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Der Eiswasserpinkler

Wie Trump endet, ist offen. Ein offenes Geheimnis ist sein Kampf gegen Recht und Gesetz

Von Reiner Oschmann

Dass ein Präsident seinen Staat nicht nur politisch führen, sondern auch ethisch ein Vorbild für Amt und Land sein sollte, ist seit Donald Trump wieder erwähnenswert. Wie seine Präsidentschaft einmal endet, wissen die Götter. Ein Skandal jagt den anderen, er fühlt sich von »Verrätern« umgeben. Offenkundig ist sein Dauerkampf gegen die Justiz. Auch seine Attacken auf den eigenen Justizminister (»geistig behindert«) zeigen, was der Präsident von Gewaltenteilung hält. Als Jeff Sessions es ablehnte, die für den Präsidenten zunehmend brisanten juristischen Ermittlungen gegen frühere Vertraute wie den einstigen Wahlkampfchef Paul Manafort und Vertrauensanwalt Michael Cohen einfach zu unterbinden, entflammte er in heiligem Zorn. Er betrachtet den Justizminister als Mann, der im Zweifel nicht dem Gesetz, vielmehr ihm zu gehorchen hat. Ein Washingtoner Beobachter: »In Trumps Welt ist ein Justizminister so etwas wie der Leibwächter von Al Capone.«

Ohne das politische Feuilleton mit Nachrichtendetails zu überladen, verdient auch hier Erwähnung: Der Schuldspruch gegen Manafort wegen Steuer- und Bankbetrugs und das Geständnis von Cohen (»Trumps Pitbull«), mit Schweigegeld vor der Wahl an Frauen, die mit Trump Affären hatten, gegen die Regeln der Wahlkampffinanzierung verstoßen, dies aber in »Abstimmung und auf Anweisung« Trumps getan zu haben, erhöht für den Präsidenten die Gefahr. Zumal die Verfahren gegen Manafort und Cohen nicht erledigt sind. Beide könnten weiter auspacken, um ihr Strafmaß zu drücken.

Damit sind wir bei Sonderermittler Robert Mueller, von 2001 bis 2013 FBI-Direktor. Die Geständnisse Manaforts und Cohens sind vor allem seiner geräuschlos peniblen Arbeit zu verdanken. Seit Mueller vom Justizministerium eingesetzt wurde, hat er sich noch nie öffentlich geäußert. Das allein ist für Trump unfassbar und verunsichernd. Mueller hat zwei Aufträge. Er soll herausfinden, ob und wie russische Geheimdienste die Präsidentschaftswahl 2016 beeinflussten. Zweitens soll er ermitteln, ob Trumps Team in russische Sabotageaktionen verwickelt war, also eine geheime Zusammenarbeit zweier Parteien zum Schaden einer dritten (die Demokraten mit Hillary Clinton), eine sogenannte Kollusion vorlag.

Das Erste hält Washington für erwiesen, wiewohl Moskau es, wen wundert’s, bestreitet. Für letzteres gilt: Die Summe seiner bisherigen Auftritte als Präsident lässt selbst Menschen, die ihn nicht näher kennen, inzwischen alles für möglich halten, weil Donald Trump zu allem bereit scheint, solange er sich davon Aufmerksamkeit, Gewinn und Macht verspricht. Trotzdem, bisher gibt es keine belastbaren Beweise. Und doch entkräften die Geständnisse vor allem Michael Cohens Trumps Dauerargument, die Russlandermittlungen seien bloße Hexenjagd. Wie will er diesen Vorwurf aufrechterhalten, wenn selbst sein Vertrauensanwalt sich zu Dingen schuldig bekennt, die den Wahlausgang beeinflussen sollten! Wenn nichts sonst, unterstreichen die Geständnisse die Berechtigung, nicht die Fragwürdigkeit von Muellers Arbeit.

Das weiß auch Trump. Seine Reaktion aber waren Blitz und Donner. »Seht euch Joseph McCarthy an«, twitterte er nach den Neuigkeiten aus den Gerichten in New York (Cohen) und Virginia (Manafort), »Mueller und seine Gang beschert uns heute eine Zeit, gegen die Joseph McCarthy Kinderspiel war.« Trumps Anrufung des Hexenjägers (1908 - 1957), der Anfang der 50er eine ebenso gezielte wie irre antikommunistische Verfolgungswelle in den USA am Laufen hielt, ist von doppelter Ironie. Trumps Gebaren würde McCarthy gefallen, und kein anderer als Trump umgab sich lange Zeit mit der rechten Hand Joe McCarthys, um seine Laufbahn als Geschäftsmann zu befördern und dazu bei Bedarf das Recht zu mobben. Ehe Michael Cohen sein Mann fürs Grobe wurde, hieß sein Pitbull Roy Cohn.

