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Elfen schweben im Aufwachraum

Hannover nahm Abschied von Niedersachsens Landesfrauenklinik - statt Kreißsaal sind Luxuswohnungen geplant

Von Hagen Jung, Hannover

Von heftigen Wehen geplagt, wirft sich die werdende Mutter hinter dem rettenden Portal der Landesfrauenklinik in Hannover schreiend einem jungen Mädchen in die Arme. Dessen Tracht deutet auf Hebamme hin. Doch das will Maria, so heißt die schwesternmäßig Gewandete, erst werden. Das Mädchen hat die Ausbildung justament begonnen, weiß noch nicht, was zu tun ist. Zum Glück naht ein Arzt, ein Doktor namens Wahnfried, der die Geburt in seine erfahrenen Hände nimmt. Alles wird gut!

Dieses dramatische Geschehen hat sich nicht wirklich ereignet. Es war Vorspiel zum »inszenierten Abschied« von einem 1903 fertiggestellten Haus, in dem seitdem rund 180 000 Kinder zur Welt kamen, wo aber künftig statt Kreiß- und Operationssälen komfortable Eigentumswohnungen zu finden sein werden. Die Niedersachsens Landesfrauenklinik war 2015 geschlossen worden, ihre Aufgaben übernahmen andere Krankenhäuser. Für 15,5 Millionen Euro hat ein Investor aus Hamburg das denkmalgeschützte Gebäude inzwischen gekauft. Das Innere lässt er nun zu Appartements umbauen.

Solch ein Wechsel sollte nicht mit einem Vermerk in der Chronik der Landeshauptstadt abgetan werden, dachte sich das Hannoveraner Musikduo »Schneewittchen«, Sängerin Marianne Iser und »Tastenmann« Thomas Duda. Und so schufen sie eine Melange aus Performance und Information, aus Bildern und Musik. Zu erleben war all dies am Wochenende bei Rundgängen durch das alte Klinikgebäude. Sie führten auch zu jenem Doktor Wahnfried, der sich eingangs so hilfreich gezeigt hatte, nun aber werdende Mütter als Angstmacher schreckte. Im Rahmen einer gelungenen Persiflage auf alle, die eine Schwangerschaft mit unzähligen Risiken verbinden, warnte Wahnfried beispielsweise vor dem Kontakt mit Katzen und auch vor dem Kinderkriegen in höherem Alter.

Als der Gynäkologe diese Mahnung einer 27-jährigen zuteil werden lies, warf diese seinen Schreibtisch um und verließ wutentbrannt die Ordination - zur Gaudi des Publikums. Gut beklatscht wurde auch der »Dialog zweier Wöchnerinnen«, die sich über die Kommentare ihrer Schwiegermütter nach der Geburt (»Wie kann man ein Kind bloß sooo nennen - hast du auch wirklich genug Milch??«) austauschten und auch über das Verhalten frischgebackener Väter.

»Gut, dass wir nicht schwanger werden können«, mögen sich die männlichen Besucher beim Betrachten von Instrumenten gedacht haben, die einst bei der Geburtshilfe verwendet wurden. Zu sehen waren Bilder von Zangen, Löffeln und anderen Gerätschaften innerhalb einer Ausstellung zur Klinikgeschichte.

Angenehmere Eindrücke vermittelten Aktfotografien von Schwangeren und Graffitikunst an den Wänden von Funktionsräumen. Zu ihnen gehörten auch die Aufwachzimmer: Mädchen einer Ballettschule, schwebenden Elfen gleich, verkörperten dort das Bewusstsein narkotisierter Menschen, das langsam wieder zurückkehrt.

Dass in jedem Krankenhaus nicht alle Patientinnen und Patienten wieder aufwachen und der Tod dort kein Fremder ist, war beim Klinik-Abschied eindrucksvoll umgesetzt worden. Etwa mit einer Installation aus weißen, wie kleine Körbe anmutenden Elementen zum Gedenken an »Sternenkinder«: an Mädchen und Jungen, die vor oder kurz nach der Geburt starben. Zu den ernsten Szenen des Abends zählten auch die Auftritte einer Schülerin als Kind, das seine eigene Abtreibung überlebt hatte.

Später begegnete es dem Publikum tanzend im Stück »Der Tod und das Mädchen« - statt des Sensenmanns war, dem Klientel der Klinik entsprechend, eine bleich geschminkte Frau in dessen Rolle geschlüpft. Und ebenfalls im ernsteren Programmteil war zu erfahren, dass zur Nazizeit auch in dieser Klinik Zwangssterilisierungen vorgenommen worden waren.

Im zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude dann von Fliegerbomben getroffen. Die Schäden wurden beseitigt, sie bedeuteten nicht das Ende der Klinik. Erst Wirtschaftlichkeitsüberlegungen angesichts sinkender Geburtenzahlen brachten 2015 das Aus.

Klein-Hagen und der stärkende Rotwein

Im Zusammenhang mit dem künstlerischen Abschied von Niedersachsens Landesfrauenklinik waren am Bauzaun des Gebäudes Fotos von Kindern zu sehen, die in dem Haus geboren worden sind. Einige Einsender der Bilder ergänzten diese mit kleinen Geschichten, zum Beispiel mit dieser:

»Nachdem ich, der kleine Hagen, am 1. April 1950 in der Landesfrauenklinik zur Welt gekommen war, blickte ich in den ersten Tagen nach meiner Geburt keineswegs so munter in die Zukunft wie auf diesem Foto. Im Gegenteil. Ich fiel Ärzten und Pflegepersonal durch ungewöhnlich langes Schlafen auf, war kaum wach zu bekommen. Erst durch Befragen meiner Mutter, ob sie neben der Klinikkost irgendetwas anderes zu sich genommen habe, kam man der Ursache auf den Grund: Mein Vater hatte der frisch Entbundenen ›zur Stärkung‹ eine Flasche guten Rotweines mitgebracht. Diese wurde mit Behagen geleert und gelangte via Muttermilch auch zum kleinen Hagen und beförderte ihn in tiefen Schlaf. ›Das Kind muss ja betrunken gewesen sein!‹ - so sei sie nach Enthüllung der Sache von einer Hebamme angeherrscht worden, erzählte mir meine Mutter viele Jahre später.« haju