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Historischer Abend in London

Nations League: Spaniens Fußballer siegen als erste nach einem Rückstand gegen England im Wembleystadion

Von Carola Frentzen und Philip Dethlefs, London

Die Fans im Wembleystadion applaudierten am Samstagabend nach dem Abpfiff höflich. Doch Englands Stürmerstar Harry Kane ärgerte sich über das Ergebnis. »Wir hätten mindestens ein Unentschieden verdient«, fand er nach der 1:2 (1:2)-Niederlage gegen Spanien, bei der ein Tor von Danny Welbeck in der Nachspielzeit aberkannt wurde. Nach dem ersten Auftritt seit dem überraschend guten Abschneiden bei der Fußball-Weltmeisterschaft in Russland sind sich britische Medien und Fans indes einig: Die Three Lions sind zurück auf dem Boden der Tatsachen.

»England wird aufgezeigt, dass es immer noch weit hinter den Topteams steht, Spanien dominiert beim UEFA-Nations-League-Auftakt«, war am Sonntag in der britischen Zeitung »Telegraph« zu lesen. Das war »ein brutaler Realitätscheck« hieß es bei der BBC. So sah es auch Nationaltrainer Gareth Southgate, der schon vor dem Spiel vor zu hohen Erwartungen gewarnt hatte. »Wir machen uns nichts vor«, stellte er klar. »Wir stehen immer noch am Anfang von dem, was wir erreichen wollen. Das war ein harter Test in Sachen Pressing und (gegen) ein Team, das sehr gut im Ballbesitz ist.«

Die Engländer waren durch Marcus Rashford nach elf Minuten in Führung gegangen. Die hielt allerdings nur zwei Minuten - bis zum Ausgleich für Spanien durch Saul Nigez. Die Vorlage kam von Rodrigo Moreno, der nach einer halben Stunde zum 2:1 traf.

Die zweite Halbzeit begann mit einem Schock. Abwehrspieler Luke Shaw musste nach Zusammenstoß mit Dani Carvajal vom Platz getragen werden. Shaw, der mit der Vorlage zum 1:0 nach anderthalb Jahren ein starkes Comeback im England-Trikot gegeben hatte, gab später Entwarnung. »Mir geht es gut und ich bin in den besten Händen«, schrieb er bei Twitter. »Ich bin ein Kämpfer, also werde ich bald wieder da sein.«

Spanien verwaltete das 2:1 bis in die achte Minute der Nachspielzeit. Dann schob Welbeck den Ball ins Netz. Doch weil der spanische Torwart David De Gea zuvor zu Boden gegangen war, zählte das Tor nicht - eine umstrittene Entscheidung, die besonders Kane ärgerte. »In diesen wichtigen Szenen brauchst du einen Schiedsrichter, der stark bleibt«, sagte er, »aber leider hat er sich gedrückt.« Britische Medien bewerteten das Ergebnis insgesamt dennoch als gerecht.

In Spanien wurde hingegen das erfolgreiche Debüt von Luis Enrique, ehemaliger Trainer des FC Barcelona, mit der Selección bejubelt. Besonderes Lob erhielt auch Keeper De Gea, der nach der verpatzten Weltmeisterschaft einiges wieder gut machen konnte. »Er hat uns gerettet«, sagte Torschütze Rodrigo mit Blick auf die zahlreichen guten Paraden des 27-Jährigen. Verteidiger Nacho fügte hinzu: »Er ist eine Nummer eins und wir haben totales Glück, dass wir ihn haben.«

Die spanische Zeitung »Mundo Deportivo« nannte den Sieg Spaniens einen »historischen« Abend, weil es bisher noch keiner Mannschaft gelungen sei, England in Wembley nach einem Rückstand noch zu schlagen. Nach dem WM-Chaos in Russland - Nationaltrainer Julen Lopetegui war kurz vor dem Turnierstart gefeuert und durch den unerfahrenen Sportdirektor Fernando Hierro ersetzt worden - kann die spanische Nationalelf jetzt also wieder mit Optimismus in die Zukunft schauen.

Das gilt auch für England - trotz der ersten Pflichtspielniederlage im Wembleystadion seit 2007 (2:3 gegen Kroatien in der EM-Qualifikation) und der dritten Niederlage in Serie (nach dem WM-Halbfinale und dem Spiel um Platz drei). Eine solche Negativserie gab es zuletzt vor 30 Jahren. Doch die Hoffnung in England ist immer noch groß, dass die Mannschaft von Gareth Southgate jetzt nicht nur eine Lektion erteilt bekommen hat, sondern auch daraus lernt, selbst wenn das wohl noch ein bisschen Geduld erfordert. »Wir müssen besser werden, in dem, was wir machen«, machte auch Southgate am Sonnabend deutlich: »Aber das wird keine leichte Aufgabe«. Am Dienstag in Leicester folgt gegen die Schweiz der nächste Test für ihn und seine Mannschaft. dpa/nd