David Cay Johnston, Pulitzer-Preisträger und seit drei Dekaden investigativ mit Trump befasst, beleuchtete in »Die Akte Trump« dieses Tandem. Als Trumps Aufstieg in den 1970ern in New York begann, wurde die Bekanntschaft mit dem Anwalt eine seiner wichtigsten Beziehungen. Roy Cohn war Rechtsberater von Joe McCarthy gewesen, der hinter allen Ecken und unter allen Betten Amerikas kommunistische Agenten wähnte. Zwanzig Jahre darauf war Cohn eine der schillerndsten Größen New Yorks. Zu seinen Klienten zählten Mafiachefs und Promis der Geschäftswelt. Trump fühlte sich zu ihm hingezogen, nicht trotz, sondern weil er von Cohn wusste, dass dieser »mehr als zwei Drittel seines Lebens wegen verschiedener Delikte unter Anklage gestanden hatte«, wie er später schrieb. Ein Anwalt, gegen den ständig ermittelt wurde, das war für ihn kein Grund, Abstand zu halten, sondern Empfehlung. Er engagierte Cohn als persönlichen Anwalt gegen juristische Ermittlungen, die Trump zeit seines Geschäftslebens anhingen.

Cohn, dessen Steuerschuld Fahnder laut Trump-Biograf Michael d’Antonio »am Ende auf sieben Millionen Dollar taxierten« und der 1986 an Aids starb, wurde Donalds Mentor. Neben Vater Fred hat Trump seine Weltanschauung von keinem mehr als von Cohn bezogen. Er fasste sie so zusammen: »Wenn du angegriffen wirst, leugne alles, und entschuldige dich nie! Wenn dich einer schlägt, schlag zehnmal härter zurück! Greif den Überbringer schlechter Nachrichten an! Stifte Verwirrung! Bezichtige andere dessen, was man dir vorwirft, vor allem: siege um jeden Preis!«

Cohn verhielt sich vielfach genau so, doch in Verbindung mit Trump selten so dreist wie 1973 in seiner Reaktion auf eine Diskriminierungsklage der Bundesregierung gegen Trumps Firma. Das Justizministerium ermittelte damals gegen den Unternehmer, dem in Brooklyn etwa 15 000 Wohnungen gehörten. Mieterorganisationen warfen ihm systematische Benachteiligung schwarzer Wohnungssuchender vor, wie zwei Jahrzehnte davor schon Vater Fred. Zu den Anklägern gehörte damals neben der Staatsanwaltschaft auch Woody Guthrie. Der legendäre Folksänger (»This Land is Your Land«) hatte 1950 eine Wohnung in Beach Haven, dem ersten großen Bauprojekt Freds bezogen. Die rassistische Vermietungspolitik bewog ihn, seinen Song »I ain’t Got No Home« aus der Weltwirtschaftskrise neu zu betexten und in »Old Man Trump« umzutiteln.

Während andere Immobilienfirmen bei Rassismus-Klagen meist Vergleiche anstrebten, drehte Trump auf. Cohn erklärte, sein Mandant habe wegen »haltloser« Anschuldigungen der Mietervereine 100 Million Dollar verloren, weshalb er seinerseits die Bundesregierung verklagen müsse. Cohn warf dem Justizministerium »Gestapo-Methoden« vor und veranstaltete ein Spektakel, wie es Trump als Politiker zig-fach wiederholte. In den zwanzig Amtsmonaten hat der Präsident Justiz und Justizministerium faktisch täglich beleidigt. Mueller bezeichnet er als »diskreditiert«, die Russland-Untersuchungen trotz vieler Fragen als »Hexenjagd«. Zuletzt beschimpfte er Justizminister Session, keinen Arsch in der Hose, keine Loyalität und keine Kontrolle über das Ministerium zu haben, weil er die Ermittlungen gegen Trumps Umgebung nicht stoppe. »Politico« schrieb, seine Angriffe mit dem »Vorschlaghammer auf das elementare Gerüst verfassungsmäßiger Regierung« seien »beispiellos in den Annalen des Amts, das er innehat«.

Zum ganzen Bild gehört, dass Trump sich - wie heute von Cohen - auch von seinem Mentor distanzierte. Als Roy Cohn Aids-krank wurde, servierte er ihn ab. Dieser rief ihm daraufhin nach: »Ich kann nicht fassen, dass er mir das antut - Donald pinkelt Eiswasser.« In der Logik der Mafia lässt sich dieser Kommentar freilich auch als Befähigungsnachweis fürs Weiße Haus lesen, doch das ist eine andere Geschichte.