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Von Vogelschwärmen bis Menschengruppen

Das Tanzfilmfestival »Pool«zeigt im Dock 11 die ganze Breite dieses Genres

Von Tom Mustroph
Dreharbeiten zu »Rubble Dance« von Douglas Dunn, Long Island City 1991

Der Tanzfilm ist ein vergleichsweise junges Genre - und hat doch schon Tradition. Das lässt sich nicht nur daran ablesen, dass das Festival »Pool« seine bereits 12. Auflage erfährt. Es zeigt neben aktuellen Arbeiten, die aus etwa 600 Einsendungen aus aller Welt ausgewählt wurden, auch einige historische Kostbarkeiten aus den 1960er und 70er Jahren und vertieft diese Einblicke durch eine kleine Ausstellung.

Menschen stapfen durch tiefen weißen Schnee, werfen die Arme in die Höhe, springen und tanzen. Die schwarzen Gestalten überlagern sich, werden schließlich auf einer horizontalen Achse gespiegelt. Diese Szenen entstammen Elaine Summers’ »Iowa Blizzard ’73«. Die New Yorker Choreografin und Tanzfilmpionierin kam im April 1973 zu einer Residenz nach Iowa - und wurde dort Zeugin eines gewaltigen Schneesturms. Nachdem die weißen Flocken sich gelegt hatten, ließ sie Studenten sich im Schnee bewegen, hielt dies fest und kreierte vor allem durch die Schnitte und Überlagerungen einen Film, in dem die sich recht tapsig bewegenden Protagonisten doch noch zum Tanzen gebracht werden.

»Iowa Blizzard ’73« ist Teil der historischen Tanzfilmaufarbeitung, die »Pool« nun schon seit drei Jahren betreibt. »Die meisten Menschen denken, Tanzfilm sei ein recht neues Genre. Aber wir sind auf zahlreiche ältere Arbeiten gestoßen, vor allem aus den USA und beginnend mit Maya Deren, die einen großen Einfluss auf Tanz und Film hatte«, erzählt Sarah Möller, Kuratorin des Festivals. Die große Pionierin Deren, die einen ihrer 16-mm-Experimentalfilme sogar auf das Filmfestival in Cannes bringen konnte, wurde in den letzten Jahren bei »Pool« gewürdigt. Zur diesjährigen Experimenalfilm-Retrospektive sind unter anderem Arbeiten von Meredith Monk, Douglas Dunn und Yoshiko Chuma ausgewählt. Dunn und Chuma sowie der Nachlassverwalter von Elaine Summers kommen auch zu einem Künstlergespräch im Anschluss an die Präsentation am Mittwochabend.

Donnerstag und Freitag gehören dann den besten 20 Filmen des aktuellen Wettbewerbs. Bis zu 30 Minuten durften die einzelnen Filme lang sein, die meisten dauern aber nur zwischen 5 und 10 Minuten. »Ästhetisch ist die Bandbreite sehr groß. Man kann da keine klaren Tendenzen ablesen. Wichtig war uns nur, dass keine reinen Tanzdokumentationen dabei sind. Entscheidende Kriterien sind die Qualität des Tanzes im Film, aber auch die filmische Qualität selbst«, erläutert Möller.

Der Bogen reicht von Filmen, die gefundenes Bildmaterial von Vogelschwärmen zu einer Art erweiterter Choreografie fügen über Filme mit sorgsam choreografierten Szenen, bei denen Kameraführung und Licht, zuweilen auch der Dialog mit im Bild befindlichen Architekturformen, für eine hohe, über den Tanz selbst hinausgehende atmosphärische Intensität sorgen bis zu Arbeiten, in denen ein Musikclip völlig neu gedreht wird.

Hervorzuheben ist hier »I could have ...« der russischen Regisseurin Anna Galinova, (14. September). Zu einem Soundtrack der US-amerikanischen Pop-Band »Cigarettes after Sex« wird ein junger Mann gezeigt, der in sehnsuchtsvollen Bewegungen eine wie eine Erscheinung einen Flur entlangwandelnde weibliche Gestalt verfolgt. In seiner Intensität stellt dieser Tanzfilm den Originalclip der Band weit in den Schatten.

Zum Abschluss des Festivals werden am Sonntagabend die Preisträger gezeigt. Zu ihnen gehört Johan Planefeldt, der in »Rotten Cats« mit einfachen Bildern wie einer in einer Tasse sich bewegenden Flüssigkeit und von Wind in Bewegung gesetztem Laub eine düstere Atmosphäre erzeugt. Johan Sanchez erhält einen Künstlerpreis für gleich mehrere Filme. Bei ihm besticht die Qualität des Tanzes (Choeografie: Sita Ostheimer); die Tänzerkörper erhalten durch die gewählten nahen Bildausschnitte aber auch eine besondere Materialität. Zugleich lösen sich die Körper in Fragmente auf und kreieren einen Bewegungsstrom.

12. bis 15. September. Dock 11, Kastanienallee 79, Prenzlauer Berg. Die Screenings beginnen jeweils 19 Uhr. Eintritt 6 Euro, am 12. September 8 Euro.