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Unehrenhafte Menschen

Wie aus Deutschen Nazis wurden. Von Karlen Vesper

An diesem Sonntag werden in vielen Städten und Gemeinden Antifaschisten und wahrhaft besorgte Bürger den alljährlich am zweiten Sonntag im September stattfindenden Tag der Mahnung und Erinnerung begehen, der zugleich als ein Aktionstag gegen Rassismus, Neonazis und Krieg firmiert. Lange schon war ein solcher nicht so nötig wie jetzt.

Da muss man nicht nur nach Chemnitz schauen, wo in friedlicher Eintracht mit Neonazis »besorgte Bürger« gegen »Überfremdung« und »Asylantenschwemme« demonstrierten, Menschen anderer Hautfarbe angepöbelt oder gar gejagt sowie - schon wieder - SPD-Fahnen zerstört wurden. Schauerliches, an finsterste Zeiten erinnernd, sieht, hört, erlebt man fast täglich in diesem Land, über das einst der Dichter Paul Celan bemerkte: »Der Tod ist ein Meister aus Deutschland«. Diese Woche saß mir in der S-Bahn ein junger, schmächtiger Mann gegenüber, auf dessen Unterarm der Wahlspruch der SS eintätowiert war: »Meine Ehre heißt Treue«. Er schien mir alt genug zu wissen, wozu er sich derart bekennt. Es mangelt ihm offenbar aber an der Vorstellungskraft, dass er gewiss nicht zu den »Herrenmenschen« gezählt und, wer weiß, vielleicht deren Opfer geworden wäre. Demonstranten in Chemnitz versicherten immer wieder vor laufender Kamera, sie seien keine Nazis, keine Rassisten, eigentlich auch keine Ausländerfeinde. Aber augenscheinlich fühlen sie sich unter Nazis wohl, lassen sich gar gern von jenen anführen. Wie geht das zusammen?

Wie rasch aus Deutschen Nazis werden, zeigte sich 1933 und in den darauffolgenden Jahren. Explosionsartig stieg die Mitgliederzahl der NSDAP. Wie kam es dazu? Welcher Teufel ist in die Deutschen gefahren? Auch rückblickend darf bezweifelt werden, das es Hitlers »Charisma« gewesen sein soll. Gewiss, Konformitätsdruck und Angst vor Repressalien spielten eine Rolle. Aber doch noch nicht am Anfang, als die Nazis weit entfernt davon waren, das Ruder der Macht zu übernehmen. Typisch deutscher Untertanengeist, den Heinrich Mann so brillant karikierte, mag manches erklären, indes ebenfalls eher für die Zeit der etablierten Diktatur. Und die Deutschen waren, laut Studien, vor Hitlers Kanzleramtsantritt keineswegs durchweg fanatische Judenhasser. Ebenso wenig kriegsversessen.

»Es sollte deutlich ausgesprochen werden, dass Deutsche Nazis wurden, weil sie Nazis werden wollten und weil die Nazis ihre Interessen und Neigungen so deutlich bestätigten«, urteilt Peter Fritzsche. Was aber sind des Deutschen Interessen und Neigungen? Der Professor an der Universität von Illinois sieht diese vornehmlich in einer Sehnsucht nach kollektiver Identität, politischer Souveränität und sozialer Anerkennung. Sind darob rechte und rechtsradikale Verführer auch heute so erfolgreich?

»Das Elend und die Ängste von Millionen ließen sie nach Rettung und Rettern verlangen«, schrieb der 2016 verstorbene Berliner Faschismusforscher Kurt Pätzold in seinem lesenswerten letzten Werk »Gefolgschaft hinterm Hakenkreuz« (Edition Ost). »Es schlug die Stunde der Demagogen, die den Elenden und Verängstigten rasch Wandel ... versprachen. Ausgemalt wurde den Hilfesuchenden das Bild vom herrlichen ›Dritten Reich‹, in dem eine ›Volksgemeinschaft‹ einträchtig und gut zusammenleben werde. Das Tor in diese ›deutsche Zukunft‹ müsse nur aufgestoßen werden.« Die Nazis versprachen allen (außer Marxisten, Juden, »Asozialen«) alles, auch Unvereinbares. Massenbetrug, um den die Eliten und die Demagogen selbst wussten. Pätzolds Zunftkollege und Freund Manfred Weißbecker verweist auf »Eigen-Liebe, Fremden-Hass und polarisierendes Freund-Feind-Denken«, was viele Deutsche zu Nazis werden ließ und den hohen Grad an Kooperation und Kollaboration erkläre. Dies lässt sich trefflich auf heutige Kumpanei von Nicht-Nazis mit Nazis münzen.

Wir wissen, wie rasch eine Demokratie gemeuchelt ist. Aber wie wird sie geschützt? Zum Tag der Mahnung sei erlaubt, hier kühn zu artikulieren: Lieber ein verordneter Antifaschismus als kein Antifaschismus.