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»Dicker, dümmer und grantiger«

Wissenschaftler warnen vor ewiger »Sommerzeit«

Von Catherine Simon, München
Installation »Zeitfeld« in Düsseldorf

Im Sommer eine Stunde vor, im Winter eine Stunde zurück - viele Menschen leiden unter der Zeitumstellung. Die EU-Kommission will nun vorschlagen, sie abzuschaffen. Wissenschaftler begrüßen das grundsätzlich. Aus ihrer Sicht widerspricht der künstliche Wechsel der Biologie. Viele Forscher warnen allerdings vor der dauerhaften Einführung der Sommerzeit - sie könne fatale Folgen haben. In einer nicht repräsentativen Onlineumfrage der EU-Kommission hatten sich 84 Prozent der 4,6 Millionen Teilnehmer gegen die Zeitumstellung ausgesprochen. Mitgemacht haben damit weniger als ein Prozent der EU-Bürger. Drei Millionen Antworten kamen aus Deutschland. Die meisten wollen dauerhafte Sommerzeit.

Die drastischsten Worte findet Till Roenneberg vom Institut für Medizinische Psychologie der Universität München. Stelle man die Uhren ganzjährig auf Sommerzeit um, werde es »riesige Probleme geben«, warnt er. »Man erhöht die Wahrscheinlichkeit für Diabetes, Depressionen, Schlaf- und Lernprobleme - das heißt, wir Europäer werden dicker, dümmer und grantiger.« Der Chronobiologe prognostiziert zudem: »Jedes Land, das das nicht macht, wird uns akademisch überholen.« Denn vor allem Schüler und Studenten seien betroffen, weil Lernen und das Gelernte zu verarbeiten, bei zu wenig Schlaf stark eingeschränkt werde. Im Alter von etwa 20 Jahren schlafe man besonders spät ein und stehe morgens entsprechend spät auf. Russland habe schon einmal versucht, dauerhaft die Sommerzeit einzuführen - und sei damit gescheitert, sagt Roenneberg.

Bei dauerhafter Sommerzeit müsse man an deutlich mehr Tagen im Dunklen aufstehen. »Je nach Wohnort haben sie sechs Wochen mehr dunkle Schulwege morgens.« Roenneberg kritisiert, dass die Befragung weitgehend ohne Aufklärung geschehen sei. »Wenn EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker gesagt hätte, dass wir künftig alle ganzjährig eine Stunde früher arbeiten müssen, wären die Leute auf der Straße gewesen. Es ist aber nichts anderes.« Auch Ingo Fietze von der Berliner Charité sagt: »Da denkt im Moment keiner dran, weil es Sommer ist und so hell draußen. Wenn die Umfrage im Winter gewesen wäre, hätten wahrscheinlich viele für die Winterzeit plädiert.«

Die Forscher und die Deutsche Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin (DGSM) sprechen sich für eine dauerhafte »Normalzeit« aus. »Die bisherige Winterzeit entspricht den Verhältnissen, die unter Berücksichtigung der natürlichen Lichteinflüsse für unseren Schlaf-Wach-Rhythmus am günstigsten ist«, sagt DGSM-Vorsitzender Alfred Wiater. »Wenn wir im Winter am Morgen länger der Dunkelheit ausgesetzt sind, werden wir schlechter wach.« Das könne Konzentration und Aufmerksamkeit beeinträchtigen und zu mehr Fehlern in der Schule und im Job führen sowie Unfälle begünstigen.

Licht und Dunkelheit bestimmen unsere innere Uhr - wann wir wach und wann wir müde werden. Das Problem ist: Die wenigsten Deutschen können sich nach diesem natürlichen Rhythmus richten. Ihr Tagesablauf wird von der sogenannten sozialen Zeit bestimmt. Der Großteil braucht daher morgens einen Wecker, um pünktlich bei der Arbeit oder in der Schule zu sein. Roenneberg nennt das »sozialen Jetlag«.

Wenn es durch die Sommerzeit abends länger hell ist, setzt die Produktion des Schlafbotenstoffs Melatonin erst später ein. Man wird nicht rechtzeitig müde, muss aber morgens trotzdem früh aus dem Bett. »Mit der Zeit droht ein Schlafmangel - wir werden noch mehr zu einer chronisch unausgeschlafenen, übermüdeten Gesellschaft«, sagte Schlafforscher Hans-Günter Weeß.

Auch die Umstellung der Uhren wie bisher bringt für viele Menschen Probleme mit sich. »Ein Drittel der Deutschen sind begnadete Schläfer. Die interessiert das alles gar nicht. Ein Drittel sind schlechte und ein Drittel sensible Schläfer«, sagt Fietze. Und diese litten unter dem Hin und Her wie unter einem Jetlag. Die Symptome wie Schlafstörungen, Unwohlsein am Tag oder leichte Magen-Darm-Probleme seien jedoch »verkraftbar«, so Fietze. Große medizinische Probleme seien ihm nicht bekannt. Dennoch sei die Uhrenumstellung Unsinn: »Unser ganzer Biorhythmus ist dem Hell-Dunkel-Wechsel angepasst. Künstlich daran zu manipulieren, macht keinen Sinn und das versteht der Körper auch nicht.«

DGSM-Chef Wiater sagt: »Besonders die ersten drei Tage nach der Zeitumstellung sind stressig für unseren Organismus.« Das zeige sich an einem erhöhten Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle. In der Regel finde man nach einer Woche seinen neuen Rhythmus. »Bei manchen Menschen kann es aber auch mehrere Wochen dauern - insbesondere wenn auch aus anderen Gründen der Schlaf-Wach-Rhythmus gestört ist.« Er geht davon aus, dass etwa ein Viertel der Bevölkerung Probleme mit der Zeitumstellung hat. Im Frühjahr sei sie für die meisten Menschen schlimmer als im Herbst. Denn sie verursache ein Schlafdefizit - uns wird eine Stunde genommen. Habe man Schlafprobleme, verschlechtere sich auch die Stimmung.

Einer Studie der Universität Erlangen-Nürnberg zufolge senkt die Uhrenumstellung auf die Sommerzeit vorübergehend sogar die Lebenszufriedenheit. Der Grund dafür: Zusätzlich zum körperlichen Jetlag fühlten sich die Menschen in ihrer Souveränität im Umgang mit der Zeit beschnitten.

Helfen würden flexiblere Arbeitszeiten. Feste Zeiten zwischen 9 und 17 Uhr seien heutzutage nur noch in den wenigsten Branchen nötig, sagt Roenneberg. Eine Änderung hier sei »viel wichtiger als dieser Schnellschuss, ganzjährig die Sommerzeit einzuführen«. Wie auch immer: Die nächste Umstellung findet auf jeden Fall statt. In der Nacht auf den 28. Oktober werden die Uhren wieder eine Stunde zurückgedreht. dpa/nd

Abschaffung schon 2019?

Straßburg. EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker hat die Abschaffung der Zeitumstellung für das nächste Jahr angekündigt. Die Europäer würden nicht zufrieden sein, wenn aufgrund europäischer Regulierungen weiterhin zwei Mal im Jahr die Zeit umgestellt würde, sagte er am Mittwoch in seiner Rede zur Lage der Union in Straßburg. Die Entscheidung, ob sie die Sommer- oder die Winterzeit behalten wollen, sollen die Mitgliedstaaten selbst treffen.