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Nicht mehr alleine Rausgehen

Viele Geflüchtete in Chemnitz und Sachsen haben sich selbst eine Ausgangssperre verordnet - aus Angst vor weiteren Übergriffen

Von Salim Salim

Chemnitz, eine Woche nach dem Ausbruch rechten Hasses. Noch immer stecken die Bilder des Massenangriffs auf alle, die anders aussehen, der rechten Schläger, in den Köpfen der Geflüchteten, die in Chemnitz und in Sachsen leben. Die Bilder der gröhlenden Männer, den Nazi-Gruß zeigen und die »Abschieben, Abschieben!« brüllen. Wie gehen die Geflüchteten damit um?

Es fallen Begriffe wie »Schock« und »Horror«, wenn sie ihre Reaktionen beschreiben. Auch eine Woche nach dem blutigen Tod des Familienvaters Daniel H., der die Welle des Hasses ausgelöst hat, ist die Situation extrem angespannt. Viele Menschen, denen man ihren ausländischen Ursprung ansieht, haben sich selbst eine Ausgangssperre verordnet. Sie fühlen sich, wie in einer belagerten Stadt.

Gerüchte in der arabischen Community

Alaa A. lebt in Chemnitz. Der palästinensische Flüchtling erzählt vom chaotischen Zustand, der seit dem Tod von Daniel H. in Chemnitz herrscht. Er wurde mutmaßlich von zwei Flüchtlingen erstochen. Bislang ist unklar, was der Auslöser für den Angriff war. Es kursieren viele Spekulationen und Gerüchte, auch in der arabischen Community.

Eines dieser Gerüchte lautet: »Angefangen hat alles während einer Feier, die in der Stadt abgehalten wurde. Das Opfer war betrunken. Er belästigte die Freundin einer der beiden Flüchtlinge. Da kam es zum Streit«, sagt Alaa. Daraufhin hab die Polizei den 23-jährigen Syrer und den 22-jährigen Iraker verhaftet, beschuldigte sie des Totschlags. Für diese Version des Tathergangs gibt es zwar keine Beweise, aber sie wurde in den sozialen Netzwerken stark verbreitet. Noch ist über die Motive der mutmaßlichen Täter und den tatsächlichen Ablauf der Ereignisse wenig bekannt.

Nicht mehr wie früher

Chemnitz sei eine Geisterstadt, die Flüchtlinge verfolge, so beschreibt Alaa die Situation. Die Rechtsextremen nutzen den Vorfall, hetzen auf beängstigende Weise gegen Ausländer und gegen Angela Merkels Politik. Die andauernden rechtsextremen Provokationen in der Stadt seien ein Horror für Migranten. »Wir fühlen uns unsicher. Chemnitz ist heute ganz anders als früher«, sagt Alaa.

Und wegen der Wohnsitzauflage - früher Residenzpflicht genannt - gibt es kein Entkommen. Die Geflüchteten können nicht umziehen, weil die Behörden ihnen auferlegen, mindestens drei Jahre nach Erhalt ihres Aufenthaltstitels dort zu bleiben, wo sie gemeldet sind. Das gilt nicht, wenn sie eine Arbeitsstelle finden. Aber das sei in der derzeitigen Stimmung auch nicht leicht. Auch die Rückkehr in ihre Länder ist in den allermeisten Fällen entweder viel zu gefährlich oder unglaublich kompliziert. Deswegen bleibt den Geflüchteten in Chemnitz nichts anderes übrig: Sie müssen bleiben.

Nicht mehr alleine rausgehen

Alaa und andere Geflüchtete in Chemnitz gehen nur raus, wenn es absolut notwendig ist, sie achten dabei immer darauf, nicht alleine zu gehen. In weniger belebten Gegenden oder kleineren Ortschaften in der Umgebung sei die Angst noch größer, das Haus zu verlassen, um beispielsweise einzukaufen.

Auch in Dresden hat sich das Klima verändert. Dresden ist die Hochburg der islam - und migrantenfeindlichen Pegida-Bewegung. Fast wöchentlich wird die Stadt Zeuge von Demonstrationen der Rechtsextremen, die auch fordern, dass Flüchtlinge abgeschoben und das Angela Merkel gehen solle.

Die Vorfälle in Chemnitz wirken auch in Dresden. Obwohl der Alltag scheinbar normal ist: »Die Angst ist groß«, sagt Nehad N., ein in Dresden lebender lybischer Flüchtling.
»Heute haben wir doppelt so viel Angst vor Provokationen und Angriffe auf uns. Es gibt nicht mehr ausreichend Sicherheit, damit eine Person allein unterwegs sein kann. Die Polizei kann schließlich auch nicht jedem Einzelnen einen Leibwächter stellen. Daher sind wir äußerst vorsichtig«, sagt Nehad.

»Die Realität ist tragisch. Schlimmer ist die Zukunft, sie ist ungewiss«, sagt Nehad über die psychischen Folgen der letzten Tage für Geflüchtete in Chemnitz, in Dresden und in Ostdeutschland.

Der Artikel ist im Original auf Arabisch und zuerst auf dem Onlineportal von Amal, Berlin! erschienen. Übersetzt wurde er in Kooperation mit dem von der Initiative Gesicht Zeigen! getragenen Projekt Media Residents von Karin al Minawi.

Salim Salim

Der Journalist Salim Salim aus Palästina ist vor drei Jahren nach Deutschland gekommen. Er lebt in der Nähe von Dresden. Für die Nachrichtenplattform Amal, Berlin! berichtete er über die Stimmung unter arabischen Geflüchteten.