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Don’t call it Antifa

Paula Irmschler über Extremisten der Mitte die nicht links sein wollen

Seit in Chemnitz die Nazis in deutlicher Überzahl zu Gegendemonstranten aufmarschieren, wird sich um Positionierungen herumgewunden, als würde man in der Generation Y jemanden fragen, ob er mit einem zusammen sein will. Man will sich halt nicht festlegen. Chill doch mal. Ich kann das gerade nicht. Am 27. August war das Verhältnis von denen zu »uns« sechs zu eins, am letzten Wochenende dann etwa fünf zu vier und beim wirsindmehr-Konzert am Montag glauben viele an ein 65.000 zu null. Doch wer ist eigentlich auf unserer Seite? Wer sind wir? Was macht uns aus, abgesehen davon, irgendwie »gegen rechts« zu sein? Was ist unser Programm, unsere Agenda, was sind unsere Forderungen, die darüber hinausgehen, Nazis nicht in unserer Stadt, in unserem Land, in unserer Gesellschaft zu wollen, und wollen wir miteinander gehen?

In den sozialen Netzwerken und vor Ort möchten viele jetzt vieles nicht sein: gewalttätig, Antifa, linksextrem, linksradikal, überhaupt links, manche noch nicht mal politisch. Es gehe nicht um links oder rechts, lassen sich viele Bürgerliche, Kulturschaffende und andere Mitteextremisten dieser Tage zitieren, einige schreiben es sogar auf Plakate, die sie zu den Demonstrationen mitbringen. In Wirklichkeit gehe es um Menschlichkeit, Demokratie, unser Ansehen oder gar unser Volk. Dabei wird vergessen, dass es sich explizit als linke und antifaschistisch begreifende Menschen sind, die seit Jahrzehnten die Arbeit gegen rechte Strukturen übernehmen, mobilisieren, Freiräume schaffen und sich für und mit Marginalisierten einsetzen. Wir helfen den Nazis, Rassisten, Rechten und Völkischen, wenn wir uns nicht konkret positionieren, sondern als gefühlige Bauchmenschen, die für das Richtige einstehen, inszenieren, ohne uns klar darüber zu sein, was das Richtige ist und wie wir es erreichen. Und wenn wir ebenjenen, die versuchen, es auszuhandeln, in den Rücken fallen, weil wir uns ständig von ihnen distanzieren.

Auf dem wirsindmehr-Konzert, bei dem unter anderem Feine Sahne Fischfilet, K.I.Z. und Kraftklub auftraten, fanden die Künstler deutlichere Worte als viele ihrer Fans. Immer wieder stimmten sie »Alerta«-Gesänge an; einige der Besucher lamentierten nachher jedoch, das sei ihnen »alles zu links« gewesen. »Zu links« bedeutet hier: politische Statements, den Aufruf, sich zu engagieren, und die Kritik am Feelgoodaktivismus. Doch statt auf Konkretes setzen eben viele auf »Herz«, geben sich infantil, während sie sich aktiv entpolitisieren. Herz klingt harmlos, das ist nicht gefährlich, und genau das ist das Problem. Es reicht ein nettes Lächeln, ein gezeigtes Gesicht, ein griffiger Slogan. Doch für die Rausposauner von menschenverachtenden Forderungen muss es gefährlich sein. Dann sind wir vielleicht nicht mehr mehr, aber immerhin konsequent.