaltung, in dem es um tatsächliche Verbesserungen für die Beschäftigten gehen sollte, habe bisher jedoch zu »keinen spürbaren Verbesserungen geführt«, sagt Anna Sprenger, zuständige Gewerkschaftssekretärin bei ver.di. Außer Bekundungen, dass man auf der Seite der Sozialarbeiter*innen stehe und ihre Forderungen unterstütze, sei nichts passiert.

Die Probleme der Jugendamtsmitarbeiter*innen sind jedoch schon seit Jahren bekannt. Schon 2008 gründete sich die Arbeitsgemeinschaft Weiße Fahnen, eine Selbstorganisation der Mitarbeiter*innen verschiedener Regionaler Sozialpädagogischer Dienste in Berlin. Erst Anfang Juli hatte sie eine Aktionswoche mit einer Abschlusskundgebung vor dem Roten Rathaus organisiert.