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Das besorgte Berlin steht auf

Martin Kröger über den Zulauf bei Aktionen gegen Rechts

Das macht Mut. Tausende Berlinerinnen und Berliner sind am Donnerstag auf die Straße gegangen, um nach den ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Chemnitz gegen Menschenfeindlichkeit und rechte Gewalt zu demonstrieren. Erwartet hatte der Veranstalter 100 Demonstrierende. Dass am Ende trotz Regens 50-mal so viele besorgte Bürgerinnen und Bürger kamen, zeigt, dass Berlin anders tickt. Dieses Berlin macht sich Sorgen um den gesellschaftlichen Zusammenhalt, und es demonstriert Solidarität mit den Opfern rechter Gewalt.

Die zivilgesellschaftlichen Proteste haben aber nicht nur eine neue Qualität, weil sich überraschend viele Menschen beteiligen. Sondern auch, weil Aktionen wie die Mahnwache vor der sächsischen Landesvertretung in Berlin am Freitag nicht nur aus dem linken Milieu organisiert wurden, sondern auch andere Menschen mitwirken, die den aktuellen Rechtsruck einfach nicht mehr tatenlos hinnehmen wollen.

Nun ist Berlin schon lange keine Insel der Glückseligen mehr. Wie viel Zustimmung die Politik des Ressentiments erfährt, zeigte sich unter anderem bei der vergangenen Abgeordnetenhauswahl, bei der es den Rechtspopulisten gelang, in das Abgeordnetenhaus und die Bezirksverordnetenversammlungen einzuziehen.

Berlin ist natürlich nicht Chemnitz, aber es hat ebenfalls problematische Gegenden. Und wie in Sachsen gibt es auch hier eine gefährliche rechtsextreme Szene. Dass diese in der Lage ist, größere Aufmärsche zu organisieren, war zuletzt beim sogenannten Heß-Marsch zu sehen. Wie groß die Gewaltbereitschaft der Neonazis ist, davon wissen Engagierte in Neukölln zu berichten, wo seit Jahren eine rechtsextreme Terrorwelle läuft.

Dass sich gegen diese Entwicklung jetzt Widerstand regt, macht unterdessen nicht nur Mut, sondern auch Hoffnung. Wenn es gelingen kann, dem Rechtsruck etwas entgegenzusetzen, dann zuerst in Städten wie Berlin. Vielleicht sind die Aktionen in diesen Tagen dafür der Anfang.