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»Ich will frische Luft auf meiner Haut«

An das Bild von Olympiasiegerin Kristina Vogel im Rollstuhl muss man sich erst gewöhnen. Sie hat es schon getan

Der überdimensionale Blumenstrauß passt nicht. Es sind zwar schöne Sonnenblumen, doch vor der schwarzen Leinwand macht er die Bühne des Hörsaals im Unfallkrankenhaus Berlin zur Trauerfeierszenerie. Bei Menschen, die einen ähnlichen Schicksalsschlag wie Kristina Vogel erlitten haben, könnte das Bild passen, aber eben nicht bei ihr. Vogel lächelt, als sie in den Saal kommt - im Rollstuhl. An dieses Bild der Radolympiasiegerin wird sich die Welt erst noch gewöhnen müssen. Kristina Vogel, so scheint es, hat das längst getan.

Elf Wochen liegt der Trainingsunfall auf der Radrennbahn in Cottbus zurück, acht Wochen verbrachte sie danach ausschließlich im Krankenhausbett, mit Ausnahme der vielen Stunden auf dem Operationstisch. Unzählige Knochen waren gebrochen, nachdem sie mit mehr als 60 Stundenkilometern in einen anderen Radprofi gerast war, der plötzlich vor ihr auf der Bahn stand. Die gravierendsten waren die des Rückgrats, die mit einer Trennung des Rückenmarks und der Querschnittslähmung einhergingen. »Eine Wirbelsäule sollte nicht so aussehen«, sagt Vogel am Mittwoch vor versammelter Presse, als sie sich an die Röntgenbilder erinnert.

Es scheint, als habe der Unfall sie kaum verändert. Vogel bleibt keine Freundin von komplizierten Schachtelsätzen. Sie spricht schnell, kurz, gerade heraus, auf den Punkt. Dabei ist das, was sie sagt, um vieles tiefgründiger geworden. »Ich frage nicht: Warum ich? Ich weiß: Das bringt mich nicht weiter, denn das kann ich nie beantworten«, sagt die Doppelolympiasiegerin. Stattdessen stellt sie lieber rhetorische Fragen, als ob die Antworten darauf völlig klar wären: »Was soll ich mich bedauern?«, zum Beispiel. Dabei wäre dieses Verhalten nur natürlich. »Klar bin ich keine Maschine. Auch ich habe Momente, in denen ich ein Tränchen verdrücke. Eine Querschnittslähmung ist ein harter Einschnitt«, sagt sie. »Aber jetzt will ich raus. Ich will frische Luft auf meiner Haut spüren, will mich bewegen. Ich will Sport machen.«

Klinikdirektor Axel Ekkernkamp lobt Kristina Vogel als »absolut motivierte Patientin«, die ihrem Rehabilitationszeitplan schon weit voraus ist. Andere würden sich so kurz nach dem Unfall gerade erst hinsetzen können. Vogel, die ihre Arme noch bewegen kann, schwimmt bereits und fährt mit dem Rollstuhl durch die Gegend. »Die Ärzte haben mir immer gesagt, ich soll geduldig sein. Ich habe dieses Wort so gehasst«, sagt sie.

Dabei ist das Neuerlernen alltäglicher Bewegungen extrem anstrengend. »Früher war meine Motivation eine Goldmedaille; jetzt, zurück ins Leben zu kommen. Das zweite ist härter. Die ersten Wochen im Krankenhaus waren die härtesten in meinem Leben. Es war grausam, als ich nicht genug Kraft hatte, mich zu bewegen«, sagt die 27-Jährige, ohne dabei traurig zu wirken. Sie kenne Schmerzen eben. Mittlerweile habe sie zum Glück keine mehr. »Nur noch Muskelkater.«

Das Fehlen von Selbstmitleid wird immer dann auffällig, wenn Vogel doch mal emotional wird. Die Apparate der Fotografen klicken eben nicht, wenn sie von ihren schwersten Stunden spricht, sondern von den glücklichen voller Unterstützung und Anteilnahme: von ihrem Lebensgefährten, ihrer Familie, ihrem Arbeitgeber, Kollegen, Kontrahenten und Fans. Mit der Querschnittslähmung kommt sie offenbar viel besser klar als mit den Tausenden aufmunternden Grußbotschaften und den Hunderttausenden Euro, die ihr gespendet wurden. »Leider fällt einem erst auf, was man den Leuten bedeutet, wenn man so einen Unfall hat«, sagt sie und wischt sich eine Träne weg.

Sie habe erst lernen müssen, Emotionen zuzulassen. »Ich weiß jetzt, dass Tränen zur Verarbeitung gehören. Dabei habe ich diese Frauenfilme immer gehasst, in denen am Ende eine Hochzeit gefeiert wird und alle weinen.« Viel weint Vogel in dieser Stunde vor den Journalisten immer noch nicht. Auch wenn die Fragen nach dem Früher, dem Jetzt und dem so schwer planbaren Später sehr persönlich sind.

Leistungssportler sind es gewohnt, sich ständig Ziele zu stecken: eine Nominierung, eine Medaille, ein Titel, ein Rekord. Vogel stecke sich jetzt einfach neue, sagt sie. Bis Weihnachten will sie selbstständig genug sein, um die Klinik zu verlassen. Das Ziel ist hoch gesteckt. Sechs bis zwölf Monate dauert die Reha normalerweise. »Mein Ehrgeiz ist geweckt«, sagt sie. Ihr neu gebautes dreistöckiges Heim muss vorher noch für den Rollstuhl umgebaut werden, »aber ich will auch lernen, die Treppen mit dem Stuhl runterzurollen.«

Das Geld für den Hausumbau und ein ihren neuen Anforderungen gerechtes Auto hat sie. Aus Versicherungen und Spenden kam schon eine Viertelmillion Euro zusammen. Die Bundespolizistin ist verbeamtet. Der Zusammenprall beim Training gilt zudem als Dienstunfall. Glück im Unglück. »Ja, ich hatte verdammtes Glück. Ich hätte tot sein können oder vom Hals abwärts gelähmt. Ich hatte einen Schutzengel.« Wer sagt so etwas, nicht mal drei Monate nach einer Querschnittslähmung?

Ihre alten Ziele hat Vogel abgehakt: den zwölften WM-Titel, der sie zur erfolgreichsten Radsportlerin der Geschichte gemacht hätte, oder das letzte fehlende EM-Gold im Teamsprint. »Das muss ich akzeptieren. Im Leben kann man nicht alles schaffen, aber man kann in vielen Dingen Weltmeister werden.« Ob sie es im Parasport probieren wird, wisse sie noch nicht. Immerhin: Beim ersten Rollstuhltraining war sie schon wieder schnell unterwegs. So schnell, dass sie fiel. »Aber Stürze gehören zum Leben dazu«, sagt sie. Wieder steckt ihren Zuhörern der Kloß im Hals. Kristina Vogel lacht nur drüber.