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Brite mit kühlem Blut

Simon Yates bestimmt das Geschehen auf der Spanienrundfahrt, drei Kolumbianer versuchen dagegenzuhalten

Von Tom Mustroph, Lagos de Covadonga

Die klassischen Radsportländer haben wenig zu bestellen bei dieser Spanienrundfahrt. Gut, Altstar Alejandro Valverde straft den Geburtstagseintrag in seinem Pass regelmäßig Lügen. Jahrgang 1980 steht darin. Der 38-Jährige Radprofi fährt aber, als er hätte er zehn bis 15 Sommer weniger erlebt. Bis auf ihn ist aber in der Gesamtwertung von den Spaniern kaum etwas zu sehen. Von den Italienern ist zwar Vincenzo Nibali dabei. Der Sieger von allen drei großen Landesrundfahrten ist aber nur auf Wiederaufbaufahrt nach seinem Sturz bei der Tour de France. Er geht in Fluchtgruppen, um sich für die WM zu präparieren. Franzosen haben bei der Vuelta traditionell wenig zu bestellen. Thibaut Pinot fährt mit den Besten mit, setzt aber wenig Akzente. So kommt es, dass der Brite Simon Yates das Rennen dominiert - und sich dabei mit den drei Kolumbianern Miguel Angel Lopez, Nairo Quintana und Rigoberto Uran auseinandersetzen hat.

Besonders die Leistung des Briten imponiert dabei. Bei der ersten echten Bergetappe der Rundfahrt holte er sich gleich die Führungsposition. Er gab sie am Donnerstag durchaus kalkuliert an den Spanier Jesus Herrada ab, als der in einer Fluchtgruppe saß, die mehr als elf Minuten Vorsprung herausfuhr. Am Sonnabend holte er sich in einem herausragenden Bergsprint dann wieder das Rote Trikot zurück. Erst sah er kühlen Blutes zu, wie Rivale Quintana ein um das andere Mal auf dem kurzen, aber enorm steilen Anstieg in Les Praeres de Nava antrat. Immer wieder riss er eine Lücke, gefolgt nur von seinem Landsmann Lopez. Entscheidend entfernen konnte er sich aber nicht. Kurz vor dem Ziel trat Yates dann an - und alle anderen hingen in den Seilen.

Simon Yates operiert hier auf den ersten Blick wie zuvor schon beim Giro d’Italia. Auch da hatte er attackiert, wann immer die Gelegenheit sich bot. Er sah lange wie der sichere Sieger aus - und musste sich am Ende einer legendär gewordenen Mammutattacke Chris Froomes beugen. Froome ist bei dieser Vuelta nicht dabei.

Den Überfahrer muss Yates nicht fürchten. Er hat aus seinem Einbruch in Italien aber auch gelernt. »Hey, du siehst doch, dass wir in der ersten Woche hier nicht auf Etappensiege gefahren sind. Wir teilen uns das Rennen jetzt anders ein, wollen auch in der dritten Woche noch dabei sein«, sagt Matthew White, Teamchef von Yates’ Rennstall Mitchelton, zu »nd«.

Das ist der Unterschied zum Giro. Yates tritt hier nicht wild an, sondern schiebt das Visier auch einmal hoch, studiert die Gegner, wartet - und platziert dann seinen Angriff. Ins Muster der Reservehaltung für die dritte Woche passt auch, dass Simons Zwillingsbruder Adam, der nach miserabler Tour kurzerhand bei der Vuelta auftauchte, sich bisher im Schatten hielt. »Wir schonen ihn. Er soll in der dritten Woche für Simon wertvoll sein«, meinte White.

Das macht die Aufgabe für die kolumbianische Konkurrenz nicht einfacher. Und sie steht sich auch noch selbst im Weg, weil sie nicht kooperieren. Als Quintana am Sonnabend antrat, erhoffte er sich Mitarbeit von Lopez. Der fuhr aber nur mit. »Schade, so wird es nie etwas werden«, murrte Quintana. Astanas sportlicher Leiter Alexander Shefer verteidigte seinen Schützling auch nur halbherzig. »Um kooperieren zu können, muss man auch die Beine haben«, meinte er zu »nd«. Weil Lopez am Ende aber noch ein paar Sekunden Vorsprung auf Quintana herausfuhr, also offensichtlich doch gute Beine hatte, lenkte Shefer dann ein: »Er ist noch jung, er muss noch lernen, seine Kräfte gut einzuschätzen und die Gelegenheiten gut zu wählen.«

Yates profitiert von solchen Interessengegensätzen bei der Konkurrenz. Vorteile gegenüber Quintana und Lopez hat er auch beim Zeitfahren. Die kleinen Kletterer aus den Anden stehen daher unter Druck. Finden sie keinen Schlüssel, Yates zu knacken, dann wird diese Saison als die erste in die Geschichte eingehen, in der die drei großen Rundfahrten von drei verschiedenen Profis aus Großbritannien gewonnen wurden. Chris Froome hatte schließlich schon den Giro, sein Helfer Geraint Thomas die Tour gewonnen. So sieht eine Zeitenwende aus.